Manniskript – Teil 1

Zeugung – Geburt – Kindheit – Kindergarten – Grundschule – Realschule

von 1960 bis 1977

Meine fiktive, reale, aber immer ehrliche Biografie

Das ganze Leben ist ein Kampf und den ersten und wahrscheinlich schwierigsten muss man bestehen, da ist man noch ein winzig kleines Tröpfchen, das überhaupt keine Ahnung hat, welch` große Bedeutung es im Leben hat.

Mit meinen Kollegen lag ich eines schönen Tages gemütlich in unserer Männer WG. Die Natur hatte uns ein mehr oder weniger geräumiges Zimmer in Kugelform spendiert, in der wir auf unseren Einsatz warteten. Eingebettet waren wir in einem Sackähnlichen Konstrukt aus Haut. Es ist übrigens ein reines Märchen, dass die nie zum Einsatz gekommenen Kollegen irgendwann aus Langeweile anfingen und stachelige Fäden durch die Haut geschoben haben.

In einer anderen Kugel waren die Frauen untergebracht, streng getrennt von uns Männern. Warum? Keine Ahnung, zumindest damals noch nicht. Heute weiß ich natürlich, dass dadurch entschieden wird, ob ein Junge oder ein Mädchen das Licht der Welt erblickt.

In wie weit ein Aufsichtsbeamter sich vorher vom ordnungsgemäßen Zustand der beiden Kugeln und des Zielgerätes überzeugt hat, habe ich dagegen leider bis heute nicht in Erfahrung bringen können.

Entweder waren die Frauen in der Überzahl, oder schon damals etwas übergewichtig, jedenfalls hing ihre Kugel etwas tiefer, als die von unserem Männer-Wohnheim.

Irgendwann machte jemand von den Kollegen den Vorschlag, unserer Kugel einen Namen zu geben. Jeder rief einen anderen Namen in die Runde. Klöten, Glocken, Klicker, der englische Kollege schlug Balls vor, weil das leicht zu merken war, der Spanier war für Cojones, weil das so schön nach Macho und Matador klang und unser Junior schlug sogar Erbsen vor, was aber sofort abgelehnt wurde. Wir wollten uns schließlich nicht kleiner machen, als wir sind. Es war jedenfalls das totale Chaos, bis unser Professor aus dem Fenster sah und verkündete „hey Jungs, unsere Kugel ist gar nicht rund, die ist oval, also könnt ihr eure ganzen Vorschläge gleich wieder vergessen“. Sofort verstummten alle, nur unser Junior meinte dazwischen plappern zu müssen. „Erbsen sind manchmal auch oval, also akzeptiert meinen Vorschlag und nennt unsere Kugel „Erbse“.

„Geh mir nicht auf die Eier, platzte es aus dem Professor barsch heraus“ und klatschte sich im selben Moment vor die Stirn. „Eier, warum bin ich darauf denn nicht schon früher gekommen“. 

Ab und zu wurden Millionen meiner Kollegen, aus der Kugel geschossen und sausten mit Karacho an mir und den anderen staunenden Kollegen vorbei, in eine kleine Röhre, in der sie dann verschwanden. Keinen dieser Kollegen haben wir jemals wiedergesehen.

Später erfuhr ich, dass sie entweder, an gierigen Zähnen vorbei, in einen tiefen Abgrund gezogen wurden. Eine Zunge diente dabei für das letzte Stück des Weges als Rutschbahn, was die ganze Sache natürlich nicht sehr viel angenehmer für die Jungs machte. Andere landeten auf unterschiedlich dicken, unbewohnten Gebilden, die durch einen, mal mehr, mal weniger breiten Spalt getrennt waren, oder zwei ebenfalls unterschiedlich großen Hügeln, die aber wohl genauso unbewohnt waren, obwohl aus ihrer Spitze ein Gipfelkreuz ragte.

Lange überlebt hat leider keiner von ihnen, denn kaum hatten sie sich vom strapaziösen Flug und der unsanften Landung erholt, da wurden sie entweder von einem rauen, blattähnlichen Tuch aufgewischt und entsorgt oder schlimmstenfalls gleich wieder ausgespuckt. Ein grausamer, sinnloser Tod, den ich mir tunlichst ersparen wollte.

Noch grausamer war der Solo Tod, weil da weder Zähne, noch Rutschbahn, Arschbacken und Hügel warteten und 50 Millionen Kollegen, kaum hatten sie die Röhre verlassen, in die Tiefe stürzten. Selbst den Ersten ereilte dieses Schicksal.

Max Giesinger sang von „Einer von 80 Millionen“. Was sollten wir denn da sagen? Wir waren sogar 500 Millionen und trotzdem kam nur ein einziger von uns durch.

Ungefähr die stärksten ca. 500 Kollegen fanden den richtigen Pfad zum Endziel, aber selbst von denen verabschiedeten sich nach und nach die Jungs ohne Kondition und Orientierungssinn. Der Sieger wurde dann aber mit einer kleinen, aber feinen Eizelle belohnt, in der er sich dann so lange, im wahrsten Sinne des Wortes, breitmachen kann, bis er 9 Monate später, zu stattlicher Größe gewachsen, den Bau wieder verlassen muss.  

Was für ein Unsinn der Natur. Aus dem einen Ei raus, in das nächste Ei rein Erst viel später wurde mir klar, dass wir mit unserer Reise zumeist zwei Menschen glücklich gemacht hatten. Nur ab und zu hörten wir ein giftiges „du Idiot, du solltest doch aufpassen“ oder „wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst nicht immer die billigsten Kondome kaufen“. Von etwas tieferen Stimmen kam dagegen nur „ich dachte, du kümmerst dich um die Verhütung“ und in ganz seltenen Fällen ein „wird schon nichts passiert sein, sag mir lieber mal, wie du heißt?“

Irgendwann stand auch ich gefährlich nah am Eingang der kleinen Röhre. Draußen war es ziemlich heiß, ich tippte auf Ende Juni, also eigentlich genau die Zeit, in der man uns sonst in Ruhe ließ, aber wie heißt es so schön „Irre sind männlich“, denn aus heiterem Himmel begann dieses unheimliche Grollen, wie bei einem Vulkan, kurz bevor er seine heiße Lava ausspuckt. Durch die dünne Hauswand hörten wir ein verzerrtes „ich komme gleich“, was ich nie verstanden habe. Was heißt das, wohin kommt der Typ denn? Unsere Kugel war voll und ohnehin viel zu klein für eine erwachsene Person.

Ich hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da wurde ich in die enge Röhre katapultiert und mit mir 499.999.000 Kollegen, die jetzt alle um ihr Überleben kämpften. Im Windschatten der Schnellstarter konnte ich lange Zeit im vorderen Viertel mithalten, ohne gleich zu viel Kraft zu vergeuden. Nach und nach fielen Millionen meiner Kollegen zurück unter anderem auch unser Junior, der sich bis dahin „Platz da, hier kommt der Erbsenkönig“ rufend, achtbar geschlagen hatte. Anscheinend hatte er seinen abgelehnten Namensvorschlag für die Kugeln doch noch nicht verkraftet.

Als ich an dem Hinweisschild „letzter Rastplatz vor der Eizelle in 3cm“ vorbeiflog, änderte ich meine Strategie und legte einen Zwischenspurt ein, der mich auch gleich in die Top 1.000 beförderte. Noch 2 cm, noch 1 cm – noch 100 Kollegen vor mir, noch 50, noch 10, wir alle schwimmen mit der allerletzten Kraft. Kurz vor dem Ziel platzt dem Führenden ein Enzym im Kopf und er stürzt. Ich kann im letzten Moment ausweichen, aber die Kollegen hatten nicht so viel Glück und rauschten in ihn hinein. Traurig, aber trotzdem hielt sich mein Mitleid in Grenzen, denn jetzt war der Weg für mich frei und zwei Millisekunden später, docke ich an einer weiblichen Eizelle an. Ich richte mich noch kurz in meiner neuen Umgebung ein und falle dann erschöpft in einen langen, erholsamen Schlaf.

Als ich 2 Monate später aufwache, bin ich ganz schön gewachsen. Ich sehe kleine Ärmchen und Beinchen an meinem Körper. Ich sehe? Ja, tatsächlich, in der Stecknadelkopf großen Kugel zwischen meinen Schultern, sind 2 mikroskopisch kleine Augen. Die Sehstärke ist nicht sehr stark ausgeprägt, deshalb notiere ich auf der Wand meiner Eizelle „Optiker aufsuchen“. Der kluge Mann baut vor.

Die nächsten 7 Monate vergehen wie im Flug. Arme, Beine, Kopf sind mächtig gewachsen und ich habe sogar einen kleinen Wurmfortsatz zwischen den Beinen, dessen Sinn sich mir noch nicht so ganz erschließt. Trotzdem kratze ich ihn nicht weg, man weiß ja nie, wofür man das Ding später noch gebrauchen kann. Meine Sehfähigkeit ist auch besser geworden, also streiche ich den Optikerbesuch wieder von der Zellwand.

Erstmal abwarten, wie sich die Dinge hier weiterentwickeln.

Das Nächste, woran ich mich erinnere, ist der 29. März 1961, ein angenehm milder Frühlingstag in Köln. Ich hatte mir frisches Fruchtwasser eingelassen, lag gemütlich in dem kleinen Becken und hörte über die Nabelschnur die Nachrichten auf Mutters Kofferradio.

Österreich hatte gerade ein Abkommen mit den USA unterzeichnet und die freien Verfügungsrechte über 1 Milliarde DM aus dem Marshallplan erhalten. Ich schüttelte mein kleines Köpfchen. Sowas wäre heute undenkbar. Aus der DM wurde der Euro, die Marshalls haben, nicht erst seit Matt Dillon seine rauchenden Colts zum Pferdehalter an die Wand genagelt hat, keinen Plan mehr und mit 1 Milliarde kommt man auch nicht mehr weit. Da gehen heute so viele Steuern und Solidaritätszuschläge runter, dass man froh sein kann, wenn man vom Rest noch einen Monat die GEZ-Gebühren zahlen kann, um sich die debilen Nachfahren von Festus Haggen und seinem Muli Ruth anzusehen.

Auf den Rand des Beckens hatte ich mir ein leckeres Stück Plazenta vom Vortag gelegt, dass ich mir gerade einverleiben wollte, als ich ein Geräusch vernahm, dass mich an einen platzenden Luftballon erinnerte. Mir zog es förmlich das Fruchtwasser unter dem Körper weg und als wäre das nicht genug, saugte es jetzt meine Füße in Richtung der kleinen Öffnung, durch die mich das gleißend helle Licht, mit einem leichten Rotstich, eines ansonsten komplett in weiß gehaltenen Zimmers, blendete.

