Gedanken eines Rentners

Heute Morgen kam endlich die Mail, auf die ich so lange gewartet habe. Mein Anwalt schickte mir, mit den herzlichsten Glückwünschen, meinen offiziellen Rentenbescheid.

 

Wer jetzt denkt, ich freue mich darüber, der irrt gewaltig. Natürlich bin ich erleichtert, jetzt, nach fast genau 3 Jahren, aus Hartz IV rauszukommen, aber Geld allein macht auch nicht glücklich.

 

Es mag für den einen oder anderen komisch klingen und ich weiß auch nicht, wie ich das genau erklären soll, aber für mich fängt mit diesem Rentenbescheid der letzte Lebensabschnitt an. Rentner waren für mich immer ganz alte Menschen, die ihr Leben hinter sich hatten.

 

Jetzt bin ich mit meinen 57 Lenzen zwar noch nicht ganz so alt, aber ich merke und spüre vor allen Dingen, dass mir das doch zu schaffen macht. Ich fühle mich wertlos, weggeschmissen auf den großen Haufen Alteisen, der jetzt nach und nach abgetragen und eingeschmolzen wird, um aus ihm neues, frisches und glänzendes Eisen zu schmieden.

 

Allein der Gedanke daran, dass ich jemand kennenlerne oder vielleicht sogar ein Date mit einer Frau habe, deren Frage nach meinem Beruf ich mit “Rentner” beantworten muss, ist, zumindest im Moment noch unerträglich. Für mich ist das fast noch schlimmer, als arbeitslos oder Hartz IV Empfänger.

 

Ich würde wirklich alles dafür geben, könnte ich noch einmal für „meine“ Sony Pictures Familie im Außendienst arbeiten. Stattdessen zahlen sie mir jetzt jeden Monat eine kleine Betriebsrente, die mir aber nur zusätzlich bestätigt, dass mein (Berufs-)Leben vorbei ist.

 

Ich würde ohne mit der Wimper zu zucken mit einem gesunden Menschen tauschen, wenn ich dadurch mein Leistungsvermögen zurückbekäme.

 

In den 17 Monaten, die ich jetzt um meine Rente gekämpft habe, habe ich zwar oft darüber nachgedacht, was jetzt aus mir wird, aber so wirklich begriffen habe ich es erst heute morgen, als ich die Überschrift

 

RENTENBESCHEID

 

gelesen habe.

 

Klar, ich habe meinen Ben, meinen Lebensretter nach dem Debakel bei EV mit dem mobbenden Vertriebsleiter als negativem Höhepunkt und ich kann mich jetzt auch befreiter um das Buchprojekt kümmern, aber ansonsten ist da nicht mehr viel, auf das ich mich freuen kann.

 

Gestern und heute habe ich einem Freund dabei geholfen, eine Wohnung auszuräumen. Aus dem 2. Stock runter, ins Auto verladen, transportiert und dann wieder in den 2. Stock raufgeschleppt. Es war zwar mörderisch bei den Temperaturen und ich habe auch gemerkt, dass nicht nur er an seine Leistungsgrenze gekommen ist, sondern ich auch, aber es war trotzdem genau DAS, was ich brauche.

 

Immer dann, wenn ich in den letzten Monaten/Jahren gezweifelt habe, hatte ich liebe Freunde an meiner Seite, die mich aufgebaut und mir Mut zugesprochen haben. Sobald ich die Frage gestellt habe, für wen ich dieses oder jenes denn machen soll, lautete die Antwort immer für DICH und schon biss sich die Katze wieder selbst in den Schwanz.

 

Für mich? Nein, das wollte ich nicht, weil ich mich dafür viel zu wenig selbst wertschätze, als dass ich dafür sogar noch eine „Belohnung“ verdient hätte.

 

Stattdessen habe ich förmlich nach Freunden, Bekannten und manchmal sogar wildfremden Menschen gesucht, denen ich eine Freude machen kann und sei es nur, in dem ich ihnen irgendwelche Bücher, TV-Serien, Filme oder sonst einen Firlefanz besorgt habe. Mir war viel wichtiger, dass ich eine AUFGABE habe.

 

Der lieben Renate bin ich wahnsinnig dankbar, dass sie mir die Möglichkeit gegeben hat, meine Gedanken und auch die kleinen Spinnereien, aufzuschreiben und ich wünschte, ich hätte noch viel, viel mehr geschrieben, aber auf der andere Seiten steht die Frage WARUM und vor allen Dingen FÜR WEN soll ich ein Buch schreiben? WEM soll die Biografie eines Menschen gefallen, der mit sich selbst und seinem Leben unzufrieden ist? Natürlich waren die Geschichten aus der Vergangenheit teilweise ganz lustig, aber sie fanden alle in (m)einem früheren Leben statt.

 

Ich danke auch wirklich JEDEM von euch von ganzem Herzen, dass ihr meine Geschichten nicht nur gelesen, sondern auch so überaus positiv bewertet habt. Abgesehen von meinem Sohn und meiner Schwester gab es keinen einzigen negativen Kommentar, und selbst die hatten bei den Zwei andere Gründe.

 

Wolfgang Niedecken kann mich jedenfalls nicht gemeint haben, als er für sein Lied “Ne schönen Jrooß” die Zeilen dichtete:

 

er freut sich jetzt schon op sing Zukunft als Rentner,

op dä Balkon mit Liejestohl, denn do pennt er.

 

in diesem Sinne

 

ne schönen Jrooß

16 Kommentare zu “Gedanken eines Rentners

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