Omas und Opas – der Junge muss an die frische Luft – Update – 08.06.2021

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** BIOGRAFIE **

Bevor ich mit dem Kindergartenteil beginne, möchte ich noch kurz ein paar Worte zu meinen Großeltern schreiben.

Über sie müsste ich eigentlich ein eigenes Buch schreiben. Für mich waren es die besten Großeltern der Welt und sie sind es bis heute, auch wenn sie schon viele, viele Jahre nicht mehr leben, geblieben.

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Einzige Ausnahme war mein Stiefgroßvater väterlicherseits. Ein unfassbar geiziger Mensch, auf den selbst der sparsamste Schotte und Dagobert Duck neidisch gewesen wären. Der hat wirklich jeden Pfennig so lange gedreht, bis er ein Stück Kupferdraht in der Hand hatte, das er dann zum Binden seiner Rosenstöcke im Schrebergarten nutzen konnte, um bloß keine Kordel kaufen zu müssen.

Ein Auge hatte er im Krieg verloren, aber wie ich den kenne, hatte er es wahrscheinlich gegen 3 Tafeln amerikanischer Schokolade eingetauscht.

Der leibliche Vater meines Daddys war 1947, mit gerade mal 46 Jahren verstorben. Das Leben kann grausam und ungerecht sein. Da überlebt man einen Weltkrieg und stirbt dann an einer profanen Zahnentzündung. Mein Vater war gerade mal 8 Jahre alt, als er durch diesen Schicksalsschlag Halbwaise und der Herr im Haus wurde.

Irgendwann hat meine Oma dann den XXL Schotten kennengelernt und bis an ihr Lebensende behalten. Oma, falls Du das irgendwann mal lesen solltest. Du hast nicht viele Fehler in Deinem Leben gemacht, aber der Typ war definitiv dein Größter.

Ein kleines Beispiel für seine “Geiz ist Geil” Mentalität, bevor ich ihn wieder aus meinem Gedächtnis streiche und in dieser Biografie nur noch erwähnen werde, wenn es für die Geschichte notwendig ist.

Mein Daddy und ich hatten ihm mal wieder im Garten geholfen, uns beim Brombeeren pflücken Hände, Arme und Beine zerkratzt und wollten uns gerade auf den Weg nach Hause machen, als meine Oma zu ihm sagte „gib dem Jung mal einen Groschen für Eis“. Zur Erklärung für die Nicht Kölner. Der Satz ist nicht wörtlich gemeint, sondern bedeutet, dass man dem anderen etwas Geld in die Hand drückt, besonders dann, wenn er dafür eine Gegenleistung erbracht hat.

Ihr Portemonnaie war in ihrer Handtasche und die lag in der kleinen, ziemlich schmuddeligen Gartenlaube. Also griff Stiefopa generös in die abgewetzte Tasche seiner Gartenhose, die wahrscheinlich, durch eine glückliche Fügung des Schicksals, beide Weltkriege überstanden hatte, zückte sein Portemonnaie, was ungefähr so dick wie eine Briefmarke war und drückte mir, mit einem großzügigen Lächeln, 10 Pfennig in die Hand. Ich glaube, es war das einzige Mal, dass ich nicht Danke gesagt habe, ohne von meinem Vater dafür gerügt zu werden.

Mein Vater war der Meinung, dass mir eine andere, viel größere Belohnung für meine Gartenarbeit zustehen würde, setzte mich in meine metallene Sitzschale, die auf dem Lenker montiert war und fuhr schnurstracks mit mir zum Van der Put. Stolz wie Oscar stellte ich mich auf die Zehenspitzen, legte den Groschen hin und bestellte, mit der mir angeborenen Freundlichkeit und Bescheidenheit, einen Fruchtbecher. Eddy, der Inhaber grinste und drückt mir eine kleine Waffeltüte mit einer Kugel Schokoladeneis in die Hand. Enttäuscht ging ich raus zu meinem Dad, der auf unser Fahrrad aufgepasst hatte. Er sah mein trauriges Gesicht, schmunzelte und sprach die weisen Worte “siehst du, das kommt davon, hättest du mich absteigen lassen und wärst nicht gleich in die Eisdiele gelaufen, hätte ich dir noch etwas Geld gegeben und du hättest jetzt ein viel größeres Eis”. Manchmal findet das Leben halt doch im Konjunktiv statt und Geduld war schon damals nicht meine Stärke. Sie ist es auch bis heute nicht geworden. Ich habe einfach keine Zeit dafür.

