Die kleine Kneipe

Immer wieder wurde ich in letzter Zeit gebeten, doch endlich mal eine Fortsetzung der Gaffel Geschichte zu schreiben.

Vorab möchte ich aber erst noch ein paar Worte loswerden, warum ich das nicht schon längst umgesetzt habe.[Weiterlesen]

Als ich im Januar 2017 meine erste Geschichte geschrieben habe, hätte ich nicht damit gerechnet, dass daraus mal ein so ausführlicher Blog wird. Viel mehr wollte ich meinen Frust über den Kölner Amtsschimmel loswerden, der meine Ehrlichkeit so mit Füßen getreten hatte.

http://manni-schmitz.editionblaes.de/2017/01/03/hundesteuer/

Diese Geschichte haben inzwischen knapp 3.000 Leute gelesen und wenn man in einer Internet Suchmaschine die Begriffe „Hundesteuer“ und „Strafe“ eingibt, taucht meine Geschichte gleich auf der ersten Seite auf.

Es folgten weitere Geschichten und das Echo blieb positiv. Irgendwann machte mir eine liebe Facebook Freundin das Angebot, mein 2-Finger Suchsystem Getippsel als Buch zu verlegen und seit dem „schreibe“ ich täglich, zumeist leider nur in Gedanken und ohne mir Notizen zu machen, um die Ideen festzuhalten. Sitze ich dann am PC, sind die Ideen weg und mir fällt auch nichts Gescheites ein. So kommt es dann leider auch immer wieder zu den längeren Pausen zwischen den einzelnen Geschichten.

Viele von euch werden sicher sagen, was stellt der sich so an, der hat doch eh den ganzen Tag nichts zu tun, aber das ist falsch. Im Gegenteil, es vergeht so mancher Tag, an dem ich mich abends frage, wo er geblieben ist. Inzwischen habe ich auch gemerkt, dass Zeit alleine nicht ausreicht, sondern man auch in der Stimmung zum schreiben sein muss und da diese Stimmung bei Menschen mit Depressionen nun mal sehr schwankend ist, sitze ich teilweise einfach zur falschen Zeit am PC. Das heißt, ich möchte eine lustige Geschichte schreiben und habe in dem Moment nur düstere Gedanken, oder ich habe nur Blödsinn im Kopf, sitze aber gerade an einer Fortsetzung über eine nicht so glückliche Zeit.

Das sind jetzt keine Ausreden, sondern viel mehr Erklärungen, um euch mal einen kleinen Einblick in das noch junge Leben eines in die Jahre gekommenen Schriftstellers zu geben.

Jetzt aber zurück in die Gaffel, jene so herrlich urige und gemütliche Kneipe in Köln Zollstock, in der ich so manches leckere Kölsch getrunken und unzählige, wunderschöne Abende bzw. Nächte zugebracht habe.

Klaus und Marion waren die ersten Wirtsleute, die ich in der Gaffel erlebt habe, oder müsste ich nicht besser sagen, dass sie mich er- und Gott sei Dank auch überlebt haben?

Von deren Vorgänger, dem Kurt, hatte ich nur gehört, ihn aber selbst nie kennengelernt. Klaus und Marion, die ich heute zu meinen besten Freunden zählen darf, erzählen mir immer wieder Anekdötchen aus seiner Wirtszeit, aber auch die helfen mir leider nicht, mich bewusst an ihn zu erinnern.

Heute, nach fast 40 Jahren, muss ich gestehen, dass mir Kneipen zu dem Zeitpunkt, ich war Anfang 20, spielte lieber Billard, Flipper, oder an den Automaten in einer der zahlreichen Spielhallen, noch etwas suspekt waren. Mein Vater war dagegen ein ausgiebiger Besucher diverser dieser Lokalitäten, meistens dann, wenn er nach dem freitäglichen Kegelabend nicht gleich den Weg nach Hause fand und stattdessen lieber eine Tournee durch das kölsche Nachtleben machte.

Wenn es dagegen nach meiner Ma gegangen wäre, die in ihrem ganzen Leben so gut wie keinen Alkohol getrunken hat, hätte man jede dieser „Kaschemmen“, oder „Spelunken“ wie sie sie abschätzig zu bezeichnen pflegte, schließen und durch eine Bäckerei, ein Café, oder einen Friseur ersetzt werden müssen.

