Einer flog über das Schwarzwaldnetz – Teil 1

Zurück in die Praxis von Dr. S. .

Als Privatpatient genießt man gewissen Privilegien und warum also sollte ich die, vor allen Dingen bei einem monatlichen Beitrag von inzwischen knapp 800,-€, nicht nutzen?

Ich hatte die freie Auswahl eines Therapeuten und konnte wechseln, wenn es nicht lief. Normalerweise muss man dafür 2 Jahre warten. Als Privatpatient bekommt auch viel kurzfristiger einen Termin, während Kassenpatienten dagegen öfter zu hören bekommen, dass man „leider“ keine Kapazitäten mehr hat. Selbst der Ersttermin wurde von meiner Hausärztin vereinbart.

Ab da war es das übliche Prozedere. Nachdem ich ihm meine Geschichte incl. der Mobbingattacken erzählt hatte, eine mittelschwere Depression mit massivem Burnout. Er schlug eine Therapie vor, stellte den nötigen Antrag bei meiner Krankenversicherung und 14 Tage später saß ich ihm zum Erstgespräch gegenüber.

Was ich von diesen Gesprächen bzw. grundsätzlich einer Therapie halte, erzähle ich in einer anderen Geschichte. Hier soll es jetzt erstmal nur um den Ablauf gehen.

Die Therapie lief genauso, wie alle anderen auch, bis mir Dr. S. nach ein paar Wochen sagte, dass ich es vielleicht besser doch mal mit dem Aufenthalt in einer Klinik versuchen sollte. Ich muss ihn wohl ziemlich entsetzt angesehen haben, weil ich mich im Geiste in eine Zwangsjacke gesteckt in einer Gummizelle sah. Pfleger, mit diabolischen Gesichtern, die jeden Morgen in meine Zelle kamen, um mir mit einem in den Hals gewürgten Trichter einen Eimer Pillen einflößten und anschließend eine riesige Spritze, die jeden Blauwal sofort ins Koma versetzt hätte, in meinen, damals zwar schon etwas breiter gewordenen, aber immer noch knackigen Hintern jagen wollten. Manni fliegt über das Kuckucksnest in der Version von 2012.

Zum Glück beruhigte mich Dr. S. sehr schnell und erzählte mir von tollen Kliniken in wunderschönen Landschaften, mit Einzelzimmer, Vollpension und den besten Ärzten der westlichen Hemisphäre.

Um es vorwegzunehmen, er hatte in keinem Punkt gelogen, nicht mal übertrieben.

„Möchten sie lieber ans Meer oder in die Berge“

„Reisen sie mit dem Zug oder dem eigenen PKW an?“

Ich kam mir vor, wie in einem Reisebüro für Psychosomatiker und entschied mich für Berge und PKW. Dass ich damals noch den Firmenwagen von EV fuhr, war mir erstmal nicht in den Sinn gekommen, sollte sich aber später auch als kein Problem herausstellen. Herr R., der Geschäftsführer von EV, fragte nicht mal danach, was in der Zeit meines Klinikaufenthalts mit seinem Auto passiert. Von O., der mich mit seinem Mobbing erst in diese Situation gebracht hatte, sollte ich die nächsten 9 Monate auch nichts mehr hören und sehen.

Das Meer kam für mich nicht in Frage. Das Wasser war mir viel zu salzig, ich war bzw. bin auch nicht gerade der beste Schwimmer und auf irgendwelche Handtuchkämpfe, mit westeuropäischen Inselbewohnern oder osteuropäischen Ölmagnaten hatte ich auch keine große Lust. Abgesehen davon habe ich schon als Kind gerne Filme mit Luis Trenker gesehen, wenn er z.B. sich durch die weiße Hölle am Piz Palü kämpfte oder sich Gregory Peck mit Ava Gardner eine Schneeballschlacht auf dem Kilimandscharo lieferte. Schade war nur, dass der Ötzi bereits 1991 gefunden worden war, aber wer weiß, vielleicht würde mir ja ein Yeti über den Weg laufen, der mir dann den Unterschied zwischen ihm und einer intelligenten Frau erklären würde. Ihn hatte ich jetzt ja zumindest mal getroffen, die intelligente Frau war mir dagegen noch nicht begegnet, aber das nur nebenbei.

Schließlich einigte ich mich mit Dr. S. auf eine Privatklinik im Allgäu, nicht weit entfernt von Lindau am schönen Bodensee. Er war dort wohl selbst schon ein paar Mal in Urlaub und schwärmte mir in den höchsten Tönen von der Gegend, den Menschen dort, dem Essen, dem Wetter und der Möglichkeit von ausgedehnten Spaziergängen über blühende Felder und Wiesen vor. Auch in diesen Punkten sollte er nicht übertrieben haben.

Ein weiterer und nicht unerheblicher Vorteil als Privatpatient ist es, dass man sich um den ganzen Papierkram wie Antragstellung, incl. Gutachten bei der Krankenversicherung und dem Widerspruch, falls der Antrag abgelehnt worden wäre.

