In the Ghetto – Update 04.06.2021

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** BIOGRAFIE **

Drei Tage später war es dann endlich so weit – wir durften nach Hause. In der Zwischenzeit hatte man mich zigmal gewogen, vermessen, untersucht, abgetastet, mir Holzstäbchen in den Hals gerammt und mit einer kleinen Taschenlampe in sämtliche Körperöffnungen geleuchtet.

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Bis heute wundere ich mich, warum sie mir danach keine TÜV Plakette auf den Hintern geklebt haben. Auf eine ASU (Abgas-Sonder-Untersuchung) wurde damals noch verzichtet, was aber vielleicht auch daran lag, dass man nicht genug Gasmasken hatte, um sich vor meinen Ausdünstungen zu schützen.

Meine Ma rief später immer entzückt „oh, Peter Stuyvesant, der Duft der großen, weiten Welt“, wenn sie meine Windeln wechselte. Für meinen Vater war es das Warnsignal, um ins Wohnzimmer zu verduften. Der arme Kerl hatte nur leider die Rechnung ohne meine Ma gemacht, denn die drückte ihm, nachdem sie mich frisch gewickelt hatte, den übelriechenden Mülleimer mit den Worten in die Hand:

„Liebchen, bring den doch mal eben runter.“

Es ist übrigens nur ein Gerücht, dass ich als Baby auch zu oft vom Wickeltisch gefallen bin, wenn meine Ma meinem Dad den Mülleimer brachte.

Vom Hildegardis Krankenhaus in Köln Lindenthal ging es per Taxi in mein neues Heim nach Zollstock. Ehrlich gesagt, hatte ich mir anfangs doch ein etwas luxuriöseres Heim für meine Kindheit erhofft. Es musste ja nicht gleich wie bei Moses sein, den man in einem Bastkörbchen aus dem Nil gefischt hatte, in einem Palast aufwachsen durfte und dem der liebe Gott später die 10 Gebote mitgegeben hat. Ein Glück, dass nur 10 Gebote auf die Steintafel passten, sonst hätten wir zu den ganzen Verboten und Vorschriften unserer Regierung, auch noch andere Anweisungen zu befolgen.

Wie Tarzan, der von Affen großgezogen worden war, wollte ich dagegen nicht aufwachsen und deshalb habe ich meinen Vater anfangs wohl auch ziemlich misstrauisch beobachtet, ob er den aufrechten Gang beherrscht, oder silberne Haare auf dem Rücken hat, aber da war alles in Ordnung

Mein Schicksal sollte mich nach Zollstock führen, das zu der Zeit nicht gerade ein Kölner Vorzeigeviertel war. Im Gegenteil, unser Hausmeister pfiff von morgens bis abends „in the Ghetto“ von Elvis Presley, viele „Ratten“ liefen nur auf zwei Beinen und mit „Sperrmüll“ und „Altkleidersammlung“ hatten wir sogar zwei eigene Feiertage. Es gab Tage, da hoffte ich darauf, dass mir meine Ma die Bananen ungeschält und unpüriert gegeben hätte, mein Vater sich am opulenten Kronleuchter durchs Wohnzimmer geschwungen hätte, oder mir der Hausmeister, wahrscheinlich ebenfalls auf einer Steintafel, die Hausordnung  in die Hand gedrückt gedrückt hätte.

Als Kleinkind hat man ja den Vorteil, dass man entweder getragen, oder im Kinderwagen durch die Gegend kutschiert wird. Als ich sah, dass die Wohnung meiner Eltern auf der 3. Etage war, beschloss ich spontan, diesen Vorteil auch so lange wie möglich zu nutzen. Immerhin waren es 58 Stufen von der Eingangs- bis zur Wohnungstür.

Der Nachteil ist, dass man dabei sehr nahe an den Sprechorgangen der Träger ist, die zu allem Überfluss dann auch noch über so eine ausgezeichnete Kondition verfügten, dass sie mich nicht nur sicher durch die Wohnung oder die Treppen rauf und runter trugen, sondern mich zusätzlich mit irgendwelchen unsinnigen Worthülsen zutexteten, auf die ich mir zunächst überhaupt keinen Reim machen konnte.

