Die kleine Kneipe – Teil 1

Nachdem ich in zwei Kommentaren auf den 2. Teil meines Lebenslaufs dezent darauf hingewiesen wurde, dass das Kapitel Freunde/Freundschaft und die Zeit „In der Gaffel“ bisher zu kurz gekommen sind, möchte ich dazu jetzt gerne etwas ausführlicher schreiben. Dazu gehört dann aber auch, dass ich zumindest die Vornamen der beteiligten Personen nenne. Keine Sorge, ich habe nicht vor jemand in die Pfanne zu hauen.

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Da halte ich es mit dem Motto der Casino Bosse in Las Vegas.

„What ever happened in the Gaffel, stays in the Gaffel“

Für Martina Kleist, Peter Bayer, Wolfgang Mergardt, dä kleine Franz, Heinz Spitz, Georg Rischewski und all die anderen, die uns viel zu früh verlassen mussten. Ich hoffe, ihr habt im Himmel auch eure Stammkneipe, in der ihr ein leckeres Kölsch genießen könnt.

Wie wahrscheinlich in jeder Kneipe, brauchten wir Stammgäste keine Hierarchie. Es gab die Paare, die Singles, die Alten, die Jungen, die Leisen, die Lebhaften (Lauten), aber es gab keine Grüppchen. Jeder stand mit jedem zusammen, trank gemütlich sein Bier, spielte Flipper, Karten, oder knobelte. Natürlich gab es auch mal Meinungsverschiedenheiten, aber die wurden zumeist entweder selbst ausgeräumt, oder die Wirtsleute sorgten für die Versöhnung.

Viele Freundschaften sind entstanden, die heute noch andauern, Paare haben sich gefunden und sich bis heute nicht getrennt, sogar ein paar Kinder sind aus den Begegnungen in der Gaffel entstanden.

Ich weiß, ein paar der Leute, mit denen ich heute über Facebook „befreundet“ bin, hatten sicher nicht immer eine gute Meinung von mir, weil ich es mit meinen Sprüchen oft genug übertrieben habe. Trotzdem kann ich mit ruhigem Gewissen in den Spiegel sehen, weil ich immer ehrlich und offene meine Meinung gesagt habe. Natürlich hatte ich auch meine Probleme mit ein paar Leuten, aber das liegt jetzt über 30 Jahre zurück und nicht nur ich habe mich in dieser Zeit verändert, sondern ihr auch. Wir sollten froh sein, dass wir überhaupt noch die Möglichkeit haben in Kontakt zu stehen.

Die Wirtsleute waren von 1980 bis 1985 Klaus und Marion und wie ich schon an anderer Stelle geschrieben habe, waren sie für die meisten von uns mehr als nur die Kölschzapfer, Frikadellenbrutzler und Deckeladdierer. Für mich wurden sie sehr schnell, sehr liebe Freunde, die mir zuhörten, Ratschläge gaben, aber auch mal, wenn nötig, in den Hintern traten.

Ich kann mich an keinen so richtig langweiligen Abend in der Gaffel erinnern. Klaus und Marion ließen sich immer mal etwas einfallen, womit sie uns unterhalten konnten. Sei es mit einem Klammerjass Turnier, einer Weihnachts- Karneval- oder Silvesterfeier, dem Sparverein, oder später auch mit der Gründung und Organisation der Theken Fußball Mannschaft. Unvergessen sind mir auch die Spießbratenbrötchen mit der köstlichen Knoblauchsauce am Samstag mittag, der leckere Schäfers Gulasch, oder die hausgemachten Frikadellen.

Im Nachhinein kann ich aus Überzeugung sagen, dass die Zeit “In der Gaffel” der perfekte Ausgleich zum stressigen Alltag war, oder, um es mit Peter Alexander zu sagen:

“die kleine Kneipe in unserer Straße, da wo das Leben noch lebenswert ist”

Ganz anders als in der Kindheit und Schulzeit, vor allen Dingen viel unkomplizierter, wird das Thema Freundschaft wohl nur in einer Stammkneipe gelöst. Da weiß man schon bei der direkten Ansprache, was der andere von einem hält. So habe ich es zumindest „In der Gaffel“ wahrgenommen.

„Schmitz, watt es, spillste met Klammerjass?“

übersetzt für unsere Nicht Kölner heißt das: (Herr)Schmitz, würden sie uns die große Freude machen und uns an ihrer Kartenspielkunst teilhaben lassen?

Hier war gleich Vorsicht geboten. Man wird mit dem Nachnamen angesprochen, was auch bedeuten kann, dass der 4. Mann zur Kartenrunde fehlt, oder sogar schlimmstenfalls, dass man ein Opfer sucht, dass die verlorenen Runden bezahlt. Aber selbst diese unpersönliche Ansprache konnte ganz schnell in einen überaus freundlichen Umgangston umschlagen. Dafür reichte ein gutes Blatt, oder die zum richtigen Zeitpunkt angespielte Farbe, schon brach der Gegenüber in Lobeshymnen aus.

