Kindheit

Drei Tage später war es dann endlich so weit, wir durften nach Hause. In der Zwischenzeit hatte man mich zig mal gewogen, vermessen, untersucht, abgetastet, mir Holzstäbchen in den Hals gerammt und mit einer kleinen Taschenlampe in sämtliche Körperöffnungen geleuchtet.

Bis heute wundere ich mich, warum sie mir danach keine TÜV Plakette auf den Hintern geklebt haben. Auf eine ASU (Abgas Sonder Untersuchung) wurde damals noch verzichtet, was aber vielleicht auch daran lag, dass man nicht genug Gasmasken hatte, um sich vor meinen Ausdünstungen zu schützen.

Meine Ma rief später immer entzückt „oh, Peter Stuyvesant, der Duft der großen, weiten Welt“, wenn sie meine Windeln wechselte. Für meinen Vater war es das Warnsignal, um ins Wohnzimmer zu verduften. Der arme Kerl hatte nur leider die Rechnung ohne meine Ma gemacht, denn die drückte ihm, nachdem sie mich frisch gewickelt hatte, den übel riechenden Mülleimer mit den Worten in die Hand:

„Liebchen bring den doch mal eben runter.“

Es ist übrigens nur ein Gerücht, dass ich als Baby zu oft vom Wickeltisch gefallen bin,  wenn meine Ma meinem Dad den Mülleimer brachte.

Vom Hildegardis Krankenhaus in Köln Lindenthal ging es per Taxi in mein neues Heim nach Zollstock. Ehrlich gesagt, hatte ich mir anfangs doch ein etwas luxuriöseres Heim für meine Kindheit erhofft. Es musste ja nicht gleich wie bei Moses sein, den man in einem Bastkörbchen aus dem Nil gefischt hatte und dem der liebe Gott später die 10 Gebote mitgegeben hat.

Wie Tarzan, der von Affen großgezogen worden war, wollte ich dagegen nicht aufwachsen und deshalb habe ich meinen Vater anfangs wohl auch ziemlich misstrauisch beobachtet, ob er den aufrechten Gang beherrscht, oder silberne Haare auf dem Rücken hat, aber da war alles in Ordnung

Mein Schicksal sollte mich nach Zollstock führen, das zu  der Zeit nicht gerade ein Kölner Vorzeigeviertel war. Im Gegenteil, unser Hausmeister pfiff von morgens bis abends „in the Ghetto“ von Elvis Presley, viele „Ratten“ liefen nur auf zwei Beinen und mit „Sperrmüll“ und „Altkleidersammlung“ hatten wir sogar zwei eigene Feiertage. Es gab Tage, da hoffte ich darauf, dass mir meine Ma die Bananen ungeschält und unpüriert gegeben hätte, mein Vater sich am opulenten Kronleuchter durchs Wohnzimmer geschwungen hätte, oder mir der Hausmeister eine Steintafel mit irgendwelchen Geboten in die Hand gedrückt hätte.

Als Kleinkind hat man ja den Vorteil, dass man entweder getragen, oder im Kinderwagen durch die Gegend kutschiert wird. Als ich sah, dass die Wohnung meiner Eltern auf der 3. Etage war, beschloss ich spontan, diesen Vorteil auch so lange wie möglich zu nutzen. Immerhin waren es 58 Stufen von der Eingangs- bis zur Wohnungstür.

Der Nachteil ist, dass man dabei sehr nahe an den Sprechorgangen der Träger ist, die zu allem Überfluss dann auch noch über so eine ausgezeichnete Kondition verfügen, dass sie mich nicht nur sicher durch die Wohnung oder die Treppen rauf und runter trugen, sondern mich zusätzlich mit irgendwelchen unsinnigen Worthülsen zutexteten, auf die ich mir zunächst überhaupt keinen Reim machen konnte.

Irgendwann, das genaue Datum ist mir leider entfallen, hatte ich nicht nur die Schnauze, sondern auch die Windel gestrichen voll und das auch schon über einen etwas längeren Zeitraum. Meine Ma saß mit ihrer Mutter, die sie mir ständig als Ommmm – ma versuchte vorzustellen, am Küchentisch und ging mit ihr den Einkaufszettel für den nächsten Tag durch, ich lag in einem kleinen, von einem engmaschigen Netz umhüllten „Käfig“. Smartphones gab es damals leider noch nicht, sonst hätte ich wahrscheinlich längst eine Not SMS an den Kinderschutzbund geschickt.

„MAAA MAAA AA WWWW“  waren die ersten Worte, die aus meinem Mund kamen und mit denen ich meine Mutter eigentlich nur über das Malheur in meiner Windel unterrichten wollte.