Kurze Erklärung für meine biologisch nicht so bewanderten Leser. Der Rand des Beckens befand sich gleich hinter den damals noch schmalen Hüften meiner Ma und war gerade mal breit genug, um ein Stück Mutterkuchen, oder eine Nagelbürste darauf abzulegen. Heute könnte man dort eine ganze Schwarzwälder Kirsch-Torte, incl. Kaffee Service für 4 Personen draufstellen.

Ein Beckenrand ist dagegen ganz was anderes. Das ist dieses Teil, von dem man im Schwimmbad nicht ins Wasser springen darf, also bitte nicht verwechseln.

„Toll Frau Schmitz, das Kind kommt, jetzt ruhig atmen und kräftig pressen“, hörte ich eine aufgeregte Frauenstimme sagen.

Frau Schmitz? Kind? Pressen? Was zur Hölle war denn jetzt los? Ich hatte mich in den letzten Monaten so schön eingerichtet und bis auf einen TV fehlte es mir eigentlich an nichts. Der Essens Lieferservice war zwar etwas gewöhnungsbedürftig, aber dafür waren die Getränke sehr lecker.

Mehr und mehr hatte ich das Gefühl, als hätten sich meine Ma und die Frauenstimme gegen mich verbündet und die kleine Öffnung schien auch immer größer zu werden. Verzweifelt stemmte ich meine kleinen Füßchen gegen den Rand des Beckens.

„Pressen Frau Schmitz, pressen, es ist gleich soweit“.

Halts Maul, dachte ich noch so bei mir, als ich plötzlich in ein grün-braunes Auge blickte. Jetzt reichts aber, noch nie was von Privatsphäre gehört? HALLO? Ich bin NACKT bis zum Hals. Vergeblich, meine Stimmbänder waren noch nicht gut genug ausgebildet und mein Lungenvolumen noch zu schwach, um mich wirklich bemerkbar zu machen. Eigentlich also ein Grund mehr noch etwas länger in meinem kleinen, aber feinen Appartement zu bleiben.

Ich hatte keine Chance. Irgendwann war das Auge verschwunden und stattdessen zog jemand an meinen Füßen. Jetzt probieren sie es also schon mit Gewalt. Man gab mir nicht mal mehr Zeit meine letzten Habseligkeiten zusammenzupacken und das Stück Plazenta, auf das ich mich so gefreut hatte, blieb auch zurück.

Mein Widerstand war gebrochen und so ließ ich mich einfach in eine ungewisse Zukunft ziehen.

Adieu Freiheit, good bye Unabhängigkeit, tschüss du süßes Fruchtwasser und

HALLO LEBEN!!

Zugegeben, ich landete in den ganz offensichtlich in Palmolive gebadeten Händen einer netten Frau. Kurz keimte in mir die Hoffnung auf, dass es die Frau Tilly höchst selbst war, deren Stimme ich so oft in den Werbespots auf Radio Luxemburg gehört hatte, aber die erfüllte sich leider nicht.

Stattdessen erblickte ich einen schon etwas in die Jahre gekommenen Mann in einem weißen Kittel, der 3 metallische Geräte in den Händen hielt. Panik machte sich breit, die noch verstärkt wurde, als er mit zwei dieser Geräte die Nabelschnur zusammenquetschte, einmal auf meiner Seite und einmal auf der Seite meiner Ma, die davon aber nichts mitbekam, weil sie in ihrem durchgeschwitzten Nachthemd, noch heftig keuchend, wenngleich schon wieder mit einem erleichterten Lächeln im Gesicht, in ihrem Wochenbett lag.

„Na, Frau Schmitz, sollen wir denn jetzt den glücklichen Vater hereinholen, damit er die Nabelschnur durchtrennt?“

„Herr Doktor, das geht nicht, der ist auf Montage im Ausland. Draußen sitzt nur mein Mann und dem wird schlecht, wenn er Blut sieht.“

Meine Ma, selbst in dieser Situation immer für einen kleinen Spaß zu haben.

Mit einem diabolischen Grinsen im Gesicht nahm er also selbst die Schere in die Hand und durchschnitt, ohne mit der Wimper zu zucken, das letzte mich mit meiner Ma verbindende Band.

Aus Protest hatte ich bis zu diesem Moment eisern geschwiegen, aber auch damit war der feine Herr im Kittel nicht einverstanden. Als hätte er mich nicht genug gequält, packte er mich mit seinen klobigen, gummibehandschuhten Händen an den Fußknöcheln, hob mich in die Luft und schlug mir mit der flachen Hand auf mein zartes Popöchen. Ich ließ einen Schrei los, mit dem ich hoffte, sein Trommelfell zum Platzen zu bringen, stattdessen aber lachte er nur. „Na also, geht doch“. Es ist sicher nicht übertrieben, wenn ich sage, dass ich durch dieses Erlebnis traumatisiert war. Ich habe von diesem Tag an nicht mehr aufgehört zu reden, weil meine Angst vor weiteren Schlägen einfach zu groß war.

Man legte mich eine Zeit lang meiner Ma in den Arm, dann kam ein Mann dazu, der mir verdammt ähnlichsah und den ich deshalb auch später „Papa“ nannte. Er verpasste mir gleich das nächste Trauma. Sein Atem roch nach Gerste, Hopfen, Hefe und Wasser und ich sollte später sogar süchtig nach diesem Geruch, bzw. diesem Gebräu werden. DANKE Daddy.

An dieser Stelle muss ich aber auch kurz für meine Ma Partei ergreifen. In den letzten Wochen vor der Zwangsräumung meines Appartements, war sie mit meinem Vater jeden Abend zur Eisdiele spaziert und hatte sich einen großen Fruchtbecher gegönnt.

„Komm Schatz, ist ja vielleicht das letzte Mal heute“.

Zuerst dachte ich, dass sie mich so einfrieren und im ewigen Eis des Monte Troodelöh, der mit 118,04m höchsten Erhebung Kölns, verbuddeln wollte, aber da irrte ich mich zum Glück. Wahrscheinlich habe ich es sogar nur meiner Ma zu verdanken, dass ich heute weitestgehend kälteunempfindlich bin. Nicht auszudenken, wenn ich im Dezember geboren worden wäre und sie die letzten Tage vor der Niederkunft nur Glühwein und andere Heißgetränke in sich reingeschüttet hätte. Ich schwitze auch so schon genug. Außerdem gibt es schon einen Typ namens Rudolf, dem dieses Schicksal widerfahren ist und der deshalb wohl auch mit einer roten Glühnase auf die Welt kam.

Die erste Nacht meines Lebens verbrachte ich in einem kleinen Bettchen, das man zu meiner Ma und einer anderen Frau, die ihren Sohn am 28.03. bekommen hatte, ins Zimmer gestellt hatte. Heißen die Dinger deshalb Wochenbett, weil man 7 Tage darin verbringen muss, bevor man nach Hause darf? Ich wusste nicht, wie lange meine Ma schon auf diesem Zimmer lag, hoffte aber inständig, bald mit ihr nach Hause gehen zu können, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wusste, wo mein neues Zuhause ist, wie es aussieht und was mich dort erwartet.

In der ersten Nacht machte ich kein Auge zu, ständig blendete mich das Rotlicht, dass man der Frau im Nebenbett wohl verordnet haben musste, damit ihr Sprössling schnell eine gesunde Hautfarbe bekommt. Der kleine Kerl war nämlich noch ganz schön blass für sein Alter.

Erst später erfuhr ich, dass es gar kein Rotlicht war, dass mich um den Schlaf gebracht hatte, sondern die leuchtend roten Haare meines Freund Norbert, mit dem ich dann meine Kindheit in Zollstock und sogar die Schulzeit bis zur mittleren Reife verbringen sollte, ehe sich unsere Wege wieder trennten.

Es ist erstaunlich, was man, kaum auf der Welt, alles erlebt und wie das Schicksal Dinge zusammenfügt oder wieder trennt, je nachdem, wofür es sich entschieden hat. Im Vergleich zu den vielen Dingen, die ich später erleben musste, war das allerdings, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Kindergeburtstag.

Drei Tage später war es dann endlich so weit, wir durften nach Hause. In der Zwischenzeit hatte man mich zigmal gewogen, vermessen, untersucht, abgetastet, mir Holzstäbchen in den Hals gerammt und mit einer kleinen Taschenlampe in sämtliche Körperöffnungen geleuchtet.

Bis heute wundere ich mich, warum sie mir danach keine TÜV Plakette auf den Hintern geklebt haben. Auf eine ASU (Abgas-Sonder-Untersuchung) wurde damals noch verzichtet, was aber vielleicht auch daran lag, dass man nicht genug Gasmasken hatte, um sich vor meinen Ausdünstungen zu schützen.

Meine Ma rief später immer entzückt „oh, Peter Stuyvesant, der Duft der großen, weiten Welt“, wenn sie meine Windeln wechselte. Für meinen Vater war es das Warnsignal, um ins Wohnzimmer zu verduften. Der arme Kerl hatte nur leider die Rechnung ohne meine Ma gemacht, denn die drückte ihm, nachdem sie mich frisch gewickelt hatte, den übelriechenden Mülleimer mit den Worten in die Hand:

„Liebchen bring den doch mal eben runter.“

Es ist übrigens nur ein Gerücht, dass ich als Baby zu oft vom Wickeltisch gefallen bin, wenn meine Ma meinem Dad den Mülleimer brachte.

Vom Hildegardis Krankenhaus in Köln Lindenthal ging es per Taxi in mein neues Heim nach Zollstock. Ehrlich gesagt, hatte ich mir anfangs doch ein etwas luxuriöseres Heim für meine Kindheit erhofft. Es musste ja nicht gleich wie bei Moses sein, den man in einem Bastkörbchen aus dem Nil gefischt hatte und dem der liebe Gott später die 10 Gebote mitgegeben hat.

Wie Tarzan, der von Affen großgezogen worden war, wollte ich dagegen nicht aufwachsen und deshalb habe ich meinen Vater anfangs wohl auch ziemlich misstrauisch beobachtet, ob er den aufrechten Gang beherrscht, oder silberne Haare auf dem Rücken hat, aber da war alles in Ordnung

Mein Schicksal sollte mich nach Zollstock führen, das zu der Zeit nicht gerade ein Kölner Vorzeigeviertel war. Im Gegenteil, unser Hausmeister pfiff von morgens bis abends „in the Ghetto“ von Elvis Presley, viele „Ratten“ liefen nur auf zwei Beinen und mit „Sperrmüll“ und „Altkleidersammlung“ hatten wir sogar zwei eigene Feiertage. Es gab Tage, da hoffte ich darauf, dass mir meine Ma die Bananen ungeschält und unpüriert gegeben hätte, mein Vater sich am opulenten Kronleuchter durchs Wohnzimmer geschwungen hätte, oder mir der Hausmeister eine Steintafel mit irgendwelchen Geboten in die Hand gedrückt hätte.

