Vater sein dagegen sehr

„X* (Name geändert) ist im Krankenhaus, dein Kind kommt auf die Welt, du musst da hin“. [Weiterlesen]

Mit diesen Worten hatte mich meine Ma am Samstag, dem 19. Oktober 1991 informiert, dass der große Tag nun gekommen war und ich Vater werden würde. Ich hatte monatelang nichts mehr von X* (Name geändert) gehört und sie selbst auch komplett in Ruhe gelassen. Schließlich hatte sie mir mehr als deutlich zu verstehen gegeben, dass sie keinen Kontakt wünscht. Jetzt sah die Sache etwas anders aus und wer meine Ma kennt der weiß, dass man ihr nur sehr schwer widersprechen kann.

Ich versuchte es, in dem ich sie an die Worte und den Brief von X* (Name geändert) erinnerte, was aber nichts an ihrer Meinung änderte, dass ich gefälligst ins Krankenhaus zu fahren hätte, um ihr erstes und bis heute auch einziges Enkelkind zu begrüßen.

„Ok“, gab ich schließlich klein bei, „wenn du das unbedingt möchtest, dann fahr mit mir zusammen ins Krankenhaus, alleine werde ich sicher nicht da auftauchen“.

Völlig unbeeindruckt von meinen Worten, als hätte sie nur darauf gewartet, antwortete sie knapp „Alles klar, ich komme rüber und dann fahren wir los“ und schob noch schnell ein „ach ja, Heike (meine Schwester) kommt auch mit“ hinterher.

Erst als wir im Auto saßen erfuhr ich, wohin die Reise geht. X* (Name geändert) hatte sich für das Krankenhaus in Leverkusen Schlebusch entschieden, verständlich, wenn man an die unmittelbare Nähe zu Dünnwald denkt, aber für mich völlig unbegreiflich, wenn man Schmitz heißt, ein echter kölscher Jung ist und nur daran denkt, dass sein Stammhalter dort das Licht der Welt erblicken soll. Wie heißt es so schön „hauptsache Mutter und Kind sind wohlauf“. Mein Sohn, den ich ein knappes Jahrzehnt später, mit sehr viel Arbeit und Herzblut zum FC Fan machen sollte, hat es seiner Mutter dagegen bis heute nicht verziehen.

Im Krankenhaus angekommen, lief ich meiner Ma und meiner Schwester hinterher, die zielstrebig und ohne großes Suchen auf die Entbindungsstation zusteuerten.

Dort angekommen, waren meine beiden „Frauen“ erstmal beruhigt, dass noch kein Babygeschrei zu hören war, wir waren also rechtzeitig da. Eine Krankenschwester kam auf mich zu und fragte mich, ob ich der werdende Vater bin. Ich nannte X* (Name geändert) vollständigen Namen und sie nickte nur. „Ich habe das Gefühl, sie würde sie gerne sehen, aber sie wird sie nicht darum bitten, sie drüben im mittleren Kreißsaal“, fügte sie noch schnell hinzu, bevor sie wieder verschwand. Das konnte nur X* (Name geändert) sein.

Meine Ma, meine Schwester und ich gingen in ein Wartezimmer für Raucher. Sowas gab es damals tatsächlich noch. Heute sind die längst abgeschafft und die werdenden Väter knabbern an den Fingernägeln, oder lutschen am Daumen. Sie sind deshalb auch später sehr gut an den vorstehenden Zähnen im Oberkiefer zu erkennen. Tja, hättet ihr eure Kinder besser mal vorher gezeugt.

„Ich gehe mal rüber zu ihr“, sagte ich nach der ersten, oder war es schon die dritte bis sechste Zigarette und fühlte mich in dem Moment wie Sean Penn in „Dead Man Walking“. Alle Türen zu den Kreißsälen waren weit geöffnet. Kein Wunder, Karneval war ja ausgefallen und außer mir hatten auch nicht viele Männer Zugang zu einer VHS Pressekopie von „Pretty Woman“. Ich klopfte leise an die einzig geschlossene Tür. Vielleicht hört X* (Name geändert) mein Klopfen ja nicht und ich kann gleich wieder zurück zu meiner Ma und meiner Schwester. Zigaretten hatte ich zum Glück genug dabei.

