Der Mann, der die Frauen liebte – Teil 3

Karneval mit Happy End

Am Aschermittwoch ist alles vorbei,
die Schwüre von Treue sie brechen entzwei.
Von all deinen Küssen,
darf ich nichts mehr wissen.
Wie schön es auch sei,
dann ist alles vorbei.

So sollte es zumindest sein, wenn es nach dem Lied von meinem, nicht mit mir verwandten, Namenskollegen Jupp Schmitz geht.[weiterlesen]

Am Aschermittwoch morgen saß ich, genauer gesagt, was der Karneval von mir übriggelassen hatte, pünktlich um 8 Uhr, an meinem Schreibtisch im Produkta Büro bei Schneider & Söhne. Es ging mir hundeelend, meine Stimme war jetzt endgültig hinüber und höchstwahrscheinlich hatte ich auch noch zu wenig Blut in meinem Alkohol. Frei nach dem Motto, wer den Schaden hat, spottet jeder Beschreibung, sparten meine lieben Kolleginnen und Kollegen auch nicht mit hämischen Kommentaren, oder fragten mich, ob ich in der Mittagspause mit auf ein Bier in die Kantine komme. Heute würde es wahrscheinlich nicht so glimpflich für mich abgehen. Ich würde nach Hause geschickt und bekäme, wenn ich Glück habe, nur eine Abmahnung. Damals drückte man, genauer gesagt mein Abteilungsleiter, Dieter S., beide Augen zu, obwohl ich an diesem Tag sicher nicht viel produktives für Produkta geleistet habe.

Für den Abend hatte ich mir bereits Stubenarrest und TV Verbot auferlegt und wollte mich sogar schon um 19 Uhr ins Bett schicken. Strafe muss schließlich sein.

Am nächsten Morgen sah die Welt tatsächlich schon ein bisschen rosiger aus. Der Kopf hatte wieder Normalgröße, mein Magen konnte, wenn auch nur in Form einer trockenen Scheibe Brot, erste feste Nahrung zu sich nehmen, die Stimmbänder krächzten zwar noch etwas, ließen aber so langsam wiedererkennen, dass ich der deutschen Sprache mächtig bin und sogar mein Gehirn nahm die Arbeit wieder auf, wenngleich ich irgendwie noch das Gefühl hatte, als würde es den Satz „mach das nie, nie wieder“ als Laufschrift um meinen Kopf abspielen.

Abends, als ich endlich alleine in „meinem“ Zimmer war, schnappte ich mir das dunkelgrüne Telefon, legte mich auf mein Bett und tippte Marinas Nummer im Tastenfeld ein. Wenn man weiß, dass die angerufenene Person noch zu Hause wohnt, muss man natürlich damit rechnen, dass sie nicht selbst ans Telefon geht. So war es dann auch bei Marina, aber musste wirklich ausgerechnet ihre Mutter den Hörer abnehmen? Warum nicht Rosi, oder von mir aus ihr Bruder? Nein, es war die Hausherrin persönlich und ich muss mit meiner versoffenen Stimme gleich einen ausgezeichneten Eindruck bei der Frau hinterlassen haben. Nachdem ich meinen sorgfältig ausgewählten und auswendig gelernten Spruch „Guten Abend, hier ist der Manfred, dürfte ich bitte mit Marina sprechen“ aufgesagt hatte, grummelte sie nur ein kurzes „Moment“ in den Hörer, um mir gleich darauf, mit einem lauten und langgezogenen „Mariiiiiiiiiiiinaaaaaaaaa, Teeeelefoooooooon“ die Ohrmuscheln freizublasen. Na Klasse, das fängt ja gleich gut an.

