Klinikaufenthalt in Scheidegg – Teil 2

Bevor ich zum ersten Mal das Licht in meinem Zimmer ausmachte, gingen mir 1.000 Gedanken durch den Kopf. Was kommt auf mich zu? Was will ich hier erreichen, wo setze ich meine Prioritäten? Beruflich? Privat? Was wird mit O. und EV nach meiner Rückkehr? Wie bekomme ich M. endgültig aus meinem Kopf und vielleicht sogar aus meinem Herzen? Was mache ich mit R., soll ich uns vielleicht doch eine Chance geben?

R. hatte ich über „wer kennt wen“, einem Vorläufer von Facebook, wiedergefunden. Kennengelernt hatten wir uns 1978, als ich mit ihrem Bruder, der mit mir in die gleiche Klasse auf die Berufsschule ging, gut befreundet war.

Zuerst schwärmte sie mir in den höchsten Tönen von ihrem Partner vor, was mich nicht sonderlich beeindruckte, weil ich zu dieser Zeit ganz andere Dinge im Kopf hatte, als eine neue Partnerin. Ein halbes Jahr später war von diesem Glück nichts mehr zu hören, im Gegenteil, der vormals tolle Partner war zum Macho und Schmarotzer mutiert.

Wir verabredeten uns im Dezember 2010 auf einen Kaffee am Kölner Rudolfplatz. Die Weihnachtsmärkte hatten gerade eröffnet und außerdem arbeitete sie in der Nähe, als Zeitarbeitskraft in einem Büro. Sie gefiel mir zwar überhaupt nicht, schaffte es aber das kleine Helferlein in mir zu wecken. Ihre Eltern, zwei ganz, ganz tolle Menschen, waren 2009 innerhalb eines halben Jahres verstorben, beruflich steckte sie in der Zeitarbeitsfirma fest und wurde alle paar Monate zu einem anderen Arbeitgeber geschoben. Diese irgendwann mal in Mode gekommenen Agenturen, sind für mich die Sklavenhändler des 21. Jahrhundert, nicht nur weil die Arbeitskräfte ein winzig kleines Gehalt bekommen, die Vermittler sich aber die Taschen vollmachen, sondern viel mehr, weil man diesen Arbeitskräften jegliche Eigenständigkeit abnimmt. Ab Montag arbeitest du da und da. Punkt.

Ein weitaus größeres Problem für R. war allerdings ihr Partner. Sie erzählte mir die abenteuerlichsten Geschichten. Er war arbeitslos, ohne jede Ambition etwas an diesem Zustand zu ändern, hatte sich bei ihr eigenistet und seit dem den Pascha raushängen lassen.

R. wohnte in einem kleinen Einlieger Haus im Kölner Norden. Wollte er einen Kaffee, oder ein Bier, schickte er ihr eine Whats App Nachricht in die erste Etage, er machte Schulden, meldete sein Smartphone auf R. an, die dann natürlich auch die Rechnung begleichen sollte bzw. musste, weil er kein eigenes Geld hatte. Er muss wirklich ein Prachtexemplar an Partner gewesen sein.

Ich redete ihr gut zu und sagte ihr auch, dass sie sich dringend von ihrem Partner trennen muss, wenn sie nicht selbst untergehen will. Nachdem sie sich erst nicht traute, diesen Schritt zu gehen, nahm sie ein paar Wochen später allen Mut zusammen und schmiss ihn aus ihrer Wohnung. Er ging, wie er gekommen war, mit einer Plastiktüte, in der seine Habseligkeiten waren.

Von diesem Tag an war für R. klar, dass sie jetzt mit mir zusammen war bzw. bald sein würde. Sie zählt zu den Frauen, die nicht ohne Partner sein wollen, vielleicht sogar nicht mal können. Ich sagte ihr zwar, dass ich keine Partnerschaft möchte, aber das schien sie nicht zu interessieren. Und dann machte ich Depp einen entscheidenden Fehler, ich hatte Sex mit R.. Es war von mir zwar nicht geplant, aber besonders gewehrt habe ich mich auch nicht, vielleicht ging er sogar von mir aus, das möchte ich nicht abstreiten. Der Sex war eine einzige Katastrophe und ich wurde sogar in meiner Meinung bestätigt, dass ich keine Partnerschaft mit ihr wollte. Unter anderem hatte sie wahnsinnig schlechte Zähne und, vielleicht dadurch, auch einen ziemlich üblen Mundgeruch, was ich ihr sogar sagte.  Sie wäre ewig nicht mehr beim Zahnarzt gewesen und hätte auch viel zu viel Angst hinzugehen. Bei mir fällt sofort die Klappe, wenn eine Frau schlechte Zähne hat, darauf achte ich als allererstes, wenn ich eine Frau kennenlerne. Außerdem war sie ein sehr introvertierter Typ, was mir auch nicht gefällt, wenn es auch bei ihr eher den Ex Männern und dem teilweise zerrütteten Verhältnis zu ihrer Familie und Geschwistern geschuldet war.