Als Kleinkind hat man ja den Vorteil, dass man entweder getragen, oder im Kinderwagen durch die Gegend kutschiert wird. Als ich sah, dass die Wohnung meiner Eltern auf der 3. Etage war, beschloss ich spontan, diesen Vorteil auch so lange wie möglich zu nutzen. Immerhin waren es 58 Stufen von der Eingangs- bis zur Wohnungstür.

Der Nachteil ist, dass man dabei sehr nahe an den Sprechorgangen der Träger ist, die zu allem Überfluss dann auch noch über so eine ausgezeichnete Kondition verfügen, dass sie mich nicht nur sicher durch die Wohnung oder die Treppen rauf und runter trugen, sondern mich zusätzlich mit irgendwelchen unsinnigen Worthülsen zutexteten, auf die ich mir zunächst überhaupt keinen Reim machen konnte.

Irgendwann, das genaue Datum ist mir leider entfallen, hatte ich nicht nur die Schnauze, sondern auch die Windel gestrichen voll und das auch schon über einen etwas längeren Zeitraum. Meine Ma saß mit ihrer Mutter, die sie mir ständig als Ommmm – ma versuchte vorzustellen, am Küchentisch und ging mit ihr den Einkaufszettel für den nächsten Tag durch, ich lag in einem kleinen, von einem engmaschigen Netz umhüllten „Käfig“. Smartphones gab es damals leider noch nicht, sonst hätte ich wahrscheinlich längst eine Not SMS an den Kinderschutzbund geschickt.

„MAAA MAAA AA WWWW“ waren die ersten Worte, die aus meinem Mund kamen und mit denen ich meine Mutter eigentlich nur über das Malheur in meiner Windel unterrichten wollte.

MAAAch MAAA AA WWWWeg lautete die doch eigentlich gut zu verstehende Botschaft, die aber meine Ma und ihre Mutter den Kaffeelöffel fallen und in wildes Entzücken ausbrechen ließ. Hatte ich was Falsches gesagt? Beide stürzten auf meinen „Käfig“ zu und ich sah neben vier blitzenden, weißen Zahnreihen auch ein paar Tränchen aus ihren Augen kullern.

Meine Ma nahm mich aus dem „Käfig“ und drückte mich fest an meine Lieblings Futterquelle. Was sie dabei mit, oder besser gesagt in der vollen Windel anrichtete, verschweige ich an dieser Stelle lieber.

Der Schatz hat „MAMA“ gesagt und als sie diesen Satz zum ca. 12-mal hervorgebracht hatte, dämmerte es mir so langsam. MAMA war das Zauberwort, um meine Mutter fortan zu allem zu motivieren, wonach mir war.

MA MA rufen, abwarten bist sie mich aus dem Ställchen holte und dann mit dem Finger auf irgendetwas zeigen, wonach mir gerade war. Hatte ich Hunger, legte ich meine kleine Faust auf ihre Brust und in Windeseile bekam ich die süßliche und wohlschmeckende Nahrung, hatte ich die Windel voll, klopfte ich kurz auf meinen Hintern und bekam sofort eine neue an.

Leider funktioniert dieser Trick wirklich nur als Baby und mit MA MA. Jeder spätere Versuch mit RO SI, CLAU DI, U TE oder GA BI, wurde, teilweise sogar handgreiflich, von den Frauen niedergeschmettert.

Wurde ich die ersten Monate noch wie ein König im eigenen Wagen durch die Gegend kutschiert, die Treppen raufgetragen und abends sanft in mein Bettchen gelegt, bemühten sich meine Eltern nahezu fast täglich darum, mir das laufen auf den eigenen, damals noch krummen Beinchen, beizubringen.

Fiel ich dabei auf die Nase, was gerade in der Anfangszeit doch häufiger vorkam, wurde ich getröstet und mit Süßigkeiten überhäuft, bis selbst das letzte Tränchen versiegt und meinem tapferen Lächeln gewichen war.

Ich kann wirklich nicht leugnen, dass mir mein Leben bis dahin außerordentlich gut gefiel. Überall war ich der große Star, der Stammhalter der Familie Schmitz, der stolz präsentiert und herumgereicht wurde. Das war mir aber egal, so lange ich nicht selbst laufen musste.

Die schöne Zeit verging leider viel zu schnell und mit ihr die Annehmlichkeiten meines noch so jungen Lebens. Mit knapp 2 Jahren stellte ich mit Bedauern fest, dass meine Ma wieder zunahm und das kam nicht von ihrem immer so lecker zubereiteten Essen.

Am 29. Oktober 1963 lag meine liebe Ma wieder im Krankenhaus und zwei Tage später hatten wir den nächsten Schreihals in der Familie, meine Schwester Heike. Mit ihr konnte ich nicht so viel anfangen und sie schien mir auch von einem anderen Planeten zu kommen. Wenn meine Ma sie wickelte, oder badete, fiel mir auf, dass sie nicht so vollständig entwickelt wie ich war, auch wenn der Unterschied nur wenige Zentimeter betrug.

Hatte der Popo Klatscher im Krankenhaus die Nabelschnur vielleicht zu hoch abgeschnitten, oder war das einfach nur eine Laune der Natur?

Vorerst gab ich mich damit zufrieden, dass wir zumindest dann gleich aussahen, wenn wir auf dem Bauch lagen, wenngleich mir mein Popo bedeutend besser gefiel.

Wir waren jetzt jedenfalls zu viert und so wie ich in den ersten beiden Jahren die Annehmlichkeiten genossen hatte, fielen die nun erstmal meiner Schwester zu. 

Mir tätschelte man dagegen jetzt nur noch den Kopf, wenn ich mir weh tat und bestenfalls wurde mal kurz auf die Wunde gepustet, was aber nie wirklich geholfen hat. Meine bitteren Tränen, ob der teilweise höllischen und von einem normal sterblichen Wesen kaum auszuhaltenden Schmerzen, wurden mit einem Taschentuch, in das Tanten und Onkel gerne vorher nochmal reingespuckt hatten, weggewischt, als wären es Wassertropfen auf einer chromglänzenden Spüle. „Stell dich nicht so an“, „Indianer kennen keinen Schmerz“, „wenn du damit unter die Straßenbahn kommst, wird’s eng für dich“ und weitere, ach so lustige Sprüche, die inzwischen eh mehr der Belustigung der Umstehenden, als meiner Erheiterung dienten, musste ich über mich ergehen lassen, bis ich dazu überging und mannhaft über jeden noch so großen Schmerz hinweg sah.

So konnte es jedenfalls nicht weitergehen. Ich musste mir was einfallen lassen und beschloss die Familie zu verlassen. Schnell einen kleinen Koffer mit dem Nötigsten, wie Legosteine, Schüppchen und Eimerchen, Matchbox Autos, gepackt, ich konnte ja schlecht mein weniges Hab und Gut zurücklassen. Meine Ma sah mich mit traurigen Augen an und fragte, wo ich denn hinwolle, mit meinem Koffer.

„ich gehe zu Oma und Opa auf die Vorgebirgstraße lautete meine patzige Antwort in der Hoffnung, jetzt keine Endlosdiskussion mit meiner Ma führen zu müssen.

„Na gut, wenn du meinst, dass du es da besser hast, dann geh, aber ruf wenigstens vorher an und kündige dich an“ Sprachs und schon hatte sie den Hörer in der Hand. Dankenswerterweise wählte sie sogar die Nummer ihrer Eltern über die komische kleine Scheibe mit den vielen Löchern und Zahlen.

„hallo Mama, ich gebe dir mal deinen Enkel, der möchte dir was sagen“, sagte sie und drückte mir den Hörer in die Hand.

„Hallo Oma, ich komme jetzt zu dir und bleibe bei euch“

Ich hatte liebend gerne das Gesicht meiner Oma in dem Moment gesehen, die aber – leider – ausgesprochen cool reagierte.

„Schatz, du weißt, dass du immer zu uns kommen kannst, aber dann sind Mama und Papa ganz traurig und dein Schwesterchen bestimmt auch, du bist doch jetzt der Mann im Haus und musst auf sie aufpassen.“

Kleine Tränchen kullerten über meine inzwischen rot gewordenen Bäckchen, ich weiß nicht mehr ob aus Traurigkeit, Hilflosigkeit, Überforderung, oder einfach nur aus Liebe zu meiner Ma und meiner Oma.

Über meine Großeltern könnte ich übrigens ein eigenes Buch schreiben. Für mich waren es die besten Großeltern der Welt und sie sind es bis heute, auch wenn sie schon viele, viele Jahre nicht mehr leben, geblieben

Einzige Ausnahme war mein Stiefgroßvater väterlicherseits. Ein unfassbar geiziger Mensch, auf den selbst der sparsamste Schotte und Dagobert Duck neidisch gewesen wären. Der hat wirklich jeden Pfennig so lange gedreht, bis er ein Stück Kupferdraht in der Hand hatte, das er dann zum Binden seiner Rosenstöcke im Schrebergarten nutzen konnte, um bloß keine Kordel kaufen zu müssen.

Ein Auge hatte er im Krieg verloren, aber wie ich den kenne, hatte er es wahrscheinlich gegen 3 Tafeln amerikanischer Schokolade eingetauscht.

Der leibliche Vater meines Daddys war 1947, mit gerade mal 46 Jahren verstorben. Das Leben kann grausam und ungerecht sein. Da überlebt man einen Weltkrieg und stirbt dann an einer profanen Zahnentzündung. Mein Vater war gerade mal 8 Jahre alt, als er durch diesen Schicksalsschlag Halbwaise und der Herr im Haus wurde.

Irgendwann hat meine Oma dann den XXL Schotten kennengelernt und bis an ihr Lebensende behalten. Oma, falls Du das irgendwann mal lesen solltest. Du hast nicht viele Fehler in Deinem Leben gemacht, aber der Typ war definitiv dein Größter. 

Noch ein kleines Beispiel, bevor ich ihn wieder aus meinem Gedächtnis streiche und in dieser Biografie nur noch erwähnen werde, wenn es für die Geschichte notwendig ist.

Mein Daddy und ich hatten ihm mal wieder im Garten geholfen und uns beim Brombeeren pflücken Hände, Arme und Beine zerkratzt und wollten uns gerade auf den Weg nach Hause machen, als meine Oma zu ihm sagte „gib dem Jung mal einen Groschen für Eis“. Ihr Portemonnaie war in ihrer Handtasche und die lag in der kleinen, ziemlich schmuddeligen Gartenlaube. Stief Opa griff unverzüglich in die abgewetzte Tasche seiner Gartenhose, die wahrscheinlich, durch eine glückliche Fügung des Schicksals, beide Weltkriege überstanden hatte und drückte mir, mit einem generösen Lächeln, 10 Pfennig in die Hand. Ich glaube, es war das einzige Mal, dass ich nicht Danke gesagt habe, ohne von meinem Vater dafür gerügt zu werden.

