Zeugung – Kuck mal wer da spricht

NEU – 23 September 2020 –
Die Einzelgeschichte aus dem Manuskript vom 01.08.2020

Das ganze Leben ist ein Kampf und den ersten und wahrscheinlich schwierigsten muss man bestehen, da ist man noch ein winzig kleines Tröpfchen, das überhaupt keine Ahnung hat, welch` große Bedeutung es im Leben hat.

Mit meinen Kollegen lag ich eines schönen Tages gemütlich in unserer Männer WG. Die Natur hatte uns ein mehr oder weniger geräumiges Zimmer in Kugelform spendiert, in der wir auf unseren Einsatz warteten. Eingebettet waren wir in einem Sackähnlichen Konstrukt aus Haut. Es ist übrigens ein reines Märchen, dass die nie zum Einsatz gekommenen Kollegen irgendwann aus Langeweile anfingen und stachelige Fäden durch die Haut geschoben haben.

In einer anderen Kugel waren die Frauen untergebracht, streng getrennt von uns Männern. Warum? Keine Ahnung, zumindest damals noch nicht. Heute weiß ich natürlich, dass dadurch entschieden wird, ob ein Junge oder ein Mädchen das Licht der Welt erblickt.

In wie weit ein Aufsichtsbeamter sich vorher vom ordnungsgemäßen Zustand der beiden Kugeln und des Zielgerätes überzeugt hat, habe ich dagegen leider bis heute nicht in Erfahrung bringen können.

Entweder waren die Frauen in der Überzahl, oder schon damals etwas übergewichtig, jedenfalls hing ihre Kugel etwas tiefer, als die von unserem Männer-Wohnheim.

Irgendwann machte jemand von den Kollegen den Vorschlag, unserer Kugel einen Namen zu geben. Jeder rief einen anderen Namen in die Runde. Klöten, Glocken, Klicker, der englische Kollege schlug Balls vor, weil das leicht zu merken war, der Spanier war für Cojones, weil das so schön nach Macho und Matador klang und unser Junior schlug sogar Erbsen vor, was aber sofort abgelehnt wurde. Wir wollten uns schließlich nicht kleiner machen, als wir sind. Es war jedenfalls das totale Chaos, bis unser Professor aus dem Fenster sah und verkündete „hey Jungs, unsere Kugel ist gar nicht rund, die ist oval, also könnt ihr eure ganzen Vorschläge gleich wieder vergessen“. Sofort verstummten alle, nur unser Junior meinte dazwischen plappern zu müssen. „Erbsen sind manchmal auch oval, also akzeptiert meinen Vorschlag und nennt unsere Kugel „Erbse“.

„Geh mir nicht auf die Eier, platzte es aus dem Professor barsch heraus“ und klatschte sich im selben Moment vor die Stirn. „Eier, warum bin ich darauf denn nicht schon früher gekommen“.

Ab und zu wurden Millionen meiner Kollegen, aus der Kugel geschossen und sausten mit Karacho an mir und den anderen staunenden Kollegen vorbei, in eine kleine Röhre, in der sie dann verschwanden. Keinen dieser Kollegen haben wir jemals wiedergesehen.

Später erfuhr ich, dass sie entweder, an gierigen Zähnen vorbei, in einen tiefen Abgrund gezogen wurden. Eine Zunge diente dabei für das letzte Stück des Weges als Rutschbahn, was die ganze Sache natürlich nicht sehr viel angenehmer für die Jungs machte. Andere landeten auf unterschiedlich dicken, unbewohnten Gebilden, die durch einen, mal mehr, mal weniger breiten Spalt getrennt waren, oder zwei ebenfalls unterschiedlich großen Hügeln, die aber wohl genauso unbewohnt waren, obwohl aus ihrer Spitze ein Gipfelkreuz ragte.

Lange überlebt hat leider keiner von ihnen, denn kaum hatten sie sich vom strapaziösen Flug und der unsanften Landung erholt, da wurden sie entweder von einem rauen, blattähnlichen Tuch aufgewischt und entsorgt oder schlimmstenfalls gleich wieder ausgespuckt. Ein grausamer, sinnloser Tod, den ich mir tunlichst ersparen wollte.

Noch grausamer war der Solo Tod, weil da weder Zähne, noch Rutschbahn, Arschbacken und Hügel warteten und 50 Millionen Kollegen, kaum hatten sie die Röhre verlassen, in die Tiefe stürzten. Selbst den Ersten ereilte dieses Schicksal.

Max Giesinger sang von „Einer von 80 Millionen“. Was sollten wir denn da sagen? Wir waren sogar 500 Millionen und trotzdem kam nur ein einziger von uns durch.