Erst viele Jahre später wurde das Wort „Kaschemme“ ein wenig salonfähig, als die kölsche Kult Band „Die Höhner“ es in ihrem Hit „Die Karawane zieht weiter“ unterbrachte.

Darin heißt es:

„jommer in en andere Kaschemm – schemm“,

was übersetzt so viel heißt wie

„gehen wir in eine andere Wirtschaft – schaft“.

Selbst dem schlechtesten Dichter und Songschreiber dreht sich bei dieser Übersetzung der Magen, andererseits hätte „Kneipe“ oder „Spelunke“ auch nicht viel besser gepasst und so wurde halt die „Kaschemm(e)“ besungen.

Gleich gegenüber von meinem Elternhaus war eine dieser Kneipen, die man in den 70-er, bis weit in die 80-er Jahre hinein durchaus als „Kaschemme“ bezeichnen konnte. Mein Vater war dort ab und zu auch zu Gast, in der sich neben der Zollstocker Unterwelt auch Spieler, Offizielle und gut betuchte Sponsoren von Rot Weiß Zollstock trafen und der angesehene Einzelhändler dem gefürchtetsten Schläger beim Poker das letzte Geld abnahm. Eigentlich müsste man auch Polizei und Notarzt zu den Stammgästen zählen, weil die in schöner Regelmäßigkeit dort auflaufen mussten, um Frieden und Ordnung wiederherzustellen oder „unglücklich gefallene“ Gäste zu versorgen.

Als Kind schickte mich mein Vater ab und zu in diese Kneipe, um ihm sein frisches Feierabend Kölsch im Glaskrug zu holen. Meine Ma wusste dann nie, ob sie froh sein sollte, dass er sein Bier zu Hause trank oder ob er sich nicht besser selbst an die Theke stellt und ich im sicheren Heim bleiben konnte.

Zum Anfang hatte ich immer ein mulmiges Gefühl, wenn mein Dad den Bierkrug aus dem Schrank holte und ihn mir, wie einen beim Fußball gewonnenen Pokal, überreichte. Das änderte sich aber spätestens, wenn ich ganz cool die Kneipe betrat, zielsicher auf den Wirt hinter der Theke zusteuerte, ihm den Glaskrug in die Pranken drückte und Vaters Bestellung aufgab.

„Hätt de Papa widder Doosch?“ (hat der Papa wieder Durst)

„is datt für dich?“ (ist das für dich)

Diese Fragen der, mal mehr, mal weniger angetrunkenen Gäste vor der Theke, waren mir mit der Zeit weniger angenehm. Viel lieber war mir, wenn einer von ihnen mir eine Cola spendierte, um mir die Wartezeit etwas angenehmer zu gestalten, oder gleich dem Wirt sagte

„dun däm Jung ens en Tüüt Nöss“, (alternativ Salzstangen), oder en Tafel Schokolädsche“ (Gib dem Jungen mal eine Packung Nüsse (Ültje, die Ürdnüsskürne mit dem Ü) oder eine Tafel Schokolade)

Zollstock war in dieser Zeit wahrlich kein Vorzeigevorort. Die sogenannten feinen Leute mieden unser Viertel, oder rümpften die Nase, wenn man erwähnte, woher man kommt. Wir waren halt ein arme, einfache Leute Viertel, es gab richtige Asi Siedlungen, ein Übergangshaus, dass es heute noch gibt und in dem die ärmsten der Armen ihr trauriges Dasein fristen, ohne sich ständig darüber zu beklagen. Die Stadt Köln würde niemals eine Flüchtlingsfamilie dort unterbringen bzw. würde diese Familie wahrscheinlich eh gleich weiterflüchten, weil selbst in ihrem vom Krieg und Armut gebeutelten Heimatland die Unterbringung besser wäre.

In der Herthastraße, auf dem ehemaligen Coca Cola Gelände, später in der Nähe des Zollstocker Tierheims und am Ende des Kalscheurer Weg hausten die Zigeuner, die damals noch stolz auf diese Bezeichnung waren. Heute wird man wegen Diskriminierung angezeigt, wenn man sie nicht „Sinti und Roma mit Migrationshintergrund“ nennt, oder im Restaurant nach einem Zigeunerschnitzel fragt.

