Das Ende eines Traums – Teil 2

Ein paar Tage nach dem Anruf von Reinhard fand ein Meeting in München statt, zu dem die Außendienstkollegen und ich telefonisch zugeschaltet wurden. Erst da erfuhr ich, wie viele Kolleginnen und Kollegen von der „Umstrukturierung“ betroffen waren. Der Tagungsraum muss jedenfalls sehr gut gefüllt gewesen sein, ich hörte viele mir sehr vertraute Stimmen über den Lautsprecher des Telefons.[weiterlesen]

Nach ein paar einleitenden Worten der Vorsitzenden unseres Betriebsrats, wie sehr man sich doch gegen diese Umstrukturierung gewehrt, für die Kolleginnen und Kollegen gekämpft hätte und anderem verlogenen BlaBlaBla, wurden dann die Bedingungen der Trennungen verlesen.

Nicht nur mir kam es später so vor, als hätte nicht der Betriebsrat an dem Meeting teilgenommen, sondern der Rechtsanwalt von Sony. Dazu muss man wissen, dass die Vorsitzende, Gertrude K.d.D., nicht nur seit über 20 Jahren im Telefonverkauf für SPHE tätig war, sondern auch nur noch wenige Jahre bis zur Altersrente hatte. Dementsprechend kann man sich vorstellen, dass sie der Geschäftsleitung nur nach dem Mund geredet und sich ganz sicher nicht für die Kolleginnen und Kollegen eingesetzt hatte, von denen man sich trennen wollte.

Abfindung laut Sozialplan nach Bruttogehältern und Betriebszugehörigkeit, Betreuung und Unterstützung bei Bewerbungen, Härtefälle, rechtliche Situation, usw.

Danach gab es eine allgemeine Unruhe, weil einfach jeder mit dieser Situation überfordert war und erstmal die für sich selbst wichtigen Fragen geklärt haben wollte.

Hans W., mein Kollege aus dem Außendienst, mit dem ich nicht nur meine komplette Zeit bei Sony zusammengearbeitet, sondern Anfang der 90 er Jahre auch 2 Urlaube auf Kuba und Sri Lanka verbracht hatte, fragte dann mal vorsichtig und für seine Verhältnisse sehr höflich nach, warum denn beim Außendienst nicht auch die Prämien und Provisionen für die Abfindungssumme berücksichtigt werden? Hans war, wie ich, ein Freund der klaren Worte, der auf den Tagungen immer offen und ehrlich seine Meinung geäußert hatte, oft zum Leidwesen unserer Marketingabteilung. Leider war auch ihm jede Diplomatie fremd und ich muss gestehen, dass wir dabei auch so manches Mal übers Ziel hinausgeschossen sind, bzw. uns im Ton vergriffen haben.

Mit Hans habe ich fast täglich telefoniert und wir haben uns, wann immer unsere Touren es zuließen, auch getroffen. Von daher weiß ich, dass er (wir) unsere Kritik auch nie böse gemeint haben. Vor Ort in den Videotheken, oder später in den Saturn und Media Märkten, lassen sich die durchaus gut gemeinten und in mühevoller Arbeit ausgetüftelten Ideen nun mal nicht so leicht umsetzen, wie die Jungs und Mädels der Marketing Abteilung sich das vorstellten.

Hans war mit den Jahren, nicht nur durch unsere gemeinsamen Urlaube, ein guter Freund für mich geworden und ich habe so manches „Schnäppchen“ bei ihm gekauft, dass er in seiner Heimatstadt Frankfurt am Main, oder irgendwo unterwegs auf seinen Touren aufgetan hatte. Meine erste, richtig teure Armbanduhr, eine Ebel mit schwarzem Zifferblatt habe ich genauso bei ihm gekauft, wie diverse Textilien namhafter Hersteller.

Uns verband auch die Liebe zu den Frauen, die wir eine gewisse Zeit lang öfter wechselten, als Hans seine teuren Designeranzüge. So hatten wir auch immer ein Thema bei unseren, oft stundenlangen Telefongesprächen.