Ungefähr die stärksten ca. 500 Kollegen fanden den richtigen Pfad zum Endziel, aber selbst von denen verabschiedeten sich nach und nach die Jungs ohne Kondition und Orientierungssinn. Der Sieger wurde dann aber mit einer kleinen, aber feinen Eizelle belohnt, in der er sich dann so lange, im wahrsten Sinne des Wortes, breitmachen kann, bis er 9 Monate später, zu stattlicher Größe gewachsen, den Bau wieder verlassen muss.

Was für ein Unsinn der Natur. Aus dem einen Ei raus, in das nächste Ei rein Erst viel später wurde mir klar, dass wir mit unserer Reise zumeist zwei Menschen glücklich gemacht hatten. Nur ab und zu hörten wir ein giftiges „du Idiot, du solltest doch aufpassen“ oder „wie oft habe ich dir schon gesagt, du sollst nicht immer die billigsten Kondome kaufen“. Von etwas tieferen Stimmen kam dagegen nur „ich dachte, du kümmerst dich um die Verhütung“ und in ganz seltenen Fällen ein „wird schon nichts passiert sein, sag mir lieber mal, wie du heißt?“

Irgendwann stand auch ich gefährlich nah am Eingang der kleinen Röhre. Draußen war es ziemlich heiß, ich tippte auf Ende Juni, also eigentlich genau die Zeit, in der man uns sonst in Ruhe ließ, aber wie heißt es so schön „Irre sind männlich“, denn aus heiterem Himmel begann dieses unheimliche Grollen, wie bei einem Vulkan, kurz bevor er seine heiße Lava ausspuckt. Durch die dünne Hauswand hörten wir ein verzerrtes „ich komme gleich“, was ich nie verstanden habe. Was heißt das, wohin kommt der Typ denn? Unsere Kugel war voll und ohnehin viel zu klein für eine erwachsene Person.

Ich hatte den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, da wurde ich in die enge Röhre katapultiert und mit mir 499.999.000 Kollegen, die jetzt alle um ihr Überleben kämpften. Im Windschatten der Schnellstarter konnte ich lange Zeit im vorderen Viertel mithalten, ohne gleich zu viel Kraft zu vergeuden. Nach und nach fielen Millionen meiner Kollegen zurück unter anderem auch unser Junior, der sich bis dahin „Platz da, hier kommt der Erbsenkönig“ rufend, achtbar geschlagen hatte. Anscheinend hatte er seinen abgelehnten Namensvorschlag für die Kugeln doch noch nicht verkraftet.

Als ich an dem Hinweisschild „letzter Rastplatz vor der Eizelle in 3cm“ vorbeiflog, änderte ich meine Strategie und legte einen Zwischenspurt ein, der mich auch gleich in die Top 1.000 beförderte. Noch 2 cm, noch 1 cm – noch 100 Kollegen vor mir, noch 50, noch 10, wir alle schwimmen mit der allerletzten Kraft. Kurz vor dem Ziel platzt dem Führenden ein Enzym im Kopf und er stürzt. Ich kann im letzten Moment ausweichen, aber die Kollegen hatten nicht so viel Glück und rauschten in ihn hinein. Traurig, aber trotzdem hielt sich mein Mitleid in Grenzen, denn jetzt war der Weg für mich frei und zwei Millisekunden später, docke ich an einer weiblichen Eizelle an. Ich richte mich noch kurz in meiner neuen Umgebung ein und falle dann erschöpft in einen langen, erholsamen Schlaf.

Als ich 2 Monate später aufwache, bin ich ganz schön gewachsen. Ich sehe kleine Ärmchen und Beinchen an meinem Körper. Ich sehe? Ja, tatsächlich, in der Stecknadelkopf großen Kugel zwischen meinen Schultern, sind 2 mikroskopisch kleine Augen. Die Sehstärke ist nicht sehr stark ausgeprägt, deshalb notiere ich auf der Wand meiner Eizelle „Optiker aufsuchen“. Der kluge Mann baut vor.

Die nächsten 7 Monate vergehen wie im Flug. Arme, Beine, Kopf sind mächtig gewachsen und ich habe sogar einen kleinen Wurmfortsatz zwischen den Beinen, dessen Sinn sich mir noch nicht so ganz erschließt. Trotzdem kratze ich ihn nicht weg, man weiß ja nie, wofür man das Ding später noch gebrauchen kann. Meine Sehfähigkeit ist auch besser geworden, also streiche ich den Optikerbesuch wieder von der Zellwand.

Erstmal abwarten, wie sich die Dinge hier weiterentwickeln.

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