Trotz der nicht immer angenehmen und manchmal auch gefährlichen Mitbewohner, war mir der alte Zollstock lieber, als er sich heute darstellt, weil er ehrlicher, offener und direkter war. Mit den Jahren wusste man, mit wem man zusammenlebt, kannte die Straßen, um die man besser einen Bogen gemacht hat und wie man sich zu verhalten hat. Natürlich gab es dass eine oder andere Vorurteil, aber spätestens wenn man sich begegnete merkte man sehr schnell, dass jedwede Bedenken doch völlig überflüssig und unnötig waren.

Ich würde mal behaupten, dass ich 90% der Leute meiner Altersklasse aus Zollstock kenne und habe immer wieder feststellen müssen, dass das umgekehrt genauso ist. Zuletzt Silvester im Haus Bernards, als ich mit Jungs an der Theke gestanden und geschunkelt habe, die mich, so wie ich sie, nur vom sehen her kannten, aber doch sofort zuordnen konnten.

Meine ersten Kneipenerfahrungen machte ich vielleicht deshalb auch in Sülz. Ich war gerade 18 geworden und als jetzt endlich erwachsener Mann gehört das Feierabend Bier mit Kollegen und Freunden nun mal genauso zu diesem neuen Lebensabschnitt, wie die feierliche Vorlage des Personalausweis in der Spielhalle, oder im Kino, wenn der Film nur für „Erwachsene“ freigegeben war. Deshalb überlegte ich auch nicht lange, als mich Willi und Peter, zwei Arbeitskollegen fragten, ob ich in ihre Stammkneipe auf der Berrenrather Str. in Sülz kommen möchte. Schon oft hatte ich mich Montags im Büro über ihre Erzählungen vom schwulen Wirt der Kneipe amüsiert, der gerne zu vorgerückter Stunde seinen Moralischen bekam und dann jeden mit Freibier für den Rest des Abends belohnte, der ihn in den Arm nahm und ihm sagte, wie toll und liebenswert er doch ist. Das wollte ich jetzt endlich auch mal live miterleben.

Meine Ma ahnte wohl Böses, als sich erst mein Vater für den Kegelabend parat macht und ich danach dann auch noch im Bad die paar Fussel unter der Nase und am Kinn wegrasierte und anschließend, ganz Mann von Welt, die natürlich total gereizte und gestresste Gesichtshaut mit Vaters „teurem“ After Shave der Marke Sir Irish Moos zu beruhigen versuchte.

Mein erster Kneipenabend verlief dann auch genau so, wie ihn Willi und Peter so oft beschrieben hatten. Ich hatte jede Menge Spaß mit den „Sülzern“, das Kölsch floss in Strömen, kam für meine noch gänzlich untrainierte Leber aber leider auch viel zu schnell.

Gleich neben der Kneipe war ein griechischer Imbiss, in dem es hervorragenden Gyros und andere Gerichte geben sollte, die ich in dem inzwischen in meinem Körper angelegtem  Kölsch Vorrat schwimmen lassen konnte. Dementsprechend froh war ich, als einer der Jungs endlich vorschlug, zu mitternächtlicher Stunde, etwas essen zu gehen. Sie hatten nicht zu viel versprochen. Das Essen, das den Jungs nach und nach serviert wurde, sah wirklich klasse aus. Als ich mit meiner Bestellung an der Reihe war, bestellte ich eine große Pizza Gyros, mit viel Zwiebel und doppelt Käse. Schließlich musste ich doch zeigen, was so ein echter kölscher Jung verträgt. Um es kurz zu machen, die Pizza kam, sah fantastisch aus, duftete noch besser und den bereits fertigen Kollegen lief, ganz im Gegensatz zu mir, abermals das Wasser im Mund zusammen.

„Wisst ihr was, Jungs. Die Pizza spendiere ich euch, ich habe irgendwie keinen Hunger mehr“, brachte ich so gerade noch hervor, legte einen 10 Mark Schein auf den Tisch, verließ den Imbiss im Vollsprint und spurtete ins Gebüsch an der St. Nikolaus Kirche.

Die Geschichte habe ich danach noch ein paar Mal hören müssen und mindestens genauso oft wurde ich gefragt, ob ich nicht was „essen” gehen möchte. Wer den Schaden hat, spottet nun mal jeder Beschreibung.