Vielleicht fragt sich gerade der ein oder andere meiner jüngeren Leser, warum sie ihr das Telefon denn nicht einfach gebracht und in die Hand gedrückt hat, aber es gab tatsächlich mal eine Zeit, in der das schnurlose Telefon noch nicht erfunden war. Bekam man doch mal nur den Hörer gereicht, konnte man davon ausgehen, dass ein Schelm vorher die Schnur durchgeschnitten hatte. Der Vorteil war, dass man nur an Hand der Telefone feststellen konnte, ob es sich um eine arme, oder eine gut betuchte Familie handelt. Familien, die jeden Pfennig dreimal drehen mussten, hatten nämlich nur eine Standard 3-m Schnur an ihrem Telefon, wogegen sich nur die wirklich reichen Familien eine 6- oder gar 9-m Schnur leisten konnten. Meine Eltern müssen in dieser Zeit im Lotto gewonnen haben, anders kann ich mir die plötzliche Anschaffung einer 6-m Schnur und sogar eines Tastentelefons nicht erklären. Tastentelefone gab es noch nicht so lange im Angebot der Deutschen Post, dem einzigen Telefonanbieter zu dieser Zeit. Meine Oma, die andere, von der Luxemburger Str., hatte z.B. noch ein Telefon mit stoffummanteltem, 1,5-m kurzem Kabel und  schnarrender Wählscheibe, aus den frühen 60-er Jahren. Den Hörer würde man heute nur noch als mittelschwere Kurzhantel im Fitness Studio finden. Man, müssen die arm gewesen sein.

Omas Telefon in den 60-er Jahren

Marina lachte, als sie endlich ans Telefon kam. „Jetzt weiß ich, warum meine Mutter die Augen verdreht hat, als sie mir den Hörer übergab“. Ich konnte nicht anders, als ihr zustimmen und sie bitten, mich bei ihrer Mutter für die Stimme zu entschuldigen. Ansonsten sprachen wir kaum noch über Karneval, nicht mal über unsere verpasste Verabredung am Rosenmontag. Mir war das ganz angenehm, so musste ich ihr auch nichts von meiner Knutscherei mit der Freiherrin von und zu Preuschel erzählen.

Es war schön ihre Stimme zu hören und wenn mich nicht alles täuschte, war auch Marina froh, dass ich mich gemeldet hatte. Wir telefonierten eine Weile und verabredeten uns dann fürs nächste Wochenende.

Wir waren von Anfang an auf einer Wellenlänge und vor allen Dingen ehrlich zueinander. Sie sagte mir gleich, dass sie noch nicht lange von ihrem Ex getrennt und überhaupt noch nicht bereit für einen neuen Partner ist. Mir war das lieber, als wenn sie sich auf einen Versuch eingelassen hätte, um dann zu merken, dass es zu früh für sie. Für mich stand schnell fest, dass sie es mir wert ist, auf sie zu warten und, obwohl ich von Natur aus ein eher ungeduldiger Mensch bin, habe ich sie nie bedrängt. Ich war mir ziemlich sicher, dass ich letztendlich dafür belohnt werde – und so kam es dann auch.

Außer ihrem Ex gab es aber erstmal noch ein paar andere Probleme, die es zu lösen galt. Nach 6 Jahren Beziehung war ihr Ex natürlich komplett in die Familie integriert und Marinas Mutter wehrte sich Anfangs mit Händen und Füßen gegen unseren Kontakt. Die erste Zeit musste ich sogar vor der Haustür warten, wenn ich sie zu Hause abgeholt habe und ihre Reaktion am Telefon war zunächst auch nicht viel freundlicher, als bei meinem ersten Anruf. Schnell kamen meine Erinnerungen an das Ende mit Gabi auf, aber diese Sorge war zum Glück unbegründet. Je mehr ihre Mutter merkte, dass es ihrer Tochter bei und mit mir gut geht und ich es ehrlich mit ihr meine, umso zugänglicher wurde sie. Ich weiß es nicht mehr genau, aber ich meine, ich hätte ihr sogar bei meinem „Antrittsbesuch“ ein paar Blümchen mitgebracht. Georgs “Wasserpief” schien mir zum Glück nicht so ganz angebracht.