Dagegen war der Vater meiner Mutter ein Goldstück, den ich heute noch bewundere, auch wenn er seit 1986 auf einer hoffentlich wunderschönen Wolke im Himmel sitzt. Opa war Jahrgang 1908, hatte also den 1. Weltkrieg als Kind erleben müssen und wurde in den 2. Weltkrieg, wie Millionen andere Deutsche bzw. Männer und Frauen auf der ganzen Welt, hineingezogen, deutlicher gesagt, gezwungen. Freiwillig wäre wohl kaum jemand dieser Menschen in diesen sinnlosen Krieg gezogen.

Ab und zu und immer äußerst ungern, meistens dann, wenn ich ihm in meiner kindlichen Naivität mal wieder eine Frage gestellt hatte, erzählte mir mein Opa von diesem Krieg. Er hatte einen Unterschenkel verloren, als ihm und einem Kameraden befohlen wurde, ein vermintes Haus zu inspizieren. Sein Kamerad trat auf eine Mine und verlor sein Leben, mein Opa wurde schwerstverletzt und wäre, wenn es nach seinem Vorgesetzten gegangen wäre, zum Sterben zurückgelassen. Nur 3 Meter trennten meinen Opa von den im sicheren Abstand stehenden Kameraden, aber niemand traute sich ihn aus der Gefahrenzone zu ziehen. Er selbst schlug dann vor, ihm einen Mantel zuzuwerfen, mit dem sie ihn dann glücklicherweise auch herausziehen konnten. Den Rest des Krieges wurde mein Opa dann von einem Lazarett ins Nächste geschoben und in jedem dieser Lazarette wurde ihm ein Stück mehr von seinem Bein amputiert. Erst der Fuß, dann die Wade und schließlich der Rest seines Unterschenkels.

In einer anderen Situation, gab er einem russischen Kriegsgefangenen ein kleines Stück Brot, ohne zu wissen, dass auf diese einfache, menschliche Geste die Todesstrafe stand. Warum er aus dieser Situation unbeschadet herausgekommen ist, hat er mir nie erzählt.

Trotz dieser schrecklichen Erlebnisse und der Tatsache, dass Prothesen zu seiner Zeit noch schwer und kaum beweglich, sich dadurch sein Beinstumpf ständig entzündete, habe ich meine Opa nie jammern gehört. Vielleicht hat er es meiner Schwester und mir zuliebe getan, das weiß ich natürlich weiß, vielleicht habe ich aber auch von ihm gelernt mich zu verstellen, wenn es mir schlecht geht.

Doch wie es da drinnen aussieht, geht niemand was an !!

Seine Frau, meine Oma, Jahrgang 1912, war bei Kriegsanfang zu Hause geblieben und hat sich um ihre zwei Kinder, meine Ma und meine Tante gekümmert. Es wurde ein jahrelanger, täglicher Überlebenskampf, in dem man versuchte zumindest ein Minimum an Normalität zu wahren. Meine Ma und meine Tante besuchten die Grundschule und spielten danach in den Trümmern, die nach einem der zahlreichen Bombenangriffe der Alliierten übriggeblieben waren. Meine Oma ging einkaufen, machte den Haushalt und versorgte so gut es ging ihre Kinder. Heulten die Sirenen, flüchteten alle in den Schutzbunker, in dem sie mit Nachbarn, Freunden und wildfremden Menschen beteten, dass die massiven Steinbauten Stand hielten.

Der schlimmste Angriff auf Köln fand in der Nacht vom 30. auf den 31. Mai 1942 statt.

Der erste Luftangriff der Royal Air Force (RAF) mit über 1000 Bombern bekam den Namen Operation Millennium und hatte Köln zum Ziel. Der Chef des RAF Bomber Command und Planer der Operation Luftmarschall Arthur Harris hatte ursprünglich Hamburg als Ziel ausgewählt, was aber wegen der Wetterbedingungen am Angriffstag nicht möglich war. Der Angriff wurde im Rahmen der britischen Area-Bombing-Directive-Offensive durchgeführt. Hierfür wurden verschiedene Aspekte angeführt:

Man erwartete, dass eine großflächige Verwüstung der Großstädte das Deutsche Reich schwächen oder zumindest die Moral in der Bevölkerung brechen werde.

Die Angriffe waren nützliche Propaganda für die Alliierten und besonders für Harris’ Konzept des strategischen Flächenbombardements, mit dem Schwerpunkt auf Brandbomben. Mein Dad hat heute noch eine großflächige „Erinnerung“ auf seinem Bein von diesen Brandbomben.

Warum der Kölner Dom bei diesen Angriffen weitestgehend verschont wurde, steht nicht zweifelsfrei fest. Manche sagen, dass unser Wahrzeichen aus Respekt nicht bombardiert wurde, andere Stimmen sprechen von einem Orientierungspunkt, den sich die Alliierten bewahren wollte, weil der in unmittelbarer Nähe liegende Hauptbahnhof das eigentliche strategische Ziel war.

Ansonsten war Köln fast vollständig zerstört und meine Oma wurde mit ihren Kindern nach Bautzen in Ostsachsen deportiert. Dort lebten sie einige Zeit, unter erbärmlichsten Bedingungen, auf einem Bauernhof.

Einen Kommentar, wie im Vergleich die Millionen Schutzsuchenden, die heute nach Deutschland kommen, betreut und versorgt werden, erspare ich mir an dieser Stelle. Nur so viel. Wir sprechen heute nur von „unseren“ Verfehlungen im 2. Weltkrieg, dem Holocaust und den ca. 6 Millionen Juden, die durch den Befehl und die Ideologie eines einzigen wahnsinnigen, barbarischen und komplett durchgeknallten Bastards, ums Leben gekommen waren, aber niemand spricht von den ebenfalls ca. 6 Millionen Deutschen die während des Krieges und danach, in russischer Gefangenschaft, getötet wurden.

Nur einer wahrlich logistischen Meisterleistung ist es zu verdanken, dass mein Opa bei seiner Entlassung aus dem Lazarett erfuhr, wo sich seine Familie befand und sich sofort auf den Weg nach Bautzen machte.

Der Krieg war zu Ende, Deutschland lag in Trümmern und die Bevölkerung wusste nicht, wie es jetzt weitergehen wird, geschweige denn, ob sie den nächsten Tag überleben würde.

Mit einem kleinen Handkarren machten sich Opa, Oma, meine Ma und meine Tante auf Schusters Rappen auf den Weg ins über 600 km entfernte Köln. In Bautzen zu bleiben und dort eine neue Existenz aufzubauen, war nie eine Option.

Ohne diesen eisernen Willen wäre ich heute ein „Ossi“, was nicht despektierlich gemeint ist und hätte fast 30 Jahre lang einen Vorgeschmack auf das bekommen, was dieses Land seit dem Fall der Mauer, am 9. November 1989, mitmachen muss.

DANKE, lieber Opa und liebe Oma, dass mir das durch euren Einsatz erspart gebliebe ist.

Das ist auch selbst heute, über 75 Jahre danach, noch der Grund, warum meiner Ma und mir beim Willi Ostermann Lied „Heimweh noh Kölle“, immer noch die Tränen in die Augen schießen.

https://www.youtube.com/watch?v=ECZ7-V5G0AI

Wenn ich su an ming Heimat denke
Un sin d’r Dom su vür mer stonn,
Mööch ich direk op Heim an schwenke,
Ich mööch zo Foß noh Kölle jon.

Eine Übersetzung kann ich mir an dieser Stelle wohl sparen

Zurück in Köln wurde nicht lange gejammert, oder lamentiert, sondern angepackt. Aus den Trümmern suchte man sich zusammen, was noch irgendwie zu verwenden war und zimmerte sich daraus eine Wohnung. Was nicht passte, wurde passend gemacht und auf Dinge, die nicht zu beschaffen waren, musste man halt vorerst verzichten. Eine ganze Stadt beseitigte die durch den Krieg entstandenen Schäden und baute Köln Stück für Stück wieder auf. Wenn meine Großeltern, oder meine Eltern mir später von dieser Zeit erzählten, war aus ihren Worten nicht nur Verzweiflung und Trauer über diese Zeit herauszuhören, sondern immer auch ein Funken stolz, dass sich alle dieser Aufgabe gestellt und mitgeholfen hatten.

Vermisst habe ich bei ihren Erzählungen nur die vielen, vielen türkischen Arbeiter, die, wenn man den Grünen Glauben schenkt, die einzigen Trümmerfrauen, -männer, -kinder und Deutschlands nach dem Krieg waren, aber vielleicht waren die ja in anderen deutschen Großstädten aktiv, nur nicht in Köln.

Ich mag es nicht, wenn man die heutige Geschichte unseres Landes verfälscht, um die jungen Generationen so in eine völlig falsche Richtung zu manipulieren.

So lange ich zurückdenken kann, lebten meine Großeltern auf der Vorgebirgstraße in Köln Zollstock, Haus Nr. 113, 1. Etage rechts. Meine Eltern leben heute gleich gegenüber in Haus Nr. 114 und so wird sich irgendwann ihr Lebenskreis dort schließen, wo meine Ma aufgewachsen, mein Daddy um ihre Hand anhielt und sie sogar ihre Hochzeitsnacht verbringen sollten.

Als Kind habe ich bei meinem Opa auf dem Kindersitz seines Fahrrads gesessen, der gleich hinter dem Lenker angebracht war und wir fuhren in den Grüngürtel. Da gab es dann die leckeren Butterbrote mit Schlömer Leberwurst vom Strüning, die Oma uns liebevoll geschmiert und mitgegeben hatte, wir saßen zusammen unter dem hölzernen Pilz am Kahnweiher beobachteten die Vögel, die am Himmel durch den Grüngürtel flogen und sich manchmal sogar, in der Hoffnung ein paar Brotkrumen zu bekommen, ganz in unsere Nähe trauten. Ich war schon damals gut zu vögeln, was sich bis heute nicht geändert hat.

Im Herbst ließen wir einen großen Plastikdrachen steigen, den Opa mir natürlich ebenfalls geschenkt hatte.

Ab und zu durfte ich meinen Opa sogar aus dem sonntags Frühschoppen abholen, damit er pünktlich zum Essen zu Hause war.

Heilig Abend verbrachten wir jedes Jahr zuerst bei ihnen. Es gab leckere, selbst belegten Obstkuchen mit Kakao für meine Schwester und mich und Opa spielte das Christkind. Wenn er das kleine Glöckchen läutete, wussten wir, dass das Christkind weg war und wir in dem kleinen Wohnzimmer unsere Geschenke auspacken durften.

Das eine Jahr gab es für mich eine Märklin Eisenbahn, im nächsten die Rennbahn von Carrera, dann einen Tretroller mit dicken Gummireifen und sogar einem Gepäckständer, einen Holzschlitten, usw. usw..

