Der Kindergarten Manni

NEU – 23 September 2020 –
Die Einzelgeschichte aus dem Manuskript vom 01.08.2020

Kurz danach meldete mich meine Ma im Kindergarten an, der der Grundschule am Rosenzweig weg angeschlossen war. Das war damals noch problemlos, schnell und vor allen Dingen kostengünstig möglich. Mit meinen Eltern einigte ich mich auf eine Halbtagsbetreuung, damit ich mich nachmittags noch um den Haushalt und meine kleine Schwester kümmern konnte.

Schon als ich so gerade mal auf meinen kleinen Beinchen stehen konnte, war der Ball mein liebstes Spielzeug und es war mir auch egal, ob ich dabei mit meiner Ma auf dem Spielplatz, mit meinem Vater im Garten meiner Großeltern, oder alleine in unserem 6 m langen Flur zu Hause war. Es wurde alles getreten, was irgendwie kickbar war, übrigens sehr zum Leidwesen meiner Mutter, die mir ständig neue Schuhe kaufen musste.

Es gibt ja diesen schönen, teilweise völlig richtigen, aber andererseits auch total falschen Satz „wir hatten ja früher nichts“ und deshalb mussten eben auch Steine, Dosen, oder aus Papier, Tesafilm und Alufolie selbst hergestellten „Bälle“ herhalten.

Hatte ich einen Ball, dann interessierte mich wiederum die Größe nicht. Da wurden die von meiner Ma an meine Schwester vererbten Murmeln genauso geschossen, wie später der Medizinball im Sportunterricht, wobei ich zugeben muss, dass dieser Versuch sehr schmerzhaft für meinen Fuß danebenging.

Kurz meine Erklärung für den Satz „wir hatten ja früher nichts“ Richtig ist, dass wir früher natürlich weitaus weniger hatten, als die heutige Generation, aber gleichzeitig ist es auch falsch, weil wir dadurch gefordert wurden unsere Phantasie spielen zu lassen, uns mit den wenigen Dingen bestmöglich zu beschäftigen. Anstatt auf der Wiese zu sitzen und You Tube Filme auf dem Smartphone zu gucken, oder sich durch die Musik Playlist zu zappen, haben wir verstecken, nachlaufen, oder sonst was gespielt. Hauptsache war, wir hatten Spaß, waren an der frischen Luft und mit Freunden zusammen. Ein Ball hat ausgereicht, um uns Stundenlang glücklich zu beschäftigen. So etwas wie Langeweile kannten wir nicht, nicht mal bei schlechtem Wetter. Ich habe früher zu meinen Eltern gesagt, dass ich zum Spielen rausgehe. Heute heißt es abhängen, oder, was ich persönlich noch viel schlimmer finde, „ich geh chillen“.

Meine/unsere Kindheit war unkompliziert und von einer erfrischenden Leichtigkeit geprägt und deshalb bin ich der Meinung, dass wir zwar weniger an materiellen Dingen, aber viel mehr an Möglichkeiten hatten. Ich beneide die Kids und Jugendlichen nicht, die jetzt mit Informationen, Anforderungen und High-Tech Spielzeug überfrachtet und damit auch ganz automatisch überfordert werden.

Mein einziges Problem in der Kindheit, waren die Arbeitszeiten meines Vaters. Pünktlich um 7:15 Uhr ging er jeden Morgen aus dem Haus, um pünktlich um 7:30 Uhr an seinem Schreibtisch bei der Firma Pohlig zu sitzen. Um 16 Uhr hatte er Feierabend, war um 16:15 Uhr zu Hause und um 16:30 Uhr stand das Essen auf dem Tisch. Das war fast schon ein Ritual, das unter allen Umständen eingehalten werden musste. Dazu gehörte auch, dass die Familie immer vollzählig am Tisch saß. Verspätungen wurden nicht geduldet, genauso wenig wie hastiges Schlingen, in der Hoffnung, dass man danach sofort zurück zu den Freunden durfte, bei denen das Essen erst um 18, 19, oder gar 20 Uhr auf dem Tisch stand.