Der Vater meiner Mutter war ein Goldstück, den ich heute noch bewundere und liebe, auch wenn er seit 1986 auf einer hoffentlich wunderschönen Wolke im Himmel sitzt. Opa war Jahrgang 1908, hatte also den 1. Weltkrieg als Kind erleben müssen und wurde in den 2. Weltkrieg, wie Millionen andere Deutsche bzw. Männer und Frauen auf der ganzen Welt, hineingezogen, deutlicher gesagt, gezwungen. Freiwillig wäre wohl kaum jemand dieser Menschen in diesen sinnlosen Krieg gezogen.

Ab und zu und immer äußerst ungern, meistens nur dann, wenn ich ihm in meiner kindlichen Naivität mal wieder eine Frage gestellt hatte, erzählte mir mein Opa von diesem Krieg. Er hatte einen Unterschenkel verloren, als ihm und einem Kameraden befohlen wurde, ein vermintes Haus zu inspizieren. Sein Kamerad trat auf eine Mine und verlor sein Leben, mein Opa wurde schwerstverletzt und wäre, wenn es nach seinem Vorgesetzten gegangen wäre, zum Sterben zurückgelassen worden. Nur 3 Meter trennten meinen Opa von den im sicheren Abstand stehenden Kameraden, aber niemand traute sich ihn aus der Gefahrenzone zu ziehen. Er selbst schlug dann vor, ihm einen Mantel zuzuwerfen, mit dem sie ihn dann glücklicherweise auch herausziehen konnten. Den Rest des Krieges wurde mein Opa dann von einem Lazarett ins Nächste geschoben und in jedem dieser Lazarette wurde ihm ein Stück mehr von seinem Bein amputiert. Erst der Fuß, dann die Wade und schließlich der Rest seines Unterschenkels.

In einer anderen Situation, gab er einem russischen Kriegsgefangenen ein kleines Stück Brot, ohne zu wissen, dass auf diese einfache, menschliche Geste die Todesstrafe stand. Warum er aus dieser Situation unbeschadet herausgekommen ist, hat er mir nie erzählt.

Trotz dieser schrecklichen Erlebnisse und der Tatsache, dass Prothesen zu seiner Zeit noch schwer und kaum beweglich waren und sich dadurch sein Beinstumpf ständig entzündete, habe ich meine Opa nie jammern gehört. Vielleicht hat er es meiner Schwester und mir zuliebe nicht getan, das weiß ich natürlich nicht, vielleicht hat er sich auch einfach nur verstellt. Das habe ich später definitiv  von ihm übernommen. Mit einem ausgeprägten Humor, den er mir ebenfalls anerzogen hat, geht das eigentlich ganz leicht.

Wie heißt es so schön und treffend: “doch wie es da drinnen aussieht, geht niemand was an !!

Seine Frau, meine Oma, Jahrgang 1912, war bei Kriegsanfang zu Hause geblieben und hat sich um ihre zwei Kinder, meine Ma und meine Tante gekümmert. Es wurde ein jahrelanger, täglicher Überlebenskampf, in dem man versuchte zumindest ein Minimum an Normalität zu wahren. Meine Ma und meine Tante besuchten die Grundschule und spielten danach in den Trümmern, die nach einem der zahlreichen Bombenangriffe der Alliierten übriggeblieben waren.

Meine Oma ging einkaufen, machte den Haushalt und versorgte so gut es ging ihre Kinder. Heulten die Sirenen, flüchteten alle in den Schutzbunker, in dem sie mit Nachbarn, Freunden und wildfremden Menschen beteten, dass die massiven Steinbauten Stand hielten.

Der schlimmste Angriff auf Köln fand in der Nacht vom 30. auf den 31. Mai 1942 statt.

