Biografie 1 – Geburt

Ich erinnere mich noch, als wäre es gestern vor 20.921 Tagen gewesen. Der 29. März 1961 war ein angenehm milder Frühlingstag in Köln. Ich hatte mir frisches Fruchtwasser eingelassen, lag gemütlich in dem kleinen Becken und hörte über die Nabelschnur die Nachrichten auf Mutters Kofferradio.[weiterlesen]

Österreich hatte gerade ein Abkommen mit den USA unterzeichnet und die freien Verfügungsrechte über 1 Milliarde DM aus dem Marshallplan erhalten. Ich schüttelte mein kleines Köpfchen. Sowas wäre heute undenkbar. Aus der DM wurde der Euro, die Marshalls haben, nicht erst seit Matt Dillon seine rauchenden Colts zum Pferdehalter an die Wand genagelt hat,  keinen Plan mehr und mit 1 Milliarde kommt man auch nicht mehr weit. Da gehen heute so viele Steuern und Solidaritätszuschläge runter, dass man froh sein kann, wenn man vom Rest noch einen Monat die GEZ Gebühren zahlen kann, um sich die debilen Nachfahren von Festus Haggen und seinem Muli Ruth anzusehen.

Auf den Rand des Beckens hatte ich mir ein leckeres Stück Plazenta vom Vortag gelegt, dass ich mir gerade einverleiben wollte, als ich ein Geräusch vernahm, dass mich an einen platzenden Luftballon erinnerte. Mir zog es förmlich das Fruchtwasser unter dem Körper weg und als wäre das nicht genug, saugte es jetzt meine Füße in Richtung der kleinen Öffnung, durch die mich das gleißend helle  Licht, mit einem leichten Rotstich, eines ansonsten komplett in weiß gehaltenen Zimmers blendete.

Kurze Erklärung für meine biologisch nicht so bewanderten Leser. Der Rand des Beckens befand sich gleich hinter den damals noch schmalen Hüften meiner Ma und war gerade mal breit genug, um ein Stück Mutterkuchen, oder eine Nagelbürste darauf abzulegen. Heute könnte man dort eine ganze Schwarzwälder Kirsch-Torte, incl. Kaffee Service für 4 Personen draufstellen.

Ein Beckenrand ist dagegen ganz was anderes. Das ist dieses Teil, von dem man im Schwimmbad nicht ins Wasser springen darf, also bitte nicht verwechseln.

„Toll Frau Schmitz, das Kind kommt, jetzt ruhig atmen und kräftig pressen“, hörte ich eine aufgeregte Frauenstimme sagen.

Frau Schmitz? Kind? Pressen? Was zur Hölle war denn jetzt los? Ich hatte mich in den letzten Monaten so schön eingerichtet und bis auf einen TV fehlte es mir eigentlich an nichts. Der Essen Lieferservice war zwar etwas gewöhnungsbedürftig, aber dafür waren die Getränke sehr lecker.

Mehr und mehr hatte ich das Gefühl, als hätten sich meine Ma und die Frauenstimme gegen mich verbündet und die kleine Öffnung schien auch immer größer zu werden. Verzweifelt stemmte ich meine kleinen Füßchen gegen den Rand des Beckens.

„Pressen Frau Schmitz, pressen, es ist gleich soweit“.

Halts Maul, dachte ich noch so bei mir, als ich plötzlich in ein grün-braunes Auge blickte. Jetzt reichts aber, noch nie was von Privatsphäre gehört? HALLO? Ich bin NACKT bis zum Hals. Vergeblich, meine Stimmbänder waren noch nicht gut genug ausgebildet und mein Lungenvolumen noch zu schwach, um mich wirklich bemerkbar zu machen. Eigentlich also ein Grund mehr noch etwas länger in meinem kleinen, aber feinen Appartement zu bleiben.

Ich hatte keine Chance. Irgendwann war das Auge verschwunden und stattdessen zog jemand an meinen Füßen. Jetzt probieren sie es also schon mit Gewalt. Man gab mir nicht mal mehr Zeit meine letzten Habseligkeiten zusammenzupacken und das Stück Plazenta, auf das ich mich so gefreut hatte, blieb auch zurück.

Mein Widerstand war gebrochen und so ließ ich mich einfach in eine ungewisse Zukunft ziehen.

Adieu Freiheit, good bye Unabhängigkeit, tschüss du süßes Fruchtwasser und

HALLO LEBEN !!