Wir verbrachten 2-mal den Silvester Abend miteinander und jedes Mal war es eine totale Katastrophe. Wir lagen schweigend auf meinem Bett und sahen uns einen Film nach dem anderen an. 10 Minuten vor dem Jahreswechsel nahm sie ihr Handy in die Hand und legte es um 0:20 Uhr wieder neben sich. In der Zwischenzeit versuchte sie ihre Tochter zu erreichen, was ihr auch nach einigen Versuchen gelang, schrieb Whats App Nachrichten und würdigte mich keines Blickes. Danach „frohes neues Jahr“, Küsschen, gute Nacht, rumgedreht, das war`s.

Ein Gespräch war einfach nicht möglich mit ihr, weil ihre ganze Rhetorik aus 5 Worten bestand. „Ja, Nein, ich weiß nicht“, mehr hat sie nie gesagt. Nach und nach kamen immer mehr Dinge zum Vorschein, die mir absolut nicht gefielen.

Ihre Kochkünste waren zum Beispiel äußerst bescheiden, was noch sehr, sehr höflich ausgedrückt ist. Zum Schluss beschränkten sich unsere Abendessen auf geschmierte Brote und ab und zu einen Salat, aber selbst dabei musste ich ihr helfen. Ich weiß bis heute nicht, wie sie ihren Mann und ihre 2 Kinder über all die Jahre ernährt hat.

Ging sie einkaufen, gab ich ihr immer ausreichend Geld mit. Einen Kassenbon oder das Restgeld habe ich nie gesehen.

Jede, wirklich jede Entscheidung, ließ sie sich von mir abnehmen. Hätte ich ihr gesagt „spring“, hätte sie wahrscheinlich nur gefragt „wie hoch“?

Wer mich kennt weiß, dass ich ein sehr kommunikativer Mensch bin. Ich liebe Gespräche, aber nur, wenn ich mit der anderen Person auf einem Level bin. Das war bei uns absolut nicht der Fall und wäre es auch nie geworden.

Es gab noch viel mehr negative Beispiele, die ich aber jetzt nicht nochmal ausführen möchte und ich habe sie auch mehr deshalb erwähnt, weil R. noch ein Bestandteil meines Aufenthalts in Scheidegg werden sollte.

Den Abend, bevor ich mich auf die knapp 600 km lange Reise ins Allgäu machte, war R. bei mir. Wir besprachen ein paar Dinge, ich gab ihr den Schlüssel zu meiner Wohnung und dann fuhr sie wieder nach Hause. Die letzte Nacht vor meinem ersten Klinikaufenthalt wollte ich dann doch lieber alleine verbringen. Für mich übrigens ein weiterer Beweis dafür, dass ich keine tiefer gehenden Gefühle für sie hatte.

Als ich in Scheidegg meinen Koffer auspackte, fiel mir ein Brief von R. in die Hände. Dazu hatte sie eine Tafel Merci Schokolade gelegt. Macht Sinn, bei über 30° im Schatten, Schokolade mitten in einen voll gepackten Koffer zu legen, aber egal, der Gedanke zählt. Den Brief habe ich erstmal nur überflogen, weil er mich, ganz krass, aber ehrlich gesagt, nicht sonderlich interessierte und ich mir zudem denken konnte, was darin steht.

Neben all meinen Gedanken, überflog ich ihren Brief am Abend ein zweites Mal, diesmal etwas sorgfältiger. Es war der erwartete Text, „ich danke dir, dass du mir in der schwierigen Zeit geholfen hast, nach der Klinik reden wir weiter, ich vermisse dich jetzt schon, usw. usw“.. Sogar das später von unserer Kanzlerin verkündete „wir schaffen das“ fehlte nicht. Vielleicht habe ich damals schon geahnt, dass mir dieser Satz eines Tages mal die Zornesröte ins Gesicht treiben würde.

Ohne einen Gedanken zu Ende gedacht zu haben und ohne auch nur die geringste Antwort auf irgendeine meiner Fragen gefunden zu haben, löschte ich das Licht in Zimmer 404 der Hubertus Klinik in Scheidegg im Allgäu.

