Das Ende eines Traums – Teil 7 – das Jahr 2012

2012

Das Jahr, in dem laut dem Maya Kalender die Welt untergehen sollte. Wenn mir jemand gesagt hätte, dass sich das bewahrheitet und am 21. Dezember wirklich unser aller Ende ist, hätte ich damit kein Problem gehabt. Ich fühlte mich wie ein angeschossenes Tier, das sich in seinen Bau verkriecht und auf seine Erlösung wartet.[weiterlesen]

Den Jahreswechsel verbrachte ich deshalb diesmal wieder alleine. Ruth wollte zwar zu mir kommen und hatte auch versprochen, dass diesmal alles ganz anders sein würde, aber daran glaubte ich schon lange nicht mehr und deshalb sagte ich ihr ab.

Nach dem „Furz vom Hansaring“ (siehe Teil 6) und der Weihnachtsfeier gab es für mich nur noch 2 Möglichkeiten. Entweder sitze ich das Thema EuroVideo jetzt zu Hause aus und warte, bis sie mich rausschmeissen, oder ich komme meinen Pflichten nach, damit mir niemand etwas vorwerfen kann und lasse mich überraschen, was passiert.

Ich entschied mich für die 2. Variante und bin gleich am Montag, dem 2. Januar 2012 wieder in Kundschaft gefahren. Der Hauptgrund war sicher die Liebe zu meinem Beruf, auch wenn er schon lange nicht mehr so viel Spaß machte, wie in den Jahren für SPHE. Mit dieser Meinung war ich nicht alleine. Immer wieder hörte ich von Freunden, Bekannten, Kunden und Kollegen, wie sehr sich ihre Arbeitswelt verändert hatte. Die Leiharbeit, für mich das Sklaventum des 21. Jahrhundert, war immer mehr auf dem Vormarsch. Unternehmen stellten für ein kleines Gehalt Arbeitskräfte ein, die für eine gewisse Zeit dort arbeiten durften und dann, ohne Begründung, oder sogar Abfindung, wieder gehen mussten. Selbst in der Filmbranche und da sogar bei den Major-Anbietern, hatte diese Methode inzwischen Einzug gehalten. Man verpflichtete Agenturen, die dann die Gebiete besetzten und dafür sorgten, dass die Kunden betreut wurde. Funktionierte das nicht, wurde der Betreuer ausgetauscht, so lange, bis es passte. Im Prinzip war das keine Kundenbetreuung mehr, sondern ein abfahren und Auftrag abholen, beim vorhandenen Klientel. Die Einsparungen für die Industrie waren enorm, weil sämtliche Kosten über die Agentur abgewickelt wurde, die sich diese Kosten dann wiederum bei ihren Mitarbeitern zurückholte. Dass selbst zu finanzierende Telefon, Park- und Bewirtungskosten, etc. sind nur kleine Beispiele für diese Sparmethoden. Klar, ein Außendienstler überlegt sich gut, ob er mal eben zu Hause, oder bei einem Kollegen anruft, oder ob er statt ins Parkhaus nicht lieber ein paar Meter abseits auf einen freien bzw. günstigeren Parkplatz fährt, wenn er die Kosten dafür selbst übernehmen muss.

Mit diesen Methoden, macht man aus mündigen Außendienstlern, unmotivierte Dienstleister, die jede Anweisung und Vorgabe ohne Widerwort schlucken. Bei EV wurde auf den Tagungen, wenn mal berechtigte Kritik aus dem AD Kreis aufkam, sofort das Zauberwort Agentur hervorgeholt und schon war Ruhe.

Ohne Termine zu machen und fernab jeder Tourenplanung, setzte ich mich an diesem Montag morgen einfach ins Auto und fuhr los, hauptsache raus zu Hause. Klingelte mein Handy, habe ich mir erst angesehen, wer dran ist und den Anrufer dann meistens durchklingeln lassen. Wenn es was Wichtiges wäre, würde derjenige entweder nochmal anrufen, oder eine Nachricht auf dem Anrufbeantworter hinterlassen. Der einsame Wolf, angeschossen und schwer verletzt, dreht die letzten Runden durch sein Revier. Das es dann wirklich so kam, konnte ich zu dem Zeitpunkt natürlich noch nicht wissen.