Marina war dagegen schnell in meine Familie aufgenommen worden und sie hat nicht nur mein Herz im Sturm erobert. Ihre Feuertaufe hatte sie am 23. April 1983. Meine Oma, die Eine, von der Vorgebirgstraße, feierte an diesem Samstag ihren Geburtstag vom Vortag nach und die komplette, buckelige Verwandtschaft, incl. aller Onkel, Tanten, Cousins und Cousinen, war anwesend. Mich juckte das nicht, im Gegenteil, ich war stolz wie Oskar, sie meiner Familie vorstellen zu dürfen. Als wir uns nach dem Kaffee und der obligatorischen Standardtorte, einem mit Dosen Pfirsichen belegtem Tortenboden mit einer Scheibe Ananas in der Mitte, deren Loch mit Kirschen gefüllt und der abschließend mit Tortenguss von Lukullus überzogen wurde, verabschiedeten, knutschten wir noch ein bisschen an Marinas Auto, einem hellblauen VW Käfer, mit Marienkäfer Aufklebern dekoriert, den sie liebevoll Purzel nannte. Mein Opa hatte diese Szene vom Toilettenfenster verfolgt und ich habe meinen Opa nie wieder so strahlen und glücklich gesehen, wie in diesem Moment, in dem er Zeuge meines Glücks wurde. Meine Ma erzählte mir später, dass er, immer noch strahlend und glücklich, ins Wohnzimmer zurückgekommen wäre und allen ganz stolz von seiner Beobachtung berichtet hätte. „Nää, watt sin die 2 e schön Pärchen“

Knapp einen Monat vorher, am 29. März, hatte ich mit ihr meinen Geburtstag gefeiert und von da an waren wir zusammen. Meine Geduld war also belohnt worden. Ihr Geburtstagsgeschenk war ein weißer, pastellfarbig quergestreifter Pulli, der mein absolutes Lieblingsstück wurde. Damals konnte ich Querstreifen noch tragen, heute müsste ich aufpassen, dass man mir keine Werbeplakate, oder Konzertankündigen aufklebt, weil man mich mit einer Litfaßsäule verwechselt. Diesen Pulli habe ich übrigens erst vor wenigen Jahren und selbst da noch schweren Herzens, dem Obdachlosenheim in der Annostraße gespendet. Er hat mir zwar schon viele, viele Jahre nicht mehr gepasst und lag nur noch, zusammen mit dem Formel 1 Overall, den ich 1997 von SPHE bekommen hatte, in meinem Bettkasten, so einfach entsorgen wollte und konnte ich das gute Stück aber doch nicht.

Marina (ca. 1983)

Je länger Marina und ich zusammenwaren, umso besser verstanden wir uns. Selbst ihre Mutter und ihr älterer Bruder hatten mich längst ins Herz geschlossen und ihr Vater freute sich immer, wenn ich ihm einen Western auf VHS Cassette mitbrachte, den ich in einer meiner vielen Videotheken ausgeliehen hatte, in denen ich Mitglied war. Er war leider nicht mehr der Fitteste und saß tagsüber auf seiner Couch im Wohnzimmer und schaute seine geliebten Westernfilme.

Wir verbrachten viel Zeit miteinander, redeten viel, lachten noch mehr, gingen ins Kino, ins Bierdorf, in die Diskos auf den Ringen, oder waren bei meinen Kumpels in der Gaffel.

Zu der Zeit spielte ich in der dortigen Thekenmannschaft, wenn auch nicht in der Stammformation. Ich weiß bis heute nicht, warum unser Kapitän, der „D. Hein“, mein überragendes Talent nicht entdeckt hat. Vielleicht hatte er aber auch einfach nur Angst, dass ich ihm erst den Stammplatz und danach die Kapitänsbinde abgenommen hätte. Mich juckte das eh nicht sonderlich, weil ich mit mir und meinem Leben rundum zufrieden war. Außerdem war es nicht unangenehm, wenn ich mit meiner Marina und den anderen Spielerfrauen am Spielfeldrand stand und zusehen konnte, wie meine Gaffel Kumpels über den Aschenplatz grätschten. Ich war dagegen eh mehr der Filigrantechniker, der sich auf Rasenplätzen bedeutend wohler fühlen.

Jetzt musste ich gerade doch selbst über meine Geschichte lachen. Wenn den letzten Absatz ein Außenstehender liest, könnte er glatt denken, dass es einen Messi, oder Christiano Ronaldo vielleicht nie gegeben hätte, wäre mein Talent früher entdeckt worden. Nun, um der Wahrheit die Ehre zu geben, war ich immer nur ein mittelmäßiger Fußballer, der (leider) nie den Ehrgeiz und die Motivation hatte, mehr aus seinem, durchaus vorhandenen, Talent zu machen. Von daher ging meine Nichtberücksichtigung in der Thekenmannschaft völlig in Ordnung.

