Bundeswehr

Kurz nach meiner bestandenen Abschlussprüfung meldete sich mein Vaterland bei mir und wollte, dass ich meiner Pflicht nachkomme. Über die Musterung selbst könnte ich eine eigene Geschichte schreiben. Über vertauschte, gemixte, fremd befüllte Urinproben, über Literweise Kaffee, Nikotin und sogar Aufputschpillen, um den Blutdruck nach oben zu treiben, oder dem Kollegen, der knutschend mit seiner Freundin vor dem Kreiswehrersatzamt stand und dem erst im Gespräch mit dem Wehrbeauftragten einfiel, dass er ja eigentlich schwul ist und deshalb nicht einrücken kann. [Weiterlesen]

Mir sind auch noch die Worte des Stabsarztes in guter Erinnerung. „Bitte drehen sie sich um, ziehen die Unterhose herunter, bücken sich und ziehen mit beiden Händen ihre Pobacken auseinander.“ Zum Glück hatte ich vorher keine Erbsen, oder Bohnen gegessen und das Bild vom Stabsarzt mit Frau und 2 Kindern auf seinem Schreibtisch gesehen, sonst wäre ich wohl stiften gegangen.

Mit einem Tauglichkeitsgrad 2 mit Einschränkung, ich durfte wegen meiner Höhenangst nicht zu den Gebirgsjägern, wurde ich wieder nach Hause geschickt. „Wir melden uns bei ihnen“, was sie ein paar Wochen später taten und mich zu einem Gespräch einluden, bei der dann über meine weitere Verwendung fürs Vaterland entschieden wurde. Kurz zuvor hatte der Bundestag ein Gesetz verabschiedet, nachdem der Arbeitgeber seinen Angestellten auch dann wieder übernehmen muss, wenn dieser sich freiwillig für 2 Jahre verpflichtet. Ich habe das natürlich in dem Gespräch angesprochen und mir wurde eine Heimatnahe Verwendung und ein deutlich höherer Sold zugesagt, wenn ich nur 6 Monate länger bleibe.

Am 02.01.1980 habe ich eine 3- monatige Grundausbildung in Budel/Niederlande begonnen und war die restlichen 21 Monate beim Luzg (Luftumschlagszug) der Nachschub- und Transportstaffel auf dem militärischen Teil des Köln-Bonner Flughafen. Alles in allem war es eine herrliche, sehr lehrreiche Zeit, die ich nicht missen möchte. Gerade als junger Mensch lernt man sehr viele Dinge, die man in seinem späteren Leben immer wieder mal nutzen kann. Es ist ein Irrglaube und wird auch der Bundeswehr nicht gerecht, wenn man sie auf einen Haufen saufender und schießwütiger Kerle reduziert.


Grundausbildung in Budel/NL

Ich könnte heute sicher keine Pistole und kein Gewehr mehr auseinander- und wieder zusammenbauen, aber ich weiß noch, wie man Betten bezieht, sich eine Krawatte bindet, ein Zimmer, incl. der Fenster putzt, das Kameradschaft/Freundschaft, auch außerhalb der Kasernen ein hohes, immer zu schützendes Gut ist und das Liebe und Loyalität zum Vaterland nicht bedeuten, dass man rechtes Gedankengut in sich trägt, oder immer noch den Nationalsozialismus glorifiziert.

Wir hatten in unsere Einheit sehr viele Katastropheneinsätze, wenn z.B. in Pakistan, Bangladesch, oder einem anderen dritte Welt Land die Erde bebte, oder ganze Dörfer nach anhaltenden Regenfällen von der Außenwelt abgeschnitten waren. Dann haben wir 24 Stunden lang Hilfsgüter auf Paletten gepackt und anschließend in Trans All Maschinen oder Luftwaffen Boeings verladen, Kameraden sind als Begleitung mitgeflogen und haben sich am Zielort ums Ausladen und die Verteilung gekümmert.

Wir haben die Maschinen der zahlreichen Staatsgäste von Bundeskanzler Helmut Schmidt, Bundespräsident Carl Carstens, oder Verteidigungsminister Hans Apel abgefertigt, oder dafür gesorgt, dass die Damen und Herren Politiker in der Boeing 10+01 zu ihren Staatsbesuchen fliegen konnten.