Meine Schwester kam natürlich auch nicht zu kurz. Bei ihr war es ein Luxus Puppenwagen mit allen Schikanen, incl. Barbie Puppe(n). Selbst ich erinnere mich noch an „Schlummerle“ und sogar an eine dunkelhäutige Puppe, in gelbem Strickkleidchen und dazu passender kleiner Mütze.

Das ist übrigens auch so ein Beispiel, wie schwachsinnig die heutigen Vorgaben sind. Wenn man danach geht, hat meine Schwester eine dunkel pigmentierte Puppe mit Spielhintergrund bekommen.

Von Oma und Opa bekam sie auch ihr ihr erstes Fahrrad, ein rotes Klapprad, das sie dann stolz von der Vorgebirgstraße zu uns nach Hause auf dem Höninger Weg fuhr. Besser gesagt ließ sie sich von meinem Vater schieben. Zu Hause gab es dann die zweite Bescherung und den für Heilig Abend obligatorischen Truthahn. die Dritte dann am 1. Weihnachtstag bei der anderen Oma und ihrem Anhängsel.

Meine Wochenende Besuche bei Oma und Opa waren aber trotzdem nicht ganz uneigennützig. Es gab immer leckeres Essen, was nicht heißen soll, dass es mir bei meiner Ma nicht geschmeckt hat, aber jeder, der als Kind bei Oma zum Essen war weiß, wie ich das meine. Ich durfte Fernsehen bis zum Einschlafen, was manchmal früher geschah, als mir lieb war und hier und da gab es Geld für Süßigkeiten vom Kiosk gegenüber. Meistens wenn ich für Oma gegenüber in dem kleinen Tante Emma Laden noch ein paar Sachen einkaufte. Den Rest vom mitgegebenen Geld durfte ich für Süßigkeiten ausgeben, die fein säuberlich, in dicken großen Gläsern, neben der Einkaufstheke standen.

Schon für 50 Pfennige konnte man sich eine große Auswahl an Weingummi, Lakritz und Schokolade zusammenstellen, übrigens sehr zum Leidwesen der Kiosk Betreiberin, die mühsam die ganzen sauren Stäbchen, Weingummischuhe, Negerpfennige oder Blätter des völlig geschmacklosen, aber halt trotzdem unverzichtbaren Esspapier zählen musste. Viele Süßigkeiten kosteten gerade mal 1 Pfennig, also ungefähr einen halben Cent nach heutiger Währung. Ein Stangen-Wassereis, bei dem man nur mit sehr viel kindlicher Phantasie die Geschmacksrichtung vom einfach gefrorenen Leitungswasser unterscheiden konnte, war mit 10 Pfennig fast schon ein Luxusartikel. Dagegen war das Brausepulver von Frigo sehr viel Geschmacksintensiver und dessen Verzehr war auch immer ein ganz besonderes Ereignis. Man spuckte sich auf die Handfläche, streute, je nach Mut, ein bisschen von dem Brausepulver darauf, das sofort zu schäumen anfing und schleckte sich dann die Hand ab. Das Zitronenpulver war extrem sauer, deshalb nahm ich davon immer nur eine kleine Portion. Die ganz Harten streuten sich davon die ganze Tüte auf ihre Spucke und versuchten natürlich, um den anderen zu imponieren, keine Miene. Meine Ma wusste immer, wann ich mal wieder Brausepulver geschleckt hatte, weil meine Handinnenfläche dann sauber war und der Rest erstmal geschrubbt werden musste, bevor ich mich an den Essenstisch setzen durfte.

Die Negerpfennige, oder auch Negergeld genannt, waren kleine, runde Lakritzscheiben, auf denen man mit viel Glück und Mühe eine 1, 2, 5 oder sogar 50 entdecken konnte und kosteten, man höre und staune, ebenfalls für einen Pfennig gab. Jeder, vom Kind bis zum Greis, nannte diese herrlich leckeren Lakritz wirklich Negerpfennig, aber niemand hätte im Traum daran gedacht, damit eine ganze Menschenrasse zu diskreditieren. Heute würde man wegen Volksverhetzung angeklagt, wenn man auch nur das Wort in den Mund nehmen würde und es hieße sicher

„aus Süßholz hergestellte, tief dunkel pigmentierte Münzkopie mit Verzehrhintergrund“

Der Kunde war in dieser Zeit noch König war, selbst wenn er von der Statur her eher zu den 7 Zwergen zählte.

Es war eine herrliche Zeit für einen Panz wie mich. Mir fehlte es an nichts, aber das ist wirklich nicht der Grund, warum ich mich noch an so viele Details aus dieser Zeit erinnern kann.

Die Mutter meines Vaters, die wir die „andere“ Oma nannten, war ebenfalls eine wahnsinnig herzliche, liebevolle Frau, wenn auch resoluter, als die „eine“ Oma. Sie musste ebenfalls zwei Weltkriege überstehen, wurde 1946 Witwe und während des Krieges nach Biedenkopf an der Lahn in Hessen deportiert

Als Kind bin ich an den Wochenenden auch gerne mal zu ihr gegangen. Sie wohnte mit ihrem Halbblinden am Ende der Luxemburger Str. in Klettenberg, kurz vor dem Militärring. Wer die

Örtlichkeiten kennt, der weiß, dass es schon ein etwas weiterer Weg von Zollstock zu ihr war. Deshalb musste ich mir auch etwas einfallen lassen und traf mich mit ihr auf dem Klettenberger Wochenmarkt. Dort trug ich ihr dann die Taschen und brachte sie ihr anschließend zum Auto des Zyklopen, der Kreuzworträtsel lösend in seinem alten VW saß und auf Dackel Hündin Susi aufpasste.

Ab und zu stieg ich dann auch gleich mit ein und verbrachte den Rest des Wochenende bei ihnen.

In der Mitte vom Markt war eine kleine Kiosk Bretterbude, der immer eine große Auswahl an Comics hatte. Ich brauchte nur in die Richtung zu blicken und schon zog Oma ihre „Jung“ wie sie mich immer nannte, zum Kiosk rüber und ich hatte die freie Auswahl, die ich manchmal wirklich schamlos ausnutzte, aber wer konnte schon „Dan Cooper“, „Umpah Pah“, „Bessy“, „Fix und Foxi“, Micky Maus und seinen Freunde widerstehen, wenn sie einem vom Hochglanz Titelbild zublinzelten. Ein besonderer Feiertag für mich war immer der Tag, an dem das neue lustige Taschenbuch von Walt Disney erschien, dass bereits damals schon mit 5 DM nicht ganz billig war. Eine Seite war bunt, die Nächste schwarz weiß, die Verlage mussten sparen, meine Oma nicht, deshalb hielt ich auch immer, strahlend vor Glück, dass neue Taschenbuch in den Händen und hütete es wie einen Schatz.

Später tauschte ich dann die Comics gegen Bravo, Popcorn, usw. was Oma natürlich akzeptierte. Sie hatte nur eine Sache, die ich nicht bekommen sollte – Zigaretten. Sollte deswegen, weil sie ihre Meinung später auch änderte und brav meine Zigaretten am Kiosk bezahlte.

Jetzt aber endlich zurück zu meinen Auszugsplänen und dem Telefonat mit meiner Oma.

Plan A war also gescheitert, wenn auch aus nachvollziehbaren Gründen, aber ich hatte bereits einen Plan B gemacht, den ich jetzt ohne Gnade bereit war durchzuziehen.

„Mama, dann will ich eben in den Kindergarten“

Kurz danach meldete mich meine Ma im Kindergarten an, der der Grundschule am Rosenzweig weg angeschlossen war. Das war damals noch problemlos, schnell und vor allen Dingen kostengünstig möglich. Mit meinen Eltern einigte ich mich auf eine Halbtagsbetreuung, damit ich mich nachmittags noch um den Haushalt und meine kleine Schwester kümmern konnte.

Schon als ich so gerade mal auf meinen kleinen Beinchen stehen konnte, war der Ball mein liebstes Spielzeug und es war mir auch egal, ob ich dabei mit meiner Ma auf dem Spielplatz, mit meinem Vater im Garten meiner Großeltern, oder alleine in unserem 6 m langen Flur zu Hause war. Es wurde alles getreten, was irgendwie kickbar war, übrigens sehr zum Leidwesen meiner Mutter, die mir ständig neue Schuhe kaufen musste.

Es gibt ja diesen schönen, teilweise völlig richtigen, aber andererseits auch total falschen Satz „wir hatten ja früher nichts“ und deshalb mussten eben auch Steine, Dosen, oder aus Papier, Tesafilm und Alufolie selbst hergestellten „Bälle“ herhalten.

Hatte ich einen Ball, dann interessierte mich wiederum die Größe nicht. Da wurden die von meiner Ma an meine Schwester vererbten Murmeln genauso geschossen, wie später der Medizinball im Sportunterricht, wobei ich zugeben muss, dass dieser Versuch sehr schmerzhaft für meinen Fuß danebenging.

Kurz meine Erklärung für den Satz „wir hatten ja früher nichts“ Richtig ist, dass wir früher natürlich weitaus weniger hatten, als die heutige Generation, aber gleichzeitig ist es auch falsch, weil wir dadurch gefordert wurden unsere Phantasie spielen zu lassen, uns mit den wenigen Dingen bestmöglich zu beschäftigen. Anstatt auf der Wiese zu sitzen und You Tube Filme auf dem Smartphone zu gucken, oder sich durch die Musik Playlist zu zappen, haben wir verstecken, nachlaufen, oder sonst was gespielt. Hauptsache war, wir hatten Spaß, waren an der frischen Luft und mit Freunden zusammen. Ein Ball hat ausgereicht, um uns Stundenlang glücklich zu beschäftigen. So etwas wie Langeweile kannten wir nicht, nicht mal bei schlechtem Wetter. Ich habe früher zu meinen Eltern gesagt, dass ich zum Spielen rausgehe. Heute heißt es abhängen, oder, was ich persönlich noch viel schlimmer finde, „ich geh chillen“.

Meine/unsere Kindheit war unkompliziert und von einer erfrischenden Leichtigkeit geprägt und deshalb bin ich der Meinung, dass wir zwar weniger an materiellen Dingen, aber viel mehr an Möglichkeiten hatten. Ich beneide die Kids und Jugendlichen nicht, die jetzt mit Informationen, Anforderungen und High-Tech Spielzeug überfrachtet und damit auch ganz automatisch überfordert werden.