MAAAch MAAA AA WWWWeg lautete die doch eigentlich gut zu verstehende Botschaft, die aber meine Ma und ihre Mutter den Kaffeelöffel fallen und in wildes Entzücken ausbrechen ließ. Hatte ich was Falsches gesagt? Beide stürzten auf meinen „Käfig“ zu und ich sah neben vier blitzenden, weißen Zahnreihen auch ein paar Tränchen aus ihren Augen kullern.

Meine Ma nahm mich aus dem „Käfig“ und drückte mich fest an meine Lieblings Futterquelle. Was sie dabei mit, oder besser gesagt in der vollen Windel anrichtete, verschweige ich an dieser Stelle lieber.

Der Schatz hat „MAMA“ gesagt und als sie diesen Satz zum ca. 12 mal hervorgebracht hatte, dämmerte es mir so langsam. MAMA war das Zauberwort, um meine Mutter fortan zu allem zu motivieren, wonach mir war.

MA MA rufen, abwarten bist sie mich aus dem Ställchen holte und dann mit dem Finger auf irgendetwas zeigen, wonach mir gerade war. Hatte ich Hunger, legte ich meine kleine Faust auf ihre Brust und in Windeseile bekam ich die süßlich und wohlschmeckende Nahrung, hatte ich die Windel voll, klopfte ich kurz auf meinen Hintern und bekam sofort eine neue an.

Leider funktioniert dieser Trick wirklich nur als Baby und mit MA MA. Jeder spätere Versuch mit RO SI, CLAU DI, U TE oder GA BI, wurde, teilweise sogar handgreiflich, von den Frauen niedergeschmettert.

Wurde ich die ersten Monate noch wie ein König im eigenen Wagen durch die Gegend kutschiert, die Treppen raufgetragen und abends sanft in mein Bettchen gelegt, bemühten sich meine Eltern nahezu fast täglich darum, mir das laufen auf den eigenen, damals noch krummen Beinchen, beizubringen.

Fiel ich dabei auf die Nase, was gerade in der Anfangszeit doch häufiger vorkam, wurde ich getröstet und mit Süßigkeiten überhäuft, bis selbst das letzte Tränchen versiegt und meinem tapferen Lächeln gewichen war.

Ich kann wirklich nicht leugnen, dass mir mein Leben bis dahin außerordentlich gut gefiel. Überall war ich der große Star, der Stammhalter der Familie Schmitz, der stolz präsentiert und herumgereicht wurde. Das war mir aber egal, so lange ich nicht selbst laufen musste.

Die schöne Zeit verging leider viel zu schnell und mit ihr die Annehmlichkeiten meines noch so jungen Lebens. Mit knapp 2 Jahren stellte ich mit Bedauern fest, dass meine Ma wieder zunahm und das kam nicht von ihrem immer so lecker zugebereiteten Essen.

Am 31. Oktober 1963 lag meine liebe Ma wieder im Krankenhaus und zwei Tage später hatten wir den nächsten Schreihals in der Familie, meine Schwester Heike. Mit ihr konnte ich nicht so viel anfangen und sie schien mir auch von einem anderen Planeten zu kommen. Wenn meine Ma sie wickelte, oder badete, fiel mir auf, dass sie nicht so vollständig entwickelt war wie ich, auch wenn der Unterschied nur wenige Zentimeter betrug.

Hatte der Popo Klatscher im Krankenhaus die Nabelschnur vielleicht zu hoch abgeschnitten, oder war das einfach nur eine Laune der Natur?

Vorerst gab ich mich damit zufrieden, dass wir zumindest dann gleich aussahen, wenn wir auf dem Bauch lagen, wenngleich mir mein Popo bedeutend besser gefiel.

Wir waren jetzt jedenfalls zu viert und so wie ich in den ersten beiden Jahren die Annehmlichkeiten genossen hatte, fielen die nun erstmal meiner Schwester zu. 

Mir tätschelte man dagegen jetzt nur noch den Kopf, wenn ich mir weh tat und bestenfalls wurde mal kurz auf die Wunde gepustet, was aber nie wirklich geholfen hat. Meine bitteren Tränen, ob der teilweise höllischen und von einem normal sterblichen Wesen kaum auszuhaltenden Schmerzen, wurden mit einem Taschentuch, in das Tanten und Onkel gerne vorher nochmal reingespuckt hatten, weggewischt, als wären es Wassertropfen auf einer chromglänzenden Spüle. „Stell dich nicht so an“, „Indianer kennen keinen Schmerz“, „wenn du damit unter die Straßenbahn kommst, wird’s eng für dich“ und weitere, ach so lustige Sprüche, die inzwischen eh mehr der Belustigung der Umstehenden, als meiner Erheiterung dienten, musste ich über mich ergehen lassen, bis ich dazu überging und mannhaft über jeden noch so großen Schmerz hinweg sah.