Fußball war zu dieser Zeit noch eine reine Männerdomäne. Da fragte keine Frau, wer da eigentlich spielt, um was es geht, oder was Abseits ist. Mein Opa, der Liebe von der Vorgebirgstraße, war in der Beziehung ein echter Macho, der erst gar keine Diskussion aufkommen ließ. Da konnte das Wohnzimmer voll mit der lieben, buckligen Verwandtschaft sein, pünktlich um 17:45 Uhr wurde der Nordmende Fernseher mit den Sensortasten, die so schön haben geprickelt an meine Finger, angemacht und die Sportschau geguckt. Für meinen Opa spielte ich natürlich gerne die menschliche Fernbedienung. Viel falsch machen konnte ich dabei nicht, es gab ja nur 3 Programme. ARD, ZDF und WDR. Im Sommer, bei schönem Wetter, konnte man mit ein wenig Glück auch das SWF empfangen.

Wie bereits erwähnt, hatte der TV so kleine Sensortasten und wenn man ganz langsam mit dem Finger über die Tasten fuhr, teilte sich der Bildschirm und man konnte für einen kurzen Moment 2 Programme auf dem Bildschirm sehen. Genau genommen war ich also der Erfinder der Picture in Picture Funktion, die heute fast in jedem Gerät Standard ist. Das habe ich aber natürlich nur gemacht, wenn mein Opa nicht im Zimmer war, oder mal wieder friedlich, aber sehr lautstark vor sich hin schnarchend auf der Couch eingeschlafen.

Wenn die Frauen sich endlich nach und nach in die Küche verdrückt hatten, um da weiter über Rheuma, Trombosen und deren Auswirkung auf das kommende Wetter zu reden, oder sich lustige Geschichten aus der Familienhistorie erzählten, verstummten die Gespräche meiner diversen Onkel und alle schauten auf Opas ganzem Stolz, den FarbTV.

Ich schweife mal wieder ab, also nochmal zurück zum Fußball.

Einen Partner, oder eine Partnerin kann man sich aussuchen, der Lieblingsverein wird einem dagegen in die Wiege gelegt. So war es auch bei mir. Mein Opa war Fan des 1.FC Köln, mein Vater hat das von ihm, seinem Schwiegervater, übernommen, vielleicht hat er sich auch einfach nicht getraut, ihm zu widersprechen. Da wollte/durfte ich diese Tradition natürlich nicht unterbrechen.

Anfangs habe ich zwar noch versucht meinen Opa von der Sportschau abzubringen und mit mir „Daktari“, „Lassie“, oder eine andere Kindersendung anzusehen, aber Opa war da auch bei mir unbarmherzig. Er hat mir sein Leben lang jeden Wunsch von den Augen abgelesen und schnellstmöglich erfüllt. Spätestens, wenn ich ihn aus meinen kleinen, treuen, braunen Augen angesehen und „Ooooooopa“ gesagt habe, war es um ihn geschehen und ich am Ziel meiner Wünsche, bis …

Ja, richtig vermutet, bis auf Samstagabend, 17:45 Uhr. Dann war Sportschau Zeit und statt Clarence, dem schielenden Löwen, begrüßte uns Addi, der schielende Furler, oder Ernst Huberty, der „Mr. Sportschau“ der ARD, der vor ein paar Wochen seinen 90. Geburtstag gefeiert hat, aus dem Studio des WDR in Köln.

Alle Spiele, alle Tore gab es damals natürlich noch nicht und deshalb konnten Opa und ich nur hoffen, dass der 1.FC Köln ein Heimspiel hatte. Mit 99%iger Sicherheit wurde dann nämlich eine Zusammenfassung in der Sportschau gezeigt. Es ist für heutige Verhältnisse unvorstellbar, dass die Beiträge gleich nach Schlusspfiff geschnitten, kommentiert auf Zelluloidrolle gebannt und dann per Motorradkurier ins WDR-Studio gebracht wurden.