„Joot Jung“, „Datt is minge Mann“, oder einfach nur „schieb ein“

auch hier die Übersetzung: „Feiner Spielzug“, „ich bin sehr zufrieden mit meinem Spielpartner“, „reich mir die Hand“

„Manni, wie süht et uss, klammern?“

Auf Hochdeutsch: „Manni, mein bester Freund, wie sieht es aus? Lass uns ein paar im voraus unterlegene Gegner aussuchen und auf deren Kosten den köstlichen Gerstensaft unsere Kehlen herabrinnen lassen.

Das klingt doch gleich viel freundlicher, oder? Und es wird sogar noch sympathischer, weil man ja sogar mitentscheiden soll, wer noch mitspielen soll/darf.

Besonders lustig waren immer die Klammerjass Duelle mit Cissi und seiner Petra. Spielte man mit einem der Beiden, war alles gut, aber wehe, man spielte gegen die Zwei, da war man Chancenlos und hätte die Runden eigentlich schon vorab ordern können. Ein sicheres Zeichen dafür, dass man sich wohl und unter Freunden fühlt ist übrigens, wenn es einem egal ist, ob man beim Karten, oder Knobeln gewinnt, oder verliert. Hauptsache man hat Spaß und den hatten wir wirklich reichlich.

Richtig “kritisch” wurde es auch, wenn einem aus einer Bierlaune heraus ein, nicht immer freundlicher, Spitzname zugewiesen wurde, den man dann nicht mehr los wurde, zumindest nicht ohne dafür das (Stamm)Lokal für alle Zeiten wechseln zu müssen. Selbst wenn man Jahre später, durch Zufall nochmal in dieser Kneipe auftauchte, hieß es gleich:

„och luurens wer do kütt, dä *****“ (hier bitte den gewünschten Spitznamen eintragen)

Besonders peinlich war das dann, wenn in der Zwischenzeit der Wirt und die Stammgäste gewechselt hatten.

„In der Gaffel“ hatten wir mit der Zeit einige skurrile Namen, wo wahrscheinlich nie ein Außenstehender auf die Bedeutung, oder den Ursprung kommen würde. Die Realnamen lasse ich hier bewusst mal weg.

„die Optik“ – Brillenträger – trotzdem ein überragender Torwart in der Thekenmannschaft und im Ortsverein Rot Weiß Zollstock. Dazu ein leidenschaftlicher Automatenzocker und Klammerjass Spieler, mit dem ich auch außerhalb der Gaffel gut befreundet war und im Cala Figuera Urlaub ein Zimmer geteilt habe.

„die Atomwade“ – ein leider viel zu früh verstorbener lieber Kerl und Bodybuilder, auf dessen Waden man Eier aufschlagen und Kokosnüsse öffnen konnte. Er war kein besonders guter Fußballer, hat sich aber immer, wenn Not am Mann war, für die Thekenmannschaft aufgeopfert, wofür er spätestens abends an der Theke mit üblen Wadenkrämpfen bestraft wurde. Es war immer ein imposantes Bild, wenn er, mit heruntergelassenen Stutzen, dem Ball hinterherlief.

„Rocky“ – unser Kraftpaket und Konditionswunder. Der hat 90 Minuten seine Gegenspieler bekämpft und wenn es nötig war den Platz umgepflügt. An der Theke war er aber nicht so ausdauernd und wenn er das berühmte Kölsch zu viel intus hatte, kletterte er auf die Telefonzelle vor der Kneipe und legte unter unseren johlenden „Rocky – Rocky“ Rufen einen Striptease hin. Anschließend sprang er, nackt bis an den Hals, in das Gebüsch neben der Zelle. Spätestens dann hörte unser Geschrei aber auf, weil wir jedes mal dachten, dass er sich verletzt haben muss, aber irgendwas muss an dem Satz: „besoffene und kleine Kinder beschützt der liebe Gott” wohl dran sein, ihm ist jedenfalls nie Schlimmes passiert.

„Flaty“ – ich weiß bis heute nicht, warum, oder woher er diesen Spitznamen hatte und konnte ihn die erste Zeit auch gar nicht seinem richtigen Namen zuordnen. Wenn wir z.B. Samstagabend noch auf die Ringe, das war in den 80-iger Jahren eine angesagte Kölner Amüsiermeile, oder nach Pulheim ins „Treppchen“ wollten und irgendeiner sagte, dass der Gerd auch noch mitkommt, habe ich meinen Freund „Flaty“ nochmal extra gefragt, der sich dann ein Grinsen natürlich nicht verkneifen konnte. Flaty war genauso Filmverrückt wie ich und ich weiß nicht, wie viele hundert Filme wir uns damals in den Kölner Videotheken ausgeliehen und konsumiert haben. Das wurde vorher strategisch ausgetüftelt, wer wo in welche Videothek fährt, welche Filme auszuleihen sind und welche Filme dann später auf eine 180- iger, oder 240- iger Leercassette überspielt wurden. Kopierschutz war in dieser Zeit noch kein Thema*. Als wir uns in der Gaffel kennenlernten, war er schon mit seiner Marita zusammen, die er später auch geheiratet hat. Leider sind die Zwei seit ein paar Jahren getrennt und inzwischen auch geschieden.