Meine Sorge war jedoch unbegründet. Die Krankenversicherung schrieb mich zwar kurze Zeit später an und schickte mir einen ganzen Stapel Formulare, die ich ausfüllen musste und holte sich auch Gutachten bei Dr. S. und meiner damaligen Hausärztin, Frau Dr. G. ein, aber dann bekam ich die erlösende Nachricht, dass mein Klink Aufenthalt, vorerst für 4 Wochen, bewilligt ist.

Von der Klinikleitung der Panorama Fachklinik in Scheidegg kam bereits ein paar Tage später eine freundliche Einladung, incl. einem Anreisetermin für Ende Juni 2012.

Im Internet suchte ich nach allem, was ich zum Thema Allgäu, Scheidegg und vor allen Dingen über die Klinik finden konnte, druckte mir die Route aus und überlegte, was ich noch alles für meinen Klinikaufenthalt brauche. Aber was nimmt man mit ins Allgäu? Die Krachlederne, Hut mit Gamsbart, Bergsteiger Schuhe, Pickel, Sicherheitsleinen für evtl. angedachte Gipfelbesteigungen, eine Fahne vom 1.FC Köln, damit auch jeder wusste, dass ein Kölner den Berg bezwungen hatte? Bei der VHS suchte ich vergeblich einen Jodelkurs und das Schuhplattlern wurde leider auch nicht angeboten. Die Idee mit dem Pittermännchen Kölsch und der Flasche Kabänes verwarf ich auch ganz schnell und beließ es stattdessen bei den Sachen, die ich auch zu Hause verwendete, gönnte mir aber einen E-Book Reader, den ich seit diesem Tag nicht mehr missen möchte.

Meinen Arbeitgeber habe ich dagegen nicht über den Klinikaufenthalt informiert. Warum auch, der bekam regelmäßig die Verlängerungen meiner Krankmeldung und ich glaube auch nicht, dass es sie, besonders meinen speziellen Freund O. auch nur im Geringsten interessierte, wo ich bin und was ich mache. Wahrscheinlich waren wir sogar beide froh, dass wir uns weiter aus dem Weg gehen konnten.

Ca. 6 Wochen vor dem geplanten Beginn meines Klinikaufenthalts bekam ich einen Anruf aus Scheidegg. Frau R., eine super liebe Frau, die in der Klinikverwaltung arbeitete und die ich dann später noch persönlich kennenlernen durfte, fragte mich, ob ich evtl. bereit wäre, etwas früher nach Scheidegg zu kommen?

„Wann denn, Frau R.?“,

 „Wie wäre es mit Morgen?“.

Das war mir dann aber doch etwas zu kurzfristig und wir blieben beim vereinbarten Anreisetermin, dem 28. Juni 2012. Die ganze Wahrheit war das zwar nicht, aber wie hätte ich Frau R. erklären sollen, dass ich noch möglichst viel von der Fußball EM Endrunde in Polen und der Ukraine mitbekommen wollte, die vom 8. Juni bis 1. Juli 2012 ausgetragen wurde.

Am 28. Juni fuhr ich nach Scheidegg, zum ersten, aber nicht zum letzten Mal, was ich zu diesem Zeitpunkt natürlich noch nicht wissen konnte. Es war der Tag des EM Halbfinalspiel Deutschland gegen Italien. Wenn mir da jemand gesagt hätte, dass mich dieses Spiel nur am Rande interessieren würde, hätte ich das nicht für möglich gehalten.

Auf der einen Seite freute ich mich auf den Klinikaufenthalt, auf der anderen Seite war die Angst, dass es mir nicht weiterhelfen wird.

Je näher ich Scheidegg kam, umso nervöser und unsicherer wurde ich. Das legte sich ein bisschen, als ich von der Autobahn abfuhr und auf die Landstrasse Richtung Scheidegg abbog. Es war das beste Wetter mit strahlendem Sonnenschein, einem hellblauen, wolkenlosen Himmel und das Allgäu zählte sehr schnell zu den schönsten Fleckchen Deutschlands. Wenn man als Stadtmensch aufs Land kommt, ist das erstmal ein „Kulturschock“ und man weiß diesen Wechsel erstmal nicht einzuordnen, so war es jedenfalls bei mir.

Nach einen halben Stunde Fahrt, vorbei an Wiesen und Feldern, kleinen und großen Bauernhöfen und durch schattige Waldstücke, erreichte ich Scheidegg, in das ich mich auf Anhieb verliebte. Dieses kleine Städtchen, mit nicht mal 5.000 Einwohnern liegt nahe der Grenze zu Österreich und unweit des Bodensee.

Etwas außerhalb von Scheidegg liegt die Hubertusklinik. Hätte ich nicht gewusst, dass es sich um eine Klinik handelt, hätte ich dort auch sofort meinen Urlaub gebucht.

Dr. S. – seit Januar 2012 mein Psychotherapeut und Pillendealer

Dr. G. – bis Dezember 2016 meine Hausärztin

EV – der letzte Arbeitgeber in meinem Berufsleben

Herr R. – Geschäftsführer von EV

O. – Vertriebsleiter und Mobbing Experte von EV

Frau R. – Mitarbeiterin der Klinikverwaltung in Scheidegg

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