Hausmeister der Schule war ein Herr Steinborn, den ich heute noch mit zurückgekämmten Haaren und einem verwaschenen, blauen Arbeitskittel vor mir sehe. Seine Söhne Hans und Thomas kannte ich von flüchtigen Begegnungen im Schulpark. Erst ein paar Jahre später lernten wie uns dann besser kennen und dank der sozialen Medien, habe ich zumindest heute noch Kontakt zu Thomas, mit dem ich 1977 die Mittlere Reife machte, dazu aber später noch mehr.

Erstmal stand der Kindergarten auf meinem Lebensprogramm.

Der Kindergarten war ganz ok, aber erstmal beobachtete ich nur die anderen Jungs und Mädels, die mit mir in einer Gruppe waren. Die Verständigung war überhaupt kein Problem, ganz einfach deshalb, weil es nur deutsche Kinder in diesem Kindergarten gab. Wenn überhaupt mal ein ausländisches Kind dabei war, dann war es das Kind einer Gastarbeiter Familie, die damals immer mehr nach Deutschland kamen um gemeinsam mit uns den Wiederaufbau nach dem Krieg zu vollenden.

Bei schlechtem Wetter spielten wir in einem extra dafür ausgestatteten Raum, bei schönem Wetter durften wir raus auf den kleinen, dem Kindergarten angeschlossenen Spielplatz.

Eines Tages hatte ich es mir im Sandkasten gemütlich gemacht und war gerade dabei ein paar leckere Sandkuchen zu kreieren, die ich später für meine Ma und meine Oma mit nach Hause nehmen wollte, als ein Fußball in meinen Sandkasten rollte. Typisch, immer diese Amateure, keinen Ball geradeaus treten können, aber dann den ganzen Kindergarten für sich in Anspruch nehmen, dachte ich noch so, als ich auf den Ball zuging, um ihn zurückzuwerfen. Leider hatte einer der Jungs die gleiche Idee, nur dass er den Ball zu seinem Kumpel zurückschießen wollte. Statt dem Ball traf er mit seinen kleinen Winterstiefeln mit voller Wucht mein Auge. Von dem anschließenden Geschrei habe ich dann nicht mehr viel mitbekommen. Man brachte mich wohl in unseren Klassenraum, irgendjemand verständigte meine Mutter, die kam mich dann abholen und ging gleich mit mir zum Augenarzt. Ich hatte Glück im Unglück, das Auge war noch in seiner Höhle und soweit intakt, nur das Drumherum war sehr in Mitleidenschaft gezogen worden und sollten mir in der nächsten Zeit in allen möglichen hellen und dunklen Farben in meinem Spiegelbild erscheinen.

Im Gegensatz zu einigen anderen Kindern, die bis zum späten Nachmittag im Kindergarten blieben, wurde ich schon mittags von meiner Ma abgeholt. Es dauerte allerdings noch ein paar Jahre, bis ich es zu schätzen lernte, dass meine Ma tagsüber bei mir und meiner Schwester sein konnte. Als Kind sieht man oft nur die vermeintlichen Nachteile, z.B. die ständige Kontrolle, die meine Eltern so gerne Fürsorge nannten, oder das frühe vom Spielen nach Hause müssen, weil mein Vater um 16 Uhr von der Arbeit kam und dann das Essen auf dem Tisch stand. Heute bin ich froh darüber, dass ich, im Gegensatz zu vielen meiner Kindergarten- und Schulkameraden, kein „Schlüsselkind“ war, dem die Eltern morgens den Hausschlüssel an einer Kordel um den Hals hängten, weil beide zur Arbeit mussten und das Kind nachmittags sich selbst überlassen war.

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