Der erste Luftangriff der Royal Air Force (RAF) mit über 1000 Bombern bekam den Namen Operation Millennium und hatte Köln zum Ziel. Der Chef des RAF Bomber Command und Planer der Operation, Luftmarschall Arthur Harris hatte ursprünglich Hamburg als Ziel ausgewählt, was aber wegen der Wetterbedingungen am Angriffstag nicht möglich war. Der Angriff wurde im Rahmen der britischen Area-Bombing-Directive-Offensive durchgeführt. Hierfür wurden verschiedene Aspekte angeführt:

Man erwartete, dass eine großflächige Verwüstung der Großstädte das Deutsche Reich schwächen oder zumindest die Moral in der Bevölkerung brechen werde.

Die Angriffe waren nützliche Propaganda für die Alliierten und besonders für Harris’ Konzept des strategischen Flächenbombardements, mit dem Schwerpunkt auf Brandbomben. Mein Dad hat heute noch eine großflächige „Erinnerung“ auf seinem Bein von diesen Brandbomben.

Warum der Kölner Dom bei diesen Angriffen weitestgehend verschont wurde, steht nicht zweifelsfrei fest. Manche sagen, dass unser Wahrzeichen aus Respekt nicht bombardiert wurde, andere Stimmen sprechen von einem Orientierungspunkt, den sich die Alliierten bewahren wollte, weil der in unmittelbarer Nähe liegende Hauptbahnhof das eigentliche strategische Ziel war.

Ansonsten war Köln fast vollständig zerstört und meine Oma wurde mit ihren Kindern nach Bautzen in Ostsachsen deportiert. Dort lebten sie einige Zeit, unter erbärmlichsten Bedingungen, auf einem Bauernhof.

Einen Kommentar, wie im Vergleich die Millionen Schutzsuchenden, die heute nach Deutschland kommen, betreut und versorgt werden, erspare ich mir an dieser Stelle. Nur so viel. Wir sprechen heute nur von „unseren“ Verfehlungen im 2. Weltkrieg, dem Holocaust und den ca. 6 Millionen Juden, die durch den Befehl und die Ideologie eines einzigen wahnsinnigen, barbarischen und komplett durchgeknallten Bastards, ums Leben gekommen waren, aber niemand spricht von den ebenfalls ca. 6 Millionen Deutschen die während des Krieges und danach, in russischer Gefangenschaft, getötet wurden. Nicht jeder Soldat war ein Nazi und nicht jeder Nazi ein Soldat.

Der 2. Weltkrieg endete, durch die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht, am 8. Mai 1945. Kriegsbeginn war am 1. September 1939. Deutschland lag in Trümmern und die Bevölkerung wusste nicht, wie es jetzt weitergehen wird, geschweige denn, ob sie den nächsten Tag überleben würde. Viele verhungerten, andere starben durch Blindgänger, die sie beim wühlen in den Trümmern ausgegraben und dadurch doch noch zur Explosion gebracht hatten.

Nur einer wahrlich logistischen Meisterleistung und einer riesengroßen Portion Glück ist es zu verdanken, dass mein Opa bei seiner Entlassung aus dem Lazarett erfuhr, wo sich seine Familie befand und sich sofort auf den Weg nach Bautzen machte.

Mit einem kleinen Handkarren machten sich Opa, Oma, meine Ma und meine Tante auf Schusters Rappen auf den Weg ins über 600 km entfernte Köln. In Bautzen zu bleiben und dort eine neue Existenz aufzubauen, war nie eine Option.

Ohne diesen eisernen Willen wäre ich heute ein „Ossi“, was nicht despektierlich gemeint ist und hätte fast 30 Jahre lang einen Vorgeschmack auf das bekommen, was dieses Land seit dem Fall der Mauer, am 9. November 1989, mitmachen muss.

DANKE, lieber Opa und liebe Oma, dass mir das durch euren Einsatz erspart geblieben ist.

Das ist auch selbst heute, über 75 Jahre danach, noch der Grund, warum meiner Ma und mir beim Willi Ostermann Lied „Heimweh noh Kölle“, immer noch die Tränen in die Augen schießen.

Wenn ich su an ming Heimat denke
Un sin d’r Dom su vür mer stonn,
Mööch ich direk op Heim an schwenke,
Ich mööch zo Foß noh Kölle jon.

