Realschule

Vom 16.08.1971 bis 20.06.1977

Leider ging auch diese schöne Zeit zu Ende und im Sommer 1971 wechselte ich auf die Realschule für Jungen und Mädchen in der Zollstocker Brüggener Straße. Überlegungen, mich auf ein Gymnasium gehen zu lassen,  wurden schnell ad acta gelegt, weil sich schon in der Grundschule gezeigt hatte, dass ich wohl eher den bequemen, um nicht zu sagen faulen Schülern zuzuordnen war.

Um es vorwegzunehmen, die Mittlere Reife habe ich, ohne eine „Ehrenrunde“ zu drehen, geschafft, was für mich heute noch erstaunlich und nur mit einer gehörigen Portion Dusel zu erklären ist.

Dazu kam, dass die 6 Schuljahre von der 5. bis zur 10. Klasse ein Wechselbad meiner noch jungen Gefühlswelt waren. Mein heute noch ab und an durchkommendes, kindliches Gemüt, war nicht gerade von Vorteil bei meinen früher und schneller heranwichsenden Mitschülern.

Die naturwissenschaftlichen Fächer Mathematik, Chemie, Physik und Biologie lagen mir überhaupt nicht und ich habe auch nie einen Sinn darin gesehen. Den Satz des Pythagoras a² + b² = c² kenne ich zwar heute noch auswendig, wozu er im wahren Leben genutzt werden kann, hat sich mir aber nie so wirklich erschlossen. Da ein Zeichentalent auch nie vorhanden war, fiel mir auch die korrekte, von Lehrer Klemm geforderten Zeichnungen von Kreisen, Dreiecken und selbst einfachen Quadraten schwer. Das setzte sich Kunstunterricht fort, da war ich immer heilfroh, wenn wir mit Ton, oder Knetmasse gearbeitet haben, auch wenn die Ergebnisse nie den Weg in ein Kunstmuseum fanden und selbst der so liebevoll gefertigte Aschenbecher für meinen Vater schnell in der Versenkung bzw. Mülltonne verschwunden war. Der Apfel fällt halt nicht weit vom Stamm, denn auch meine Eltern konnten mit Kunst nichts anfangen, geschweige denn mir Tipps oder Hilfestellungen geben.

Sprachen waren dagegen viel mehr mein Ding, wenn da nicht diese blöde Grammatik gewesen wäre, die mir regelmäßig eine bessere Note in Deutsch, Englisch und Französisch, ab der 7. Klasse, versaute. Das Sprechen fiel mir dagegen leicht und das ist bis heute so geblieben.

Nur in diesen Fächern konnte ich mich auch über die Fehler meiner Klassenkameraden à la „when i steal, i come into the kittchen“ oder „i became a television for Christmas“, amüsieren.

Mein Lieblingssatz in Französisch war „bonjour Monsieur, avez vous quelque chose a declarer?“ und nicht etwa „voulez vous coucher avec moi ce soir?“.  Den Satz kannte ich zwar aus dem gleichnamigen, damals populären Song von LaBelle und wusste auch, was damit gemeint war, die Umsetzung sollte jedoch erst sehr viele Jahre später stattfinden.

Leider war ich so gut wie nie in einem französisch sprechenden Land in Urlaub, sonst hätte ich meine Kenntnisse sicher noch weiter ausgebaut, auch wenn ich beruflich nie damit konfrontiert wurde.