Den Rest meines ersten Sülzer Kneipenabend, der noch sehr lange gehen sollte, blieb ich dann doch lieber beim Kölsch

Als ich nach Hause kam, war es jedenfalls schon hell und der von meinem Dad abonnierte Kölner Stadt Anzeiger steckte schon im Briefkasten. Es bedurfte einiger Anläufe, bis ich endlich die Haustür aufgeschlossen bekam. Irgendein Nachbar wollte mir wohl einen Streich spielen und hat das Schloss immer hin und her bewegt, wenn ich mich mit meinem Schlüssel näherte, anders kann ich mir die Fehlversuche bis heute nicht erklären.

Es graute nicht nur der Morgen, sondern auch mir vor dem aufschließen der Wohnungstür. Im Gegensatz zur Haustür ging das sehr zügig. Erstaunlich, wie viel Alkohol man auf 56 Stufen über 3 Etagen abbauen kann.

Kaum in der zum Glück 6m langen Diele der elterlichen Wohnung stehend, sah ich am Ende des Flurs eine liebreizende Gestalt in einem mit Blümchen bedruckten rosa Nachthemd. Das konnte nur meine Ma sein, die ich mit einem fröhlichen „Halli Hallo“ begrüßte.

Mir war leider in dem Moment völlig entfallen, dass mein Vater auch diese Begrüßungsformel verwendete, wenn er, natürlich mit deutlich mehr Promille als ich, vom Kegelabend nach Hause kam.

Als ich dann auch noch das Schnarchen meines Vaters aus dem Schlafzimmer hörte, wusste ich nicht nur, dass er vor mir den Weg nach Hause gefunden hatte, sondern auch, dass ich mir jetzt schleunigst etwas einfallen lassen muss.

Die Miene meiner Mutter verfinsterte sich nämlich schneller als ich „guck mal, ich hab den Stadt Anzeiger mit rauf gebracht“ sagen konnte und ich zog es vor erstmal im gleich neben der Wohnungstür befindlichen Bad zu verschwinden.

Ich hatte schon immer einen Hang zur Bequemlichkeit und mich als Baby lieber auf den Topf gesetzt, als mich vor die Keramik zu stellen. Ok, zugegeben, das sah anfangs etwas merkwürdig aus, wenn ich als Einziger im Lokal auf den Pissoirs gesessen habe und mir lief es auch oft eiskalt den Rücken runter, wenn irgend so ein Schelm den Knopf für die Spülung gedrückt hatte, gemütlich war es trotzdem. Sogar meine Intimsphäre wurde gewahrt, weil ich schlauer Fuchs immer eine Zeitung mit dabei hatte, die ich mir auf den Schoß legte.

Heute sitzen die Kerle in Reih und mit Glied nebeneinander, schicken sich lustige WhatsApp Nachrichten oder jagen Pokémons, natürlich nur wenn das WLAN funktioniert.

Als ich nach einer gefühlten Ewigkeit, die so schön angewärmte Klobrille wieder verließ, lauschte ich an der Badezimmertür, ob irgendwelche Geräusche zu hören waren, aber nicht mal Vaters Schnarchen war zu vernehmen. Ein gutes Zeichen, dachte ich zumindest und schlich mich, zwar leicht torkelnd, aber doch weitestgehend geräuschlos, in die Küche, in der mein so sehnlich von mir erwartetes Bett stand.

