Der Kindergarten Manni – Update 08.06.2021

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** BIOGRAFIE **

Meine Ma merkte schnell, dass sie einen Kompromiss mit mir schließen musste. Wir einigten uns auf einen Kindergarten mit Halbtagsbetreuung, damit ich mich nachmittags noch um den Haushalt und meine kleine Schwester kümmern konnte. Ma meldete mich im Kindergarten an, der der Grundschule am Rosenzweigweg angeschlossen war. Das war damals noch problemlos, schnell und vor allen Dingen kostengünstig möglich und ersparte mir auch lange Anfahrtswege und die dafür anfallenden Kosten. Selbst meinen Roller konnte ich in der Garage lassen.

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Als ich meinen ersten Tag im Kindergarten verbringen sollte, staffierte mich meine Mutter aus, als würde ich zu meiner eigenen Hochzeit gehen. Meine schicksten Klamotten, unter anderem die Lederhose mit dem Hirschemblem, die ich, in den verschiedensten Größen, noch viele Jahre tragen sollte und die mir später noch so manche Abreibung erträglich machte. Um den Hals bekam ich eine kleine, lederne Tasche gehängt. Inhalt waren zwei leckere Butterbrote, oft mit Nutella und eine Tüte Capri Sonne mit angeklebtem Strohhalm.

Der Kindergarten war ganz ok, aber erstmal beobachtete ich nur die anderen Jungs und Mädels, die mit mir in einer Gruppe waren. Die Verständigung war überhaupt kein Problem, ganz einfach deshalb, weil es nur deutsche Kinder in diesem Kindergarten gab. Wenn überhaupt mal ein ausländisches Kind dabei war, dann war es das Kind einer Gastarbeiter Familie, die damals immer mehr nach Deutschland kamen um gemeinsam mit uns den Wiederaufbau nach dem Krieg zu vollenden und die deutsche Wirtschaft wieder auf Vordermann zu bringen. Das ist keinesfalls abwertend gegenüber ausländischen Kindern gemeint. Im Gegenteil, sie waren nicht nur bei mir, sondern auch bei allen anderen Kindern, immer willkommene Spielkameraden.

Bei schlechtem Wetter spielten wir in einem extra dafür ausgestatteten Raum. Die Jungs mit den Bauklötzen, die Mädels mit Puppen. Im Laufe der Jahre änderte sich das. Ich schaute auf die heißen Puppen und die Mädels staunten Bauklötze, wenn ich mit meinem schicken Roller, oder später meinem Fahrrad mit Dreigangschaltung durch den Park cruiste. Meine erste Freundin wurde dann Katharina Meier, die jeder nur et “Kättsche” nannte. Wir blieben zusammen, bis der Matthias Weber sie mir ausspannte, weil er schon ein Auto hatte und mein “Kättsche” leider sehr materiell eingestellt war. Keine Ahnung wie, aber 1975 präsentierten die Bläck Fööss, eine inzwischen auch über die Stadtgrenzen Kölns bekannte Mundartgruppe, genau diese Geschichte als Lied und waren sogar sehr erfolgreich damit, oder habe ich das vielleicht nur geträumt? Ich weiß es nicht mehr, weil diese “superjeile Zick” so “verdamp lang her” ist

Bei schönem Wetter durften wir raus auf den kleinen, dem Kindergarten angeschlossenen Spielplatz.

Eines Tages hatte ich es mir im Sandkasten gemütlich gemacht und war gerade dabei ein paar leckere Sandkuchen zu kreieren, die ich später für meine Ma und meine Oma mit nach Hause nehmen wollte, als ein Fußball in meinen Sandkasten rollte. Typisch, immer diese Amateure, keinen Ball geradeaus treten können, aber dann den ganzen Kindergarten für sich in Anspruch nehmen, dachte ich noch so, als ich auf den Ball zuging, um ihn zurückzuwerfen. Leider hatte einer der Jungs die gleiche Idee, nur dass er den Ball zu seinem Kumpel zurückschießen wollte. Statt dem Ball traf er mit seinen kleinen Winterstiefeln mit voller Wucht mein Auge. Von dem anschließenden Geschrei habe ich dann nicht mehr viel mitbekommen. Man brachte mich wohl in unseren Klassenraum, irgendjemand verständigte meine Mutter, die kam mich dann abholen und ging gleich mit mir zum Augenarzt. Ich hatte Glück im Unglück, das Auge war noch in seiner Höhle und soweit intakt, nur das Drumherum war sehr in Mitleidenschaft gezogen worden und sollten mir in der nächsten Zeit in allen möglichen hellen und dunklen Farben in meinem Spiegelbild erscheinen.