Eine Übersetzung kann ich mir an dieser Stelle wohl sparen

Zurück in Köln wurde nicht lange gejammert, oder lamentiert, sondern angepackt. Aus den Trümmern suchte man sich zusammen, was noch irgendwie zu verwenden war und zimmerte sich daraus eine Wohnung. Was nicht passte, wurde passend gemacht und auf Dinge, die nicht zu beschaffen waren, musste man halt vorerst verzichten. Eine ganze Stadt beseitigte die durch den Krieg entstandenen Schäden und baute Köln Stück für Stück wieder auf. Wenn meine Großeltern, oder meine Eltern mir später von dieser Zeit erzählten, war aus ihren Worten nicht nur Verzweiflung und Trauer über diese Zeit herauszuhören, sondern immer auch ein Funken Stolz, dass sie sich alle dieser Aufgabe gestellt hatten und am Wiederaufbau beteiligt waren.

Vermisst habe ich bei ihren Erzählungen nur die vielen, vielen türkischen Arbeiter, die, wenn man den Grünen Glauben schenkt, die einzigen Trümmerfrauen, -männer, -kinder nach dem Krieg waren, aber vielleicht waren die ja in anderen deutschen Großstädten aktiv, sicher nicht in Köln. Das ist einer der Gründe, warum ich niemals diese Deutschland verachtende Partei wählen werde.

Ich mag es nicht, wenn man die heutige Geschichte unseres Landes verfälscht, um die jungen Generationen so in eine völlig falsche Richtung zu manipulieren.

So lange ich zurückdenken kann, lebten meine Großeltern auf der Vorgebirgstraße in Köln Zollstock, Haus Nr. 113, 1. Etage rechts. Meine Eltern leben heute gleich gegenüber in Haus Nr. 114 und so wird sich irgendwann ihr Lebenskreis dort schließen, wo meine Ma aufgewachsen, mein Daddy um ihre Hand anhielt und sie sogar ihre Hochzeitsnacht verbringen sollten.

Als Kind habe ich bei meinem Opa auf dem Kindersitz seines Fahrrads gesessen, der ebenfalls auf dem Lenker angebracht war und wir fuhren in den Grüngürtel. Da gab es dann die leckeren Butterbrote mit Schlömer Leberwurst vom Strüning, die Oma uns liebevoll auf Hermanns Graubrotschnitten geschmiert und mitgegeben hatte, wir saßen zusammen unter dem hölzernen Pilz am Kahnweiher beobachteten die Vögel, die am Himmel durch den Grüngürtel flogen und sich manchmal sogar, in der Hoffnung ein paar Brotkrumen zu bekommen, ganz in unsere Nähe trauten. Ich war schon damals gut zu Vögeln, was sich bis heute nicht geändert hat.

Im Herbst ließen wir einen großen Plastikdrachen steigen, den Opa mir natürlich ebenfalls geschenkt hatte. Der Drachen hieß bei meinem Opa, warum auch immer, “Pattevuul” und ich weiß bis heute nicht, wie man dieses Wort übersetzen soll. Ne “Vuul” ist ein Vogel, “Patte” haben wir früher, umgangssprachlich, zu Geld gesagt, aber Geldvogel ergibt irgendwie keinen Sinn.

Ab und zu durfte ich meinen Opa sogar aus dem sonntäglichen Frühschoppen abholen, damit er pünktlich zum Essen zu Hause war. Wenn Oma das Essen fast fertig hatte und unruhig auf die Uhr schaute, wusste ich, dass jetzt bald das Kommando kam, ihn aus der schräg gegenüberliegenden Kneipe zu holen. Die Gaststätte gibt es übrigens heute noch. Sie hieß damals wie heute Mehl und befindet sich an der Ecke Vorgebirg- und Herthastraße.