Irgendwann, das genaue Datum ist mir leider entfallen, hatte ich nicht nur die Schnauze, sondern auch die Windel gestrichen voll und das auch schon über einen etwas längeren Zeitraum. Meine Ma saß mit ihrer Mutter, die sie mir ständig als Ommmm – ma versuchte vorzustellen, am Küchentisch und ging mit ihr den Einkaufszettel für den nächsten Tag durch, ich lag in einem kleinen, von einem engmaschigen Netz umhüllten „Käfig“. Smartphones gab es damals leider noch nicht, sonst hätte ich wahrscheinlich längst eine Not-SMS an den Kinderschutzbund geschickt.

Da ich schon damals kein Mensch vieler Worte war, was bis heute auch so geblieben ist, war mir Ommmm – ma iel zu lang und ich beschränkte das erste gesprochene Wort, das jemals meinen Stimmbändern entfleuchen sollte, auf ein kurzes, knackiges Ma Ma. Das sind gerade mal vier Buchstaben, auf denen ich später noch häufiger sitzenbleiben sollte, aber es reichte, um meine Ma und ihre Mutter in wildes Entzücken ausbrechen ließ. Hatte ich was Falsches gesagt? Beide stürzten auf meinen „Käfig“ zu und ich sah neben vier blitzenden, weißen Zahnreihen auch ein paar Tränchen aus ihren Augen kullern.

Meine Ma nahm mich aus dem „Käfig“ und drückte mich fest an meine Lieblings Futterquelle. Was sie dabei mit, oder besser gesagt in der vollen Windel anrichtete, verschweige ich an dieser Stelle lieber.

Der Schatz hat „MAMA“ gesagt und als sie diesen Satz zum ca. 12. mal hervorgebracht hatte, dämmerte es mir so langsam. MAMA war das Zauberwort, um meine Mutter fortan zu allem zu motivieren, wonach mir war.

MA MA rufen, abwarten bist sie mich aus dem Ställchen holte und dann mit dem Finger auf irgendetwas zeigen, wonach mir gerade war. Hatte ich Hunger, legte ich meine kleine Faust auf ihre Brust und in Windeseile bekam ich die süßliche und wohlschmeckende Nahrung, hatte ich die Windel voll, klopfte ich kurz auf meinen Hintern und bekam sofort eine neue an.

Leider funktioniert dieser Trick wirklich nur als Baby und mit MA MA. Jeder spätere Versuch mit RO SI, CLAU DI, U TE oder GA BI, wurde, teilweise sogar handgreiflich, von den Frauen niedergeschmettert.

Wurde ich die ersten Monate noch wie ein König im eigenen Wagen durch die Gegend kutschiert, die Treppen raufgetragen und abends sanft in mein Bettchen gelegt, bemühten sich meine Eltern nahezu fast täglich darum, mir das laufen auf den eigenen, damals noch krummen Beinchen, beizubringen.

Fiel ich dabei auf die Nase, was gerade in der Anfangszeit doch häufiger vorkam, wurde ich getröstet und mit Süßigkeiten überhäuft, bis selbst das letzte Tränchen versiegt und meinem tapferen Lächeln gewichen war.

Ich kann wirklich nicht leugnen, dass mir mein Leben bis dahin außerordentlich gut gefiel. Überall war ich der große Star, der Stammhalter der Familie Schmitz, der stolz präsentiert und herumgereicht wurde. Das war mir aber egal, so lange ich nicht selbst laufen musste.

Die schöne Zeit verging leider viel zu schnell und mit ihr die Annehmlichkeiten meines noch so jungen Lebens. Mit knapp 2 Jahren stellte ich mit Bedauern fest, dass meine Ma wieder zunahm und das kam nicht von ihrem immer so lecker zubereiteten Essen.