Einer meiner Besuche war beim großen S. in Bochum. Das ehemalige Kaufhaus Kortum war unter anderem einer der Drehorte für Dieter Wedels Vierteiler, „der große Bellheim“ aus dem Jahr 1992. Jahre später hat die MSH daraus einen sogenannten Flagship Store gemacht und einen S. Markt über 3 Etagen vom Allerfeinsten dort eröffnet.

Die Einkäuferin, Claudia M., kannte ich schon aus ihrer Zeit aus dem MM in Castrop-Rauxel und aus dem kleinen S. in Wuppertal Barmen. Es kam immer wieder mal vor, dass Mitarbeiter in andere, oft größere Filialen wechselten, um dort neue Sporen zu verdienen oder weil sie da bessere Aufstiegsmöglichkeiten hatten. Dabei war es egal, ob sie vorher für einen S. oder MM gearbeitet hatten.

Anders sah es da schon bei den Märkten selbst aus, die einen teilweise erbitterten Konkurrenzkampf untereinander austrugen. In größeren Städten, in denen mehrere S. und MM angesiedelt waren, konnte es sogar passieren, dass sich zwei S., oder zwei MM bekämpften. Dazu muss man wissen, dass zwar inzwischen alle zum Ceconomy, ehemals Metro Konzern gehören, aber, außer bei Bundesweiten Gemeinschaftsaktionen, eigenständig einkaufen.

Immer zu Beginn eines Jahres machen die MSH Märkte eine sogenannte „Jahresstartaktion“, an denen alle Abteilungen beteiligt sind und die auch groß im TV und in der Presse beworben wird.

Claudia wollte zusätzlich noch etwas Eigenes machen und fragte mich nach Aktionstiteln von EV und C. Die hatte man uns auf der Weihnachtstagung zwar für den Jahreswechsel angekündigt, aber noch nicht zugeschickt. Ich versprach Claudia sie, sobald ich die Unterlagen bekommen würde, zu informieren.

Vom Auto aus fragte ich bei 2 Kollegen nach, die aber auch noch nichts bekommen hatten. So wirklich erstaunt darüber war keiner von uns. Wie zuverlässig Jürgen und sein Team arbeiteten, habe ich ja an anderer Stelle schon ausführlich beschrieben.

Als ich abends nach Hause kam, rief Claudia mich nochmal an. Der Verkaufsleiter hatte ihr Druck gemacht und dann selbst in I. angerufen, um nach den Aktionstiteln zu fragen.

Jürgen O. konnte gar nicht verstehen, warum ich die aktuelle Aktion nicht angeboten hatte, schließlich hätte ich die Unterlagen doch sogar noch im alten Jahr zugeschickt bekommen, um rechtzeitig alle Märkte damit bedienen zu können.

Es kann sich jeder vorstellen, wie das ist, wenn man von seinem Vorgesetzten als Lügner dargestellt wird, aber ich konnte auch nichts anderes tun, als Claudia zu versichern, dass ich noch keine Unterlagen bekommen hatte. Das war aber in dem Moment eh nur noch Makulatur, weil Jürgen sich mit dem Verkaufsleiter darauf geeinigt hatte, dem Markt in Zukunft telefonisch von I. zu betreuen. Klar, was soll so ein großer Markt auch mit einem Außendienstler, der nicht mal die kompletten Unterlagen präsentieren kann.

Diese hinterlistige Aktion hat mir den Rest gegeben. Am nächsten Morgen meldete ich mich per Mail krank und machte noch für den gleichen Tag einen Termin bei meiner Hausärztin. Zu der Zeit war ich noch Privatpatient, deshalb ging das ohne Probleme. Als Kassenpatient hätte ich sicher länger auf einen Termin warten müssen, aber das ist eine andere Geschichte.

Ich war komplett leer und ausgebrannt. Immer wieder ging mir das Telefonat mit Claudia durch den Kopf. Das Jürgen mich auf dem Kieker hatte war klar und das hatte er mir auch schon mehrfach deutlich gezeigt, dass er es manchmal mit der Wahrheit nicht so genau nahm, wusste ich ebenfalls, aber mich so vor einem Kunden bloßzustellen, war schon eine neue Dimension des Mobbing.