An Schlaf war nicht zu denken. Sobald ich die Augen zumachte, sprang mein Hirn an und sagte mir, dass es noch ein paar Dinge mit mir besprechen wollte, meine Seele meldete sich ebenfalls, allerdings nur, um mir mitzuteilen, dass sie randvoll mit Kummer ist und nicht mehr wisse, wie sie bei all dem Theater nochmal zur Ruhe kommen sollte. Nur mein Herz meldete sich nicht. Es pumpte wahrscheinlich nur noch deshalb Blut, weil es nicht ganz aufhören wollte zu schlagen. Ansonsten war es kalt, leer und unendlich einsam.

Dementsprechend kurz war die Nacht und ich am nächsten Morgen gerädert. Zum „Glück“ kannte ich diesen Zustand von zu Hause und, wie heißt es so schön, was uns nicht tötet, macht uns nur härter und man gewöhnt sich an alles. Ich kann mich nicht mal mehr daran erinnern, wann ich das letzte Mal eine Nacht durchgeschlafen habe. Weder nach einem ganzen Tag körperlicher Arbeit, stundenlangen Spaziergängen mit Ben oder angetrunken. Maximal 90 Minuten am Stück kriege ich hin, um dann für 15 Minuten wach zu sein. Es müsste einen Knopf geben, mit dem man abends den Kopf abstellen kann, damit man wenigstens einen einigermaßen ruhigen, erholsamen Schlaf hat.

Ich war einer der ersten im Frühstücksraum. Der mir zugewiesene Tisch vom Vorabend noch leer und das Geschirr unbenutzt. Eigentlich zählt das Frühstück zu einer meiner liebsten Mahlzeiten, aber nur, wenn ich Zeit und Ruhe, meine Tages- bzw. Sport-Zeitungen und meine Zigaretten habe. Noch besser ist es natürlich, wenn ich nicht alleine, sondern mit (m)einer Partnerin frühstücken konnte, aber das war leider viel zu selten der Fall. So begnügte ich mich mit einer Tasse Kaffee und einem Marmeladenbrötchen. Entgegen den kleinen Butter und Marmeladen Päckchen, die ich aus den Hotels kannte, war hier beides frisch und lecker in großen Gläsern bzw. auf einem Holzbrett, angerichtet. Obwohl ich kein Freund von Müsli und erst recht nicht von dessen Hauptkonsumenten bin, kam ich beim Bircher Müsli doch nachher auf den Geschmack. Ein paar Früchte und Körner darüber und man hatte eine zwar mächtige, aber auch sättigende Mahlzeit für den ganzen Tag.

Der erste Termin an meinem ersten „ganzen“ Tag war die „Einstimmung“ pünktlich um 9 Uhr, unter der ich mir überhaupt nichts vorstellen konnte.

Alle fassen sich an den Händen und die Neuen müssen ein Lied singen, oder ein Gedicht aufsagen? Bloß nicht.

Gemeinsames Gebet für den Tag? Noch schlimmer.

Zum Glück war diese Einstimmung völlig harmlos. Herr M., der Klinikdirektor, erzählte mir und den ca. 50 ebenfalls anwesenden Mitpatienten, wer vom Personal im Moment ausfällt und durch wen ersetzt wird und ging dann nahtlos dazu über die neuen Patienten zu begrüßen. „Herzlich Willkommen Herr Schmitz aus Köln, ich hoffe, sie hatten eine gute Anreise und fühlen sich wohl bei uns“.

Eigentlich hatte ich erwartet, dass sich jetzt alle Anwesenden von ihren Plätzen erheben, die Männer ob meines Antlitz anerkennend nicken und so ca. 5 bis 10 Frauen mir ihren Schlüppi zuwerfen würden, auf dem sie ihre Zimmernummer geschrieben hatten, aber nichts von dem geschah. Als ich mich bei Dr. M. für die Begrüßung und die guten Wünsche bedankte, drehte sich vielleicht eine Handvoll Mitpatienten zu mir um, um mich argwöhnisch, einige sogar mit dem Blick der Verachtung, zu begutachten.

Was will der Typ hier, mir geht es viel schlechter, die sollen sich gefälligst um mich kümmern, so jedenfalls interpretierte ich ihre Gesichter. Es geht eben nichts über positives Denken.

Der Rest blickte, mich völlig ignorierend und schweigend nach vorne.

Gegen Ende der ca. 10- minütigen Einstimmung trat eine hübsche, junge Frau aus dem Hintergrund nach vorne.

„Herr Schmitz, kommen sie bitte gleich zu mir“

Na also, geht doch, wenn mich die Mitpatienten verschmähen, gehe ich eben eine Etage höher, das erspart mir das nach oben schlafen.