Die elterliche Wohnung war zwar knapp 70m² groß, hatte aber nur 2 Zimmer, Küche, Diele, Bad. Es gab also ein Wohnzimmer, ein Schlafzimmer für meine Eltern und eine große Wohnküche mit einer damals üblichen Kochnische. Die wurde abends, mittels eines Vorhang, vom übrigen Raum abgetrennt, der Rest nannte sich dann „Kinderzimmer“, in dem meine Schwester und ich unser Bett stehen hatten. Das war zwar nicht immer angenehm, aber zumindest wurden wir so keine Schlüsselkinder, weil beide Eltern arbeiten gehen mussten, um eine größere Wohnung, dann sicher mit eigenen Kinderzimmern, finanzieren zu können. Ich muss auch sagen, dass es teilweise super gemütlich war, wenn z.B. meine Oma zu Besuch war, oder wir einfach nur zusammen am Küchentisch gesessen haben. Das fördert den Familienzusammenhalt. Die meisten Kinder und Jugendlichen haben heute ihr eigenes Zimmer, in das sie sich verkriechen, um ungestört vor der Glotze oder an der Playstation Konsole sitzen und irgendwelchen nutzlosen Dreck konsumieren. Natürlich gab es auch Nachteile, z.B. freitags, wenn es entweder Fisch, oder Reibekuchen zum essen gab und die Küche noch Tage später danach roch. Mir ist aber noch mehr der „Duft“ von Rahmspinat, mit und ohne Blubb, von mir abwertend nur Kuhfutter genannt, in der Nase geblieben. Seit dem esse ich das Zeug auch nicht mehr. Seine Hausaufgaben konnte man auch nicht immer in Ruhe und pünktlich zur Abgabe am nächsten oder übernächsten Tag fertig haben, deshalb habe ich die auch hin und wieder weggelassen. Frau Zilleken oder Herr Klemm waren darüber zwar „not amused“, aber ich kann ja schlecht meine Eltern, oder meine Oma wegen der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung oder dem Satz des Pythagoras aus dem Zimmer schicken. Der Familienfrieden geht nun mal vor.

Ich drehte mich nach links und kaum hatte ich die Augen geschlossen, saß ich auf einem sich auf und ab bewegenden Pferd und los ging die Fahrt mit dem Karussell. Also wechselte ich die Seite, was meine Situation aber nur verschlimmerte. Jetzt drehte sich auch mein Schaukelpferd und das Karussell fuhr sogar rückwärts. Legte ich mich auf dem Rücken, sprang das Pferd runter von meiner als Kind im nüchternen Zustand so gern genutzten Jahrmarkt Attraktion, sauste mit mir über eine Achterbahn und ließ sich nicht einmal von einem Dreifach Looping aufhalten.

Auf dem Rücken liegend einschlafen konnte ich schon als Kind nicht und soll in dieser Position sogar einige unangenehme Geräusche von mir gegeben haben, was ich natürlich entschieden bestreiten möchte. Das ist auch so etwas, was ich nie verstanden habe. Schnarcht ein Kind, ein Hund, eine Katze oder ein anderes drolliges, weil noch junges Lebewesen heißt es „och wie süüüüß, laß ihn/er/sie/es bloß schlafen. Schnarchte man dagegen als Erwachsener, bekommt man im günstigsten Fall einen kleinen Stupser in die Seite, schlimmstenfalls wird einem der Ellbogen der um den Schlaf gebrachten Partnerin in die Rippen gerammt, die Nase wird zugehalten, oder sogar das auf dem Nachttisch stehende Glas Wasser ins Gesicht geschüttet. Letzteres scheidet zum Glück mit zunehmendem Alter aus, weil „Frauchen“ irgendwann ihre dritten Zähne im Wasserglas liegen hat und die Gefahr viel zu groß ist, dass die bei der Aktion beschädigt werden.

Schließlich legte ich mich auf den Bauch, presste mein Gesicht fest ins flauschige Kopfkissen und achtete darauf, dass ich durch Mund und Nase noch mit ausreichend Sauerstoff versorgt wurde. Das Karussell stoppte genauso unverzüglich, wie mein edles Ross, das gemächlich auf seinen angestammten Platz zurück trabte und sich fortan nicht mehr bewegte. Ich war schon auf dem besten Weg ins Land der Träume, als meine liebe Ma sich entschloss, den freien Samstag mal etwas früher zu beginnen. Sie riss den Vorhang zur Kochnische auf, befüllte den Boiler, der ihr sogleich, erst leise, dann immer lauter schnarrend, das Kaffeewasser aufkochte, und, als wäre das nicht genug, drehte sie auch noch das damals auf ihren Lieblingssender Radio Luxemburg eingestellte Radio auf. Das Geklapper der Kaffeetassen und anderem Zubehör für ihren morgendlichen Kaffee, war dagegen fast schon Entspannungsmusik in meinen Ohren.

Meine Ma sagte in der ganzen Zeit kein einziges Wort und jeder weiß, dass ein Schweigen schlimmer sein kann, als jeder noch so laute und gemeine Wortschwall.

Naja, irgendwie habe ich auch diesen Tag überstanden und war schon bald für neue Schandtaten bereit.