„Herein“, rief eine mir unbekannte Stimme und ich schob mit zitternden Finger die große Tür auf. Martina, Dianas beste Freundin zu der Zeit, stand hinter ihrem Bett und hielt Händchen. X* (Name geändert)  selbst lag mit verzerrtem Gesichtsausdruck und nassgeschwitzt auf dem Bett.

Ich betrat den Kreißsaal, der, oh Wunder, viereckig war. Onkel Wiki hat mir dann viele Jahre später erklärt:

Das Wort Kreißsaal entstammt dem mittelhochdeutschen Wort kreißen/krizen. Es bedeutet schreien, stöhnen, speziell »Wehen haben«. Eine Weiterbildung dieses Wortstamms ist das uns bekannte Wort »kreischen«.

Und warum sagt man dann nicht direkt „Kreischsaal“?

Ich halte mich ja an und für sich für ein halbwegs intelligentes Kerlchen, aber in dem Moment kam mir nur ein heiseres „Hallo, wie gehts“ über die Lippen. Zum Glück setzte in dem Moment bei X* (Name geändert) eine neue Wehe ein und ich konnte mit einem schnellen „ok, bis später“,  zurück in den Raucherraum flüchten. Ich weiß bis heute nicht, ob sie überhaupt ein einziges Wort von meinem Gestammel verstanden hat.

Der FC spielte an diesem Samstag beim Karlsruher SC und ich sagte meiner Ma scherzhaft, dass mein Sohn den Namen des ersten FC Torschützen bekommen würde. Natürlich hatte ich auch auf die Namensgebung keinerlei Einfluss, sonst würde mein Sohn heute auf den schönen Namen „Pierre“ hören. Littbarski war der einzige Torschütze beim 1:0 Sieg im Wildpark Stadion.

Die Zeit verging, der Bundesliga Spieltag war längst vorbei, mein Zigarettenvorrat neigte sich dem Ende entgegen, als kurz vor 20 Uhr eine Krankenschwester das von meiner Schwester und mir inzwischen völlig zugenebelte Wartezimmer betrat und uns die frohe Botschaft verkündete:

„der kleine Y* (Name geändert) ist jetzt auf der Welt“.

Geburtszeit: 19:48 Uhr
Größe: 48 cm
Gewicht: 2.800 gr.

Aus den Augen meiner Ma kullerten kleine Tränchen, die wohl eher nicht dem Rauch im Wartezimmer geschuldet waren. Alle gratulierten mir, meine Schwester und meine Ma drückten mich, die Krankenschwester konnte sich gerade noch zurückhalten.

„Kommen sie, ich bringe sie zu ihnen“, sagte die Geburtshelferin und meine Ma und meine Schwester verstanden das nicht als förmliche Anrede an mich, sondern als Aufforderung sich mit auf den Weg zu X* (Name geändert) und ihrem Enkel bzw. Neffen zu machen.

Bis zur Tür des Ruheraums, in das man die 2 gebracht hatte, konnte ich meine Führungsposition hinter der Krankenschwester verteidigen, dann zogen meine Ma und meine Schwester links und rechts an uns vorbei und stürzten sich auf X* (Name geändert), die erschöpft aber glücklich in einem Bett lag und ein kleines Bündel aus Decken und Tüchern im Arm hielt. Als sie mich sah, drückte sie mir dieses Mini Paket mit den Worten in den Arm:

„hier, gib ihm mal was zu essen, ich habe jetzt genug getan“

Welcher Mann könnte so eine liebevoll geäußerte Bitte zurückweisen, also legte ich meinen Sohn in meinen Arm und reichte ihm seine erste Mahlzeit. Ich weiß nicht mehr, was mir in dem Moment durch den Kopf ging, es wäre auch schwer in Worte zu fassen. So eine Geburt ist einfach ein Wunder der Natur und da werden alle Sorgen und/oder evtl. noch bevorstehende Probleme zweitrangig.

19. Oktober 1991, kurz nach 20 Uhr

Wir blieben noch ein paar Minuten, in denen sich aber hauptsächlich „meine“ 3 Frauen unterhielten, während ich immer noch versuchte das ganze Geschehen zu realisieren und zu verarbeiten.

Der Krankenschwester hatte ich meine Personalien gegeben, somit war zumindest das Thema „Vater unbekannt“ auch vom Tisch.