Dr. M. verabschiedete sich, nicht ohne uns vorher einen „erfolgreichen und zufriedenen“ Tag zu wünschen, die Patienten sprangen auf und stürmten aus dem Raum, ein paar Loser riefen ihnen „hey, ihr müsst die Stühle wieder zusammenstellen“ hinterher, gaben aber schnell auf und stapelten die Stühle selbst. Der „Elferrat“, der sich bis dahin hinter Dr. M. positioniert hatte, verließ ebenfalls den Raum. Klar, Stühle rücken mussten sie ja nicht, weil sie ja eh die ganze Zeit  gestanden hatten. Die, die es nicht rechtzeitig geschafft hatten, wurden gleich von ein paar Mitpatienten in Beschlag genommen und von ihnen zugetextet, u.a. die hübsche, junge Dame, die mich zu sich zitiert hatte. Mir blieb derweil etwas Zeit, die richtige Ansprache an sie zu wählen. Die ersten Worte an eine Frau sind schließlich immer die Wichtigsten.

Langsam und einer nach dem anderen, verschwanden die Mitpatienten und noch bevor ich etwas sagen konnte, streckte sie mir ihre Hand entgegen und sagte die bewegendsten, schönsten und verheißungsvollsten Worte, die ich bis dahin je von einer Frau gehört hatte:

„Guten Morgen Herr Schmitz, ich bin Frau Dr. W., ihre Therapeutin.“

Kann ein Tag schöner beginnen? Ich überlegte noch, ob ein „prima, ich hoffe, ihre Couch ist groß genug für uns 2 Hübschen“, jetzt angebracht wäre, als sie mich mit einem ziemlich unterkühlten „unseren ersten Termin finden sie auf ihrem Wochenplan, ich wünsche ihnen einen schönen Tag“ allein im Raum zurück ließ.

Leicht angesäuert und fast noch deprimierter, als vor meiner Anreise, machte ich mich auf den Weg zur Blockhütte, in der bereits die üblichen Verdächtigen und ein paar, zumindest für mich, neue Gesichter Platz genommen hatten.

„Und, Manni, alles klar, hast du dich schon ein bisschen einleben können?“, fragte mich J., ein Lehrer aus Kiel, den ich ungefähr in meine Altersklasse eingestuft hatte.

„Jau, passt schon, ist halt alles noch ein bisschen neu und ungewohnt, aber das wird schon“

Eine junge Frau, der Sprache nach wohl auch aus dem Allgäuer Raum, ergriff das Wort. „ich bin die B. und dir wird es hier sicher gefallen“.

Sie sollte damit vollkommen Recht behalten und mit der Zeit wurden B. und ich richtig gute Freunde, was, und dafür bin ich ihr wirklich sehr, sehr dankbar, bis heute angehalten hat.

~~ wird (bald) fortgesetzt ~~

Die erwähnten Personen:

O. – Vertriebsleiter und Mobbing Experte bei EV

EV – mein letzter Arbeitgeber

M. – die größte Liebe meines Lebens von Mai 1997 bis Ende 2001

R. – keine Ahnung was von 2010 bis 2013

Frau Dr. W. – meine Therapeutin in Scheidegg

Dr. M. – Klinikleiter der Hubertus Klinik in Scheidegg

J.  –  Mitpatient aus Kiel

B. – Mitpatientin aus Wangen

2 Kommentare zu “Klinikaufenthalt in Scheidegg – Teil 2

  1. Harry Schröder

    Boh ej, MANNI, einer der besten Texte die Du je geschrieben hast, erst hast Du mich voll ins Herz getroffen und dann zum lachen gebracht. Dat hazzu noch nich gesehen/erlebt (enschuldigung, bin ein Fischkopp der im Ruhrpott aufgewachsen ist), sowas von klasse. Bitte Bitte, schreibe weiter.

  2. Harry Schröder

    Hi Manni, mal etwas anderes: Frühstück: Müsli? Nach Eingewöhnung? Ich hatte schon mit meiner Mutter jeden Morgen streß weil ich nichts essen wollte, lach. Das hat sich bis heute nicht geändert, nein, nicht der Streß mit Mutti. Aber in unserer Branche war/mußte ich ja sehr oft in Hotels übernachten. Ich habe mich immer dort auf’s Frühstück gefreut, Rühreier und Speck, das war ein muß für mich, absolut genial. Da ich das ja Deutschlandweit erleben durfte, ein Tipp von mir: Das beste Rührei gab es in Hamburg im Forum Hotel, direkt an den Elbbrücken, heißt heute anders, da war ich alle drei Wochen für ein paarTage, genial, da habe ich mich immer drauf gefreut. Auch meine Kröten waren immer begeistert (die habe ich immer mitgenomme wenn es ging) selbst im Prinzregenthotel in München mit eigenen Koch dafür, war es nie so gut. Für son Brötchen mit Marmelade oder Müsli wäre ich nie so oft gereist!

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