Meine erste Deutschlehrerin, Frau Scholl, meinte zwar immer, dass ich ohne Punkt und Komma rede, sie hat mich aber auch nie mit diesen Satzzeichen reden gehört. Den anderen Satz, den sie mir oft und gerne um meine dann sehr schnell rotwerdenden Ohren feuerte, war „Manfred Schmitz, du redest wie ein Buch ohne umzublättern“. Sie war aber ohnehin ein auch von meinen Mitschülern nicht für voll genommenes Unikum. Eine kleine, alte, schrullige Frau, die ihr Germanistik Studium bereits vor dem Weltkrieg, ich vermute sogar dem ersten, absolviert haben musste. Auf einem Elternsprechtag der 6. Klasse eröffnete sie den staunenden Eltern, dass sie sich sehr sicher wäre, dass 2/3 der Schüler schon Sex untereinander hätten. Meine Ma, die in unserer Familie für diese Elternsprechtage zuständig war, während mein Vater es vorzog im gemütlichen Sessel zu sitzen und seinen Kölner Stadt Anzeiger zu lesen, konnte Frau Scholl mit ihrer Theorie wenig beeindrucken. Dafür kannte sie ihren Filius zu gut, um zu wissen, dass er zum immer noch jungfräulichen Drittel der Klasse gehörte.

Der Wolfgang Petersen Tatort „Reifezeugnis“, in dem eine Schülerin, gespielt von der noch blutjungen und bildhübschen Nastassja Kinski ein Verhältnis mit ihrem verheirateten Lehrer (Christian Quadflieg) hat, kam für mich jedenfalls ein paar Jahre zu spät ins Fernsehen, sonst hätte ich vielleicht auch mal mein Glück bei einem weiblichen Lehrkörper versucht, wobei man sagen muss, dass da, abgesehen von Frau Demandt, meiner Englisch Lehrerin in der 5. Und 6. Klasse, keine besonders attraktiven Exemplare dabei waren. Wer weiß, wofür es gut war.

Erdkunde und Geschichte interessierten mich auch nicht sonderlich. Warum muss man die Hauptstadt von Papua Neu-Guinea kennen, oder wissen, wie lange der 30- jährige Krieg gedauert hat? Mich wundert allerdings bis heute, dass der 2. Weltkrieg und der schreckliche Holocaust nie ein Thema waren. Nach der Weimarer Republik war Ende mit der deutschen Geschichte.

An eine meiner Top Antworten im Geschichtsunterricht kann ich mich aber dennoch, wenn auch äußerst ungern, erinnern. Frau Zilleken, unsere Klassenlehrerin, die wir auch in Englisch und Französisch hatten, fragte in die Klasse

„wo schliefen die Trojaner während des Krieges?“

Ich muss wohl ausnahmsweise gerade geistig abwesend gewesen sein und hatte eigentlich gehofft, dass sie mich bei dieser geschichtsträchtigen und so historisch wertvollen Frage auslässt, aber nein. Es ertönte das von mir so gern gehörte

„Manfred Schmitz“

Meine Antwort lautete kurz und bündig

„in ihren Betten?“

und war auch mehr als Frage formuliert. Wie gesagt, reden konnte ich schon immer gut.

Das ausbrechende Gelächter meiner Mitschüler und der wütende Blick von Frau Zilleken beantworteten meine „Frage“ dann sehr schnell und ohne viele Worte. Die richtige Antwort wäre „Zelte“ gewesen,  aber woher hätte ich das wissen sollen? Wer wird Millionär gab es damals noch nicht und mit der Frage wäre wahrscheinlich auch jeder Telefonjoker überfordert gewesen.

Weitere Fächer im 5. Schuljahr waren Religion, Musik, Kunsterziehung und Sport, der damals noch Leibesübungen genannt wurde, wahrscheinlich weil man das, was wir da in der Turnhalle fabrizierten, selbst mit dem größten Wohlwollen nicht als Sport bezeichnen konnte. Es hat schon einen Grund, warum Völkerball, Sitzfußball, Zirkeltraining und anderes Rumgehopse bis heute noch keine olympischen Disziplinen sind.

Mein erstes Zeugnis fiel dementsprechend durchwachsen aus. Meine beste Note war eine 2 in Handschrift, die Schlechteste eine 5 in Musik, was meine Eltern zum Glück nicht sonderlich störte.  Viel mehr ärgerte sie der Eintrag „nicht ohne Tadel“ unter Verhalten in der Schule. Dieser Eintrag sollte in den ersten drei Schuljahren auf jedem Zeugnis zu lesen sein und hätte wahrscheinlich sogar auf meinem Abschlusszeugnis gestanden, wären die Kopfnoten „Verhalten in der Schule“, „Beteiligung am Unterricht“ und „Ordnung“ nicht ab dem 8. Schuljahr abgeschafft worden.