Im Gegensatz zu einigen anderen Kindern, die bis zum späten Nachmittag im Kindergarten blieben, wurde ich schon mittags von meiner Ma abgeholt. Es dauerte allerdings noch ein paar Jahre, bis ich es zu schätzen lernte, dass meine Ma tagsüber bei mir und meiner Schwester sein konnte. Als Kind sieht man oft nur die vermeintlichen Nachteile, z.B. die ständige Kontrolle, die meine Eltern so gerne Fürsorge nannten, oder das frühe vom Spielen nach Hause müssen, weil mein Vater um 16 Uhr von der Arbeit kam und dann das Essen auf dem Tisch stand. Heute bin ich froh darüber, dass ich, im Gegensatz zu vielen meiner Kindergarten- und Schulkameraden, kein „Schlüsselkind“ war, dem die Eltern morgens den Hausschlüssel an einer Kordel um den Hals hängten, weil beide zur Arbeit mussten und das Kind nachmittags sich selbst überlassen war.

Zwischen Kindergarten Ende und dem Beginn meiner schulischen Karriere lagen die Sommerferien, in denen mich meine Ma auch beschäftigt und versorgt wissen wollte, also meldete sie mich in St. Pius, der katholischen Kirche in Köln Zollstock, in der ich getauft worden war und später mit zur Kommunion gehen sollte, für die „Stadtranderholung“ an. Das war der Urlaub für noch nicht schulpflichtige Kinder, deren Eltern es sich nicht leisten konnten bzw. wollten, mit ihnen wegzufahren.

Morgens wurde man mit einem Bus an der Kirche abgeholt, nach Porz zum Gut Leidenhausen gefahren, einem 1963 von der Stadt Köln gekauften Bauernhof aus dem 14. Jahrhundert. Dort gab es neben einem Wildgehege für Rotwild und Wildschweine auch eine Pflegestation für Greifvögel und Eulen.

Das Gut Leidenhausen gibt es übrigens heute noch und ist für einen Tagesausflug sehr zu empfehlen.

Wir wurden den ganzen Tag von studentischen Hilfskräften betreut und bespaßt und es gab sehr abwechslungsreiches, höchst gesundes Essen.

Hier ein kleiner Auszug aus der üppigen Speisekarte:

Gebuttertes Rundstück mit reichlich edelster Lyoner oder alternativ Schweizer Schnittkäsespezialitäten belegt.

In handgemolkener Kuhmilch eingelegtes, chinesisches Langkornprodukt an Süßkristallen und exotischem Gewürz

Getreide Mousse mit luftgetrockneten Weinbeeren

Das liest sich doch besser als

Gummibrötchen mit dünn Butter bestrichen und mit undefinierbarem Fleischwurstersatz oder Käse belegt

Milchreis mit Zucker und Zimt

Grießbrei mit Rosinen

Als Getränk gab es entweder lauwarme, kleine Tüten mit Milch oder einen wirklich ekelhaften, kalten Tee mit einem undefinierbaren Fruchtgeschmack. Seit dem bin ich Kaffeetrinker und Milch kommt mir ebenfalls nicht mehr in die Kehle.

Mit den Gummibrötchen zog ich mir übrigens die vorderen Schneidezähne immer weiter der vorne, weil ich die Angewohnheit hatte in das Brötchen zu beißen, es so festzuhalten und den Rest dann, mit einem kräftigen Ruck nach vorne, abzuziehen. Hätte meine Eltern nicht ein paar Jahre später eine sündhaft teure Kieferkorrektur, mittels einer ekelhaft zu tragenden Gebissklammer bezahlt, wäre ich wohl als Double von Mr. Ed, dem sprechenden Pferd, in die Historie meiner Familie eingegangen.

Trotzdem war die Stadtranderholung eine schöne Abwechslung. Wir waren den ganzen Tag im Freien, entdeckten immer wieder neue Dinge im Wald und bauten wie die Biber einen Staudamm im kristallklaren Wasser eines kleinen Bach, der sich durch den Wald schlängelte. Ab und zu spielten wir Fußball oder erkundeten das alte Gemäuer, bis auf die Greifvogel Station, weil diese Raubvögel mir doch etwas Angst einjagten. Ab und zu saßen sie in ihrem großen Gehege und verspeisten genüsslich eine Feldmaus, die man ihnen fangfrisch serviert hatte. Gummibrötchen, Grießbrei mit Rosinen und Reis mit Zucker und Zimt hat man ihnen dagegen wohl nie kredenzt, sonst wäre Gut Leidenhausen heute ein Streichelzoo für Mäuse, Ratten und Hasen, während Bussard und Habicht in Afrika heimisch geworden wären.

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