Was ich an Flaty immer bewundert habe, war sein Talent seine Partnerschaft/Ehe und unsere Freundschaft unter einen Hut zu kriegen, ohne das sich einer von uns vernachlässigt gefühlt hätte. Außerdem war/ist er ein exzellenter PC Fachmann, der mir schon ein paar mal mit seinen Tipps aus der Patsche geholfen hat. Nach der Trennung von Marita hat er privat und beruflich einen Neustart hingelegt, vor dem man nur den Hut ziehen kann. Ich wünschte, ich hätte nur halb so viel Mumm in den Knochen. Wir haben auch heute noch ab und zu Kontakt, oder sehen uns, sofern ich meinen Hintern hochbekomme, auf ein paar Kölsch in der Bikerhalle.

„Der Eisbär“ – hier war nicht seine Statur der Namensgeber, sondern die herrliche Geschichte, die er uns selbst erzählt hat, als er nach einem feuchtfröhlichen Abend in der Gaffel am nächsten Morgen wach wurde und mit dem Kopf im Kühlschrank lag. Da muss die Müdigkeit wohl noch stärker, als sein nicht gerade kleiner Hunger gewesen sein. Er war ansonsten eher der ruhige Typ und ein ausgesprochen guter Klammerjass Spieler.

„Spinner“ – Keine Ahnung, warum man ihm diesen Spitznamen gegeben hat, auch wenn ich damals bei einigen seiner Aktionen und Sprüche gedacht habe, dass er vielleicht doch nicht so ganz unberechtigt ist bzw. war. Wenn ich an ihn denke, dann kommt mir immer zuerst unsere gemeinsame Fahrt nach Dortmund zum „Genesis“ Konzert in den Sinn. Es war sein erstes Konzert und er hatte sich wohl vorher etwas Mut angetrunken. Ich hatte dann das große “Vergnügen” ihn und 3 andere Jungs nach Dortmund fahren zu dürfen. Es hat die ganze Fahrt über wie aus Eimern geschüttet, was meine Beifahrer aber nicht davon abhielt, sich mit reichlich Kölsch und Zigaretten in Stimmung zu bringen. Im Auto hat es dementsprechend schlimmer gestunken, als in der dunkelsten Bahnhofskaschemme.

Zu allem Überfluss standen wir kurz vor der Westfalenhalle in einem Riesenstau auf der B1, dem angeblichen Ruhr SCHNELL Weg. In jeder Sackgasse kommt man schneller voran, als Wochentags auf der B1 in der Rush Hour und einer Veranstaltung in der Westfalenhalle. „Spinner“ kam dann auf die glorreiche Idee schon mal zu Fuß zur Halle zu gehen und dort auf uns zu warten. Wir hätten ihm wohl doch besser sagen sollen, dass da noch ein paar andere Leute vor der Halle sein werden und wir uns evtl. verpassen könnten, aber auf die Idee kamen wir in dem Moment leider nicht. Erschwerend hinzu kam für den armen Kerl, dass er seine Eintrittskarte im Auto gelassen hatte. Um es kurz zu machen, wir haben ihn erst nach dem Konzert wiedergesehen, als er über den Parkplatz irrte und uns suchte. Vom genialen „Genesis“ Konzert hatte er nichts gesehen, nicht mal etwas gehört.


Die Original Karte vom Genesis Konzert,
10.06.1987, Dortmund, Westfalenhalle

Es gab sicher noch andere, mit teilweise außergewöhnlichen Spitznamen, z.B. et Brütsche” dä Fuzzer, dä AllesFrisch und es gab noch viele, viele Anekdötchen, teilweise auch Dramen und traurige Ereignisse, aber die hebe ich mir für eine andere Geschichte auf.

DANKE für eine tolle Zeit mit euch „In der Gaffel“ und Prost 🙂

*liebe Abmahn Rechtsanwaltskanzleien: Die Ansprüche verjähren nach § 102 UrhG nach 3 Jahren ab Kenntniserlangung von der Rechtsverletzung. Ohne Kenntnis beträgt die Verjährung 30 Jahre; ihr kommt also in beiden Fällen zu spät.

6 Kommentare zu “Die kleine Kneipe – Teil 1

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