Gertrude K.d.D., die Betriebsratsvorsitzende, muss von seiner Frage fast schon persönlich beleidigt gewesen sein. Anders kann ich mir ihre schroffe Ablehnung, verbunden mit den höchsten Lobeshymnen auf das sehr kulante und ungewöhnlich anständige Verhalten von SPHE bei dieser Kündigung, nicht verstehen. Es war, als ob sie die Abfindung aus eigener Tasche zahlen müsste.

Der Rest dieser unsäglichen Konferenz war ein Frage- und Antwortspiel zwischen den betroffenen Kollegen und Frau K.d.D. vom Betriebsrat, die mich an so manches Interview von Spielern und Trainern nach einem verlorenen Spiel, oder Politikern vor einer wichtigen Wahl erinnerte. Einer fragt, der andere drückt sich um die Antwort. Es war einfach nur schlimm und nicht nur ich war froh, als diese Farce endlich beendet war.

Während ich vor der Telefonkonferenz noch überlegt habe, dass SPHE Angebot anzunehmen, stand jetzt für mich fest, dass ich mir anwaltliche Hilfe suchen werde.

Durch Uwe T. vom Saturn aus Bergisch Gladbach bekam ich den Tipp von einer Anwältin, die im Kölner Media Park ihre Kanzlei hatte und die bereits den Kollegen eines Mitbewerbers sehr erfolgreich vertreten hatte.

An dem Tag, als ich in der Kanzlei anrufen wollte, erhielt ich aber noch einen Anruf von Reinhard L. Es sollte das letzte Mal sein, dass ich mit ihm gesprochen habe, aber das wusste ich zu dem Zeitpunkt natürlich noch nicht.

„Hallo Herr Schmitz, haben sie mal überlegt, was sie jetzt tun wollen?“

„Hallo Herr L., ich bin mit der Situation absolut überfordert und habe mir jetzt anwaltliche Hilfe besorgt.“

„Alles klar, dann weiß ich Bescheid.“ – aufgelegt.

Einen Tag später wurde mir per Einschreiben / Rückschein meine sofortige Freistellung mitgeteilt.

Kurz noch ein paar Sätze zu Reinhard L.

Im Gegensatz zu ein paar meiner Retail AD Kollegen hatten Reinhard und ich einen guten Start, als er im Herbst 2006 von Nintendo zu uns wechselte. Gleich in seinem ersten Meeting mit ihm erzählte er uns, wie er 2 langjährige Nintendo Ads an seinem ersten Arbeitstag gefeuert hätte und er viel von uns verlangen würde, wir aber im Gegenzug auch profitieren würden, wenn wir mitziehen.

Mir ist es lieber, jemand sagt gleich die Wahrheit, auch wenn diese natürlich auch mal sehr hart, bzw. unangenehm sein kann, als wenn er rumeiert oder sogar hinterrücks anders redet.

Thomas L., mein Berliner Kollege und selbsternanntes Alphatier der AD Truppe, ging gleich auf Konfrontationskurs zu Reinhard und es hätte niemand wirklich gewundert, wenn sie sich schon beim ersten Meeting an die Gurgel gegangen wären. Später, als wir gemeinsam zum Flughafen fuhren, legte Thomas nochmal nach und kündigte uns an, dass einer von ihnen beiden das nächste halbe Jahr nicht „überleben“ würde. Er war sich seiner Sache ziemlich sicher, dass er als Sieger aus diesem Duell hervorgehen würde.

Die nächsten Tagungen liefen alle nach dem gleichen Muster. Reinhard gab die Richtung und die, teilweise doch sehr hoch gesteckten Ziele vor und Thomas widersprach ihm. Der Rest der Truppe beobachtete das Ganze, dachte sich seinen Teil, ergriff aber für keine der beiden Seiten Partei. Ich versuchte es zwar ab und zu mal mit meiner von meinem „Chefchen“ Günter, angeratenen Diplomatie, war aber damit genauso wenig erfolgreich, wie jeder andere Kollege, der diesen Versuch unternahm.

