Gegenwart

Nachdem meine letzten Geschichten nochmal etwas lustiger waren, möchte ich diesmal wieder über ein ernstes Thema schreiben, in dem es um meine aktuelle Situation, mein Verhalten und meine Zukunft geht.

Man sagt, dass Gedanken frei sind, wenn nicht, müsste man mich in eine geschlossene Anstalt einweisen. Dabei fühle ich mich schon lange so, als wäre ich in einer, allerdings runden, Gummizelle eingeschlossen. Ich drehe mich im Kreis und komme keinen Schritt vorwärts.[weiterlesen]

Zuerst mal die unbestreitbaren Fakten, damit ihr wisst, worauf ich hinauswill.

Alter: 56
Größe: 182 cm
Gewicht: 107 kg
Single,
Wohnung: 2 Zi./K/D/B/Balkon, ca. 51m² in Köln Zollstock
Beruf: Kaufmann im Groß- und Außenhandel mit IHK Abschluss
zuletzt ausgeübter Beruf: Außendienstmitarbeiter
seit 01.03.2014 erstmalig nach 37 Berufsjahren arbeitslos
seit 01.06.2015 ALG 2 / Hartz IV Empfänger
laut Gutachter Jobcenter dauerhaft arbeitsunfähig
EM Rentenantrag gestellt
Klage gegen Ablehnung durch die Rentenversicherung eingereicht
Eltern: Mutter (79), Vater (81), wohnen ebenfalls in Köln Zollstock
1 Kind (Sohn, 26), lebt bei seiner Mutter in Köln Dünnwald
1 Schwester (53)
1 Hund seit 09/2013 (Ben, 8 Jahre)
1 Auto (Ford Focus, PKW)

Diagnostizierte Krankheiten:

  • Adipositas
  • Hypertonie
  • Hyperhidrosis
  • Mittelschwere Depressionen / F33.1

Meine Meinung:

Mit diesem Status kann man sich in Deutschland nur noch die Kugel geben. Meine Perspektive im privaten und beruflichen Bereich liegt bei Null. In meinem Alter und mit dem Krankheitsbild, gibt es keine realistische Chance auf einen Beruf bzw. eine Partnerin. Hinzu kommt, dass ich für kein Geld der Welt meinen Hund hergeben würde, was die vielleicht noch in Frage kommenden Jobs dann endgültig ausschließt.

Wer glaubt, ich versinke in Selbstmitleid, der irrt gewaltig. Im Gegenteil, in mir ist nur noch Gleichgültigkeit, es ist mir sowas von egal, was mit mir passiert, dass es mich manchmal selbst erschreckt und weil ich so nie gewesen bin. Ich hatte bis 2009, lasse ich das Mobbing auf meiner letzten Arbeitsstelle mal außer Acht, sogar bis 2014, ein fantastisches Leben, mit allem, was dazugehört.

Heute komme ich mir wie ein Kind vor, dass von seinen Eltern Taschengeld bekommt, davon aber alle Kosten, außer Miete und Heizung, selbst zahlen muss. Von unserem Staat, an den ich in meinen knapp 40 Berufsjahren über 500.000 Euro an Steuern gezahlt habe, bekomme ich meine Miete bezahlt und im Monat 409,-€ zum „Leben“. Davon muss ich aber erstmal alle anderen Fixkosten zahlen, wie Versicherungen, Strom, KFZ- und Hundesteuer, Medikamente, Kontoführungsgebühren, Arztleistungen, die nicht über die gesetzliche Krankenversicherung abgerechnet werden können, die aber immer mehr in Mode kommen. Letzte Woche war ich zur jährlichen Blutuntersuchung bei meiner Hausärztin, die mich fragte, ob ich auch einen PMS Test zur Prostatakrebsvorsorge machen lassen möchte, den ich dann allerdings selbst zahlen müsste.

Der „Rest“ ist dann für Lebensmittel und Getränke für mich und meinen Hund, evtl. anfallende Kleidung, Schuhe, Duschgel, Zahnpasta, usw. usw.

Damit man bei diesem ausschweifenden Leben nicht ganz die Kontrolle verliert, hilft einem das Jobcenter mit einer Tabelle, in der aufgeführt ist, wie viel man für was von den 409,-€ aufbringen sollte.

Jetzt könnte man meinen, dass der Regelsatz ja nur eine Starthilfe ist und man sich, sofern man sich nichts dazuverdienen kann, ja von der Familie, Freunden, etc. helfen lassen kann, aber das ist ein Irrtum. Meine Eltern könnten Millionäre sein, ich dürfte trotzdem nur 50,-€ im Jahr(!!) von ihnen als Geschenk annehmen. Jeder weitere Euro wird als Einkommen(!!) angerechnet und vom Regelsatz abgezogen.

Das ist nur eins von vielen Beispielen für die im Hartz IV eingebauten Schikanen, die meiner Meinung nach nur dazu führen sollen, diese Menschen von der Gesellschaft zu isolieren, bzw. gänzlich auszuschließen.

Soziale Gerechtigkeit sieht für mich jedenfalls anders aus, aber ich rege mich auch darüber nicht mehr auf. Es bringt nichts und um etwas zu ändern, bin ich viel zu klein und unbedeutend.

