Abwärts

Vorab nochmal kurz zu meiner ersten Geschichte „ich bin wieder da“. Böse Zungen behaupten, ich würde in Selbstmitleid zerfließen, oder wäre gar auf Mitleid und/oder (finanzielle) Hilfe aus.

Dem ist definitiv nicht so.

Es stimmt, ich habe mich sicher auch schon so manches mal selbst bemitleidet, aber aktuell ist da einfach nur noch eine komplette Gleichgültigkeit. Ich sehe zu, dass es meinem Hund und meinen Eltern gut geht, helfe nach wie vor jedem, der meine Hilfe braucht bzw. in Anspruch nehmen möchte, ansonsten geht mir alles an meinem süßen Knackarsch vorbei. Von mir aus kann die Welt morgen untergehen, uns der Himmel auf den Kopf fallen, oder die nächste Sinflut kommen. Das würde mir nur für andere leid tun, aber ganz sicher nicht für mich.

Jetzt aber zurück zur Fortsetzung

Hier nochmal die Chronologie ab 2012:

Januar 2012: Diagnose Burnout und mittelschwere Depressionen
Juni 2012: 4 Wochen Aufenthalt, Fachklinik für Psychosomatik in Scheidegg, als arbeitsunfähig entlassen
Oktober 2012: nochmal 4 Wochen in Scheidegg, als weiter arbeitsunfähig entlassen
Februar 2013: Neuanfang bei EV
Mai 2013: Rückfall in Burnout und Depressionen durch Mobbing
Juli 2013: nächster Neuanfang bei EV – wieder Mobbing
ab August 2013: arbeitsunfähig (krankgeschrieben)

Am 28. Februar 2014 endete nicht nur meine Berufstätigkeit, sondern gleichzeitig wurde ich auch von meiner privaten Krankenversicherung „ausgesteuert“. Das bedeutet, so wurde es mir zumindest in einem Schreiben mitgeteilt, dass ich zwar noch brav meine 750,-€ monatlichen Beitrag bezahlen darf, aber keine Leistungen mehr bekomme. Es war mir zwar nicht ganz unrecht, nach 28 Jahren aus der privaten Krankenversicherung zu kommen, aber bei meinem ersten Besuch beim Jobcenter stellte sich dann sehr schnell heraus, dass die Sache doch einen ganz gewaltigen Haken hatte.

Der Besuch war nämlich bereits am Infoschalter zu Ende.

Infoschalter Jobcenter: „Sie sind krankgeschrieben und von ihrer Krankenversicherung ausgesteuert, da können wir nichts für sie tun“

Ich: „Aber von wem bekomme ich denn dann (m)eine Unterstützung?“

Infoschalter Jobcenter: „Sie stehen dem Arbeitsmarkt ja nicht zur Verfügung und würden dementsprechend gleich mit Hartz IV anfangen“.

Ich habe mich dann, wider dem Rat meines Arztes, gesund schreiben lassen, was ich aber auch zu diesem Zeitpunkt ganz sicher nicht war.

Vermittlungsvorschläge kamen nur sehr wenige, was daran lag, dass mich das Jobcenter als „Key Account Manager“ in die Jobsuche aufgenommen hatte. Es ist zwar richtig, dass ich als KAM von EV eingestellt wurde und dieser Titel demnach auch in meinem Zeugnis erwähnt wurde, man hätte mich aber auch genausogut als Vertreter, Vertriebsbeauftragter, oder Außendienst-Mitarbeiter einstufen können. Die Aufgaben sind weitestgehend identisch.

Im Juni 2015 stellte ich dann zum ersten Mal,  einen Antrag auf EM (Erwerbsminderungs-) Rente. Vorher hieß die EU (Erwerbsunfähigkeits-) Rente, aber wahrscheinlich wollte unsere Regierung gleich jede Verwechslungsgefahr zum Euro bzw. zur Europäischen Union ausschließen. Sonst käme vielleicht noch jemand auf die Idee und würde sich von allen Mitgliedsstaaten eine Rente erhoffen.

Mein Antrag wurde schneller abgelehnt, als ich zum ausfüllen für ihn gebraucht hatte. Die Rentenversicherung bestellte mich zu einem Gutachter, der mir binnen 10 Minuten verklickerte, dass ich noch viel zu jung (54), zu fit, zu vital und überhaupt viel zu gesund wäre.

Gelernt habe ich daraus, dass man sich vorher ausführlichst schlaumachen muss, wenn man etwas von diesem Staat möchte.

Deshalb und um zukünftig nicht wieder so ein Waterloo erleben zu müssen, meldete ich mich beim Sozialverband VDK an, den ich noch von meinem Großvater kannte.

Der VDK wurde 1950 in Berlin gegründet und ist/war der Verband der Kriegsversehrten, also den Menschen, die nach dem Ende des 2. Weltkrieg schwerstverletzt in ihre Heimat zurückgekehrt waren. Wie soll man(ni) denn wissen, dass die mir weiterhelfen können? Der Krieg war lange vorbei, den VDK gabs immer noch, also irgendwas musste da wohl noch sein. Ich stellte mir die immer kleiner werdenden, jährlichen  Mitgliederversammlungen treuer, deutscher Veteranen vor, die, die Reichsfahne schwenkend und, je nach Waffengattung, im mit Periskop, Propeller oder Panzerrohr getuneten Rollstuhl schunkelnd, „oh du schöner Westerwald“ gröhlten, bis das Eiserne Kreuz an ihrer Heldenbrust im Takt mit vibrierte.