Warum Reinhard ihn nicht gleich gefeuert hat, kann ich mir nur damit erklären, dass Thomas zu wichtig für die Firma geworden war, bzw. sich selbst zu wichtiggemacht hatte. Thomas betreute von Berlin aus die größten Key Accounts in Deutschland, u.a. ALDI, Rossmann und andere LEH (Lebensmittel Einzel Händler) Ketten.

Nach einem halben Jahr hatte sich die Situation derart zugespitzt, dass eine Trennung von einem von beiden fast unumgänglich geworden war. Sämtliche Vermittlungs- und Schlichtungsversuche verliefen erfolglos, sowohl Thomas, als auch Reinhard schalteten auf stur, vielleicht um einfach nur herauszufinden, wer der wichtigere Mann im Unternehmen ist.

Ich erinnere mich an ein Event, auf einer eigens für den Außendienst gemieteten Kartbahn in München, bei dem die zwei sich fast gegenseitig von der Bahn geschossen hätten.

Irgendwann ging schließlich das Gerücht um, dass Thomas gekündigt hätte und in eine andere Sony Abteilung wechseln würde. Was dann genau geschehen ist, haben wir nie erfahren.  Jedenfalls waren Thomas und Reinhard von diesem Moment an wie beste Freunde. Thomas bekam das „Du“ angeboten, auf Tagungen wurde gescherzt und getuschelt, man munkelte, dass Thomas auf der Premierenfeier in Berlin zum DVD und Blu-ray Start von „Casino Royale“, eine, nennen wir sie mal „Flirtempfängliche Dame“ für Reinhard besorgt hatte.

Zur Überraschung aller, fuhren sie ein halbes Jahr später sogar zusammen in den USA Urlaub und verbrachten den Jahreswechsel, zusammen mit ihren Frauen und Kindern, im gemeinsamen Skiurlaub. Ein Schelm, der Böses dabei denkt.

Mir blieb nach der Telefonkonferenz und nach dem Gespräch mit Reinhard L. gar keine andere Wahl, als die ganze Angelegenheit jetzt von einem Anwalt klären zu lassen.

Als ich zum ersten Mal in der Kanzlei meines Vertrauens anrief, fühlte ich mich wie ein Mandant, der bei „Pearson – Specter“ in Chicago anruft und Donna an die Strippe bekommt.

Junge, weißt du eigentlich, dass du gerade bei der besten Anwaltskanzlei der Stadt anrufst und wir weder die Zeit, noch die Lust haben, uns um dein eh berechtigtes Knöllchen für Falschparken zu kümmern? Die Nummer von Danni Lowinski steht im Branchenbuch ihrer Stadt. Untermalt wird dieser Satz vom rhythmischen Schleifgeräusch einer Designernagelfeile auf perfekt manikürten und mit Diamantsteinchen versehenen Kunstnägeln.

Erst als ich die Zauberworte „Sony – 20 Jahre Zugehörigkeit – Umstrukturierung – betriebsbedingte Kündigung – Rechtschutzversicherung“ erwähnte, wurde der Ton freundlicher und die Donna aus Köln versprach mir einen schnellstmöglichen Rückruf, der dann auch tatsächlich noch am selben Tag kam.

Bereits eine Woche später saß ich Frau Dr. O. zum ersten Mal gegenüber. Ihre Kanzlei, die sie mit einer Partnerin und drei weiteren Rechtsanwälten betrieb, hatte sehr viel von der Ausstattung, wie ich sie aus amerikanischen Filmen und TV Serien kannte. Alles war groß, hell, freundlich und geschmackvoll eingerichtet, lange Gänge führten zu den verschiedenen Büros und an den Wänden hingen moderne Bilder von irgendwelcher Art Deko Künstler. Kunst war nie mein Ding, Museen und Ausstellungen die pure Zeitverschwendung, aber in diesem Bürokomplex hatten die Bilder etwas Beruhigendes. Ich fühlte mich jedenfalls gleich gut aufgehoben. Die Empfangsdame, die jetzt gar nicht mehr viel mit Donna aus „Suits“ gemeinsam hatte, führte mich in einen großen Konferenzraum, bot mir einen Kaffee an und bat mich um ein klein wenig Geduld, die Frau Doktor ist gleich bei ihnen. Ich habe kurz darüber nachgedacht sie zu fragen, ob ich mich schon mal freimachen soll, habe mir das dann aber doch verkniffen. Allein der Gedanke an so einen Spruch zeigte mir, dass ich dabei war mich ein wenig zu entspannen. Leider waren meine Schweißdrüsen noch im Stressmodus und steigerten ihre Produktion in den Literbereich. Auf Deutsch, ich habe geschwitzt wie die Sau.