Am besten hat meine eingeschränkten Qualitäten ein Arbeitskollege bei Schneider & Söhne beschrieben, in dem er mich fragte:

„Manni, spielst du eigentlich gerne Fußball“

Ich: „ja klar, am liebsten von morgens bis abends“

„Dann lern es doch endlich mal“

Es war wirklich alles perfekt, nur leider waren Marina und ich nie alleine. Sie wohnte auch noch zu Hause, hatte zwar ein Zimmer für sich, aber es war halt, wie bei mir, ständig jemand Zuhause. Also blieb es auch, wie schon zuvor bei Gabi, bei heimlichen und vor allen Dingen weitestgehend lautlosen Knutschereien*.

*sorry, lieber Harry, ich weiß, dass Du an dieser Stelle etwas anderes erhofft hast, aber ich muss Dich da leider noch um etwas Geduld bitten. Bis dahin empfehle ich Dir diesen, wie ich finde sehr lesenswerten Artikel:

https://www.barbara.de/mittwoch/kuessen-hilft-warum-wir-alle-mehr-knutschen-sollten/

Für meine Artgenossen vom Stamm der Dreibeiner wird das sicher schwer zu verstehen sein, aber mir reichte die Art, wie Marina und ich unsere Partnerschaft lebten. Das heißt natürlich nicht, dass ich mein Leben lang auf die schönste Nebensache der Welt verzichten wollte, sie stand eben nur nicht im Vordergrund. Marina war nicht nur froh über meine Einstellung, sie sah es ganz genauso.

Irgendwann sprachen Marina und ich über das Thema „gemeinsamer“ Urlaub. Eigentlich war zwar wieder Cala Figuera mit den Jungs geplant, aber der Gedanke an drei ungestörte Wochen mit ihr, gefiel mir um einiges besser. Wie wirklich bei allen anderen Themen auch, waren wir uns schnell einig was den Urlaubsort und das Hotel anging und wir buchten für den Sommer 3 Wochen auf der griechischen Halbinsel Chalkidiki.

Bei Schneider & Söhne war ich inzwischen zum stellvertretenden Abteilungsleiter aufgestiegen, was mir neben ein paar Mark Gehalt auch ein bisschen mehr Verantwortung, incl. der dazugehörigen Pflichten einbrachte.

Die Abteilung „Produkta“, in der ich kurz vor meiner Bundeswehrzeit angefangen hatte und in die ich danach zurückgekehrt war, war ein noch junger Geschäftszweig bei G.S.&S., der sich um den Vertrieb von Büro- und Kopierpapier kümmerte. Wir hatten drei Außendienstleute, die die wie Pilze aus dem Boden schießenden Copy Shops betreuten und dort unsere Kopierpapiersorten anboten.

Wie in jeder anderen Branche auch, regelt die Nachfrage das Angebot und je höher unser Bedarf bei den Papierfabriken wurde, umso mehr verschiedene Sorten wurden uns offeriert. Fabriken in Schweden, Frankreich, Österreich, Deutschland produzierten plötzlich Kopierpapier und wollten ihre Produkte natürlich auch erfolgreich in den Markt einführen. So kam es, dass wir von einem Lieferanten zu einem 3- tägigen Seminar an den Neusiedlersee in Österreich eingeladen wurden und ich daran teilnehmen sollte bzw. musste. Ich mag solche Seminare nicht. Tagsüber wird man mit einer Flut an Informationen und Zahlen bombardiert, mit Prospekten zugeschüttet und abends haut man sich, auf Kosten des Lieferanten, den Wanst und die Birne voll.  Kommt man zurück, wird überlegt, ob das Konkurrenzprodukt nicht doch besser ist, oder wie man zumindest den Einkaufspreis nochmal drücken kann. Wie auch immer, ich konnte das Seminar nicht absagen und so flog ich, an einem Freitag Nachmittag, mit unserem Abteilungsleiter und zwei Kolleginnen nach Wien.

Mit Marina verabredete ich, dass sie mich am Sonntag Mittag am Kölner Flughafen abholen kommt.

Von dem Seminar weiß ich nichts mehr, nur, dass ich die Stunden gezählt habe, bis ich wieder zurück nach Köln und zu meiner Marina konnte.

Die Lufthansa Maschine war überpünktlich und noch nicht endgültig zum Stillstand gekommen, da stand ich schon an der Tür und stürmte aus der Maschine.