Zugegeben, ich landete in den, ganz offensichtlich in Palmolive, gebadeten Händen einer netten Frau. Kurz keimte in mir die Hoffnung auf, dass es die Frau Tilly höchst selbst war, deren Stimme ich so oft in den Werbespots auf Radio Luxemburg gehört hatte, aber die erfüllte sich leider nicht.

Stattdessen erblickte ich ich einen schon etwas in die Jahre gekommenen Mann in einem weißen Kittel, der 3 metallische Geräte in den Händen hielt. Panik machte sich breit, die noch verstärkt wurde, als er mit zwei dieser Geräte die Nabelschnur zusammenquetschte, einmal auf meiner Seite und einmal auf der Seite meiner Ma, die davon aber nichts mitbekam, weil sie in ihrem durchgeschwitzten Nachthemd, noch heftig keuchend, wenngleich schon wieder mit einem erleichterten Lächeln im Gesicht, in ihrem Wochenbett lag.

„Na, Frau Schmitz, sollen wir denn jetzt den glücklichen Vater hereinholen, damit er die Nabelschnur durchtrennt?“

„Herr Doktor, das geht nicht, der ist auf Montage im Ausland. Draußen sitzt nur mein Mann und dem wird schlecht, wenn er Blut sieht.“

Meine Ma, selbst in dieser Situation immer für einen kleinen Spaß zu haben.

Mit einem diabolischen Grinsen im Gesicht nahm er also selbst die Schere in die Hand und durchschnitt, ohne mit der Wimper zu zucken, das letzte mich mit meiner Ma verbindende Band.

Aus Protest hatte ich bis zu diesem Moment eisern geschwiegen, aber auch damit war der feine Herr im Kittel nicht einverstanden. Als hätte er mich nicht genug gequält, packte er mich mit seinen klobigen, gummibehandschuhten Händen an den Fußknöcheln, hob mich in die Luft und schlug mir mit der flachen Hand auf mein zartes Popöchen. Ich ließ einen Schrei los, mit dem ich hoffte, sein Trommelfell zum platzen zu bringen, stattdessen aber lachte er nur. „Na also, geht doch“. Es ist sicher nicht übertrieben, wenn ich sage, dass ich durch dieses Erlebnis traumatisiert war. Ich habe von diesem Tag an nicht mehr aufgehört zu reden, weil meine Angst vor weiteren Schlägen einfach zu groß war.

Man legte mich eine Zeit lang meiner Ma in den Arm, dann kam ein Mann dazu, der mir verdammt ähnlich sah und den ich deshalb auch später „Papa“ nannte. Er verpasste mir gleich das nächste Trauma. Sein Atem roch nach Gerste, Hopfen, Hefe und Wasser und ich sollte später sogar süchtig nach diesem Geruch, bzw. dessen Verursacher werden. DANKE Daddy.

An dieser Stelle muss ich aber auch kurz für meine Ma Partei ergreifen. In den letzten Wochen vor der Zwangsräumung meines Appartements, war sie mit meinem Vater jeden Abend zur Eisdiele spaziert und hatte sich einen großen Fruchtbecher gegönnt.

„Komm Schatz, ist ja vielleicht das letzte Mal heute“.

Zuerst dachte ich, dass sie mich so einfrieren und im ewigen Eis des Monte Troodelöh, der mit 118,04m höchsten Erhebung Kölns, verbuddeln wollte, aber da irrte ich mich zum Glück. Wahrscheinlich habe ich es sogar nur meiner Ma zu verdanken, dass ich heute weitestgehend kälteunempfindlich bin. Nicht auszudenken, wenn ich im Dezember geboren worden wäre und sie die letzten Tage vor der Niederkunft nur Glühwein und andere Heißgetränke in sich reingeschüttet hätte. Ich schwitze auch so schon genug. Außerdem gibt es schon einen Typ namens Rudolf, dem dieses Schicksal wiederfahren ist und der deshalb wohl auch mit einer roten Glühnase auf die Welt kam.

Die erste Nacht meines Lebens verbrachte ich in einem kleinen Bettchen, das man zu meiner Ma und einer anderen Frau, die ihren Sohn am 28.03. bekommen hatte, ins Zimmer gestellt hatte. Heißen die Dinger deshalb Wochenbett, weil man 7 Tage darin verbringen muss, bevor man nach Hause darf? Ich wusste nicht, wie lange meine Ma schon auf diesem Zimmer lag, hoffte aber inständig, bald mit ihr nach Hause gehen zu können, auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht wusste, wo mein neues Zuhause ist, wie es aussieht und was mich dort erwartet.