Keine Frage, viele dieser Tadel hatte ich mir selbst zuzuschreiben, weil ich nach und nach zum Klassen Kasper mutierte und in fast jeder Unterrichtsstunde meinte Blödsinn verzapfen zu müssen. Das gab dann immer einen Eintrag ins Klassenbuch und bei 10 Eintragungen bekam man einen Tadel. Schwere Vergehen wurden gleich mit einem Tadel geahndet. Das wäre auch noch alles verschmerzbar gewesen, wenn meine Eltern nicht per blauen Brief über meine ganzen Verfehlungen informiert worden wären und den Erhalt dieses bläulichen Umschlags aus Recyclingpapier nicht per Unterschrift hätten bestätigen müssen.

Es gab aber auch völlig unberechtigte Eintragungen und Tadel. Mein Nebenmann flüsterte mir bspw. etwas zu, oder lenkte mich sogar ab, der Lehrer sah aber nur meine Reaktion und ich erhielt als Einziger den Eintrag. Damals wäre nie jemand auf die Idee gekommen, das aufzuklären und ich hielt mich mit dem verpetzen auch immer zurück.

Den unberechtigtsten Tadel bekam ich in der 6. Oder 7. Klasse. Wahrscheinlich war es in der deutschen, vielleicht sogar der weltweiten, Geschichte der Tadel der Ungerechteste überhaupt.

Ein Klassenkamerad, dessen Namen ich zwar noch weiß, aber bereits in der Schulzeit erfolgreich verdrängt habe, brachte einen alten Postsack mit in die Schule. So ein kratzendes, muffig riechendes Teil, in dem die Briefe und Päckchen auf dem Postamt gelagert wurden. „Bratze“, so nannten ihn alle und der Namen wurde ihm auch mehr als gerecht, meinte dann, es wäre doch lustig, wenn man mich in der Pause in den Postsack stecken und aufs Lehrerpult legen würde und suchte eifrig nach Mittätern, die ihm dabei helfen sollten. Nach der großen Pause, ich war gerade zurück in den Klassenraum gekommen, packten sie mich zu dritt, stülpten mir diesen ekeligen Postsack über den Kopf, schnürten ihn zu und legten mich unter dem Gejohle der ganzen Klasse auf das Lehrerpult. All mein Widerstand nützte natürlich nichts gegen die 3 mir ohnehin körperlich überlegenen Klassenkameraden, von denen zumindest 2, ich nenne sie mal Clemens und Ralf, diese Bezeichnung an diesem Tag, nicht verdient hatten.

Pünktlich, mit dem letzten Ton der Schulklingel, kommt Frau Zilleken, unsere Klassenlehrerin in den Raum und sieht einen strampelnden und fluchenden Postsack auf ihrem Pult liegen. Nach einer verständlichen, ersten Schrecksekunde, löste sie die Kordel, mit denen die drei den Sack verschnürt hatten und befreite mich so aus einer misslichen Lage.

Zerkratzt, zerwühlt und verschwitzt schlich ich mich auf meinen Platz, um von dort aus mitkriegen zu müssen, dass Frau Zilleken MIR(!!) einen Tadel verpasste.

„Manfred Schmitz legt sich zur Belustigung der Klasse in einen Postsack“.

Natürlich stellte auch diesmal niemand das Missverständnis klar und auch ich hielt die Klappe. Um „Bratze“ wäre es mir zwar egal gewesen, aber wegen Clemens und Ralf, mit denen ich ansonsten gut klar kam, habe ich nichts weiter gesagt.