So konnte es jedenfalls nicht weitergehen. Ich musste mir was einfallen lassen und beschloss die Familie zu verlassen. Schnell einen kleinen Koffer mit dem Nötigsten, wie Legosteine, Schüppchen, Matchbox Autos, gepackt, ich konnte ja schlecht mein weniges Hab und Gut zurücklassen. Meine Ma sah mich mit traurigen Augen an und fragte, wo ich denn hin wolle, mit meinem Koffer.

„ich gehe zu Oma und Opa auf die Vorgebirgstraße lautete meine patzige Antwort in der Hoffnung, jetzt keine Endlosdiskussion mit meiner Ma führen zu müssen.

„Na gut, wenn du meinst, dass du es da besser hast, dann geh, aber ruf wenigstens vorher an und kündige dich an“ Sprachs und schon hatte sie den Hörer in der Hand. Dankenswerterweise wählte sie sogar die Nummer ihrer Eltern über die komische kleine Scheibe mit den vielen Löchern und Zahlen.

„hallo Mama, ich gebe dir mal deinen Enkel, der möchte dir was sagen“, sagte sie und drückte mir den Hörer in die Hand.

„Hallo Oma, ich komme jetzt zu dir und bleibe bei euch“

Ich hatte liebend gerne das Gesicht meiner Oma in dem Moment gesehen, die aber – leider – ausgesprochen cool reagierte.

„Schatz, du weißt, dass du immer zu uns kommen kannst, aber dann sind Mama und Papa ganz traurig und dein Schwesterchen bestimmt auch, du bist doch jetzt der Mann im Haus und musst auf sie aufpassen.“

Kleine Tränchen kullerten über meine inzwischen rot gewordenen Bäckchen, ich weiß nicht mehr ob aus Traurigkeit, Hilflosigkeit, Überforderung, oder einfach nur aus Liebe zu meiner Ma und meiner Oma.

Ok, Plan A war also gescheitert, wenn auch aus nachvollziehbaren Gründen, aber ich hatte bereits einen Plan B gemacht, den ich jetzt ohne Gnade bereit war durchzuziehen.

„Mama, dann will ich eben in den Kindergarten“

Kurz danach meldete mich meine Ma im Kindergarten an, der der Grundschule am Rosenzweig weg angeschlossen war. Das war damals noch problemlos, schnell und vor allen Dingen kostengünstig möglich. Mit meinen Eltern einigte ich mich auf eine Halbtagsbetreuung, damit ich mich nachmittags noch um den Haushalt und meine kleine Schwester kümmern konnte.

Hausmeister der Schule war ein Herr Steinborn, den ich heute noch mit zurückgekämmten Haaren und einem verwaschenen, blauen Arbeitskittel vor mir sehe. Seine Söhne Hans und Thomas kannte ich von flüchtigen Begegnungen im Schulpark. Erst ein paar Jahre später lernten wie uns dann besser kennen und dank der sozialen Medien, habe ich zumindest heute noch Kontakt zu Thomas, mit dem ich 1977 die Mittlere Reife machte, dazu aber später noch mehr.

Der Kindergarten war ganz ok, aber erstmal beobachtete ich nur die anderen Jungs und Mädels, die mit mir in einer Gruppe waren. Die Verständigung war überhaupt kein Problem, ganz einfach deshalb, weil es nur deutsche Kinder in diesem Kindergarten gab. Wenn überhaupt mal ein ausländisches Kind dabei war, dann war es das Kind einer Gastarbeiter Familie, die damals immer mehr nach Deutschland kamen um gemeinsam mit uns den Wiederaufbau nach dem Krieg zu vollenden.

Bei schlechtem Wetter spielten wir in einem extra dafür ausgestatteten Raum, bei schönem Wetter durften wir raus auf den kleinen, dem Kindergarten angeschlossenen Spielplatz.