Ich erinnere mich heute noch mit einem mulmigen Gefühl an den Besuch von Russlands Präsident Leonid Breschnew. Als die Maschine gelandet war, wurde sie erstmal hermetisch abgeriegelt und von einer Einheit russischer Soldaten mit entsicherten Kalaschnikows umstellt. Erst als Breschnew ausgestiegen und sicher in seine, mit einer anderen Maschine eingeflogene, gepanzerte Limousine gesetzt war, durften wir zum Ausladen an die Maschine. Russlands Präsident hatte neben seinem Auto, auch seine eigene Küche und sogar sein eigenes Bett mitgebracht. Ich habe nie wieder mit so viel Ehrfurcht, Gefühl und Vorsicht ein paar simple Möbelstücke angefasst.

Es klingt vielleicht ein bisschen übertrieben, aber ich glaube sagen zu können, dass ich bei der Bundeswehr zum Mann wurde. War ich vorher albern, phlegmatisch und unreif, habe ich in den 2 Jahren meiner Dienstzeit gelernt, dass das Leben auch sehr viele ernste Seiten hat.

In meiner Lehrzeit bei Schneider & Söhne hatte ich mit dem Rauchen angefangen, bei der Bundeswehr kam dann der Alkohol dazu. Bis dahin hatte es mich immer geschüttelt, wenn ich, z.B. auf einer Familienfeier, mal am Kölsch von meinem Vater genippt hatte und einen Vollrausch mit allem, was dazu gehört, hatte ich auch schon hinter mir.

Als meine Cousine 1977 geheiratet hat, hat mein Cousin eine Flasche Jim Beam „besorgt“ und die haben wir dann auf der Toilette geleert. Danach habe ich mich zurück an den Tisch gesetzt und nur noch gelacht, bis meiner Mutter auffiel, dass ich stockbesoffen war. Es war also wie mit dem Rauchen. Die erste Erfahrung war so negativ, dass jeder normale Mensch danach die Finger von dem Zeug gelassen hätte.

Da haben wir also die Bestätigung, ich war schon als Kind nicht normal 😉

Rauchen, Alkohol, da fehlt doch noch ein Laster – richtig, die holde Weiblichkeit. Ich hatte zwar mit 16 meine erste, feste Freundin, mit der ich auch fast 2 Jahre zusammen war, aber noch keine sexuellen Erfahrungen. Das änderte sich erst bei und mit meiner 2. Freundin, einer Arbeitskollegin meiner Schwester, die schon ihre Unschuld verloren hatte und die mir, obwohl ein Jahr jünger als ich, dann zeigte, dass es da noch etwas gibt, was sehr viel Spaß macht. Die erste Erfahrung war alles andere als negativ und deshalb musste ich mir auch keine Gedanken darübermachen, ob ich dieses Laster behalte, oder gleich wieder drangebe 😉

Obwohl ich nach der Grundausbildung in Köln Wahn stationiert war, mein Dienst jeden Tag pünktlich um 16 Uhr endete und ich also bequem jeden Abend hätte nach Hause fahren können, bin ich oft in der Kaserne geblieben. Mit den Kameraden ging es dann nach dem Dienst auf ein paar Steffi Kölsch und eine gepflegte Partie Billard in unsere gemütliche Kasernen Kneipe, oder wir haben uns eine Kiste Kölsch geholt und gemütlich auf der Treppe vor unserem Wohnblock getrunken. Kein Stress, nette Leute, gute Musik von Cassette aus irgendeinem Ghettoblaster, den einer der Kameraden von zu Hause mitgebracht hatte, kurz, mir ging es richtig gut beim Bund.

Im Sommer 1981 wurde ich zum Hauptgefreiten befördert. Das war der höchste Dienstgrad, den man in 2 Jahren erreichen konnte. Weiter verlängern wollte ich aber nicht, auch wenn ich mal kurz darüber nachgedacht habe, Profi bei der Bundeswehr zu werden.