Eigentlich hätte ich wissen müssen, dass es nicht den geringsten Unterschied macht, ob man als Erster, oder als Letzter ein Flugzeug verlässt. Spätestens am Gepäckband ist man wieder vereint und nur ganz selten geht das Band an, bevor der letzte Passagier die Maschine verlassen hat.

Beim Einstieg ist es auch nur dann vorteilhaft, früh einzusteigen, wenn man ein paar Zeitschriften am Eingang abgreifen will. Kommt man später in die Maschine, sind bestenfalls noch ein paar Frauenmagazine mit den neuesten Koch-, Strick- und Beziehungsanleitungen übrig.

Als ich endlich aus dem Sicherheitsbereich raus war, sah ich zwar jede Menge Menschen, die mit Blumen, Teddybären und Hunden auf ihre Angehörigen warten, aber keine Marina. Ich versuchte ruhig zu bleiben. Vielleicht hat sie sich ja nur verspätet, steht vor einer anderen Halle, oder raucht draußen eine Zigarette. Mir ging alles Mögliche durch den Kopf, nur nicht, dass sie mich versetzt hat.

Gleich neben dem Ausgang sah ich dann meine Schwester mit ihrem damaligen Partner auf der Bank sitzen. Ich steuerte auf die 2 zu, immer noch in der Hoffnung, dass meine Marina irgendwo in der Nähe ist, aber dem war nicht so.

„Wo ist Marina?“ war alles, was ich herausgebracht habe. Heike konnte mir die Frage nicht beantworten. „wir wissen es nicht, sie hat bei der Ma angerufen und nur gesagt, dass sie dich nicht abholen kann“. In dem Moment war es mit meiner Ruhe vorbei und meine letzte Hoffnung löste sich im Nichts auf.

Zu Hause angekommen, konnte mir meine Ma auch nicht viel mehr sagen, als meine Schwester. Ich rief bei Marina an, aber niemand nahm ab. Für mich war das der endgültige Beweis, dass etwas Schlimmes passiert sein musste, sonst wäre doch zumindest ihre Mutter, Rosi, oder von mir aus ihr Vater ans Telefon gegangen. Mein nächster Anruf war bei der Polizei, ob ihnen ein Unfall mit einem hellblauen VW Käfer, mit aufgeklebten Marienkäfern, gemeldet worden wäre, aber das war zum Glück nicht der Fall.

Also stieg ich in mein Auto und klapperte sämtliche Lokale ab, in denen ich mit Marina gewesen bin. Ich bin, was im nachhinein natürlich totaler Schwachsinn war, sogar in den Kölner UFA Palast marschiert und habe geguckt, ob sie im Kino sitzt.

Marina blieb verschollen. Meine letzte Station war ihr Elternhaus in Brück. Dort angekommen fiel mir gleich auf, dass ihr „Purzel“ nicht auf seinem gewohnten Parkplatz stand.

Ich stellte mein Auto unter ihrem Fenster ab, klappte meinen Sitz nach hinten und zermarterte mir den Kopf, wo sie sein könnte. Unsere Beziehung lief bestens, so wie ihre Eltern mit mir, waren meine Eltern mit ihr einverstanden, wir hatten Urlaub gebucht, es gab wirklich nichts, was unser Glück ernsthaft hätte in Gefahr bringen können, aber da irrte ich mich leider.

Über die ganze Grübelei bin ich wohl irgendwann eingenickt, als jemand an die Scheibe meines Autos klopfte. Ihre Mutter stand im Morgenmantel, es war inzwischen 1 Uhr Nachts und bat mich, mit nach oben zu kommen.

„komm bitte mit rauf, ich muss dir was sagen“.

Meine Angst stieg natürlich sofort wieder an, aber selbst in dem Moment hätte ich im Leben nicht mit dem gerechnet, was Frau F. mir dann zu sagen hatte.

„Marina hat sich gestern mit Walter getroffen, war dann kurz zu Hause und ist dann wieder zu ihm gefahren. Ich gehe davon aus, dass sie noch bei ihm ist.“

Als sie meinen ungläubigen, verzweifelten Blick sah, setzte sie sich neben mich und nahm mich in den Arm.