Mein einziges Problem in der Kindheit, waren die Arbeitszeiten meines Vaters. Pünktlich um 7:15 Uhr ging er jeden Morgen aus dem Haus, um pünktlich um 7:30 Uhr an seinem Schreibtisch bei der Firma Pohlig zu sitzen. Um 16 Uhr hatte er Feierabend, war um 16:15 Uhr zu Hause und um 16:30 Uhr stand das Essen auf dem Tisch. Das war fast schon ein Ritual, das unter allen Umständen eingehalten werden musste. Dazu gehörte auch, dass die Familie immer vollzählig am Tisch saß. Verspätungen wurden nicht geduldet, genauso wenig wie hastiges Schlingen, in der Hoffnung, dass man danach sofort zurück zu den Freunden durfte, bei denen das Essen erst um 18, 19, oder gar 20 Uhr auf dem Tisch stand.

Fußball war zu dieser Zeit noch eine reine Männerdomäne. Da fragte keine Frau, wer da eigentlich spielt, um was es geht, oder was Abseits ist. Mein Opa, der Liebe von der Vorgebirgstraße, war in der Beziehung ein echter Macho, der erst gar keine Diskussion aufkommen ließ. Da konnte das Wohnzimmer voll mit der lieben, buckligen Verwandtschaft sein, pünktlich um 17:45 Uhr wurde der Nordmende Fernseher mit den Sensortasten, die so schön haben geprickelt an meine Finger, angemacht und die Sportschau geguckt. Für meinen Opa spielte ich natürlich gerne die menschliche Fernbedienung. Viel falsch machen konnte ich dabei nicht, es gab ja nur 3 Programme. ARD, ZDF und WDR. Im Sommer, bei schönem Wetter, konnte man mit ein wenig Glück auch das SWF empfangen.

Wie bereits erwähnt, hatte der TV so kleine Sensortasten und wenn man ganz langsam mit dem Finger über die Tasten fuhr, teilte sich der Bildschirm und man konnte für einen kurzen Moment 2 Programme auf dem Bildschirm sehen. Genau genommen war ich also der Erfinder der Picture in Picture Funktion, die heute fast in jedem Gerät Standard ist. Das habe ich aber natürlich nur gemacht, wenn mein Opa nicht im Zimmer war, oder mal wieder friedlich, aber sehr lautstark vor sich hin schnarchend auf der Couch eingeschlafen.

Wenn die Frauen sich endlich nach und nach in die Küche verdrückt hatten, um da weiter über Rheuma, Trombosen und deren Auswirkung auf das kommende Wetter zu reden, oder sich lustige Geschichten aus der Familienhistorie erzählten, verstummten die Gespräche meiner diversen Onkel und alle schauten auf Opas ganzem Stolz, den FarbTV.

Ich schweife mal wieder ab, also nochmal zurück zum Fußball.

Einen Partner, oder eine Partnerin kann man sich aussuchen, der Lieblingsverein wird einem dagegen in die Wiege gelegt. So war es auch bei mir. Mein Opa war Fan des 1.FC Köln, mein Vater hat das von ihm, seinem Schwiegervater, übernommen, vielleicht hat er sich auch einfach nicht getraut, ihm zu widersprechen. Da wollte/durfte ich diese Tradition natürlich nicht unterbrechen.

Anfangs habe ich zwar noch versucht meinen Opa von der Sportschau abzubringen und mit mir „Daktari“, „Lassie“, oder eine andere Kindersendung anzusehen, aber Opa war da auch bei mir unbarmherzig. Er hat mir sein Leben lang jeden Wunsch von den Augen abgelesen und schnellstmöglich erfüllt. Spätestens, wenn ich ihn aus meinen kleinen, treuen, braunen Augen angesehen und „Ooooooopa“ gesagt habe, war es um ihn geschehen und ich am Ziel meiner Wünsche, bis …

Ja, richtig vermutet, bis auf Samstagabend, 17:45 Uhr. Dann war Sportschau Zeit und statt Clarence, dem schielenden Löwen, begrüßte uns Addi, der schielende Furler, oder Ernst Huberty, der „Mr. Sportschau“ der ARD, der vor ein paar Wochen seinen 90. Geburtstag gefeiert hat, aus dem Studio des WDR in Köln.

Alle Spiele, alle Tore gab es damals natürlich noch nicht und deshalb konnten Opa und ich nur hoffen, dass der 1.FC Köln ein Heimspiel hatte. Mit 99%iger Sicherheit wurde dann nämlich eine Zusammenfassung in der Sportschau gezeigt. Es ist für heutige Verhältnisse unvorstellbar, dass die Beiträge gleich nach Schlusspfiff geschnitten, kommentiert auf Zelluloidrolle gebannt und dann per Motorradkurier ins WDR-Studio gebracht wurden.

Hausmeister der Schule war ein Herr Steinborn, den ich heute noch mit zurückgekämmten Haaren und einem verwaschenen, blauen Arbeitskittel vor mir sehe. Seine Söhne Hans und Thomas kannte ich von flüchtigen Begegnungen im Schulpark. Erst ein paar Jahre später lernten wie uns dann besser kennen und dank der sozialen Medien, habe ich zumindest heute noch Kontakt zu Thomas, mit dem ich 1977 die Mittlere Reife machte, dazu aber später noch mehr.

Erstmal stand der Kindergarten auf meinem Lebensprogramm.

Der Kindergarten war ganz ok, aber erstmal beobachtete ich nur die anderen Jungs und Mädels, die mit mir in einer Gruppe waren. Die Verständigung war überhaupt kein Problem, ganz einfach deshalb, weil es nur deutsche Kinder in diesem Kindergarten gab. Wenn überhaupt mal ein ausländisches Kind dabei war, dann war es das Kind einer Gastarbeiter Familie, die damals immer mehr nach Deutschland kamen um gemeinsam mit uns den Wiederaufbau nach dem Krieg zu vollenden.

Bei schlechtem Wetter spielten wir in einem extra dafür ausgestatteten Raum, bei schönem Wetter durften wir raus auf den kleinen, dem Kindergarten angeschlossenen Spielplatz.

Eines Tages hatte ich es mir im Sandkasten gemütlich gemacht und war gerade dabei ein paar leckere Sandkuchen zu kreieren, die ich später für meine Ma und meine Oma mit nach Hause nehmen wollte, als ein Fußball in meinen Sandkasten rollte. Typisch, immer diese Amateure, keinen Ball geradeaus treten können, aber dann den ganzen Kindergarten für sich in Anspruch nehmen, dachte ich noch so, als ich auf den Ball zuging, um ihn zurückzuwerfen. Leider hatte einer der Jungs die gleiche Idee, nur dass er den Ball zu seinem Kumpel zurückschießen wollte. Statt dem Ball traf er mit seinen kleinen Winterstiefeln mit voller Wucht mein Auge. Von dem anschließenden Geschrei habe ich dann nicht mehr viel mitbekommen. Man brachte mich wohl in unseren Klassenraum, irgendjemand verständigte meine Mutter, die kam mich dann abholen und ging gleich mit mir zum Augenarzt. Ich hatte Glück im Unglück, das Auge war noch in seiner Höhle und soweit intakt, nur das Drumherum war sehr in Mitleidenschaft gezogen worden und sollten mir in der nächsten Zeit in allen möglichen hellen und dunklen Farben in meinem Spiegelbild erscheinen.

Im Gegensatz zu einigen anderen Kindern, die bis zum späten Nachmittag im Kindergarten blieben, wurde ich schon mittags von meiner Ma abgeholt. Es dauerte allerdings noch ein paar Jahre, bis ich es zu schätzen lernte, dass meine Ma tagsüber bei mir und meiner Schwester sein konnte. Als Kind sieht man oft nur die vermeintlichen Nachteile, z.B. die ständige Kontrolle, die meine Eltern so gerne Fürsorge nannten, oder das frühe vom Spielen nach Hause müssen, weil mein Vater um 16 Uhr von der Arbeit kam und dann das Essen auf dem Tisch stand. Heute bin ich froh darüber, dass ich, im Gegensatz zu vielen meiner Kindergarten- und Schulkameraden, kein „Schlüsselkind“ war, dem die Eltern morgens den Hausschlüssel an einer Kordel um den Hals hängten, weil beide zur Arbeit mussten und das Kind nachmittags sich selbst überlassen war.

Meine nächste Station war dann die Katholische Volksschule für Knaben, die ich ab dem 1. August 1967 besuchte.

Zwischen Kindergarten Ende und dem Beginn meiner schulischen Karriere lagen die Sommerferien, in denen mich meine Ma auch beschäftigt und versorgt wissen wollte, also meldete sie mich in St. Pius, der katholischen Kirche in Köln Zollstock, für die „Stadtranderholung“ an. Das war der Urlaub für noch nicht schulpflichtige Kinder, deren Eltern es sich nicht leisten konnten bzw. wollten, mit ihnen wegzufahren.

Morgens wurde man mit einem Bus an der Kirche abgeholt, nach Porz zum Gut Leidenhausen gefahren, einem 1963 von der Stadt Köln gekauften Bauernhof aus dem 14. Jahrhundert. Dort gab es neben einem Wildgehege für Rotwild und Wildschweine auch eine Pflegestation für Greifvögel und Eulen.

Das Gut Leidenhausen gibt es übrigens heute noch und ist für einen Tagesausflug sehr zu empfehlen.

Wir wurden den ganzen Tag von studentischen Hilfskräften betreut und bespaßt und es gab sehr abwechslungsreiches, höchst gesundes Essen.

Hier ein kleiner Auszug aus der üppigen Speisekarte:

Gebuttertes Rundstück mit reichlich edelster Lyoner oder alternativ Schweizer Schnittkäsespezialitäten belegt.

In handgemolkener Kuhmilch eingelegtes, chinesisches Langkornprodukt an Süßkristallen und exotischem Gewürz

Getreide Mousse mit luftgetrockneten Weinbeeren

Das liest sich doch besser als

Gummibrötchen mit dünn Butter bestrichen und mit undefinierbarem Fleischwurstersatz oder Käse belegt

Milchreis mit Zucker und Zimt

Grießbrei mit Rosinen

Mit den Gummibrötchen zog ich mir übrigens die vorderen Schneidezähne immer weiter der vorne, weil ich die Angewohnheit hatte in das Brötchen zu beißen, es so festzuhalten und den Rest dann, mit einem kräftigen Ruck nach vorne, abzuziehen. Hätte meine Eltern nicht ein paar Jahre später eine sündhaft teure Kieferkorrektur mittels einer ekelhaft zu tragenden Gebissklammer bezahlt, wäre ich wohl als Double von Mr. Ed, dem sprechenden Pferd, in die Historie meiner Familie eingegangen.

Trotzdem war die Stadtranderholung eine schöne Abwechslung. Wir waren den ganzen Tag im Freien, entdeckten immer wieder neue Dinge im Wald und bauten wie die Biber einen Staudamm im kristallklaren Wasser eines kleinen Bach, der sich durch den Wald schlängelte.

Nach den Sommerferien 1967 begann dann auch für mich der Ernst des Lebens. Die katholische Volksschule für Knaben, die ich ab dem 1. August besuchte, hatte es sich auf die Fahne geschrieben, mir die nötigsten Dinge wie Rechnen, Schreiben und Religion beizubringen.