Opa freute sich zwar immer, wenn er mich sah, er wusste aber auch, dass es jetzt an der Zeit war, seinen Deckel zu bezahlen und sich brav mit mir und Oma an den Esstisch zu setzen. Manchmal leuchteten dabei seine Wangen etwas rötlich, was aber sicher nicht am zu heißen Essen lag. Mit ca. 8 Jahren befand ich mich alt genug, am Frühschoppen teilzunehmen und bat meinen Opa mich mitzunehmen. Wie bereits erwähnt, konnte er mir (fast) keinen Wunsch verweigern und so gingen wir 2 fortan Sonntags zum “Mehl”.  Irgendeiner von Opas Theken Kumpel hob mich dann auf dem Hocker, weil die Wirtin sonst zwar meine Bestellung gehört, aber nicht gesehen hätte, wer da gerade energisch ein Malzbier geordert hatte. Der Hocker hatte aber nicht nur den Vorteil, dass ich mittendrin, statt nur dabei war, sondern ich hatte auch freie Sicht auf die wenigen Süßigkeiten, die in der Vitrine, gleich neben den hausgemachten Frikadellen und den Mettwürsten lagen. Da gab es Salzstangen, kleine Päckchen Erdnüsse von Ültje, die “Ürtnüsskürne mit dem Ü” und die von mir bevorzugten kleinen Tafeln Schokolade, Vollmilch und Nuss. Den Dackelblick aus meinen grün-braunen Kulleraugen konnte ich damals schon sehr gut aufsetzen und ein Blick in die Runde reichte und ich hatte alles vor mir auf der Theke liegen. Oma wunderte sich dann später, warum ich so schnell satt war.

So richtig fasziniert hat mich aber von Anfang an der Flipper und als ich dann groß genug war, zumindest halbwegs auf die Glasscheibe sehen zu können, stellte ich mich neben die Männer am Flipper, hielt mich mit meinen kleinen Fingerchen am Rand fest und bestaunte die durch das Spielfeld flitzende, silberne Kugel. So manchem dieser selbsternannten Flipperkönige gefiel das gar nicht und mehr als einmal bekam ich ein “dunn die Finger weg, Jung” zu hören. Was mich störte, waren die Raucher am Flipper, die ihre Kippen während der Spielzeit auf die Glasscheibe legten. Hatten sie dann eine gute Kugel erwischt, brannte die natürlich runter und hinterließ braun gelbe Schlieren auf der Glasplatte. Tja, was soll ich sagen, viele, viele Jahre später lag auch meine Kippe auf dem Flipper. Das war natürlich etwas ganz anderes und überhaupt nicht dramatisch.

Heilig Abend verbrachten wir jedes Jahr zuerst bei meinen Großeltern auf der Vorgebirgstraße. Es gab leckeren, selbst belegten Obstkuchen, immer mit Pfirsichen außen herum, einer Scheibe Ananas in der Mitte, deren Loch in der Mitte dann wiederum mit ein paar Kirschen gefüllt wurde. Im Laufe der Zeit, der Kuchen hatte längst seinen Weg auf jede Familienfeier gefunden, nannten meine Schwester und ich ihn nur noch Standardtorte.

Dazu gab es für Heike und mich einen Kakao., den ich ein paar Jahre später durch meine eigene Version eines Milchkaffees ersetzte. Eine Dose Büchsenmilch und gefühlte 5 Esslöffel Zucker wurden mit einem Schluck Kaffee aufgefüllt. Meistens hatte ich aber meine herrlich süße Erfindung bereits ausgelöffelt und verzichtete auf den Schluck Kaffee.

Opa spielte jeden Heiligabend das Christkind. Wenn er das kleine Glöckchen läutete, wussten wir, dass das Christkind weg war und wir in dem kleinen Wohnzimmer unsere Geschenke auspacken durften. Mein Opa stand, sich mit einer Hand am Stuhl abstützend, vor dem künstlichen Weihnachtsbaum, mit den kleinen Tannenzapfen aus Plastik, die man auf jeden Zweig stecken konnte und strahlte über das ganze Gesicht. Ich weiß es nicht genau, aber vielleicht freute er sich so manches Mal sogar ein bisschen mehr, als meine Schwester und ich. Die Familie war für ihn heilig und bei der Geschichte, die er erlebt hatte bzw. erleben musste, war er nicht nur froh, dass diese Familie komplett geblieben ist, sondern er auch noch dabei sein konnte.

Eine kleine Anekdote zum künstlichen Weihnachtsbaum. Heike und ich waren die nach Wald duftenden, echten Weihnachtsbäume gewöhnt, die sowohl bei uns zu Hause, als auch bei den Großeltern auf der Luxemburger Straße standen. Irgendwann fragte meine Schwester unseren Opa:

Opa, warum hast du denn nur noch einen künstlichen Weihnachtsbaum?
Müüsje (Mäuschen), so nannte mein Opa sie immer, weil der nicht so nadelt, wie die anderen.