„Es tut mir so leid und ich verstehe Marina auch nicht. Tu mir bitte den Gefallen und fahr vorsichtig nach Hause. Ich verspreche Dir, sie wird sich bei Dir melden, dann könnt ihr reden“.

Ich bin dann tatsächlich langsam und vorsichtig nach Hause gefahren, weil ich komplett unter Schock stand und gar nicht schneller hätte fahren können. Den Rest der Nacht habe ich kein Auge mehr zugemacht. Mir gingen 1.000 Dinge durch den Kopf. Was hatte ich falsch gemacht? Was war schiefgelaufen? Womit war sie unzufrieden? An das Naheliegende, dass sie den Verlust der ersten Liebe nicht so schnell verarbeiten, geschweige denn vergessen konnte, habe ich in dem Moment nicht gedacht.

Marina rief am nächsten Tag an, ich fuhr zu ihr und wir redeten in ihrem Zimmer. Ihr Ex hatte, zum ersten Mal seit der Trennung, wieder Kontakt zu ihr aufgenommen. Daraufhin haben sie sich getroffen und er hat das komplette „komm zu mir zurück“ Programm abgespult, incl. Tränen und auf Knien flehend um eine allerletzte Chance bittend, als er merkte, dass sie mit mir glücklich war.

„ich weiß, dass es falsch ist, aber ich will ihm diese Chance geben, sechs Jahre kann man leider nicht so leicht wegstreichen“.

Marina nahm mich in den Arm und wir beide weinten. Es war vorbei und es gab nichts, womit ich es hätte verhindern können.

Die nächsten Tage waren die Hölle. Ich funktionierte nur noch, fuhr morgens ins Büro, erledigte so gut wie möglich meinen Job und abends lag ich auf meinem Bett und starrte Löcher in die Decke. Ab und zu stellte ich mich ans Fenster im Wohnzimmer, was meiner Ma aber überhaupt nicht gefiel. Sofort stand sie hinter mir. Manchmal redete sie auf mich ein, manchmal zupfte sie immer wieder kurz an meinem Hemd und manchmal nahm sie mich einfach nur in den Arm und weinte mit mir.

Bei meinem letzten Gespräch mit Marina war natürlich auch unser geplanter Urlaub zur Sprache gekommen. Es wird wahrscheinlich niemand verstehen, aber ich habe ihr dann angeboten, mich um die Umbuchung auf ihren Ex zu kümmern. Was wäre die Alternative gewesen? Für uns beide stornieren, eine Buchung stornieren und der andere wäre alleine geflogen? Das erschien mir alles unsinnig und deshalb ging ich ein paar Tage später ins Reisebüro, ließ mich aus der Buchung löschen und ihren Ex, dessen Daten sie mir aufgeschrieben hatte, eintragen.

Mir ging es hundsmiserabel und es gab wirklich nichts, was mich in der ersten Zeit nach der Trennung hätte aufheitern, oder auch nur ablenken können. Meine Ma und meine Schwester machten dann den Vorschlag, so schnell wie möglich in Urlaub zu fahren. Erst mal weg aus Köln, Marina und vielleicht auf andere Gedanken kommen.

Heike war 1983 im Club Punta Arabi auf Ibiza und schwärmte danach in den höchsten Tönen von diesem Urlaub. Am nächsten Tag reichte ich 3 Wochen Urlaub ein, ging nach Feierabend ins Reisebüro und saß ein paar Tage später im Flieger nach Ibiza.

Ich kann nicht sagen, dass ich diesen Urlaub genossen habe. Die ersten zwei Wochen saß ich desinteressiert und gelangweilt am Pool und habe mir das fröhliche Flirten und Spaß haben der anderen Clubgäste aus der Ferne angesehen. Abends eine Kleinigkeit essen und danach habe ich mich an der Theke der Club Bar abgeschossen. Bier, Wodka Lemon, Hierbas, bis die Taschen leer und ich voll war.

Als ich eines Abends mal wieder Richtung Ausgang wankte, sprach mich ein Mädel an, die alleine an einem Tisch in der Bar gesessen hatte. Ich kann nicht sagen, dass sie mir aufgefallen war, was aber auch am steigenden Alkoholpegel gelegen haben kann.

„Darf ich dich was fragen?“

„Klar, nur zu“.