Zur Einschulung gab es einen schicken, neuen Anzug von C&A. Große Kaufhäuser waren mir schon damals ein Gräuel und ich stimmte dem Einkauf in der City nur dann zu, wenn meine Ma mir versprach, dass ich wenigstens einmal das Palomino Pony bei C&A reiten darf.

Am Tag der Einschulung legte man mir eine große Schultüte, vollgepackt mit leckeren Süßigkeiten in den Arm und legte mir nahe auf Bildern möglichst mit geschlossenem Mund zu lachen. Das lag wohl an meiner breiten Zahnlücke im Oberkiefer, aus dem sich nach und nach, teilweise unter meiner eigenen Mithilfe, die ersten Milchzähne verabschiedet hatten. Heute würde ich mir die Zähne teuer bezahlen lassen.

Diese Zahnlücke wird ihnen präsentiert von

„Salino – wir sorgen für schwarze Zähne und schwarze Löcher“ oder

„Bäckerei Schmitz – an unsere Brötchen beißen sie sich die Zähne aus“

Ich habe mich lange gefragt, warum die Kinder am ersten Schultag eine Tüte mit Süßigkeiten bekommen, nach ein paar Wochen wusste ich dann, dass es reine Bestechung war.

 „Wenn du nicht mehr in die Schule gehst, musst du alle Süßigkeiten und die schönen, anderen Sachen zurückgeben“.

„aber Mama, die Süßigkeiten sind doch schon längst alle aufgegessen.“

„Tja, mein Sohn, dann wird dir wohl nichts anderes übrigbleiben, als weiter zur Schule zu gehen“, gefolgt von dem Satz, den ich in den folgenden Jahren immer und immer wieder zu hören bekam:

„Du lernst für dich und für dein Leben und nicht für uns, oder die Schule.“

Bereits nach dem ersten Schuljahr machte sich mein heute noch vorhandenes Fernweh und diese unbändige Abenteuerlust, die ich auch später nie ablegen konnte, bemerkbar – ich wechselte die Schule. Von der Volksschule für Knaben am Zollstocker Rosenzweigweg, ging es schnurstracks in die weite Welt hinaus und hinein in die Grundschule für Jungen und Mädchen auf der Bernkasteler Straße. Ein Meilenstein, ein Quantensprung in meinem noch jungen Leben, ungefähr so, als würde ich eine Waldorfschule verlassen und meinen Namen tanzend über den Campus der Harvard Universität schweben.

Ok, die Wahrheit war natürlich weitaus unspektakulärer. Meiner Ma gefielen meine Klassenkameraden nicht, die ich am Rosenzweigweg hatte. Das waren zwar durchwegs nette Jungs, aber ein paar von ihnen waren auch mit Vorsicht zu genießen. Außerdem hatte sie mich so noch besser unter Kontrolle, weil sie meine beiden Schulwege ungehindert einsehen konnte. Eine Tatsache, die mir später noch zum Verhängnis werden sollte, als ich in der 4. Klasse den Religionsunterricht schwänzte und das einzige Kind war, das über den Kalscheurer Weg nach Hause ging. Zum Glück haben mir nicht nur meine Eltern und Frau Fickler, meine Klassenlehrerin, sondern auch der liebe Gott verziehen und ich durfte sogar 1969 mit zur Kommunion gehen.

Hatte ich auf dem Rosenzweigweg meine Hieroglyphen noch mittels eines Griffels auf eine kleine, schwarze Schiefertafel gemalt, war die neue Schule bereits dazu übergegangen, die Kinder in Schulheften schreiben und rechnen zu lassen. Vielleicht lag es aber auch einfach nur an der Faulheit der Lehrkörper, die es leid waren 30 Schiefertafeln nach Hause zu tragen, um Klassenarbeiten und Hausaufgaben zu kontrollieren.

Statt mit dem Griffel schrieb ich jetzt mit einem Füller, die damals hauptsächlich von den Firmen Geha und Pelikan in den Schreibwarengeschäften verkauft wurden. In den Schulmäppchen gab es sogar Platz für Ersatzpatronen. Für den, bei mir natürlich völlig unwahrscheinlichen Fall eines Schreib- oder Rechenfehlers, hatte ein findiges Kerlchen den „Tinten Killer“ erfunden, mit dem man übrigens auch hervorragend die blauen Finger durch die manchmal auslaufenden Füllfederhalter sauber bekam. Zumindest hatte man sich dadurch den Gang ins Bad und die Benutzung von Wasser und Seife gespart, ein gerade im Kindesalter unschätzbarer Vorteil.

Ich denke sehr gerne an meine Grundschulzeit zurück, als die Welt und das Leben noch einfach und weitestgehend sorglos waren. Es hat mir auch nie etwas ausgemacht auf einem kleinen Holzstuhl, an einem kleinen Pult, in einer kalten Holzbaracke zu sitzen und aufmerksam zuzuhören, wenn das Fräulein Fickler uns die spannende Kölner Stadtgeschichte erzählte oder versuchte uns das kleine Einmaleins beizubringen. Für besonders gut gemachte Hausaufgaben gab es Glanzbilder, oder kleine Zettel mit süßen Sprüchen, oder einfach nur ein Fleißkärtchen. Hatte man 10 Kärtchen zusammen, durfte man einmal bei den Hausaufgaben aussetzen, die wir aber dann natürlich trotzdem und gerne erledigten. Die Lehrerinnen, Lehrer und besonders der Direktor waren Respektpersonen für uns und niemand hätte sich auch nur gewagt ihnen zu widersprechen oder zu widersetzen.

In den Pausen haben wir auf dem Schulhof getobt, im Sommer mit Steinen oder kleinen Plastikbällen Fußball gespielt, im Winter Eisbahnen gebaut oder wir haben einfach nur die Mädchen beim Gummitwist, Seilchen springen oder Hüpfe Kästchen gezankt. Leider ging auch diese schöne Zeit zu Ende und im Sommer 1971 wechselte ich auf die Realschule für Jungen und Mädchen in der Zollstocker Brüggener Straße.


Vom 16.08.1971 bis 20.06.1977

Leider ging auch diese unbeschwerte Grundschul Zeit zu Ende und im Sommer 1971 wechselte ich auf die Realschule für Jungen und Mädchen in der Zollstocker Brüggener Straße. Überlegungen, mich auf ein Gymnasium gehen zu lassen, wurden schnell ad acta gelegt, weil sich schon in der Grundschule gezeigt hatte, dass ich wohl eher den bequemen, um nicht zu sagen faulen Schülern zuzuordnen war.

Um es vorwegzunehmen, die Mittlere Reife habe ich, ohne eine „Ehrenrunde“ zu drehen, geschafft, was für mich heute noch erstaunlich und nur mit einer gehörigen Portion Dusel zu erklären ist.

Dazu kam, dass die 6 Schuljahre von der 5. bis zur 10. Klasse ein Wechselbad meiner noch jungen Gefühlswelt waren. Mein heute noch ab und an durchkommendes, kindliches Gemüt, war nicht gerade von Vorteil bei meinen früher und schneller heranwichsenden Mitschülern.

Die naturwissenschaftlichen Fächer Mathematik, Chemie, Physik und Biologie lagen mir überhaupt nicht und ich habe auch nie einen Sinn darin gesehen. Den Satz des Pythagoras a² + b² = c² kenne ich zwar heute noch auswendig, wozu er im wahren Leben genutzt werden kann, hat sich mir aber nie so wirklich erschlossen. Da ein Zeichentalent auch nie vorhanden war, fiel mir auch die korrekte, von Lehrer Klemm geforderten Zeichnungen von Kreisen, Dreiecken und selbst einfachen Quadraten schwer. Das setzte sich Kunstunterricht fort, da war ich immer heilfroh, wenn wir mit Ton, oder Knetmasse gearbeitet haben, auch wenn die Ergebnisse nie den Weg in ein Kunstmuseum fanden und selbst der so liebevoll gefertigte Aschenbecher für meinen Vater schnell in der Versenkung bzw. Mülltonne verschwunden war. Der Apfel fällt halt nicht weit vom Stamm, denn auch meine Eltern konnten mit Kunst nichts anfangen, geschweige denn mir Tipps oder Hilfestellungen geben.

Sprachen waren dagegen viel mehr mein Ding, wenn da nicht diese blöde Grammatik gewesen wäre, die mir regelmäßig eine bessere Note in Deutsch, Englisch und Französisch, ab der 7. Klasse, versaute. Das Sprechen fiel mir dagegen leicht und das ist bis heute so geblieben.

Nur in diesen Fächern konnte ich mich auch über die Fehler meiner Klassenkameraden à la „when i steal, i come into the kittchen“ oder „i became a television for Christmas“, amüsieren.

Mein Lieblingssatz in Französisch war „bonjour Monsieur, avez vous quelque chose a declarer?“ und nicht etwa „voulez vous coucher avec moi ce soir?“.  Den Satz kannte ich zwar aus dem gleichnamigen, damals populären Song von LaBelle und wusste auch, was damit gemeint war, die Umsetzung sollte jedoch erst sehr viele Jahre später stattfinden.

Leider war ich so gut wie nie in einem französisch sprechenden Land in Urlaub, sonst hätte ich meine Kenntnisse sicher noch weiter ausgebaut, auch wenn ich beruflich nie damit konfrontiert wurde.

Meine erste Deutschlehrerin, Frau Scholl, meinte zwar immer, dass ich ohne Punkt und Komma rede, sie hat mich aber auch nie mit diesen Satzzeichen reden gehört. Den anderen Satz, den sie mir oft und gerne um meine dann sehr schnell rotwerdenden Ohren feuerte, war „Manfred Schmitz, du redest wie ein Buch ohne umzublättern“. Sie war aber ohnehin ein auch von meinen Mitschülern nicht für voll genommenes Unikum. Eine kleine, alte, schrullige Frau, die ihr Germanistik Studium bereits vor dem Weltkrieg, ich vermute sogar dem ersten, absolviert haben musste. Auf einem Elternsprechtag der 6. Klasse eröffnete sie den staunenden Eltern, dass sie sich sehr sicher wäre, dass 2/3 der Schüler schon Sex untereinander hätten. Meine Ma, die in unserer Familie für diese Elternsprechtage zuständig war, während mein Vater es vorzog im gemütlichen Sessel zu sitzen und seinen Kölner Stadt Anzeiger zu lesen, konnte Frau Scholl mit ihrer Theorie wenig beeindrucken. Dafür kannte sie ihren Filius zu gut, um zu wissen, dass er zum immer noch jungfräulichen Drittel der Klasse gehörte.