Es folgten noch ein paar denkwürdige Abende und Nächte in ein paar Sülzer Kneipen, an die ich mich auch nach dieser langen Zeit noch gerne erinnere. Ich lernte jede Menge nette Leute kennen, war später dann auch mit meiner damaligen Freundin Gabi viel in Sülz unterwegs und fand sogar bei zwei kölschen Promis Beachtung.

Eines schönen Abend, wir standen wie immer gemütlich beim Kölsch an der Theke, bemerkte ich einen ziemlich kräftigen Typen, mit mächtigem Schnauzbart, der mich die ganze Zeit zu beobachten schien. Es war Jürgen Zeltinger, der zu dieser Zeit wohl auf dem Höhepunkt seiner Karriere gewesen sein muss und dessen Hits „Müngersdorfer Stadion“, „Stüverhoff“, oder „Tuntensong“,  aus allen Musikboxen in den Kölner Kneipen dröhnten. Ich hatte ein paar Jahre vorher ein Konzert von ihm in einer Bensberger Aula besucht. Da kam die „Plaat“ (Glatze), wie er liebevoll genannt wurde, mit einer Kiste Bier auf die Bühne, trank nach jedem Song einen Schluck und reichte die Flasche dann entweder an mich, oder meinen Kumpel weiter. Zum Glück hatte er zwar noch nicht so ein umfangreiches Repertoire, es reichte trotzdem, um ziemlich beduselt die Heimfahrt mit der Straßenbahn nach Zollstock anzutreten.

Zu vorgerückter Stunde standen wir dann plötzlich nebeneinander und kamen ins Gespräch. „Ich bin der Jürgen“, stellte er sich mir vor. Gabi und die anderen aus der Clique griemelten schon leise vor sich hin, aber das war mir egal. Natürlich wusste ich, dass er homosexuell ist, zumal er selbst nie einen Hehl daraus gemacht hat. Warum sollte ich also nicht mit ihm reden? Wir spendierten uns gegenseitig ein paar Kölsch und sprachen über den FC und andere kölsche Berühmtheiten. Als er mich dann aber irgendwann fragte, ob ich ihn nicht mal im Schwimmbad des nahe gelegenen Uni Center, in dem er auch lange Jahre wohnte, besuchen möchte, wurde mir das doch ein bisschen zu heiß und ich holte schnell meine Freundin Gabi zu mir rüber, die ich gleich demonstrativ in den Arm nahm und küsste. Für Jürgen war das überhaupt kein Problem und zu dritt haben wir dann noch ein paar Kölsch geleert und viel gelacht.

Der andere „Promi“ war (Franz) Peter Schütten, das Ur-Gestein der „Bläck Fööss“ (nackte Füsse), einer über die Kölner Stadtgrenzen hinaus bekannten kölschen Mundart Band, der erst voriges Jahr (2017), mit fast 73 Jahren in den wohl verdienten Ruhestand gegangen ist.

Auch er stand irgendwann mal in unserer Stammecke in der „Kleinen Kneipe“ und trank sich gemütlich (s)ein Kölsch. Zu dieser Zeit war es noch üblich, dass zu später Stunde der „Express Mann“ durch den Kneipen zog und die Spätausgabe der bekanntesten Kölner Lokalzeitung verkaufte. Die Standardfrage der Gäste in wohl jeder Kneipe war am Samstag abend immer: „sind da die Lottozahlen drin?“.

Ich hatte mir ein Exemplar der kölschen Bild Zeitung gekauft, studierte wie immer zuerst den Sportteil, dem nach ein paar Seiten mit Stellenangeboten, der Lokalteil folgte.

Natürlich hatte ich Peter Schütten gesehen, aber im Gegensatz zu Jürgen Zeltinger habe ich nicht mit ihm gesprochen. Was soll ich auch einen Mann zutexten, der in Ruhe sein Feierabend Kölsch trinken möchte?

„Hey Jungs, hört mal zu, das ist der Hammer, die Bläck Fööss lösen sich auf, Tommy Engel (zu der Zeit der Leadsänger der Band und auch heute noch eine kölsche Ikone) hat es dem Express in einem Interview bestätigt“

Dem guten Peter wäre fast das Kölsch Glas aus der Hand gefallen. Ansonsten hätte man in dem Moment einen Bierdeckel auf einen Teppichboden fallen gehört. Alle starrten mich an und konnten weder fassen, noch glauben, was ich da gerade rausposaunt hatte.