Meine Hausärztin hörte sich meine Geschichte an, verwies mich aber dann an einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, der ebenfalls in Zollstock ansässig war bzw. immer noch ist. Die Terminvereinbarung übernahm die Sprechstundenhilfe, wie gesagt, als Privatpatient genießt man gewisse Privilegien. Einen Tag später saß ich bereits meinem Psychiater Dr. S. gegenüber, zu dem ich auch heute noch gehe. Auch ihm erzählte ich meine aktuelle Geschichte, aber auch die von der SPHE Trennung 2009, der endgültigen Trennung von Michaela und Diana 2002, meinen drei Zusammenbrüchen 1988, 1992 und 1996 und den teilweise heftigen Panikattacken von 1999 bis 2007.

Die Kollapse waren wie ein Blitz aus heiterem Himmel aufgetaucht und hatten epilepsieähnliche Begleiterscheinungen, auf die ich jetzt aber nicht nochmal näher eingehen möchte. Intensive Untersuchungen waren, incl. EEG, CT und einer MRT ohne Befund. Vielleicht hatte man aber auch einfach nur kein Gehirn bei mir gefunden, oder es war so klein, dass kein Ergebnis dargestellt werden konnte. Spaß beiseite, ich erinnere mich, dass ich nach dem MRT im Wartezimmer gedanklich mein Erbe verteilt habe, weil ich keinen Zweifel daran hatte, dass ich einen inoperablen Gehirntumor habe, der durch die Strahlungen des Firmenhandy ausgelöst worden war. Ein lieber Kollege von SPHE war im Sommer 1996 an einem Gehirntumor verstorben, auch das ging mir in dem Moment durch den Kopf.

Meine Befürchtungen bestätigten sich aber Gott sei Dank nicht. Auch diese Untersuchungen brachten keine neuen Ergebnisse. Organisch und Neurologisch war alles in bester Ordnung, aber irgendeine Ursache mussten die Kollapse ja haben. Meine damalige Hausärztin stand vor einem Rätsel, bis sie mich plötzlich fragte, ob ich Stress habe. Den hatte ich allerdings zu der Zeit und zwar reichlich, wenn auch, so dachte ich zumindest, im positiven Sinn. Ich lebte für meinen Beruf und meinen Sohn, achtete aber nicht mehr auf mich. Meine Ernährung bestand aus Fast Food und Essen vom Lieferdienst, dazu gabs jeden Tag literweise Kaffee und eine ordentliche Portion Nikotin. Dass das nicht gesund war, wusste ich zwar, bin aber davon ausgegangen, dass ich das in meinem jungen Alter locker noch locker wegstecken kann. Dem war aber wohl ganz offensichtlich nicht so. Dazu kam immer wieder Theater mit Diana bzw. dem Jugendamt, dass den Kindesunterhalt jedes Jahr neu berechnete und auch immer weiter nach oben schraubte, obwohl mein Sohn zu dem Zeitpunkt noch nicht mal in die Schule ging.

Meine Ärztin fragte mich dann: „wie siehts denn mit Sport aus?“

Die typische Manni Antwort ließ nicht lange auf sich warten: „da gibt’s keine Probleme, ich sehe mir alles an, was im Fernsehen kommt“.

Sie lachte zwar über meine Antwort und meinte auch, dass sie das so noch nie gehört hätte, wurde dann aber auch sehr schnell wieder ernst.

„Vielleicht sollten sie mal über eine Psychotherapie nachdenken. Ich habe eine sehr gute Kollegin, bei der ich einen Termin für sie vereinbaren werde“.

Mir war gar nicht wohl bei dem Gedanken daran. Psychotherapie klingt nach Lalas im Schlafanzug, die mit debilem Grinsen im Gesicht über einen Klinikhof stolpern und sich abends versuchen die Haare an ihrer gummibewandeten Zellenwand wegzuradieren. Wer weiß, vielleicht würde ich ja so auch die Hauptrolle in der Fortsetzung von „Einer flog über das Kuckucksnest“ bekommen, aber all das bewahrheitete sich natürlich nicht und so bleiben Norman Bates, Michael Meyers und Jason Vorhees die ewigen und einzigen Psychos der Filmgeschichte.

Trotzdem ließ ich mich auf den Vorschlag meiner Ärztin ein und fing eine Therapie bei einer Therapeutin auf der Berrenrather Straße an. Um es vorwegzunehmen, es war eine einzige Katastrophe. Sie, so Mitte 30 mit dickem Norwegerpulli, Pumphose, Wollsocken und Birkenstocks, saß mir gegenüber und strickte. Ab und zu blickte sie aus den runden Gläsern ihrer Nickelbrille zu mir herüber und stellte eine neue Frage. Gegen Ende der Stunde meinte sie, dass ich wahrscheinlich ein Kindheitstrauma nicht verarbeitet hätte und das der Auslöser für die Krampfanfälle gewesen wäre. Ich wehrte mich zwar gleich vehement gegen diese Aussage, aber sie ließ sich nicht davon abbringen und sprach sogar davon, dass sie mehr Stunden bei meiner Krankenversicherung beantragen würde und sehr viel Arbeit auf uns zukommen würde.

