Grundschule

Zwischen Kindergarten Ende und dem Beginn meiner schulischen Karriere lagen die Sommerferien, in denen mich meine Ma auch beschäftigt und versorgt wissen wollte, also meldete sie mich in St. Pius, der katholischen Kirche in Köln Zollstock, für die „Stadtranderholung“ an. Das war der Urlaub für noch nicht schulpflichtige Kinder, deren Eltern es sich nicht leisten konnten bzw. wollten, mit ihnen wegzufahren.

Morgens wurde man mit einem Bus an der Kirche abgeholt, nach Porz zum Gut Leidenhausen gefahren, einem 1963 von der Stadt Köln gekauften Bauernhof aus dem 14. Jahrhundert. Dort gab es neben einem Wildgehege für Rotwild und Wildschweine auch eine Pflegestation für Greifvögel und Eulen.

Das Gut Leidenhausen gibt es übrigens heute noch und ist für einen Tagesausflug sehr zu empfehlen.

https://www.gut-leidenhausen.de/portal-gut-leidenhausen.php

Wir wurden den ganzen Tag von studentischen Hilfskräften betreut und bespaßt und es gab sehr abwechslungsreiches, höchst gesundes Essen.

Hier ein kleiner Auszug aus der üppigen Speisekarte:

Gebuttertes Rundstück mit reichlich edelster Lyoner oder alternativ Schweizer Schnittkäsespezialitäten belegt.

In handgemolkener Kuhmilch eingelegtes, chinesisches Langkornprodukt an Süßkristallen und exotischem Gewürz

Getreide Mousse mit luftgetrockneten Weinbeeren

Das liest sich doch besser als

Gummibrötchen mit dünn Butter bestrichen und mit undefinierbarem Fleischwurstersatz oder Käse belegt

Milchreis mit Zucker und Zimt

Grießbrei mit Rosinen

Mit den Gummibrötchen zog ich mir übrigens die vorderen Schneidezähne immer weiter der vorne, weil ich die Angewohnheit hatte in das Brötchen zu beißen, es so festzuhalten und den Rest dann, mit einem kräftigen Ruck nach vorne, abzuziehen. Hätte meine Eltern nicht ein paar Jahre später eine sündhaft teure Kieferkorrektur mittels einer ekelhaft zu tragenden Gebissklammer bezahlt, wäre ich wohl als Double von Mr. Ed, dem sprechenden Pferd, in die Historie meiner Familie eingegangen.

Trotzdem war die Stadtranderholung eine schöne Abwechslung. Wir waren den ganzen Tag im Freien, entdeckten immer wieder neue Dinge im Wald und bauten wie die Biber einen Staudamm im kristallklaren Wasser eines kleinen Bach, der sich durch den Wald schlängelte.

Nach den Sommerferien 1967 begann dann auch für mich der Ernst des Lebens. Die katholische Volksschule für Knaben, die ich ab dem 1. August besuchte, hatte es sich auf die Fahne geschrieben, mir die nötigsten Dinge wie Rechnen, Schreiben und Religion beizubringen.

Zur Einschulung gab es einen schicken, neuen Anzug von C&A . Große Kaufhäuser waren mir schon damals ein Gräuel und ich stimmte dem Einkauf in der City nur dann zu, wenn meine Ma mir versprach, dass ich wenigstens ein Mal das Palomino Pony bei C&A reiten darf.

Am Tag der Einschulung legte man mir eine große Schultüte, vollgepackt mit leckeren Süßigkeiten in den Arm und legte mir nahe auf Bildern möglichst mit geschlossenem Mund zu lachen. Das lag wohl an meiner breiten Zahnlücke im Oberkiefer, aus dem sich nach und nach, teilweise unter meiner eigenen Mithilfe, die ersten Milchzähne verabschiedet hatten. Heute würde ich mir die Zähne teuer bezahlen lassen.

Diese Zahnlücke wird ihnen präsentiert von

„Salino – wir sorgen für schwarze Zähne und schwarze Löcher“ oder

„Bäckerei Schmitz – an unsere Brötchen beißen sie sich die Zähne aus“

Ich habe mich lange gefragt, warum die Kinder am ersten Schultag eine Tüte mit Süßigkeiten bekommen, nach ein paar Wochen wusste ich dann, dass es reine Bestechung war.

 „Wenn du nicht mehr in die Schule gehst, musst du alle Süßigkeiten und die schönen, anderen Sachen zurückgeben“.