Eines Tages hatte ich es mir im Sandkasten gemütlich gemacht und war gerade dabei ein paar leckere Sandkuchen zu kreieren, die ich später für meine Ma und meine Oma mit nach Hause nehmen wollte, als ein Fußball in meinen Sandkasten rollte. Typisch, immer diese Amateure, keinen Ball geradeaus treten können, aber dann den ganzen Kindergarten für sich in Anspruch nehmen, dachte ich noch so, als ich auf den Ball zuging, um ihn zurückzuwerfen. Leider hatte einer der Jungs die gleiche Idee, nur dass er den Ball zu seinen Kumpel zurück schießen wollte. Statt dem Ball traf er mit seinen kleinen Winterstiefeln mit voller Wucht mein Auge. Von dem anschließenden Geschrei habe ich dann nicht mehr viel mitbekommen. Man brachte mich wohl in unseren Klassenraum, irgendjemand verständigte meine Mutter, die kam mich dann abholen und ging gleich mit mir zum Augenarzt. Ich hatte Glück im Unglück, das Auge war noch in seiner Höhle und soweit intakt, nur das Drumherum war sehr in Mitleidenschaft gezogen worden und sollten mir in der nächsten Zeit in allen möglichen hellen und dunklen Farben in meinem Spiegelbild erscheinen.

Im Gegensatz zu einigen anderen Kindern, die bis zum späten Nachmittag im Kindergarten blieben, wurde ich schon mittags von meiner Ma abgeholt. Es dauerte allerdings noch ein paar Jahre, bis ich es zu schätzen lernte, dass meine Ma tagsüber bei mir und meiner Schwester sein konnte. Als Kind sieht man oft nur die vermeintlichen Nachteile, z.B. die ständige Kontrolle, die meine Eltern so gerne Fürsorge nannten, oder das frühe vom spielen nach Hause müssen, weil mein Vater um 16 Uhr von der Arbeit kam und dann das Essen auf dem Tisch stand. Heute bin ich froh darüber, dass ich, im Gegensatz zu vielen meiner Kindergarten- und Schulkameraden, kein „Schlüsselkind“ war, dem die Eltern morgens den Hausschlüssel an einer Kordel um den Hals hängten, weil beide zur Arbeit mussten und das Kind nachmittags sich selbst überlassen war.

Meine nächste Station war die Katholische Volksschule für Knaben, die ich ab dem 1. August 1967 besuchte.

4 Kommentare zu “Kindheit

  1. Heike Härtel

    Manni es freut mich, das du wieder etwas Zeit und Muße aufgebracht hast, um weiter zu schreiben!
    Deine Geschichten bringen mich zum Schmunzeln und erzeugen Wut (die Geschichte von Deinem Mobbenden Kollegen)

    Bitte schreib weiter……….!!!!!!!!!!!

    • Manni Schmitz

      Vielen Dank, liebe Heike. Es freut mich, dass Dir meine Geschichten gefallen, ich hoffe, Du bleibst mir weiter treu 🙂
      Liebe Grüße von uns 2 an euch 2 und ein schönes, gemütliches Wochenende 🙂

  2. Mein lieber Manni, ich bin schon Jahrzehnte Fan von Dir. Ich habe Dich immer sehr geschätzt und mich einfach gefreut wenn ich Dich getroffen habe. Seit Du angefangen hast über Dein Leben zu schreiben, liebe ich Dich als Freund. Gleiche Branche, ähnliche Erlebnisse, im Beruf und auch im Leben, so wundervoll ehrlich, witzig und ins Herz treffend geschrieben, köstlich. Diese Geschichte hier ist lustig, aber das bist nicht Du. Ich lese wie Du mit Gewalt lustig sein willst. Du hast so eine wunderschöne schöne und lustige Art Dinge zu beschreiben, mach so weiter, aber bitte nicht mit Gewalt lustig sein. Dein Text über die Grundschule ist wieder besser, mach bitte weiter, ich freue mich immer ein Loch im Bauch von Dir lesen zu können. Dein Freund und Fan Harry

    • Manni Schmitz

      Vielen Dank, mein lieber, alter Freund 🙂 nicht nur für das tolle Lob und Dein liebes Kompliment, dass ich genau so erwidern kann, sondern auch für Deine konstruktive Kritik. Ich habe mir die Geschichte jetzt noch ein paar mal durchgelesen und Du hast sicher Recht, es sieht teilweise wirklich etwas konstruiert lustig aus. Das mag an meiner aktuellen Verfassung liegen, die nicht gerade die Positivste ist und daran, dass ich wohl unbedingt mal wieder eine Geschichte veröffentlichen wollte. Bevor mein Buch erscheint, werde ich diese und sicher auch ein paar andere Geschichten, überarbeiten und ggf. korrigieren bzw. verbessern. Bleib bitte weiter ein treuer Leser und halt Dich auf keinen Fall mit Deiner Kritik zurück. Es werden bestimmt noch weitere Fehler auftauchen und dann bin ich froh für jede konstruktive Kritik. Liebe Grüße und auch Dir ein schönes Wochenende, Dein Freund, Manni.

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