Einer flog über das Schwarzwaldnest – Teil 2

Vor dem Haupthaus der Klinik war eine kleine Einfahrt, die ich natürlich gleich nutzte. Warum sollte ich auch den großen Parkplatz hinter der Klinik nehmen, den ich beim vorbeifahren gesehen hatte?

Hey Leute, ich bin`s, der Herr Schmitz aus Köln, wo ist der rote Teppich, wo der Gepäckboy, soll ich mir die Wagentür etwa alleine aufmachen?

Nein, Freunde, wenn ihr schon so anfangt, fahre ich wohl besser gleich wieder nach Hause.

Etwas weiter hinten standen ein paar Autos. Ich war anscheinend also nicht der einzige Privatpatient. Vielleicht war das Personal ja gerade in der Mittagspause oder lag bei einem Therapeuten auf der Couch.

Es ist übrigens nur ein Gerücht, dass ein KFZ Mechaniker beim Psychiater unter der Couch liegen.

Auf der rechten Seite stand eine kleine Holzhütte, die mir zuerst gar nicht aufgefallen war. Darüber stand in bunten, selbst gemalten Buchstaben „TEERAPIERAUM“. Wo war ich denn hier gelandet? Wurden hier vielleicht nur Legastheniker behandelt und ich war in der völlig falschen Klinik?



Als ich, um sicher zu gehen, nochmal die Adresse überprüfen wollte, sah ich weißen Rauch aus der kleinen Hütte aufsteigen.

Na also, geht doch, endlich mal eine standesgemäße Begrüßung

HABEMUS PATIENTES ESTOTES

wie der vornehme Lateiner zu sagen pflegt. Wir haben einen (neuen) Patienten. Über „Estotes“ habe ich mir übrigens keine Gedanken gemacht, ich habe dieses Wort noch nicht mal gegoogelt, weil ich Angst vor der Antwort hatte.

In der Hütte saßen 2,3 Leute, genau konnte ich das nicht erkennen, weil ein mir wohl vertrauter „Nebel“ in der Hütte waberte. Ich parkte mein Auto und ging erstmal zu diesem ominösen Teerapieraum, der in den nächsten 4 Wochen mein zweites Heim wurde, aber dazu später mehr. Nachdem ich mich kurz vorgestellt und bei einer Zigarette ein paar Worte mit ihnen gewechselt hatte, wusste ich zumindest, dass ich wohl doch auf den großen Parkplatz und von da aus ins Haupthaus muss. Mein Gepäck habe ich aber doch vorher noch an der „Rezeption“ abgestellt, bin ja kein kleiner Blöder.

Vom gut gefüllten Parkplatz aus führte ein kleiner Weg zum Hintereingang der Klinik, vorbei an einem kleinen Teich, der aber wohl schon etwas länger nicht mehr gepflegt worden war und aus dem mich jetzt die übrig gebliebenen Frösche mit ihrem Gequake begrüßten.

Es war, wie schon gesagt, ein sehr heißer Tag und der ganze Stress mit Koffer ausladen, parken und dem Gewaltmarsch über den mind. 150 Meter langen Weg zum Hintereingang, hatten sämtliche Schweißdrüsen in Wallung gebracht und mein schickes Hemd klebte an meinem minimalst übergewichtigem Körper.

„Herzlich Willkommen in Scheidegg“ begrüßte mich eine nette Dame, im weißen Kittel, an der Rezeption und fügte gleich ein „brauchen sie ein Tuch“ hinzu. „Ein Aufnehmer wäre wohl angebrachter“, antwortete ich. Sie lachte und antwortete in einem Allgäuer Dialekt, der mich leicht an Schwäbisch erinnerte, „ei sie sind ja luschtick“. Auf einen leicht angesäuerten, ironischen Blick wartete ich vergeblich. Sie schien das also wirklich ernst zu meinen. Wahrscheinlich diente ihr Lächeln aber auch nur meiner Beruhigung für die Dinge, die ich dann über mich ergehen lassen musste. Ich wurde ver- und der Blutdruck gemessen, Blut abgenommen und zum Schluss sollte ich noch auf die Waage steigen. Meine bis dahin noch gute Laune verschwand sofort, das war auch noch so eine olle Waage, wie sie früher in jeder Arzt Praxis stand und die Dir schonungslos Dein wahres Gewicht anzeigt. Ich dachte kurz darüber nach mich ganz auszuziehen, aber das wollte ich den Schwestern dann doch ersparen. Mutig, wie ich bin, setzte ich erst einen Fuß vorsichtig auf die Waage und lächelte die Schwester mit klimpernden Wimpern und meinem verführerischsten Lächeln an. Ohne Erfolg, sie lächelte zwar zurück, schüttelte aber dabei den Kopf. „Los jetzt, rauf auf die Waage“. Bei knapp 110 kg blieb sie stehen. Blödes Ding, aber wenigstens bist Du ehrlich. Die Schwester verzog keine Miene und trug ohne ein Wort der Häme das Gewicht in meine Akte ein.

An der Rezeption bekam ich dann endlich meinen Zimmerschlüssel und eine Beschreibung, wie ich da hinkomme und einen Plan für die 1. Woche, der allerdings nur sehr spärlich ausgefüllt war, aber auch das sollte sich ab der 2. Woche ändern.