Spaß beiseite, Inzwischen sind 1,8 Millionen Menschen Mitglied im VDK und man steht für eine sozialpolitische Interessenvertretung und Sozialrechtsberatung.

Der einzige Nachteil an diesem an für sich tollen Verband ist, dass sie einen dermaßen starken Zulauf haben und man dementsprechend lange (min. 8 Wochen) auf einen Termin warten muss. Das Thema EM Rente legte ich deshalb auch erstmal ad acta.

Zum 01.06.2015 endete meine Arbeitslosigkeit und ich bekam ALG II, im Volksmund besser bekannt als Hartz IV.

Mit dem ALG II ist es wie mit Depressionen, wer sich damit nicht auskennt, soll sich gefälligst geschlossen halten. Zugegeben, bis zu dem Tag, an dem ich selbst davon betroffen war, hatte ich mich oft selbst darüber lustig gemacht, aber damit war es ganz schnell vorbei.

Zuerst bekommt man einen Fragebogen geschickt, der mich sehr stark an die mir aus Erzählungen von Kollegen bekannten Stasiunterlagen erinnerten. Danach wurde ich zum Verhör, ääähhh, ich meine Gespräch „eingeladen“, was wiederum mehr einer Vorladung gleichkommt und zu dem ich meine Kontoauszüge mitbringen musste. Cool, dachte ich, die sind ja nett, wollen Dir erstmal Dein Konto ausgleichen und dann neu auffüllen.

Der JC Mitarbeiter war eigentlich sehr nett, außerdem machte er ja nur seine Arbeit, da konnte ich ihm keinen Vorwurf machen. Es war viel mehr das System, das mich mehr und mehr verzweifeln ließ.

„sie sind Mitglied beim 1.FC Köln?“, fragte er mich, als er mit strengem Blick meine Kontoauszüge durchblätterte.

„Ja, seit dem letzten Spieltag der ersten Abstiegssaison 1998, nach dem 2:2 gegen die Pil…, ääähhh Leverkusen, ich wollte ein Zeichen setzen und etwas für den Verein tun, bin dann auch wieder regelmäßig ins Stadion gegangen und …“

Er unterbrach die so ehrlich vorgetragene Begründung meiner Fanliebe.

„sie haben ein Sky Abo?“

„Ja, auch schon seit ewigen Zeiten, man muss sich ja informieren und …“

Wieder unterbrach er mich.

„ich sehe, sie haben ein Auto?“

„Ja“, ich hatte schnell gelernt

„welchen Wert hat das Fahrzeug?“

„das kann ich nicht genau sagen, bezahlt habe ich 2014 ca. 6.000,-€“

Aus dem Internet erfuhr ich später, dass ein ALG II Empfänger nur maximal ein Auto im Wert von 7.500,-€ besitzen darf. Geht es darüber hinaus, muss er das Fahrzeug verkaufen und von dem Mehrerlös seinen Lebensunterhalt bestreiten. Das gilt auch für jegliches andere Vermögen, auch wenn es dabei hier und da ein paar Schlupflöcher gibt. Nach Lebensversicherung, Bausparvertrag, Haus, Boot, Pferd, Schmuck, Bargeld, Briefmarkensammlung, Silberbesteck, das von Oma gefüllte Sparschwein, usw. usw. wird auf jeden Fall gefragt und man muss die Richtigkeit dieser Angaben später mit seiner Unterschrift bestätigen.

Ich durfte ein Vermögen von 8.100,-€ haben, das sich aus der Anzahl der Lebensjahre (54) mal 150,-€ errechnet.

Alles, was ich in TV Berichten gesehen, in Zeitungsartikeln und im Internet zum Thema Hartz IV gelesen hatte, sollte sich von nun an für mich bestätigen. Dazu kam meine grenzenlose Naivität, weil ich mir einfach nicht vorstellen konnte bzw. wollte, dass ein so reiches und wirtschaftlich gesundes Land wie Deutschland, es seinen eigenen Leuten so schwermacht. Um es vorwegzunehmen, sie können es und sie tun es auch mit einer fast schon sadistisch zu nennenden Freude, aber darüber werde ich in meiner nächsten Geschichte erzählen.

2 Kommentare zu “Abwärts

  1. Petra Schwegler

    Hey lieber Manni Schmitz
    Endlich fand i h Zeit, deine immer spannenden ‚Geschichten die das Leben schrieb‘ zu lesen. Du gibst einem 08/15 Normalo wie mir die Möglichkeit, vieles aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. An dieser Stelle ein DANKESCHÖN für die stetige Horizont-Erweiterung. Mit Humor und Sarkasmus ziehst du mich immer wieder in den Bann, die Geschichten aufzusaugen wie ein trockener Schwamm. Die ‚Sucht nach Mehr‘ ist beim Schlusspunkt entfacht ✌️

    • Manni Schmitz

      Vielen herzlichen Dank, liebe Petra, das ist einer der schönsten Kommentare, die ich zu meinem Blog bekommen habe. Humor ist eine der wenigen mir noch verbliebenen Stärken und ich werde auch in Zukunft versuchen, mir den zu bewahren, damit ich hoffentlich nie einen Sarkasmus vortäuschen muss 😉 ein liebes Gruezi in die Schweiz und nochmals vielen Dank 🙂

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