Wenn ich angetrunken bin, werde ich nachdenklich, manchmal geradezu melancholisch und dadurch auch schweigsam. Außerdem sind in solchen Situationen kurze, verständliche Sätze besser, als irgendwelche gelallten Antworten, die eh kein Mensch mehr versteht.

„Ich beobachte dich schon ein paar Tage und entweder bist du Alkoholiker, oder hast ein riesengroßes Problem“.

„Stimmt“.

Ich blieb bei meinen knappen Antworten, merkte aber auch, dass da jemand ist, dem ich mein Herz ausschütten kann. Die Abteilung Melancholie begann gleich den noch grübelnden Teil meines Gehirns auf Seite zu schieben und signalisierte Kommunikationsbereitschaft.

„Was stimmt? Alkoholiker oder Problem?“

„Problem“

„Ok, möchtest Du mit mir darüber reden?“

„Ja“

Wir gingen zum Pool, suchten uns eine Liege etwas abseits der immer noch feiernden Bar und Diskotheken Gästen und begannen zu reden. Sie hieß Martina, war alleine angereist, in meinem Alter und kam aus Velbert. Ich erzählte ihr die ganze Geschichte von Marina, ihrem Ex und dem geplatzten Urlaub und merkte, dass es mir gut tat, darüber zu reden, noch dazu mit einer wildfremden Frau, die ich gerade erst kennengelernt hatte. Sie hörte aufmerksam zu, schüttelte zwischendurch den Kopf und als ich mit meiner Geschichte fertig war, sah sie mich an und sagte:

„das tut mir sehr leid und das hast du auch nicht verdient“

Inzwischen war es hell geworden und die meisten Clubgäste waren alleine, zu zweit, oder auch mal zu dritt, auf ihren Zimmern verschwunden.

Auf weiteren Alkohol hatte ich bei unserem Gespräch verzichtet, aber Martina hatte auch so schon bemerkt, dass ich wohl doch kein Alkoholiker bin. Das Koffein in der Cola, die ich uns zwischendurch geholt habe, zeigte ebenfalls seine Wirkung und ich will nicht behaupten, dass ich wieder nüchtern war, aber doch erheblich klarer im Kopf, als noch ein paar Stunden zuvor.

Hand in Hand verließen wir den Poolbereich und schlenderten in Richtung ihres Zimmers. Im Gegensatz zu mir hatte sie ein Einzelzimmer gebucht, während ich leider nur noch ein halbes Doppelzimmer bekommen hatte. Ich blieb in dieser Nacht bei Martina und auch die restlichen Urlaubstage und -nächte verbrachten wir zusammen. Aus drei Wochen Griechenland mit Marina war so eine Woche Ibiza mit MarTina geworden.

Unvergessen ist mir ihr „Markenzeichen“ geblieben. Sie hatte ein kleines Büschel Haare, dass aus ihrem Bauchnabel herauswuchs. Normalerweise mag ich keine Haare bei Frauen, außer auf dem Kopf, aber ich kann nicht sagen, dass diese drei, vier Haare, obwohl sie schon eine stattliche Länge erreicht hatten, mich gestört, oder sogar abgestoßen haben. Wenn sie sie in all den Jahren seitdem noch immer nicht gestutzt hat, wird sie sie jetzt wahrscheinlich als Schal im Winter tragen können.

Nach dem Urlaub habe ich sie nochmal für ein Wochenende in Velbert besucht, aber dann ist unser Kontakt eingeschlafen. Sie gehört aber heute noch zu den wenigen Frauen, von denen ich gerne wüsste, was aus ihr geworden ist.

Natürlich habe ich Marina durch sie nicht vergessen, aber Martina hat zumindest dafür gesorgt, dass ich noch eine schöne letzte Urlaubswoche auf Ibiza hatte und ich war nicht mehr in diesem ganz tiefen Loch, wie noch vor dem Urlaub. Ich nahm wieder am Leben teil, ging in die Gaffel, spielte Fußball und fuhr auch schon mal am Wochenende auf die Ringe, oder ging in die Altstadt.

