Lehrjahre sind keine Herrenjahre

Mein Vater war Einkäufer bei PHB – Pohlig, Heckel, Bleichert, eine seit Ende des 19. Jahrhundert in Zollstock ansässige Maschinenbaufirma, die hauptsächlich durch ihren Seilbahnbau bekannt wurde. So wurde z.B. die Seilbahn am Zuckerhut in Rio de Janeiro ebenso von PHB gebaut, wie später die Rhein Seilbahn im Kölner Rheinpark, die heute noch Touristen und Einheimische vom Kölner Zoo, über die Zoobrücke, in den rechtrheinisch gelegenen Messe Park bringt.

Mein Großvater war ebenso bei PHB beschäftigt, wie mein Onkel und sogar meine Mutter hat ein paar Jahre dort im Büro gearbeitet, allerdings nur bis zu meiner Geburt. Von da an war sie Hausfrau und Mutter. Dass ich nicht auch bei PHB gelandet bin, habe ich 1977 selbst verhindert, in dem ich den schlechtesten Eignungstest abgeliefert habe, der jemals dort geschrieben wurde. Mein Vater hat wochenlang nur das Nötigste mit mir gesprochen, hatte er sich doch für mich eingesetzt, damit ich diesen Eignungstest überhaupt machen durfte.

Kleine Anekdote am Rande. Der Mann von Kölns bekanntester Karnevals Motto Sängerin, Marie Luise Nikuta, arbeitet auch in einer der großen Werkshallen und die Glocke, die 1979 in ihrem „KVB Lied“ erklingt, ist nicht etwa von der KVB, sondern eine Alarmglocke vom Pohlig, mit dem die Arbeiter gewarnt wurden, wenn der Betriebszug durch das Werk rollte.

https://www.youtube.com/watch?v=AQWtGlqCOz4

Meine Lehre zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel habe ich trotzdem auch in Zollstock begonnen. Die Firma G. Schneider & Söhne GmbH & Co KG hatte sich nicht von meinem schlechten Halbjahrs Zeugnis mit 3 Fünfen in Chemie, Mathematik und Französisch abschrecken lassen und mir eine Einladung zum Eignungstest geschickt. Der Test wäre heute ein Highlight auf jedem Comedy Festival. Der Personalchef, Otto Dürscheidt, war ein hektischer, nervöser Mann, der während dem Test in einem vom Schweiß dunkel gefärbtem, übel riechendem, blassrosa Hemd neben mir saß und sich räusperte, wenn er sah, dass ich einen Fehler, z.B. in den Rechenaufgaben machte, oder mir im Diktat über eine Kirmes die schwereren Worte, wie Achterbahn, Zuckerwatte und Karussell buchstabierte. Den Abschluss bildete ein Heimatkunde Fragebogen, in dem unter anderem die Frage stand, wie viele Brücken der Rhein bei Köln hat. Als ich spontan und mir meiner Antwort sicher eine 7 eintrug, räusperte er sich wieder. „es sind nur 6 Brücken, die der Rhein bei Köln hat“, flüsterte er, obwohl wir alleine im Büro saßen. „Nein, es sind 7“, antworte ich, mit der kompletten Selbstsicherheit eines zwar erst 16- jährigen, aber immerhin waschechtem kölschen Jung. „Nein 6“, „Nein 7“. Ich habe Herrn D. dann die Rheinbrücken, sogar Flussaufwärts, in der richtigen Reihenfolge, aufgezählt und er gab dann doch klein bei und korrigierte sogar das Ergebnis in seinen Unterlagen. Von den Lehrlingen, die nach mir bei GS&S anfingen, hörte ich dann später, dass es die Frage nach der Anzahl der Rheinbrücken noch viele Jahre im Eignungstest gegeben hat, nur seit 1977 eben mit 7 als der richtigen Antwort. Ich bin ziemlich sicher, dass ich dem armen Kerl sogar eingeredet hätte, dass Peter Maffay ein Kölner Mundartsänger ist und in seinem Lied „über sieben Brücken musst Du gehen“, die Brücken von Köln besungen hat, aber diese Version gab es damals noch nicht und von der DDR Gruppe Karat hatte ich noch nie etwas gehört.