Für die Transportbegleitung auf Fernflügen, z.B. in die USA, nach Kanada, oder Asien waren die höheren Dienstgrade, ab Unteroffizier aufwärts zuständig und da gab es für die normalen Mannschaftsdienstgrade kein Drankommen. Ab und zu wurde aber auch mal ein Gehilfe mitgenommen und so kam es, dass mich unser Spieß in sein Büro zitierte. Wir waren, nach so ca. 23 Kölsch beim letzten Kameradschaftsabend, per Du und mochten uns auch.

Spieß: watt sachste denn dazu, dass dein Kamerad Schmidt einen Abschiedsflug* bekommen hat und du nicht?

Ich: Spieß, datt is ok, der malocht wie ein Stier und hat sich den redlich verdient. (innerlich habe ich gedacht „der hat so lange geschleimt und war immer der Erste, der sich freiwillig für irgendeinen Zusatzdienst gemeldet hat, soll er doch fliegen“

Spieß (grinsend): „Da haste Recht“ Ich muss mich sehr irren, wenn mein Freund Dieter in dem Moment nicht genau das selbe über den Hauptgefreiten Schmidt gedacht hat.

„watt machste am Wochenende?“

Ich: „keine Ahnung, Bierchen trinken, FC gucken, Freundin besuchen, das Übliche halt.“

Spieß: „Nee, vergiss es, am Donnerstag kommst Du mit gepacktem Koffer hier hin und dann fliegst du mit dem StUffz Urbanek zur Norton Air Force Base nach Los Angeles. Am Sonntag seid ihr zurück und habt dann 2 Tage frei.“

Ich: „jo, machen wir so – ich muss wohl gestrahlt haben, wie nach einem Reaktorunfall“

Spieß (immer noch grinsend): „ok und jetzt mach das du raus kommst an die Trans All, die brauchen Hilfe.“

Zwei Wochen später bin ich dann tatsächlich für 4 Tage nach Los Angeles geflogen. Ich war schon damals Filmverrückt und L.A. die Stadt meiner Träume. Dazu hatte ich das Glück, dass der StUffz Urbanek inzwischen ein guter Kumpel von mir geworden war und dazu beigetragen hat, dass wir außer Sight Seeing nicht viel zu tun hatte. Gleich nach der Landung hat er delegiert, dass die Boeing, die wir vorher auf Transport umgerüstet hatten, von den US Boys entladen wurde und wir gleich zu unserem Motel gefahren wurden. Am nächsten Morgen sind wir dann mit einem Leihwagen nach Los Angeles reingefahren und haben uns Hollywood angesehen.


Flug mit der Bundeswehr Boeing zur Norton Air Force Base im Dezember 1981

Vom berühmten Chinese Theatre hatte ich bis dahin nur in Zeitschriften gelesen und jetzt stand ich tatsächlich vor diesem Kino, dass wie eine riesige Pagode aussah und in dessen Vorhof zahlreiche Hollywood Stars ihre Hand und Fußabdrücke im Beton verewigt hatten. Der Moment, in dem ich auf die Knie gegangen bin und die Tafel von Marylin Monroe und Jane Russel berührt habe, gehört zu den absoluten Highlights meines Lebens, auch wenn das für viele von euch sicher schwer nachzuvollziehen ist.

Am nächsten Tag sind wir nach Anaheim ins Disneyland gefahren und das hätte die Hollywood Tour beinahe noch getoppt. Bis dahin kannte ich nur unser Phantasialand in Brühl und vielleicht noch die große Kirmes in Deutz, da wo heute die Lanxess Arena steht. Um zu beschreiben, was die Amis da für ihre Leute hingesetzt haben, fehlen selbst mir die Worte und ich glaube, das geht auch gar nicht. Das muss man selbst gesehen und erlebt haben. Klaus und ich haben so viele Fahrgeschäfte wie möglich getestet und natürlich auch reichlich Souvenirs in den Shops eingekauft.

Ich hätte noch Wochen in Los Angeles bleiben können, aber leider ging es am nächsten Tag wieder zurück nach good, old Germany, allerdings mit einer Zwischenlandung in Washington, wo wir noch Material aufnehmen mussten. Die Landung in Washington und den Start Richtung Köln durfte ich im Cockpit erleben. Der Pilot, ein Oberstleutnant der Luftwaffe, hatte mich gefragt, ob ich den freien Platz hinter ihm einnehmen möchte und so ein Angebot konnte ich natürlich nicht ablehnen.