Damit war das Thema erledigt und wurde nie wieder erwähnt.

Das eine Jahr gab es für mich eine Märklin Eisenbahn, im nächsten die Rennbahn von Carrera, dann einen Tretroller mit dicken Gummireifen und sogar einem Gepäckständer, einen schönen, großen Holzschlitten, später auch mein erstes Fahrrad und hunderte andere tolle Spielsachen, an die ich mich beim besten Willen nicht mehr erinnern kann. Unglaublich, aber wahr, in dem Jahr, in dem ich den Schlitten bekam, hatten wir weiße Weihnachten in Köln und ich ließ mich von meinem Vater von der Vorgebirgstraße bis zu unserer Wohnung ziehen. Bis dahin kannte ich das nur von meiner Ma, die mir ab und zu ankündigte, dass sie mit mir “Schlitten fahren” würde. Komischerweise sagte sie das auch im Sommer, wenn es viel zu warm für Schnee war.

Meine Schwester kam natürlich auch nicht zu kurz. Bei ihr war es ein Luxus Puppenwagen mit allen Schikanen, incl. Barbie Puppe(n). Selbst ich erinnere mich noch an „Schlummerle“ und sogar an eine ganz süße Negerpuppe, in gelbem Strickkleidchen und dazu passender kleiner Mütze. Heute würde ich mir dafür eine Anzeige wegen Rassismus einfangen, aber es ist ja nur ein Zitat längst vergangener Jahre und damit erlaubt. Ich frage mich eh immer, wie man bei Negerkuss, Mohrenkopf oder Zigeunerschnitzel auf den Gedanken kommen kann, dass dahinter ein rassistischer oder diskriminierender Gedanke steckt.

Für mich ist es ein weiteres Beispiel, wie schwachsinnig die heutigen Vorgaben sind und wie sehr wir von der Regierung gegängelt werden. Wenn man nach den Grünen geht, hat meine Schwester eine dunkel pigmentierte Puppe mit Spielhintergrund bekommen.

Von Oma und Opa bekam sie auch ihr ihr erstes Fahrrad, ein rotes Klapprad, das sie dann stolz von der Vorgebirgstraße zu uns nach Hause auf dem Höninger Weg fuhr. Besser gesagt ließ sie sich von meinem Vater schieben. Der arme Kerl war immer froh, wenn wir nichts fahrbares bekamen, sondern er “nur” die vielen Tüten schleppen musste.

Zu Hause gab es dann die zweite Bescherung und den für Heilig Abend obligatorischen Truthahn. die Dritte dann am 1. Weihnachtstag bei der anderen Oma und ihrem Anhängsel. Im Gegensatz zu den Zollstocker Großeltern, bekam ich in Klettenberg nur nützliches Spielzeug, dass man tagelang zusammenbauen musste, um damit spielen zu können. Oft gab es auch Kleidung, in den unmöglichsten Farben und Formen. Meine Schwester und ich sahen uns nur an und wussten sofort Bescheid. Diese Klamotten würden wir niemals anziehen. Die Krönung war ein übelst hässlicher, brauner Pullover, den sie mir geschenkt hatten. Zu allem Überfluss hatten mich meine Eltern dazu verdonnert, den bei ihrem nächsten Besuch in Zollstock zu tragen. Die Tür geht auf, Stiefopa kommt ein und was trägt er? Richtig, den gleichen übelst hässlichen Pullover, den sie mir zu Weihnachten geschenkt hatten. Selbstredend, dass ich diesen Pullover danach nie wieder angezogen habe.

Der 2. Weihnachtstag war Ruhetag und es wurden erst die Reste vom Truthahn und dann die Süßigkeiten vom Weihnachtsteller verputzt. An der Stelle noch ein schönes Beispiel für den Geiz vom Stiefopa. Abgesehen davon, dass der Truthahn Bürzel, also der Hintern von dem Tier, immer für ihn reserviert war, ein anderer hätte den eh nicht gegessen, putzte er die übrig gebliebenen Knochen, bis auf die letzte Faser. Die Knochen waren danach blank, als hätten sie jahrhundertelang in der Tasche vom Ötzi gelegen. Selbst der Hund, ein Dackelhündin mit dem Namen Susi, schüttelte den Kopf, als sie sah, dass für sie nichts mehr übrig blieb.