Damit möchte ich aber eigentlich auch mehr sagen, dass ich schon damals eine große Klappe hatte, die mir in der Schulzeit bei den Lehrern, Mitschülern und im privaten Umfeld oft zum Verhängnis geworden war und mit der ich auch in meinem weiteren Leben noch oft unangenehm auffallen sollte.

Ein sehr intelligenter Mann, der später einige bedeutende Dokumentarfilme, u.a. für das ZDF gedreht hat und den ich im Urlaub auf Djerba kennengelernt habe, sagte mir mal bei einem Gespräch an der Hotelbar, dass ich einen verletzenden Humor hätte und oft nicht wüsste, wann der letzte Spruch gemacht sein muss. Ich wäre dann oft der Meinung, noch einen draufsetzen zu müssen. Er hat das überhaupt nicht böse gemeint. Im Gegenteil, ich mag Menschen, die ehrlich zu mir sprechen und bin auch Kritikfähig. Es kommt immer darauf an wie man und wer mir etwas sagt.

Zurück ins Jahr 1977. Am 1. September 1977 saß ich im Büro Einkauf 1 bei Herrn Schönen und Herrn Irrnich und habe meine kaufmännische Ausbildung begonnen. Der Abteilungsleiter, der gleich nebenan, durch eine Glaswand getrennt sein Büro hatte, war Herr Nüssgen. Er dürfte damals so Ende Vierzig, Anfang 50 gewesen sein und hat später mit seiner „Entscheidung“ vielleicht mein ganzes Leben beeinflusst, wenn nicht sogar gerettet. Und das kam so:

Meine 2. Station in der Lehre war das Lager. Dort standen auf 3 Etagen die verschiedenen Papiersorten, die von den Arbeitern kommissioniert, auf LKW geladen und dann an die Druckereien, Verlage, oder den Einzelhandel ganz NRW ausgeliefert wurden. Gleich am Eingang des Lager war der Schneidraum, in dem das Papier ggf. auf das vom Kunden gewünschte Maß geschnitten und anschließend von 2 Packerinnen wieder verpackt wurde. Die Arbeiter und Fahrer im Lager waren allesamt einfache, ganz normale, aber (fast) alle sehr nette Leute, die mich Jungspund gleich unter ihre Fittiche genommen haben. Während ich zum Anfang in der Mittagspause noch in die Büroetage gegangen bin, um dort mit den „feinen“ Kollegen meine Pause zu verbringen, bin ich schon nach kurzer Zeit lieber in den Aufenthaltsraum der Lager Jungs gegangen. Da gab es dann Kaffee aus der Thermoskanne, von der Frau, oder Mutter belegte Brote und ab und zu mal eine Frikadelle, oder eine Mettwurst. Dazu gab es reichlich derbe Sprüche, Spinde, mit den Fotos von nackten, vollbusigen Frauen in der Tür und manchmal einer versteckten Flasche Bier im Arbeitskittel. Was es aber immer gab, waren Zigaretten. Ich kann mich an keinen Lagerkollegen erinnern, der nicht geraucht hat. Es kam, wie es kommen musste. Den ersten Versuchungen konnte ich noch widerstehen, dann kam die erste Zigarette, aus der dann schnell 2, 3, 4, ganz viele wurden.

Ich verstehe bis heute nicht, wie ich mich überhaupt darauf einlassen konnte. Nach jedem Zug war mir kotzübel, mir brach der Schweiß aus und die Toilettengänge zogen sich danach auch immer mehr in die Länge. Wie hat Paul Breitner später mal so schön gesagt? „alle hatten Probleme mit Montezumas Rache, nur bei mir liefs flüssig“.

Man kann natürlich nicht immer nur Zigaretten schnorren, also habe ich eines Tages dann auch meine erste Packung am Automat gezogen. Die Dinger hingen fast an jeder Ecke und in jeder einigermaßen großen Firma und eine Packung Zigaretten kostete gerade mal 2,- DM. Für meine nicht ganz so alten Leser, das wäre Heute etwa 1 Euro. Je mehr ich rauchte, umso öfter musste ich dann natürlich auch Zigaretten kaufen. Außerdem wollte ich den Kollegen meine „Schulden“ zurückzahlen und war dementsprechend freigiebig beim Verteilen. Ich musste zwar zu Hause kein „Kostgeld“ abgeben, aber man kann und will ja auch nicht nur von Zigaretten leben.