In der ersten Nacht machte ich kein Auge zu, ständig blendete mich das Rotlicht, dass man der Frau im Nebenbett wohl verordnet haben musste, damit ihr Sprössling schnell eine gesunde Hautfarbe bekommt. Der kleine Kerl war nämlich noch ganz schön blass für sein Alter.

Erst später erfuhr ich, dass es gar kein Rotlicht war, dass mich um den Schlaf gebracht hatte, sondern die leuchtend roten Haare meines Freund Norbert, mit dem ich dann meine Kindheit in Zollstock und sogar die Schulzeit bis zur mittleren Reife verbringen sollte, ehe sich unsere Wege wieder trennten.

Es ist erstaunlich, was man, kaum auf der Welt, alles erlebt und wie das Schicksal Dinge zusammenfügt oder wieder trennt, je nachdem, wofür es sich entschieden hat. Im Vergleich zu den vielen Dingen, die ich später erleben musste, war das allerdings, im wahrsten Sinne des Wortes, ein Kindergeburtstag.

10 Kommentare zu “Biografie 1 – Geburt

  1. Susanne krings

    Mal wieder der hammer manni….und sooo lustig…darüber wird mein nachmittagskaffee kalt, denn ich such jetzt noch die Kapitel, die mir keiner vorgelesen hat (😂) und lese selbst….!!!

    • Manni Schmitz

      Danke schön, liebe Susanne. Es bedeutet mir echt sehr viel, so ein tolles Lob von einer bekennenden Wenigleserin zu bekommen. Und wenn Du Schwierigkeiten beim lesen hast, sag Bescheid, extra für Dich werde ich meine Biografie auch als Hörbuch verlegen lassen 😉 PS: Du weißt sicher, wer das “Rotlicht” ist, oder? 😉 Liebe Grüße nach WW :-*

  2. Lach, beim lesen lachen müßen, ist ein großes Kompliment für den Schreiberling. Sehr gut geschrieben, klasse Ideen, das Du das alles noch weißt, lach. Trotzdem will ich keine Geschichte von Deiner Zeugung lesen, lach. Weiter so, Deine Kreavität ist grenzenlos und besonders klasse!

    • Manni Schmitz

      Vielen Dank, lieber Harry, das ist wirklich ein großes Kompliment und gleichzeitig eine Herausforderung auf diesem Level zu bleiben. Versprochen, meine Zeugung werde ich auslassen 😉 Liebe Grüße aus Colonia und bis bald 🙂

  3. Petra Hahn

    Laaach , ich bin wie immer begeistert . Hast aber noch eins drauf gelegt , mein lieber Manni. Lange nicht mehr so gelacht .

    • Manni Schmitz

      Danke schön, das freut mich. Es war so eine ganz spontane Idee, wie es aussieht aber auch ein Eigentor, denn jetzt muss ich ja weitermachen 😉 Liebe Grüße nach GM :-*

  4. Oberköstlich!
    Zum Buchprojekt sage ich jetzt nichts mehr … und in Zukunft werde ich mir diesbezügliche Bemerkungen völlig verkneifen.

    • Manni Schmitz

      Danke schön, liebe Renate. So ein tolles Kompliment in einem Wort, das schaffst nur Du. Ich hoffe wirklich, dass wir unser Buchprojekt irgendwann umgesetzt bekommen. Im Moment überwiegen bei mir noch die Zweifel, nicht nur am Erfolg, sondern viel mehr an der Berechtigung für dieses Buch. Sei bitte nicht böse, Du kennst mich jetzt ja auch schon ein bisschen und weißt, wie ich das meine. Liebe Grüße und ein entspanntes Wochenende am schönen Ammersee.

  5. Lieber Manni 🙋🏼
    Herrlich und immer wieder eine Freude,deine Zeilen zu lesen.
    Auch wenn ich jetzt erst lese,
    sauge ich deine Zeilen auf wie ein Schwamm.
    Alles Liebe für dich💝
    Lg Karin😘

    • Manni Schmitz

      Herzlichen Dank, liebes Karinchen. Ich freue mich jedes Mal aufs Neue,
      wenn Dir meine Geschichten gefallen und Du einen lieben Kommentar schreibst.
      Alles Gute auch für Dich und ein Drückerchen aus Kölle :-*

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