Meine Wochenende Besuche bei Oma und Opa waren nicht ganz uneigennützig. Es gab immer leckeres Essen, was nicht heißen soll, dass es mir bei meiner Ma nicht geschmeckt hat, aber jeder, der als Kind bei Oma zum Essen war weiß, wie ich das meine. Ich durfte Fernsehen bis zum Einschlafen, was manchmal früher geschah, als mir lieb war und hier und da gab es Geld für Süßigkeiten vom Kiosk gegenüber. Meistens wenn ich für Oma gegenüber in dem kleinen Tante Emma Laden noch ein paar Sachen einkaufte. Den Rest vom mitgegebenen Geld durfte ich für Süßigkeiten ausgeben, die fein säuberlich, in dicken großen Gläsern neben der Einkaufstheke standen.

Schon für 50 Pfennige konnte man sich eine große Auswahl an Weingummi, Lakritz und Schokolade zusammenstellen, übrigens sehr zum Leidwesen der Kiosk Betreiberin, die mühsam die ganzen sauren Stäbchen, Weingummischuhe, Negerpfennige oder Blätter des völlig geschmacklosen, aber halt trotzdem unverzichtbaren Esspapier zählen musste. Viele Süßigkeiten kosteten gerade mal 1 Pfennig, also ungefähr einen halben Cent nach heutiger Währung. Ein Stangen-Wassereis, bei dem man nur mit sehr viel kindlicher Phantasie die Geschmacksrichtung vom einfach gefrorenen Leitungswasser unterscheiden konnte, war mit 10 Pfennig fast schon ein Luxusartikel. Dagegen war das Brausepulver von Frigo sehr viel Geschmacksintensiver und dessen Verzehr war auch immer ein ganz besonderes Ereignis. Man spuckte sich auf die Handfläche, je schmutziger die Hand war, umso besser, streute, je nach Mut, ein bisschen von dem Brausepulver darauf, das sofort zu schäumen anfing und schleckte sich dann die Hand ab. Das Zitronenpulver war extrem sauer, deshalb nahm ich davon immer nur eine kleine Portion. Die ganz Harten streuten sich davon die ganze Tüte auf ihre Spucke und versuchten natürlich, um den anderen zu imponieren, keine Miene zu verziehen. Meine Ma wusste immer, wann ich mal wieder Brausepulver geschleckt hatte, weil meine Handinnenfläche dann sauber war und der Rest erstmal geschrubbt werden musste, bevor ich mich an den Essenstisch setzen durfte.

Die Negerpfennige, oder auch Negergeld genannt, waren kleine, runde Lakritzscheiben, auf denen man mit viel Glück und Mühe eine 1, 2, 5, 25 oder sogar 50 entdecken konnte und kosteten, man höre und staune, nur einen Pfennig. Nomen ist halt manchmal doch Omen. Jeder, vom Kind bis zum Greis, nannte diese herrlich leckeren Lakritz wirklich Negerpfennig, aber niemand hätte im Traum daran gedacht, damit eine ganze Menschenrasse zu diskreditieren. Heute würde man wegen Volksverhetzung angeklagt, wenn man auch nur das Wort in den Mund nehmen würde und es hieße sicher

„aus Süßholz hergestellte, tief dunkel pigmentierte Münzkopie mit Verzehrhintergrund“

Der Kunde war in dieser Zeit noch König war, selbst wenn ich von der Statur her eher noch zu den 7 Zwergen zählte.

Es war eine herrliche Zeit für einen Panz wie mich. Mir fehlte es an nichts, aber das ist wirklich nicht der Grund, warum ich mich noch an so viele Details aus dieser Zeit erinnern kann.

Oma und Opa auf ihrer goldenen Hochzeit

Die Mutter meines Vaters, die wir die „andere“ Oma nannten, war ebenfalls eine wahnsinnig herzliche, liebevolle Frau, wenn auch resoluter, als die „eine“ Oma. Sie musste ebenfalls zwei Weltkriege überstehen, wurde 1946 Witwe und während des Krieges nach Biedenkopf an der Lahn in Hessen deportiert.