„aber Mama, die Süßigkeiten sind doch schon längst alle aufgegessen.“

„Tja, mein Sohn, dann wird dir wohl nichts anderes übrig bleiben, als weiter zur Schule zu gehen“, gefolgt von dem Satz, den ich in den folgenden Jahren immer und immer wieder zu hören bekam:

„Du lernst für dich und für dein Leben und nicht für uns, oder die Schule.“

Bereits nach dem ersten Schuljahr machte sich mein heute noch vorhandenes Fernweh und diese unbändige Abenteuerlust, die ich auch später nie ablegen konnte, bemerkbar – ich wechselte die Schule. Von der Volksschule für Knaben am Zollstocker Rosenzweigweg, ging es schnurstracks in die weite Welt hinaus und hinein in die Grundschule für Jungen und Mädchen auf der Bernkasteler Straße. Ein Meilenstein, ein Quantensprung in meinem noch jungen Leben, ungefähr so, als würde ich eine Waldorfschule verlassen und meinen Namen tanzend über den Campus der Harvard Universität schweben.

Ok, die Wahrheit war natürlich weitaus unspektakulärer. Meiner Ma gefielen meine Klassenkameraden nicht, die ich am Rosenzweigweg hatte. Das waren zwar durchwegs nette Jungs, aber ein paar von ihnen waren auch mit Vorsicht zu genießen. Außerdem hatte sie mich so noch besser unter Kontrolle, weil sie meine beiden Schulwege ungehindert einsehen konnte. Eine Tatsache, die mir später noch zum Verhängnis werden sollte, als ich in der 4. Klasse den Religionsunterricht schwänzte und das einzige Kind war, das über den Kalscheurer Weg nach Hause ging. Zum Glück haben mir nicht nur meine Eltern und Frau Fickler, meine Klassenlehrerin, sondern auch der liebe Gott verziehen und ich durfte sogar 1969 mit zur Kommunion gehen.

Hatte ich auf dem Rosenzweigweg meine Hieroglyphen noch mittels eines Griffel auf eine kleine, schwarze Schiefertafel gemalt, war die neue Schule bereits dazu übergegangen, die Kinder in Schulheften schreiben und rechnen zu lassen. Vielleicht lag es aber auch einfach nur an der Faulheit der Lehrkörper, die es leid waren 30 Schiefertafeln nach Hause zu tragen, um Klassenarbeiten und Hausaufgaben zu kontrollieren.

Statt mit dem Griffel schrieb ich jetzt mit einem Füller, die damals hauptsächlich von den Firmen Geha und Pelikan in den Schreibwarengeschäften verkauft wurden. In den Schulmäppchen gab es sogar Platz für Ersatzpatronen. Für den, bei mir natürlich völlig unwahrscheinlichen Fall eines Schreib- oder Rechenfehlers, hatte ein findiges Kerlchen den „Tinten Killer“ erfunden, mit dem man übrigens auch hervorragend die blauen Finger durch die manchmal auslaufenden Füllfederhalter sauber bekam. Zumindest hatte man sich dadurch den Gang ins Bad und die Benutzung von Wasser und Seife gespart, ein gerade im Kindesalter unschätzbarer Vorteil.

Ich denke sehr gerne an meine Grundschulzeit zurück, als die Welt und das Leben noch einfach und weitestgehend sorglos waren. Es hat mir auch nie etwas ausgemacht auf einem kleinen Holzstuhl, an einem kleinen Pult, in einer kalten Holzbaracke zu sitzen und aufmerksam zuzuhören, wenn das Fräulein Fickler uns die spannende Kölner Stadtgeschichte erzählte oder versuchte uns das kleine Einmaleins beizubringen. Für besonders gut gemachte Hausaufgaben gab es Glanzbilder, oder kleine Zettel mit süßen Sprüchen, oder einfach nur ein Fleißkärtchen. Hatte man 10 Kärtchen zusammen, durfte man ein Mal bei den Hausaufgaben aussetzen, die wir aber dann natürlich trotzdem und gerne erledigten. Die Lehrerinnen, Lehrer und besonders der Direktor waren Respektpersonen für uns und niemand hätte sich auch nur gewagt ihnen zu widersprechen oder zu widersetzen.

In den Pausen haben wir auf dem Schulhof getobt, im Sommer mit Steinen oder kleinen Plastikbällen Fußball gespielt, im Winter Eisbahnen gebaut oder wir haben einfach nur die Mädchen beim Gummitwist, Seilchen springen oder Hüpfekästchen gezankt. Leider ging auch diese schöne Zeit zu Ende und im Sommer 1970 wechselte ich auf die Realschule für Jungen und Mädchen in der Zollstocker Brüggener Straße.

0 Kommentare zu “Grundschule

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.