Ich weiß, die meisten meiner Artgenossen begießen die Geburt ihrer Stammhalter, erst recht, wenn es ein Sohn ist, aber mir war an diesem Abend nicht mehr nach feiern zumute. Zu frisch waren die so überraschend und unvorbereitet aufgetretenen Eindrücke bzw. Ereignisse. Ich ließ den Abend lieber alleine vor dem Fernseher ausklingen und machte mir Gedanken, wie es nun weitergehen kann.

Norbert, ein alter (Schul)freund arbeitete in der Wohnungsverwaltung eines großen Versicherungs Konzern und hatte mir eine große, schöne Neubauwohnung in den 1991 errichteten Zollstock Arkaden besorgt.

Den Mietvertrag hatte ich schon unterschrieben und ich war vom Rohbau bis zur Fertigstellung auch desöfteren in der Wohnung, um den Fortschritt hautnah miterleben zu können. Eines Tages bemerkte ich bei einer meiner Begehungen einen unangenehmen Geruch, der aus dem Bad kam. Die Badewanne und das Waschbecken waren gerade eingebaut, aber natürlich noch nicht installiert worden. Ich folgte dem immer stärker werdenden Gestank und sah zu meinem Entsetzen, dass wohl einer der Handwerker seine Notdurft in „meiner“ Badewanne verrichtet hatte. Den Ausmaßen des Haufen nach, dachte ich zwar kurz auch an einen ausgewachsenen, afrikanischen Elefanten, aber da die in dieser Zelt nur sehr selten, man könnte auch Nie sagen, in Zollstock gesehen worden waren, blieb ich bei meiner Handwerkertheorie. Ich schnappte mir den Handfeger und die Schaufel, die ich in einem Nebenraum fand und beseitigte, immer wieder von Ekelanfällen geschüttelt, den Haufen, incl. Werkzeug, in einem vor dem Hauseingang stehenden Abfallcontainer.

Eine Woche später besuchte ich die Baustelle zusammen mit Norbert, dem ich auf der Treppe von meinem Fäkalerlebnis erzählt hatte. Sein Grinsen hätte er sich zwar sparen können, aber so ist es nun mal, „wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen“. Es gibt aber noch einen schönen Spruch „Reden ist Silber, Schweigen ist Gold“ und den hätte ich besser mal beherzigt. Als ich nämlich voller Elan auf die Treppe zur zweiten Etage zusteuerte, sagte mir Norbert „moment Manni, deine Wohnung ist doch hier, auf der ersten Etage“ um gleich darauf in schallendes Gelächter auszubrechen. Ich hatte tatsächlich den Haufen aus der Nachbarwohnung entfernt

Das Ende der Geschichte um die Wohnung ist allerdings nicht ganz so lustig, wobei ich gestehen muss, dass ich mich nicht mehr an den genauen Ablauf erinnere. Ob ich z.B. zuerst die Wohnung gemietet und dann mit X* (Name geändert) gesprochen habe, mit ihr und dem Kind dort einzuziehen, oder ob ich das schon klargemacht hatte, bevor ich von der Schwangerschaft erfahren habe. Letztendlich ist das egal, weil ich die Wohnung noch vor meinem Einzug an meine Schwester und ihren späteren Verlobten Jürgen weitergegeben habe.

X* (Name geändert) wollte ohnehin nicht nach Zollstock, bestand darauf, das von mir als Büro gedachte 3. Zimmer als Kinderzimmer zu verwenden und war der Meinung, dass unser Sohn dann in Zollstock zum Oma Kind mutieren würde. Dieser Einwand war zwar nicht ganz unbegründet, auf der anderen Seite wären meine Eltern sicher auch hin und wieder eine Entlastung für uns 3 gewesen. Dazu muss man wissen, dass meine Eltern nie den Führerschein gemacht und dementsprechend auch nie ein Auto besessen haben.

Als X* (Name geändert)  mit unserem Sohn aus dem Krankenhaus entlassen wurde und wieder mit ihm in ihrer Dünnwalder Wohnung war, fuhr ich die 2 desöfteren besuchen. Wir spielten mit unserem Sohn, tranken Unmengen Kaffee und redeten, anfangs noch etwas skeptisch, später aber wieder vertrauter miteinander. So ganz hatte ich meinen Traum von der kleinen, glücklichen Familie auch noch nicht aufgegeben.