Während meiner Zeit bei der Bundeswehr hatte Marion, als Datentypistin bei G.S.&S. angefangen. Mehr und mehr Firmen hatten auf Computer umgestellt und Marion war für die Erfassung der Aufträge zuständig. Mit ihr und ihrem damaligen Freund sind Marina und ich mal unterwegs gewesen und ich erinnere mich auch noch daran, dass Marina Marion ihre Motorradkluft geliehen hatte, damit sie mit ihrem Freund auf Tour fahren konnte. Meine Trennung von Marina blieb ihr dadurch natürlich nicht verborgen. Ansonsten habe ich das Thema nämlich vermieden und die Kollegen waren so taktvoll und sprachen mich auch nicht darauf an.

Eines Tages erzählte sie mir freudestrahlend, dass sie sich verlobt hätten und sie auch schwanger von ihm sei. Leider hielt die Freude nicht lange an. Oft saß sie vor ihrem PC und dicke Tränen kullerten ihre Wangen herunter. Ich konnte noch nie gut sehen, wenn Frauen weinen, das weckt sofort sämtliche Beschützerinstinkte und so kümmerte ich mich dann auch ganz automatisch um Marion. Die Mittagspause verbrachte ich mit ihr im Verkaufsbüro und nach der Arbeit fuhr ich sie nach Buchforst, wo sie eine eigene kleine Wohnung hatte. Zollstock – Rodenkirchen – Buchforst – Zollstock wurde so zu meiner täglichen Fahrstrecke.

Sie erzählte mir die Geschichte von ihrem Vater, der bei der Kölner Autobahnpolizei war und der rausgefunden hatte, dass ihr Verlobter vorbestraft ist und per Haftbefehl wegen Drogendelikten gesucht wird. Jetzt war der Typ spurlos untergetaucht und sie saß, inzwischen hochschwanger, alleine in Köln und wusste nicht mehr vor und zurück. Ich half ihr so gut ich konnte, in dem ich für sie da war, mit ihr essen ging, oder einkaufen, oder was immer gerade anlag.

Wie die Geschichte weiterging, ob ich von Marina noch was hörte und was der Baron Münchhausen damit zu tun hat, erfahrt ihr in meiner nächsten Geschichte.

Nachtrag:

Trotz meiner Trauer und Enttäuschung, gab es wirklich keinen einzigen Moment, in dem ich Marina einen Vorwurf gemacht habe, oder sogar sauer auf sie war. Das Schicksal hatte es so für mich bestimmt und das kann man nun mal nicht beeinflussen. Mit dieser Einstellung gehe ich jetzt schon 56 Jahre durch mein Leben. Es gibt Dinge, die man nicht ändern kann und die man akzeptieren muss, auch wenn man sie nicht sofort versteht und vielleicht sogar niemals verstehen wird.

Das ist nicht nur bei jedem Einzelnen von uns so, sondern auch im Gesamten, bei völlig banalen, aber auch den wichtigen Dingen des Lebens.

Warum habe ich meinen Job verloren? Warum habe ich mich in dieser, oder jener Situation falsch entschieden? Warum kann ich mich nicht in X oder Y verlieben? Warum will mich A oder B nicht (mehr)? Warum führen Menschen Krieg? Warum sterben, selbst noch im doch ansonsten so fortschrittlichen 21. Jahrhundert, Kinder an Hunger, oder Krebs? Warum morden und vergewaltigen Menschen? Warum gibt es Unterschiede zwischen arm und reich, schwarz und weiß, oder in der Religion der Menschen?

WARUM – WARUM – WARUM – WARUM – WARUM – WARUM !!

Ich hasse dieses Fragewort, besonders dann, wenn ich keine plausible Antwort auf diese Frage finde. Der Franzose sagt bei solchen Fragen „c`est la vie“, der Amerikaner „shit happens“ und der Deutsche „kann passieren“, oder „dumm gelaufen“. Am treffendsten ist aber für mich die Definition des Schicksals von Forrest Gump, genauer gesagt, die seiner Mutter:

„Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie, was man bekommt“.

Würden wir nicht alle glücklich, friedlich und zufrieden leben, wenn alles gerecht verteilt wäre?

NEIN, das würden wir nicht, weil es immer jemand geben wird, der trotzdem unzufrieden ist, der noch mehr haben möchte, oder einfach nur neidisch auf das, vielleicht nur einen Tick bessere Leben seines Nachbarn ist.

Bitte entschuldigt diesen kleinen, philosophischen Nachtrag, aber jetzt wisst ihr wieder ein bisschen mehr wie ich ticke.

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