„Gleich den Gang rechts und dann das 3. Zimmer auf der linken Seite, Nr. 404. Wir wünschen ihnen einen tollen Aufenthalt bei uns und wenn sie Fragen haben – einfach melden.“

Ich schleppte mein Gepäck zur Tür mit der Nummer 404 und stand in einem geräumigen, gemütlichen Zimmer, mit TV, Telefon und einer Flasche stillem Wasser auf dem Tisch. Erst viel später erfuhr ich, dass das Wasser aus der klinikeigenen Quelle kam. Das Zimmer hatte beinahe alles, was ich auch aus den etwas besseren Hotels kannte, die ich auf meinen vielen Geschäftsreisen besucht hatte. Was fehlte, war die Minibar, der Origami Schmetterling auf dem Kopfkissen und ein Aschenbecher. Hatte ich wirklich vergessen ein Raucherzimmer zu buchen oder war es einfach nur ein Versehen der Klinikleitung?

Mein Zimmer hatte eine kleine Terrasse von wo aus ich einen direkten Blick auf den kleinen Teich hatte, den ich bei meiner Ankunft passiert hatte. Das Gequake der Frösche blieb deshalb auch für die nächsten 4 Wochen meine kleine Nachtmusik.

Nachdem ich mich ein bisschen frisch gemacht hatte, wollte ich mal nach meinen neuen Freunden in der Raucher Blockhütte sehen. Zu den 3 mir schon bekannten Gesichtern, hatten sich noch 2 Männer gesellt, denen ich mich ebenfalls kurz vorstellte. In einer Klinik geht das ganz unkompliziert. „Manni, Köln, 4 Wochen“. Ob das im Kölner Klingelpütz, dem im Rheinland wohl bekanntesten Gefängnis, auch so ablief, konnte und wollte ich nicht wissen.

Nachdem mir jeder auf gleiche Weise geantwortet hatte, zündete ich mir eine Zigarette an und hörte erstmal zu, was meine Mitpatienten so zu erzählen hatten. Wer mich kennt, der weiß ja, dass dieses Verhalten sehr typisch für mich ist. Bescheiden und still im Hintergrund zu sitzen, zählte schon immer zu meinen besten Eigenschaften. Ich erfuhr, dass es den besten Kaffee hinter dem Leseraum auf der 1. Etage gibt und der sogar kostenlos war, welche Therapien wirklich etwas nützen und welche ich auslassen kann, welche Therapeuten ganz ok sind und bei welchen ich vorsichtig sein sollte. Mein leerer Wochenplan wäre völlig normal, weil die erste Woche allein der Eingewöhnung dienen würde.

Deshalb war für den ersten Tag auch nur noch das Erstgespräch mit dem Klinikleiter Dr. M. geplant.

Wir unterhielten uns noch eine Weile im „Teerapieraum“ und mir fiel auf, dass keiner der Mitpatienten über den Grund sprach, warum er in Scheidegg war. Besonders positiv war auch, dass nicht über andere Mitpatienten getratscht wurde.

Dementsprechend verwundert, aber durchaus angetan, ging ich dann auch zu meinem Gespräch mit dem Klinikleiter. Dr. M. war mir auf Anhieb sympathisch und ich fasste sehr schnell Vertrauen zu ihm. Selbst heute, 8 Jahre nach meinem 1. Aufenthalt in Scheidegg habe ich ihn immer noch in bester Erinnerung. Er war empathisch, freundlich, eloquent, authentisch und vor allen Dingen kompetent. Wir plauderten fast eine Stunde, er hörte sich geduldig die Gründe für meinen Aufenthalt in der Hubertus Klinik an, erklärte mir die Abläufe in der Klinik, nannte mir den Namen meiner Therapeutin und wies mich, mit dann doch etwas ernsterer Stimme darauf hin, dass Alkohol und Zigaretten auf den Zimmern strengstens verboten wären. Meine Frage nach der Minibar und dem Aschenbecher hatte sich damit also erledigt.

Es hört sich vielleicht merkwürdig an, aber ich fühlte mich nach dem Gespräch sogar ein bisschen besser und ging optimistisch in die nächsten 4 Wochen.

Den Rest des Tages verbrachte ich damit, mich auf meinem Zimmer häuslich einzurichten und mein erstes Abendessen in der Klinik einzunehmen. Es gab kalte Küche. Brot, leckeren Aufschnitt und Käse, ein  kleines aber sehr liebevoll dekoriertes Salatbuffet und wer wollte konnte sich noch eine kleine Tasse Bouillon aus der Terrine nehmen. Ich wurde an einen Tisch mit 5 anderen Personen gesetzt, mit denen ich aber, außer dem üblichen „guten Abend“ und „guten Appetit“ erstmal sehr wenig sprach, aber auch das sollte sich im Laufe der nächsten 4 Wochen noch ändern.

Eigentlich wollte ich mir abends das EM Halbfinal-Spiel zwischen Deutschland und Italien ansehen, bin aber dann doch zwischendurch  immer wieder zur Raucherhütte gegangen. Mir war mehr nach klönen mit den anderen Mitpatienten. Der Abend wurde dann auch sehr lustig, weil ich meine Reserviertheit nach und nach ablegte. Leider mussten wir um 22 Uhr unseren Smalltalk beenden, weil dann die Kliniktür abgeschlossen wurde, aber so bekam ich wenigstens das Ende des Halbfinalspiels mit. Deutschland verlor 1:2 gegen Italien, was für mich zweitrangig geworden war. Ich hatte mir jedenfalls fest vorgenommen, nach 4 Wochen als Sieger nach Hause zu fahren. Die idealen Voraussetzungen dafür hatte ich in dieser Klinik gefunden.

Legende der Personen:

Dr. M. – Klinikleiter der Hubertus Klinik in Scheidegg

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