Der Wolfgang Petersen Tatort „Reifezeugnis“, in dem eine Schülerin, gespielt von der noch blutjungen und bildhübschen Nastassja Kinski ein Verhältnis mit ihrem verheirateten Lehrer (Christian Quadflieg) hat, kam für mich jedenfalls ein paar Jahre zu spät ins Fernsehen, sonst hätte ich vielleicht auch mal mein Glück bei einem weiblichen Lehrkörper versucht, wobei man sagen muss, dass da, abgesehen von Frau Demandt, meiner Englisch Lehrerin in der 5. Und 6. Klasse, keine besonders attraktiven Exemplare dabei waren. Wer weiß, wofür es gut war.

Erdkunde und Geschichte interessierten mich auch nicht sonderlich. Warum muss man die Hauptstadt von Papua Neu-Guinea kennen, oder wissen, wie lange der 30- jährige Krieg gedauert hat? Mich wundert allerdings bis heute, dass der 2. Weltkrieg und der schreckliche Holocaust nie ein Thema waren. Nach der Weimarer Republik war Ende mit der deutschen Geschichte.

An eine meiner Top Antworten im Geschichtsunterricht kann ich mich aber dennoch, wenn auch äußerst ungern, erinnern. Frau Zilleken, unsere Klassenlehrerin, die wir auch in Englisch und Französisch hatten, fragte in die Klasse

„wo schliefen die Trojaner während des Krieges?“

Ich muss wohl ausnahmsweise gerade geistig abwesend gewesen sein und hatte eigentlich gehofft, dass sie mich bei dieser geschichtsträchtigen und so historisch wertvollen Frage auslässt, aber nein. Es ertönte das von mir so gern gehörte

„Manfred Schmitz“

Meine Antwort lautete kurz und bündig

„in ihren Betten?“

und war auch mehr als Frage formuliert. Wie gesagt, reden konnte ich schon immer gut.

Das ausbrechende Gelächter meiner Mitschüler und der wütende Blick von Frau Zilleken beantworteten meine „Frage“ dann sehr schnell und ohne viele Worte. Die richtige Antwort wäre „Zelte“ gewesen, aber woher hätte ich das wissen sollen? Wer wird Millionär gab es damals noch nicht und mit der Frage wäre wahrscheinlich auch jeder Telefonjoker überfordert gewesen.

Weitere Fächer im 5. Schuljahr waren Religion, Musik, Kunsterziehung und Sport, der damals noch Leibesübungen genannt wurde, wahrscheinlich weil man das, was wir da in der Turnhalle fabrizierten, selbst mit dem größten Wohlwollen nicht als Sport bezeichnen konnte. Es hat schon einen Grund, warum Völkerball, Sitzfußball, Zirkeltraining und anderes Rumgehopse bis heute noch keine olympischen Disziplinen sind.

Mein erstes Zeugnis fiel dementsprechend durchwachsen aus. Meine beste Note war eine 2 in Handschrift, die Schlechteste eine 5 in Musik, was meine Eltern zum Glück nicht sonderlich störte.  Viel mehr ärgerte sie der Eintrag „nicht ohne Tadel“ unter Verhalten in der Schule. Dieser Eintrag sollte in den ersten drei Schuljahren auf jedem Zeugnis zu lesen sein und hätte wahrscheinlich sogar auf meinem Abschlusszeugnis gestanden, wären die Kopfnoten „Verhalten in der Schule“, „Beteiligung am Unterricht“ und „Ordnung“ nicht ab dem 8. Schuljahr abgeschafft worden.

Keine Frage, viele dieser Tadel hatte ich mir selbst zuzuschreiben, weil ich nach und nach zum Klassen Kasper mutierte und in fast jeder Unterrichtsstunde meinte Blödsinn verzapfen zu müssen. Das gab dann immer einen Eintrag ins Klassenbuch und bei 10 Eintragungen bekam man einen Tadel. Schwere Vergehen wurden gleich mit einem Tadel geahndet. Das wäre auch noch alles verschmerzbar gewesen, wenn meine Eltern nicht per blauen Brief über meine ganzen Verfehlungen informiert worden wären und den Erhalt dieses bläulichen Umschlags aus Recyclingpapier nicht per Unterschrift hätten bestätigen müssen.

Es gab aber auch völlig unberechtigte Eintragungen und Tadel. Mein Nebenmann flüsterte mir bspw. etwas zu, oder lenkte mich sogar ab, der Lehrer sah aber nur meine Reaktion und ich erhielt als Einziger den Eintrag. Damals wäre nie jemand auf die Idee gekommen, das aufzuklären und ich hielt mich mit dem verpetzen auch immer zurück.

Den unberechtigtsten Tadel bekam ich in der 6. Oder 7. Klasse. Wahrscheinlich war es in der deutschen, vielleicht sogar der weltweiten, Geschichte der Tadel der Ungerechteste überhaupt.

Ein Klassenkamerad, dessen Namen ich zwar noch weiß, aber bereits in der Schulzeit erfolgreich verdrängt habe, brachte einen alten Postsack mit in die Schule. So ein kratzendes, muffig riechendes Teil, in dem die Briefe und Päckchen auf dem Postamt gelagert wurden. „Bratze“, so nannten ihn alle und der Namen wurde ihm auch mehr als gerecht, meinte dann, es wäre doch lustig, wenn man mich in der Pause in den Postsack stecken und aufs Lehrerpult legen würde und suchte eifrig nach Mittätern, die ihm dabei helfen sollten. Nach der großen Pause, ich war gerade zurück in den Klassenraum gekommen, packten sie mich zu dritt, stülpten mir diesen ekeligen Postsack über den Kopf, schnürten ihn zu und legten mich unter dem Gejohle der ganzen Klasse auf das Lehrerpult. All mein Widerstand nützte natürlich nichts gegen die 3 mir ohnehin körperlich überlegenen Klassenkameraden, von denen zumindest 2, ich nenne sie mal Clemens und Ralf, diese Bezeichnung an diesem Tag, nicht verdient hatten.

Pünktlich, mit dem letzten Ton der Schulklingel, kommt Frau Zilleken, unsere Klassenlehrerin in den Raum und sieht einen strampelnden und fluchenden Postsack auf ihrem Pult liegen. Nach einer verständlichen, ersten Schrecksekunde, löste sie die Kordel, mit denen die drei den Sack verschnürt hatten und befreite mich so aus einer misslichen Lage.

Zerkratzt, zerwühlt und verschwitzt schlich ich mich auf meinen Platz, um von dort aus mitkriegen zu müssen, dass Frau Zilleken MIR(!!) einen Tadel verpasste.

„Manfred Schmitz legt sich zur Belustigung der Klasse in einen Postsack“.

Natürlich stellte auch diesmal niemand das Missverständnis klar und auch ich hielt die Klappe. Um „Bratze“ wäre es mir zwar egal gewesen, aber wegen Clemens und Ralf, mit denen ich ansonsten gut klarkam, habe ich nichts weitergesagt.

Die schlimmste Zeit waren für mich die letzten Wochen vor jedem Schuljahresende, nicht nur, weil ich bis zum Schluss nicht wusste, ob ich das Klassenziel erreicht habe und versetzt werde, sondern weil ich mich dann immer auch von ein paar liebgewonnenen Klassenkameraden und Klassenkameradinnen verabschieden musste. Das war zwar noch einigermaßen erträglich, wenn sie zumindest auf der Schule blieben, weil man sich vor und nach der Schule bzw. in den Pausen sehen konnte, aber ein paar von ihnen wechselten dann auch die Schule. Entweder gingen sie auf eine Hauptschule, oder, in Ausnahmefällen, auf ein Gymnasium. Ich habe leider kein Klassenfoto der 5. Klasse, aber aus meiner Erinnerung würde ich sagen, dass mind. 10 bis 12 im Laufe der Schulzeit neu hinzukamen bzw. die 10. Klasse nicht zusammen mit mir erreicht haben.

Noch heute kenne ich die Namen meiner Klassenkameraden und Klassenkameradinnen, die mit mir 1977 die „Mittlere Reife“ gemacht haben und viele, viele andere Mitschüler sind ebenfalls noch in meinem Gedächtnis präsent. Schließlich habe ich sie von 1971 bis 1977 fast täglich gesehen, auch wenn ich einige von ihnen in nicht gerade guter Erinnerung behalten habe.  

Leider gab es damals weder Internet, noch Facebook und mit den Jahren schlief dann auch der letzte verbliebene Kontakt ein und wir verstreuten uns in alle Winde. Das Klassentreffen zum 30. Jahrestag (2007) habe ich zwar mit initiiert, bin aber dann letztlich nicht hingegangen, weil ich zu dem Zeitpunkt schon gesundheitlich angeschlagen war.

Dank Facebook gibt es heute zumindest wieder Kontakt zu einigen Freunden und Freundinnen von damals. Susanne K., Petra B. (geborene T.), Thomas St., Hans-Uwe W. möchte ich an dieser Stelle erwähnen. Schön, euch wiedergefunden zu haben.

Monika W. und Guido W. sind leider schon viele Jahre verstorben, aber auch sie möchte ich nicht unerwähnt lassen. Ruhet weiter in Frieden ihr Zwei, eines Tages werden wir uns (hoffentlich) wiedersehen.

Was aus dem Rest geworden ist, weiß ich dagegen nicht und es ist auch schwer, sie heute, trotz Internet, wieder ausfindig zu machen. Frauen haben ja leider die komische Angewohnheit, den Namen ihres Göttergatten anzunehmen, was die Suche natürlich sehr schwer, um nicht zu sagen unmöglich macht.

„Du lernst für dich und nicht für uns, oder die Schule“. Diesen Satz habe ich oft von meinen Eltern zu hören bekommen, meistens dann, wenn wieder mal ein „blauer Brief“ ins Haus geflattert war, oder ich eine Klassenarbeit versemmelt hatte. Das wollte ich damals natürlich nicht hören, heute weiß ich, dass sie absolut Recht hatten bzw. behalten haben. Könnte ich die Realschulzeit wiederholen, würde ich sicher besser abschneiden, auch wenn ich an meinem weiteren Werdegang, zumindest ab 1986, nicht das Geringste ändern würde.

Ich war jedenfalls froh, als ich meine Schulzeit endgültig hinter mir hatte und nutzte die letzten Sommerferien vor dem Beginn meiner Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel, zu einem 6- wöchigen Urlaub bei Tante, Onkel, Cousine und Cousin in Kanada. Keine Ahnung warum, aber es war für mich die bessere Alternative, als eine Nachprüfung in Mathematik zu machen, um meine Abschlussnote (mangelhaft) zu verbessern. Herr Klemm, ich bitte um Verzeihung. Zum Abschluss dieser Geschichte möchte ich mich gerne noch herzlich und ausdrücklich bei meinen Lehrerinnen und Lehrern bedanken, die viel mit mir mitmachen und so manches ertragen mussten, mich aber dennoch zur „Mittleren Reife“ führten.

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