Als ich mal wieder etwas klamm im Portemonnaie war, fiel mir ein, dass in unserem Konferenzraum immer ein Tablett mit Zigaretten für die Besucher lag, an dem ich mich dann „bedient“ habe. Die Kollegen wunderten sich zwar, warum ich meine Zigaretten plötzlich lose in der Tasche hatte und anscheinend von R6 über Ernte 23 und Lord Extra bis hin zu Reval ohne Filter alle Marken ausprobierte, fragten aber auch nicht weiter nach.

Das ging eine ganze Zeit lang gut, bis mich Herr Nüssgen im Konferenzraum erwischte, als ich mich mal wieder am Firmeneigentum bediente. Der Konferenzraum lag gleich gegenüber von seinem Büro und dahinter war das Büro des Geschäftsführers, Herr Plinke, ein meist übel gelaunter Mann mit dicker Hornbrille und zu viel Haarwasser auf dem Kopf. Als Herr Nüssgen registrierte, was da gerade passierte, sagte er „du wartest hier“, drehte sich um und wollte wohl Herrn Plinke holen. In meiner Panik rief ich „nein, nein, bitte nicht, bitte nicht“. Mir schossen sofort die Tränen in die Augen und wohl auch die ersten Gedanken an bevorstehende Konsequenzen. Fristlose Kündigung, keine Chance auf eine neue Lehrstelle, vielleicht eine Anzeige wegen Diebstahl, Polizei, die Schande, die ich meinen Kollegen, Freunden, aber vor allen Dingen meinen Eltern bereitet hatte.

Als Herr Nüssgen das sah, schloss er die Tür wieder, drehte sich zu mir um und redete ganz ruhig, aber bestimmt auf mich ein. „Warum kommst du nicht zu mir und fragst nach einer Zigarette? Du weißt, was das hier für Konsequenzen für dich hätte? Sollte ich dich hier noch einmal erwischen, gehen wir zusammen zum Plinke und jetzt geh auf deinen Arbeitsplatz. Ich will dich nie wieder alleine in diesem Raum sehen.“

Die nächsten Tage waren der Horror. Nachts bin ich schweißgebadet aufgewacht, weil ich geträumt habe, dass Herr Nüssgen mich doch noch beim Chef verpfiffen hat und ich von der Polizei in Handschellen abgeführt wurde. Meine Angst war unbegründet, Herr Nüssgen hat das Thema nie wieder erwähnt und wir haben sogar so manche Zigarette zusammen in seinem Büro geraucht, auch wenn ich dabei immer ein mulmiges Gefühl im Bauch hatte, aber das lag dann bestimmt an der Zigarette 😉

Lieber Herr H. G. Nüssgen, ich weiß, dass sie meinen Blog wahrscheinlich nie lesen werden, ich weiß ja nicht mal, ob sie überhaupt noch leben, was ich mir aber sehr wünschen würde. Herzlichen Dank, dass Sie damals nicht zu Herrn Plinke gegangen sind. Damit haben Sie mir nicht nur meine Lehrstelle bei Schneider & Söhne erhalten, sondern wahrscheinlich auch mein ganzes Leben beeinflusst. Wer weiß, was aus mir geworden wäre, hätten Sie damals nicht so menschlich reagiert. Ich möchte auch nicht darüber nachdenken.

Durch Sie habe ich gelernt zu verzeihen. Jeder Mensch macht Fehler und sicher auch so manche Dummheit, aber nur, wenn man das bewusst realisiert, kann man aus diesen Fehlern lernen und es besser machen.

Im Mai 1980 habe ich dann bei der Industrie und Handelskammer meine Abschlussprüfung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel bestanden, wenn auch mit einem nicht gerade berauschenden Ergebnis. Egal, es hat mich in meinem ganzen Leben niemand mehr danach gefragt und der einzige Kommentar von Herrn Plinke war:

„ist nicht besonders, aber jetzt gehen sie wieder zurück an ihren Arbeitsplatz“

~~ wird fortgesetzt ~~

3 Kommentare zu “Lehrjahre sind keine Herrenjahre

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