Wir einigten uns dann auf einen letzten Versuch, der aber sehr schnell und sehr kläglich scheiterte. Waren wir bei X* (Name geändert), kam ich mir mehr und mehr überflüssig und überhaupt nicht einbezogen vor. Waren wir bei mir in Zollstock, muss es X* (Name geändert) vielleicht ähnlich ergangen sein und so war ich relativ wenig überrascht, als ich von einer Tagestour nach Hause kam und X* (Name geändert) mit unserem Sohn verschwunden war.

Von da an, bis zum Frühjahr 2001 war eine Beziehung nie wieder ein Thema. Natürlich habe auch ich Fehler gemacht und hätte mich z.B. mehr um die zwei kümmern können, aber das verhinderte mein eigenes Elternhaus bzw. meine Erziehung. Der Mann geht arbeiten und bringt das Geld nach Hause, die Frau ist zu Hause und kümmert sich um Wohnung und Kind(er). So war ich aufgewachsen und ich weiß noch, wie mir meine Freunde leidtaten, die nach der Schule in eine leere Wohnung kamen, weil beide Elternteile arbeiten gingen. Sie wurden „Schlüsselkinder“ genannt, weil sie den Hausschlüssel meistens an einem Band um den Hals trugen, damit sie ihn nicht verlieren. Ich dagegen war es gewöhnt, dass meine Ma zu Hause war, wenn ich aus der Schule kam. Meistens war meine Oma, die eine, von der Vorgebirgstraße, auch da, wir tranken Kaffee, erzählten ein bisschen, ich machte meine Hausaufgaben (manchmal auch nicht) und dann ging es raus zum spielen.

Das ist in der heutigen Zeit natürlich total altmodisch und wahrscheinlich auch nicht praktikabel. Viele Familien sind darauf angewiesen, dass beide Elternteile arbeiten gehen, es gibt Ganztagsschulen, in denen die Kinder zu essen bekommen und betreut werden und alles ist durchstrukturiert.

Damals war sowas die Ausnahme, heute ist es halt die Regel.
Tel Aviv – so ist das Leben.

An dieser Stelle nochmal eine kleine Pause, sonst wird es vielleicht dem einen oder anderen zu viel zum lesen.

10 Kommentare zu “Vater sein dagegen sehr

  1. Hahaha, zu viel zum lesen … klasse Ausrede, ich hab erst Teil 1 zum dritten mal gelesen und danach den neuen Teil. Wieder hast Du mich in Dein Leben reingezogen und zack, Pause. Ich weis das Lesen für viele anstrengend ist, aber die können doch Pause machen wann sie wollen. Ich möchte gerne weiterlesen.
    Ich fang dann mal ganz vorne wieder an.
    Mein lieber Manni, ich lese mindestens zwei Bücher im Monat, fast mein ganzes Leben schon, ich kann sicher beurteilen ob Jemand gut schreiben kann, Du hast ein Riesentalent, mach weiter … und mehr …

    • Monika kail

      Ein Riesen Talent!

      • Manni Schmitz

        Jetzt übertreib mal nicht, ich bin gerade mal 1,82m, da gibt es sicher noch größere Talente 😉

    • Manni Schmitz

      Danke schön, lieber Harry, ich hoffe, ich kann Deine Lesewut bald schon mit einer Fortsetzung stillen. Liebe Grüße und schönes Wochenende 🙂

  2. Hallo Manni ich würde an deiner Stelle das Angebot von Renate annehmen !!!!

    • Manni Schmitz

      Hallo Flaty, das werde ich auch ganz bestimmt tun, mir fehlt aber noch zu viel, um jetzt schon ein Buch daraus zu machen.

  3. Thomas Steinborn

    Gefällt mir Manfred 👍🏻

    • Manni Schmitz

      Danke schön, Thomas, das freut mich. Liebe Grüße und schönes Wochenende für euch 2 🙂

  4. Hallo Manni😚
    Wenn ich deine Zeilen lese,
    könnte ich immer weiter lesen.
    Ich habe dann so ein Gefühl,
    als wäre ich dabei….in dem Moment.
    Dicken Knuddler🤗😘

    • Manni Schmitz

      Danke schön, liebes Karinchen, ich freue mich, dass Dir meine Geschichten gefallen.
      Ich gebe mein Bestes, dass das auch so bleibt. Liebe Grüße und dicken Knuddel retour :-*

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