Als Kind bin ich an den Wochenenden auch gerne mal zu ihr gegangen. Sie wohnte mit ihrem Halbblinden am Ende der Luxemburger Str. in Klettenberg, kurz vor dem Militärring. Wer die Örtlichkeiten kennt, der weiß, dass es schon ein etwas weiterer Weg von Zollstock zu ihr war. Deshalb musste ich mir auch etwas einfallen lassen und traf mich mit ihr auf dem Klettenberger Wochenmarkt. Dort trug ich ihr dann die Taschen und brachte sie ihr anschließend zum Auto des Zyklopen, der Kreuzworträtsel lösend in seinem alten VW saß und auf Dackel Hündin Susi aufpasste.

Ab und zu stieg ich dann halt auch gleich mit ein und verbrachte den Rest des Wochenendes bei ihnen. Diese Wochenende liefen dann aber ganz anders ab, als die in Zollstock. Oma kochte ebenfalls super lecker und das auf einem damals üblichen Kohleofen, allerdings waren die Gerichte etwas ausgefallener, weil viele Zutaten, besonders Kartoffeln und Gemüse, aus dem eigenen Garten kamen. Dazu gab viel selbst eingemachtes, zum Beispiel kleine Zwiebel und Quitten aber auch Marmelade aus Gartenfrüchten wie Brombeeren, Erdbeeren, Rhabarber, etc.. Ich kann nur jedem empfehlen mal ein Brot oder Brötchen mit Frischkäse und  eingelegten Quitten zu probieren, oder Quark mit frisch geriebenen Meerrettich. Es gab Hühnermägen, -herzen und -leber, dasselbe von der Pute. Ein paniertes Schnitzel habe ich dagegen nie bekommen, das war die Spezialität der Oma von der Vorgebirgstraße. Nachtisch war ein Vanillepudding mit frischen Himbeeren, der in der Kanada Geschichte noch eine bedeutende Rolle spielen wird oder ein Griesbrei mit Rosinen, oder Kirschen Michel, eine Art Pfannkuchen und ein Rezept, dass sie aus Biedenkopf in Hessen nach Köln importiert hatte.

Ich vermute, dass ich von meinen Omas gelernt habe, dass man erstmal alles probieren sollte, bevor man sagt, es schmeckt nicht.

In der Mitte vom Markt war eine kleine Kiosk Bretterbude, der immer eine große Auswahl an Comics hatte. Ich brauchte nur in die Richtung zu blicken und schon zog Oma ihre „Jung“, wie sie mich immer nannte, zum Kiosk rüber und ich hatte die freie Auswahl, die ich manchmal wirklich schamlos ausnutzte, aber wer konnte schon „Dan Cooper“, „Umpah Pah“, „Bessy“, „Fix und Foxi“, Micky Maus und seinen Freunde widerstehen, wenn sie einem vom Hochglanz Titelbild zublinzelten. Ein besonderer Feiertag für mich war immer der Tag, an dem das neue lustige Taschenbuch von Walt Disney erschien, dass bereits damals schon mit 5 DM nicht ganz billig war. Eine Seite war bunt, die Nächste schwarz weiß, die Verlage mussten sparen, meine Oma nicht, deshalb hielt ich auch immer, strahlend vor Glück, dass neue Taschenbuch in den Händen und hütete es wie einen Schatz. Später tauschte ich dann die Comics gegen Bravo, Popcorn, usw. was Oma natürlich sofort akzeptierte. Allerdings hielt ich die Zeitung immer fest verschlossen in den Händen. Die Dr. Sommer Zeiten wollte ich ihr dann doch nicht zumuten. Sie hatte nur eine Sache, die ich nicht bekommen sollte – Zigaretten. Sollte deswegen, weil sie ihre Meinung später auch änderte und brav meine Zigaretten am Kiosk bezahlte.

Auch den Kiosk gibt es noch, aber nachdem meine Oma gesundheitlich nicht mehr in der Lage war, mit mir über den Markt zu laufen, habe ich nie mehr dort gekauft.

die “Markt” Oma aus Klettenberg (1981)

 

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