„Zeig her“, kam es aus dem guten Peter raus und schon hatte er mir den Express aus der Hand gerissen, den er nun selbst hektisch durchbätterte.

„Wo steht datt dann?“, war seine nächste Frage, deren Übersetzung sich wohl erübrigt.

In dem Moment konnte ich mich dann nicht mehr halten und brach in schallendes Gelächter aus. Noch immer war es, abgesehen von meinem Lachen, mucksmäuschen still in der Kneipe, erst nach und nach machte sich Erleichterung breit, besonders als Peter Schütten auch laut los lachte. Nach und nach dehnte sich dieses Lachen dann auf die ganze Kneipe aus, auch wenn ich zugeben muss, dass ich doch das eine oder andere „Ar…loch“, „Drecksack“ und ähnliche Nettigkeiten deutlich vernommen habe, aber nach ein paar spendierten Kölsch, natürlich auch für Peter Schütten, war dann alles wieder gut. Die Fööss sind übrigens immer noch zusammen, wenn auch inzwischen in einer veränderten Besetzung.

So, jetzt habe ich so viel über die Sülzer Kneipen Szene geschrieben, aber immer noch kein Wort über den zweiten Teil der Gaffel Geschichte verloren. Genau dieses Szenario meinte ich in meiner kleinen Einleitung. Es liegt daran, dass ich die Dinge so aufschreibe, wie sie mir spontan einfallen, aber versprochen, die nächste Geschichte geht dann ganz bestimmt über die Gaffel und ihre oft „nackten Gäste“.

NS: Ich muss euch gestehen, dass ich in dieser Geschichte hier und da ein wenig geflunkert habe. Meine Ma trug natürlich KEIN rosa Nachthemd mit Blümchenmuster, sondern das Blaue mit den Goldfischen, aus denen im Laufe der Jahre Forellen, Lachse und an einigen Stellen sogar große Karpfen wurden. Der Rest ist selbstverständlich wahr, oder? 😉

6 Kommentare zu “Die kleine Kneipe

  1. Wie von dir gewohnt: köstlich!

    • Manni Schmitz

      Danke schön, liebe Renate. Ich bin im Moment auf der Suche nach meinem eigenen Stil und würde auch gerne das Blog Aussehen etwas optimieren. Wir sollten wirklich bald mal telefonieren. Die Geschichte zu schreiben hat mir mal wieder Spaß gemacht und ich bin mit dem Ergebnis sehr zufrieden. Ohne Dich wäre das hier alles nicht entstanden, liebe Renate. DANKE und liebe Grüße an den schönen Ammersee.

  2. Mein lieber Manni, wieder klasse. Aber Du mußt gar nicht versuchen extra mehr Humor in Deine Erlebnisse reinzuschreiben. Du hast einen so wundervollen natürlichen Humor, schreibe so wie es in Deinem Kopf entsteht, das ist klasse. Natürlich mußte ich bei Deinem Erlebnis mit der Pizza an ein gemeinsames Essen denken. Den Joint vorher habe ich halt nicht so … Und Monatelang mußte ich mir von Euch und besonders Heino anhören: Noch vor dem Bezahlen … lach.
    Weiter so Manni

    • Manni Schmitz

      Vielen Dank lieber Harry, das ist ein toller Kommentar, der mich sehr freut. An die Joint Geschichte kann ich mich nicht erinnern, wahrscheinlich weil ich selbst nie was mit dem Zeug zu tun hatte. Versprochen, ich schreibe weiter und eine Fortsetzung der Video Geschichte wäre ja auch langsam mal fällig. Liebe Grüße und nochmals DANKE

  3. Da haben wir uns aber knapp verpasst, damals. Habe in dem Eckhaus Berrenrather Str./ Gustavstr. gewohnt von 1975 Bis 1980. War auch meine Stammkneipe. Waren auch mal mit Dieter Weyrich in Lanzarote. Hab irgendwo noch alte Fotos aus dieser Zeit.
    Was für Euch die Gaffel war für mich “Die kleine Kneipe”

  4. Hallo Manni😀
    Hach wat schön….ich könnte immer weiter lesen!👍🏼
    Danke das du uns an deinem Leben teilhaben läßt.
    Ich freue mich auf weitere,
    schöne,lustige oder auch traurige Geschichten.
    Knuddler aus der Ferne😘🙋🏼

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.