Am 29. Oktober 1963 lag meine liebe Ma wieder im Krankenhaus und zwei Tage später hatten wir den nächsten Schreihals in der Familie, meine Schwester Heike. Mit ihr konnte ich nicht so viel anfangen und sie schien mir auch von einem anderen Planeten zu kommen. Wenn meine Ma sie wickelte, oder badete, fiel mir auf, dass sie nicht so vollständig entwickelt wie ich war, auch wenn der Unterschied nur wenige Zentimeter betrug.

Hatte der Popo Klatscher im Krankenhaus die Nabelschnur vielleicht zu hoch abgeschnitten, oder war das einfach nur eine Laune der Natur?

Vorerst gab ich mich damit zufrieden, dass wir zumindest dann gleich aussahen, wenn wir auf dem Bauch lagen, wenngleich mir mein Popo bedeutend besser gefiel.

Wir waren jetzt jedenfalls zu viert und so wie ich in den ersten beiden Jahren die Annehmlichkeiten genossen hatte, fielen die nun erstmal meiner Schwester zu.

Mir tätschelte man dagegen jetzt nur noch den Kopf, wenn ich mir weh tat und bestenfalls wurde mal kurz auf die Wunde gepustet, was aber nie wirklich geholfen hat. Meine bitteren Tränen, ob der teilweise höllischen und von einem normal sterblichen Wesen kaum auszuhaltenden Schmerzen, wurden mit einem Taschentuch, in das Tanten und Onkel gerne vorher nochmal reingespuckt hatten, weggewischt, als wären es Wassertropfen auf einer chromglänzenden Spüle. „Stell dich nicht so an“, „Indianer kennen keinen Schmerz“, „wenn du damit unter die Straßenbahn kommst, wird’s eng für dich“ und weitere, ach so lustige Sprüche, die inzwischen eh mehr der Belustigung der Umstehenden, als meiner Erheiterung dienten, musste ich über mich ergehen lassen, bis ich dazu überging und mannhaft über jeden noch so großen Schmerz hinweg sah.

So konnte es jedenfalls nicht weitergehen. Ich musste mir was einfallen lassen und beschloss die Familie zu verlassen. Schnell einen kleinen Koffer mit dem Nötigsten, wie Legosteine, Schüppchen und Eimerchen, Matchbox Autos, gepackt, ich konnte ja schlecht mein weniges Hab und Gut zurücklassen. Meine Ma sah mich mit traurigen Augen an und fragte, wo ich denn hinwolle, mit meinem Koffer.

„ich gehe zu Oma und Opa auf die Vorgebirgstraße lautete meine patzige Antwort in der Hoffnung, jetzt keine Endlosdiskussion mit meiner Ma führen zu müssen.

„Na gut, wenn du meinst, dass du es da besser hast, dann geh, aber ruf wenigstens vorher an und kündige dich an“ Sprachs und schon hatte sie den Hörer in der Hand. Dankenswerterweise wählte sie sogar die Nummer ihrer Eltern über die komische kleine Scheibe mit den vielen Löchern und Zahlen.

„hallo Mama, ich gebe dir mal deinen Enkel, der möchte dir was sagen“, sagte sie und drückte mir den Hörer in die Hand.

„Hallo Oma, ich komme jetzt zu dir und bleibe bei euch“

Ich hatte liebend gerne das Gesicht meiner Oma in dem Moment gesehen, die aber – leider – ausgesprochen cool reagierte.

„Schatz, du weißt, dass du immer zu uns kommen kannst, aber dann sind Mama und Papa ganz traurig und dein Schwesterchen bestimmt auch, du bist doch jetzt der Mann im Haus und musst auf sie aufpassen.“

Kleine Tränchen kullerten über meine inzwischen rot gewordenen Bäckchen, ich weiß nicht mehr ob aus Traurigkeit, Hilflosigkeit, Überforderung, oder einfach nur aus Liebe zu meiner Ma und meiner Oma.

Plan A war also gescheitert, wenn auch aus nachvollziehbaren Gründen, aber ich hatte bereits einen Plan B gemacht, den ich jetzt ohne Gnade bereit war durchzuziehen.

„Mama, dann will ich eben in den Kindergarten“

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