Wir vereinbarten noch einen neuen Termin und sie stellte mir ein Rezept für ein Medikament aus, von dem ich noch nie gehört hatte. Ich war 35, stand voll im Saft, beruflich erfolgreich, hatte aber trotzdem gerade meine erste Therapiestunde hinter mich gebracht und stärkste Psychopharmaka verschrieben bekommen. Eine Kombination, die mir überhaupt nicht zusagte. Als ich dann auch noch die Nebenwirkungen der Pillen (Verlust jeglicher Libido, incl. der dafür notwendigen Fähigkeit) zu spüren bekam, sagte ich die 2. Stunde bei der Therapeutin gleich ab und bin auch nie wieder zu ihr hingegangen.

Meiner Hausärztin erzählte ich erstmal nichts davon bzw. vermied vorerst auch Besuche bei ihr, um gar nicht erst in die Verlegenheit zu kommen, etwas sagen zu müssen. Warum auch? Nach dem Gesetz der Serie würde der nächste Krampfanfall ja eh erst im Jahr 2000 kommen.

~~ wird fortgesetz ~~

5 Kommentare zu “Das Ende eines Traums – Teil 7 – das Jahr 2012

  1. Hallo Manni, ich hoffe das dieser Jürgen irgendwann auch sein Fett abbekommt und spürt wie es ist so gehäßigt behandelt zu werden. Aber denke immer daran es gibt auch Liebe Menschen. Und ich finde es wieder super toll geschrieben, bräuchte Tage um nur einen Satz zusammen zu stellen. Mach weiter so 😊👍

    • Manni Schmitz

      Hallo Luise, vielen Dank für die lieben Worte. Natürlich gibt es auch liebe Menschen, aber ich glaube nicht mehr an ausgleichende Gerechtigkeit. Es gibt leider immer wieder Menschen(?), die mit allem durchkommen. Liebe Grüße von Ben und mir.

  2. Wie immer, sehr interessant und kurzweilig. Warum nur die Hälfte? Wem das zuviel ist, was Du als Block veröffentlichst, kann doch das in zwei Hälften lesen. Ich kann nie aufhören, Deine neuesten Geschichten Deines Lebens zu lesen, ist so spannend, nie zuviel. Du hast ein Talent dafür.
    Und mir bringt es immer eine schlaflose Nacht, weil ich durch Deine Geschichten leider angeregt werde über mein eigenes Leben dann nachzudenken. Zack, schlaflose Nacht, selbe Branche, ähnliches Leben und Gefühle. Bin auch depressiv! Wegen unsere Branche? Oder wegen unseren Erlebnissen? Genetisch? Wer weis das schon?
    Egal, oder besser: Gut, sehr gut! Mach weiter so und bitte mehr. Ohne zu teilen. Ich mag keine schlaflosen Nächte, aber wenn sie durch Deinen Geschichten ausgelöst werden, dann gerne, bitte mehr! Dein Harry P.S. heute schlaflos weil ich das noch unbedingt schreiben mußte.

    • Manni Schmitz

      Harry, mein Lieber, Du weißt doch, man kann es nicht allen rechtmachen. Die nächsten Geschichten sind bestimmt wieder etwas ausführlicher.
      Die schlaflosen Nächte habe ich leider auch, aber das zeigt zumindest, dass wir nicht oberflächlich sind. Es müsste einen Knopf geben, mit dem man sein Gehirn zumindest für ein paar Stunden abschalten kann. Noch besser, wäre es natürlich, wenn wir unser Gehirn neu formatieren und den ganzen alten, negativen Müll löchen könnten. Vielleicht erleben wir die Erfindung davon ja noch.
      Liebe Grüße an Dich und ein schönes Wochenende.

  3. Hallo Manni😘
    Danke das du uns an deinem Leben teilhaben läßt….wenn auch manchmal traurig.
    Ich könnte immer weiter lesen.
    Knuddler aus der Ferne😘😉

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