Frau O., Verzeihung, Frau Dr. O. natürlich, eine sehr attraktive Frau, mit angenehmer Stimme, hörte sich geduldig meine Geschichte an, stellte ab und zu Fragen und machte sich ansonsten eifrig Notizen. Als ich ihr alles erzählt hatte, incl. der Tauschgeschichte und dem bundesweiten Hausverbot, erklärte sie mir ihre Strategie und wir besprachen die weitere Vorgehensweise.

Das nächste Mal habe ich sie dann ein paar Wochen später bei unserem ersten Gerichtstermin vor dem Arbeitsgericht in Köln gesehen, als die erste Vorverhandlung angesetzt war. In der Zwischenzeit hatten wir ein paar mal miteinander telefoniert, ich hatte ihr Unterlagen zukommen lassen und sie mir den bis dahin stattgefundenen Schriftverkehr mit dem Sony Anwalt Von SPHE selbst hatte ich nur meine Freistellung bekommen. Das heißt, ich bekam weiter mein Gehalt, durfte auch den Firmenwagen nutzen, musste (durfte) aber nicht mehr in Kundschaft fahren.

Sony hatte eine weltweit vertretene Sozietät engagiert, aber das beunruhigte weder meine Anwältin, noch mich. In den Anwaltsserien, die ich aus dem TV kannte, hatten schließlich auch fast immer die Staranwälte gewonnen und warum sollte das in der Realität anders sein?

Hätte ein völlig ahnungsloser Außenstehender die erste Verhandlung mitverfolgt, hätte er mir trotzdem danach zum Sieg gratulieren können und damit keinen Fehler gemacht.

Den ersten Satz des Sony Verteidigers werde ich nie vergessen.

„Herr Vorsitzender, bevor wir mit der Verhandlung beginnen, möchte ich sie bitten, Herrn Schmitz auf das erhöhte Prozessrisiko hinzuweisen, dem er sich hier aussetzt.“

Meine Anwältin schwieg, mir blieb direkt die Luft weg und meine Schweißdrüsen wollten gerade wieder mit ihrer Überproduktion beginnen, als der 1. Vorsitzende ihm antwortete:

„Komisch, darauf wollte ich sie auch gerade hinweisen. Mir erscheint die Lage ziemlich eindeutig. Herr Schmitz war 20 Jahre für ihre Mandantin tätig, hat sich nichts zu Schulden kommen lassen und die Sozialauswahl scheint mir auch sehr Fehlerhaft zu sein. Machen sie Herrn Schmitz ein faires Angebot, das erspart allen Parteien Zeit und Geld.“

Dass der Vorsitzende uns dabei nicht zuzwinkerte und angrinste, hätte weder meine Anwältin, noch mich und wahrscheinlich nicht mal den gegnerischen Anwalt gewundert.

Bis das endgültige Urteil gesprochen wurde, sollten dann aber doch noch einige Monate, mit zahlreichen Verhandlungsrunden, ins Land gehen. Bei einem Boxkampf zählt man die Treffer, daraus ergeben sich die gewonnenen Runden und man hat zumindest einen Sieger, falls nicht einer der beiden Kontrahenten vorzeitig KO geht.

Das ich zumindest als Punktsieger aus diesem Kampf hervorgehen würde, war schnell klar. Die Frage war nur, ob ich auch noch den entscheidenden KO Schlag setzen konnte.

Tja, um es vorwegzunehmen, den Kampf habe ich gewonnen und doch eine meiner bittersten Niederlagen einstecken müssen, aber die ist dann Thema in meiner nächsten Geschichte.

~~ wird fortgesetzt ~~

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