Das Ende eines Traums – das Finale

Im Januar 2012 saß ich Dr. S. gegenüber, einem Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Als Privatpatient einer Krankenversicherung hat man gewisse Privilegien und deshalb ging die Überweisung von meiner Hausärztin, die sogar den ersten Termin für mich buchte, sehr schnell.

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Dr. S. hörte sich meine Geschichte an und diagnostizierte einen massiven Burnout und eine mittelschwere Depression. So weit war ich also jetzt gekommen. Worüber ich mich früher lustig gemacht hatte, war plötzlich bittere Wahrheit geworden. Der Begriff Depressionen kam in meinem Wortschatz nicht vor. Ich, der Strahlemann, Sprücheklopfer, Alleinunterhalter und Paradebeispiel für Lebensfreude, sollte plötzlich jammernd in einem Loch sitzen? Natürlich hatte ich auch meine Zeiten, in denen ich traurig und mutlos war, mich oft sogar in Selbstmitleid ergeben hatte, aber das ging meistens mehr oder weniger schnell vorüber. Dass es aber immer langsamer vorüber ging, hatte ich nicht gemerkt, vielleicht wollte ich es auch nicht wahrhaben. Dazu war ich ein wahrer Meister im verdrängen und fast schon ein Weltmeister im überspielen von negativen Dingen. Was geht es auch schon fremde Menschen an, wie es mir wirklich geht? Mein Wahlspruch war doch schon immer „doch wie es da drinnen aussieht, geht niemand was an“. Das lag aber inzwischen mehr an dem immer größer werdenden Misstrauen, meinen Mitmenschen gegenüber. Oft genug waren mein Vertrauen und meine Offenheit missbraucht bzw. sogar zu meinem Nachteil ausgelegt worden.

Das Schlimmste aber war, dass es nach jeder noch so schmerzlichen Erfahrung schnell wieder aufwärts ging und ich das Geschehene erst gar nicht vollständig verarbeiten musste. So war es 2001, bei der Trennung von Michaela, als ich kurz danach wieder mit D., der Mutter meines Sohnes, zusammenkam, oder 2009, als noch während der Auflösungsverhandlung mit S. bereits das Angebot von EV ins Haus flatterte. Der Gedanke, dass diese Schnellschüsse plötzlich nicht mehr mit einem großen Kaliber, sondern mit Platzpatronen abgefeuert worden waren, kam mir da nicht in den Sinn. Warum auch? Von der einen Seite war ich in ein Loch gestoßen worden, auf der anderen Seite hielt mir bereits jemand die Hand hin, um mich wieder herauszuholen. Glück braucht der Mensch und dieses Glück schien ich doch tatsächlich gepachtet zu haben.

Im Nachhinein und wohl auch endlich mit der nötigen Reife, würde ich sagen, dass ich in meinem Leben zwei ganz entscheidende Fehler gemacht habe, einen im privaten, den anderen im beruflichen Bereich, die mein weiteres Leben so wesentlich beeinflusst haben, wie ich es zum damaligen Zeitpunkt niemals für möglich gehalten hätte und bei denen ich mich heute noch frage, warum ich sie, obwohl mir in beiden Fällen das Scheitern hätte klar sein müssen, überhaupt zugelassen habe.

Fehler Nummer 1 war die Trennung von Michaela und die gleichzeitige Rückkehr zu D. und meinem Sohn. D. und ich waren in der ganzen Zeit, in der wir uns kannten, eigentlich nie miteinander klar gekommen. Über die Umstände bei der Geburt meines Sohnes, habe ich bereits an anderer Stelle geschrieben. Anfang 2001 funktionierte es plötzlich und ich war der festen Überzeugung, dass es jetzt nicht nur so weitergehen würde, sondern ein Vater zu seinem Kind und damit auch zur Mutter dieses Kindes gehört. In beiden Fällen war es ein fataler Irrglaube. Wir sind nicht mehr in den 50-er, 60-er oder sogar noch Anfang der 70-er Jahre, als eine alleinerziehende Mutter undenkbar, teilweise sogar unmöglich war. Wie sollte denn eine Frau alleine ein Kind großziehen, ohne Arbeit, ohne Einkommen, wofür ja in dieser Zeit einzig und allein der Mann zuständig war? Wahrscheinlich war ich wieder mal in der Vergangenheit stehen geblieben und dachte, dass dieses ungeschriebene Gesetz auch noch zum Ende des 20. Jahrhundert galt.

Den Fehler Nummer 2 beging ich allein deshalb, weil ich unbedingt zu meinem Wort stehen wollte und nicht merkte, dass auch das ein Relikt aus längst vergangenen Zeiten war. Ein Mann, ein Wort hieß es immer. Verträge wurden teilweise per Handschlag oder bestenfalls auf einem Bierdeckel besiegelt. Als S. damals erfuhr, dass ich bereits ein anderes Jobangebot bekommen hatte, stellte man mich vor die Wahl, entweder auf über die Hälfte der ausgehandelten Abfindung zu verzichten und den neuen Job anzutreten oder meine Arbeit bei S. wieder aufzunehmen. Wieder entschied ich mich völlig falsch. Zwar kann niemand sagen, wie es dann mit mir weiter gegangen wäre, aber ich bin mir fast sicher, dass ich noch heute für S. arbeiten würde. Ich hatte aber dem Vertriebsleiter von EV in die Hand versprochen, dass ich zum 01.12.2009 bei ihnen anfangen würde und wollte dieses Versprechen jetzt natürlich auch einlösen.

Seit dem Beginn der Flüchtlingswelle 2015 spricht man von traumatisierten Menschen, denen geholfen werden muss. Bei mir fing dieses Trauma, wenn auch aus völlig anderen Gründen, spätestens 2011 an und ist bis zum heutigen Tag noch ein wesentlicher, wenn nicht sogar der maßgebliche Bestandteil meines Lebens.

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