Die schlimmste Zeit waren für mich die letzten Wochen vor jedem Schuljahresende, nicht nur, weil ich bis zum Schluss nicht wusste, ob ich das Klassenziel erreicht habe und versetzt werde, sondern weil ich mich dann immer auch von ein paar liebgewonnenen Klassenkameraden und Klassenkameradinnen verabschieden musste. Das war zwar noch einigermaßen erträglich, wenn sie zumindest auf der Schule blieben, weil man sich vor und nach der Schule bzw. in den Pausen sehen konnte, aber ein paar von ihnen wechselten dann auch die Schule. Entweder gingen sie auf eine Hauptschule, oder, in Ausnahmefällen, auf ein Gymnasium. Ich habe leider kein Klassenfoto der 5. Klasse, aber aus meiner Erinnerung würde ich sagen, dass mind. 10 bis 12 im Laufe der Schulzeit neu hinzukamen bzw. die 10. Klasse nicht zusammen mit mir erreicht haben.

Noch heute kenne ich die Namen meiner Klassenkameraden und Klassenkameradinnen, die mit mir 1977 die „Mittlere Reife“ gemacht haben und viele, viele andere Mitschüler sind ebenfalls noch in meinem Gedächtnis präsent. Schließlich habe ich sie von 1971 bis 1977 fast täglich gesehen, auch wenn ich einige von ihnen in nicht gerade guter Erinnerung behalten habe.  

Leider gab es damals weder Internet, noch Facebook und mit den Jahren schlief dann auch der letzte verbliebene Kontakt ein und wir verstreuten uns in alle Winde. Das Klassentreffen zum 30. Jahrestag (2007) habe ich zwar mit initiiert, bin aber dann letztlich nicht hingegangen, weil ich zu dem Zeitpunkt schon gesundheitlich angeschlagen war.

Dank Facebook gibt es heute zumindest wieder Kontakt zu einigen Freunden und Freundinnen von damals. Susanne K., Petra B. (geborene T.), Thomas St., Hans-Uwe W. möchte ich an dieser Stelle erwähnen. Schön, euch wiedergefunden zu haben.

Monika W. und Guido W. sind leider schon viele Jahre verstorben, aber auch sie möchte ich nicht unerwähnt lassen. Ruhet weiter in Frieden ihr Zwei, eines Tages werden wir uns (hoffentlich) wiedersehen.

Was aus dem Rest geworden ist, weiß ich dagegen nicht und es ist auch schwer, sie heute, trotz Internet, wieder ausfindig zu machen. Frauen haben ja leider die komische Angewohnheit, den Namen ihres Göttergatten anzunehmen, was die Suche natürlich sehr schwer, um nicht zu sagen unmöglich macht.

„Du lernst für dich und nicht für uns, oder die Schule“. Diesen Satz habe ich oft von meinen Eltern zu hören bekommen, meistens dann, wenn wieder mal ein „blauer Brief“ ins Haus geflattert war, oder ich eine Klassenarbeit versemmelt hatte. Das wollte ich damals natürlich nicht hören, heute weiß ich, dass sie absolut Recht hatten bzw. behalten haben. Könnte ich die Realschulzeit wiederholen, würde ich sicher besser abschneiden, auch wenn ich an meinem weiteren Werdegang, zumindest ab 1986, nicht das Geringste ändern würde.

Ich war jedenfalls froh, als ich meine Schulzeit endgültig hinter mir hatte und nutzte die letzten Sommerferien vor dem Beginn meiner Ausbildung zum Kaufmann im Groß- und Außenhandel, zu einem 6- wöchigen Urlaub bei Tante, Onkel, Cousine und Cousin in Kanada. Keine Ahnung warum, aber es war für mich die bessere Alternative, als eine Nachprüfung in Mathematik zu machen, um meine Abschlussnote (mangelhaft) zu verbessern. Herr Klemm, ich bitte um Verzeihung. Zum Abschluss dieser Geschichte möchte ich mich gerne noch herzlich und ausdrücklich bei meinen Lehrerinnen und Lehrern bedanken, die viel mit mir mitmachen und so manches ertragen mussten, mich aber dennoch zur „Mittleren Reife“ führten.

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