Ein paar Wochen später, Ende Dezember 1981, habe ich meine Dienstzeit in der Flugbereitschaft Köln Wahn beendet, denke aber selbst heute, fast 40 Jahre später, gerne an diese Zeit zurück. Ende der 80-iger Jahre wurde ich zwar nochmal für 4 Wochen zu einer Wehrübung einberufen, aber das war kein Vergleich mehr zu den 2 Jahren meiner Dienstzeit.


Hauptgefreiter Schmitz, Dienstzeit vom 01.01.1981 bis 31.12.1982

*der Abschiedsflug meines Kameraden Schmidt, den wir wegen seines Ziegenbärtchen und den zotteligen Haaren nur „Catweazle“ nannten, wie den kauzigen Krötenküsser aus der gleichnamigen TV Serie, die damals ein Quotenhit im ZDF war, ging übrigens nach Winnipeg in Kanada und dauerte gerade mal 2 Tage. Flug nach Kanada, Maschine entladen, ein paar Stunden Aufenthalt in der dortigen Kaserne und dann ging es auch schon wieder zurück nach Deutschland. Mit Kriechen und Schleimen erzielt man nun mal nicht immer den größten Erfolg 😉

Vom 1. Januar 1982 bis zum 31. Oktober 1986 habe ich dann weiter in meinem alten Beruf als Kaufmann im Groß- und Außenhandel gearbeitet. Zuerst in meinem Ausbildungsbetrieb bei Schneider & Söhne in Rodenkirchen, dann ab April 1985 bei einem Mitbewerber in Köln Riehl und schließlich noch für eine 4- wöchige Probezeit bei einem Vertrieb für Fotokopierer und Zubehör, der mich als Außendienstler eingestellt hatte und in unmittelbarer Nachbarschaft von Schneider & Söhne ebenfalls in Rodenkirchen war.

Die Jahre nach meiner Bundeswehrzeit waren weitestgehend unspektakulär. In dieser Zeit habe ich nur gemerkt, dass ich nicht bis zu meiner Pensionierung jeden Tag 8 Stunden am Schreibtisch sitzen möchte.

Die Wochenenden verbrachte ich zumeist in meiner Stammkneipe „In der Gaffel“, keine 200m von meiner Wohnung entfernt, die ich im März 1984 bezogen hatte. Die Gaffel war eine typische kölsche Eckkneipe, in der ich mich jeden Freitagabend mit meinen Zollstocker Kumpel traf. Dann wurde gelacht, geknobelt, geklammert, ab und zu auch mal gezockt und so mancher Deckel rundgemacht. Die Wirtsleute, Klaus und Marion, waren in dieser Zeit meine Hauptansprechpartner, aufmerksame Zuhörer, Kummerkasten bei Problemen und Ratgeber in allen Lebensfragen. Die Zwei waren für mich schnell zur Familie geworden und ich bin stolz und glücklich, dass wir seit ein paar Jahren wieder in Kontakt stehen.

Jedes Jahr im Sommer ging es für 3 Wochen nach Cala Figuera auf Mallorca, ein wunderschön gelegenes kleines Fischerdorf im Südosten der Insel. Ein paar Hotels, ein paar Restaurants, zwei Diskotheken und eine Freiluftbar, in der man auch tanzen konnte und in der es das Nationalgetränk Cala Figueras gab – Dampfzampf. Dampfzampf war ein teuflischer Mix aus verschiedenen Spirituosen wie Wodka, Rum, u.a., Grenadine Sirup, Orangensaft und was weiß ich nicht noch alles, der in großen Sektkübeln mit jeder Menge Eiswürfel, Zitronen- und Orangenscheiben serviert und mit Hilfe langer Strohhalme getrunken wurde. Was später als Eimersaufen am Ballermann populär wurde, war da schon lange Standard für uns.

Erst im Oktober 1986, bei einem spontan verabredeten Familienessen, sollte sich mein Leben in eine völlig neue, nie für möglich gehaltene Richtung entwickeln, aber diese Geschichte werde ich euch beim nächsten Mal erzählen.

6 Kommentare zu “Bundeswehr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.