In den letzten Jahren, verstärkt nach meinem Jobverlust 2014, habe ich mir zunehmend häufiger die Frage gestellt, was das Ganze überhaupt noch für einen Sinn hat? Wo ist meine Perspektive, wo die Lebensfreude, die Lust auf und am Leben, welche Ziele habe ich, oder kann ich mir setzen?

Ganz realistisch gesehen besteht meine Zukunft aus Armut und Alleinsein. Nur mal angenommen, meine EM Rente wird bewilligt und ich gehe dann mit 67, also in ca. 10 Jahren, in die normale Altersrente. Bei dem was ich eingezahlt habe, plus der SPHE Betriebsrente, könnte (müsste) ich mit dem Geld klarkommen, auch wenn noch niemand sagen kann, wo dann die Mietpreise liegen bzw. ob unser Staat überhaupt noch in der Lage ist, Renten zu zahlen.

Meine Eltern sind 79 und 81 und es wäre ein Wunder, wenn sie noch da wären. Ben wird dann ebenfalls nicht mehr bei mir sein, auch wenn ich es mir in beiden Fällen noch so sehr wünschen würde.

Der Kontakt zu meinem Sohn und meiner Schwester beschränkt sich weitestgehend auf Facebook, WhatsApp und ganz seltenen Telefonaten.

Eine Partnerin gibt es nicht und wird es auch so schnell nicht geben, weil ich mir zur Zeit nicht mal vorstellen kann, mich ernsthaft zu verlieben. Das wäre aber Grundvoraussetzung, damit ich mich überhaupt auf eine Frau einlassen würde. Es ist nach wie vor so, dass ich mich sehr gerne mit Frauen unterhalte, mit ihnen Kaffee trinken, spazieren gehen, oder auch mal Essen gehen möchte, aber am liebsten mit Frauen, bei denen ich weiß, dass sie gebunden sind, oder zumindest kein Interesse an mir haben. Sobald ich auch nur den Verdacht habe, dass da mehr Interesse an mir bestehen könnte, ziehe ich mich gleich zurück. Das hat überhaupt nichts mit der Frau selbst zu tun, sondern ich schütze sie damit sogar, weil ich mich keiner Frau in meiner aktuellen Situation und Verfassung zumuten möchte.

Mein reales, soziales Umfeld ist sehr überschaubar – höflich ausgedrückt. Auch das ist kein Vorwurf, oder der Wunsch nach Mitleid. Im Gegenteil, ich habe es mir ja größtenteils so ausgesucht, und das nicht erst seit ich arbeitslos bin. Nur ganz selten gelingt es mir mal, den inneren Schweinehund zu besiegen und mich für irgendetwas aufzuraffen. Zum Glück habe ich ein paar sehr gute Freunde, die das verstehen und mich dann auch nicht bedrängen. Sie wissen, dass es nicht das Geringste mit ihnen selbst zu tun hat.

In meinem Umfeld gibt es einige positive Beispiele, die ich mir auch immer vor Augen führe, im Moment aber nur völlig neidlos bewundern kann, weil mir, wie schon gesagt, die Kraft fehlt, das auch für mich umzusetzen. Zum Glück ist keiner dabei, dessen Leben man mit meinem vergleichen kann.

Ab und zu kommt mal der Satz „ich würde dir gerne helfen“, oder „was kann ich für dich tun“, aber da gibt es wirklich nichts, was ich da sagen könnte. Wenn morgen der FC anruft und mir den freigewordenen Managerposten anbieten würde, ich würde dankend ablehnen, genauso wie ich jedes andere Jobangebot ablehnen würde. Wenn ich einen Job mache, dann nur mit 100% Einsatzkraft. Das Gleiche gilt auch für Frauen, also könnten mich im Moment weder Helene Fischer, noch Jennifer Aniston, oder andere Leckerchen erobern.

Es gibt nur einen Menschen, der mir helfen kann und das bin ich selbst. Ich weiß nur nicht, woher ich die Motivation und die Kraft hernehmen soll.

Einzig die Frage, was ich mir wünschen würde, könnte ich beantworten, aber diese Antwort will niemand hören.

Wenn es nach mir ginge, dann gäbe es eine legale Möglichkeit, sein Leben mit Würde und Anstand zu beenden, auch ohne sterbenskrank zu sein. Kein anderer Mensch auf diesem Planeten hat das Recht, über meinen Seelenfrieden zu entscheiden und ich finde auch, dass man dem Wunsch eines Menschen nicht ablehnen darf, sofern er die öffentliche Sicherheit, oder seine Mitmenschen nicht damit gefährdet.

Warum muss sich ein erwachsener, im Kopf klarer Mensch ein Leben weiter antun, was er nicht (mehr) führen will? Für mich grenzt das an Verletzung der Menschenwürde.

Der eine oder andere wird sich jetzt sicher denken, dass ich Suizidgefährdet bin, aber an dem ist wirklich nicht so. Das würde ich meinen Eltern und auch meinem Ben nicht antun. Außerdem gibt es, so merkwürdig sich das anhört, ein paar Gestalten, denen ich diesen Triumpf nicht gönnen würde.

Wenn jetzt jemand den Kopf schüttelt und mich für noch verrückter hält, als er es bisher eh schon getan hat, dann ist das eben so, damit kann ich leben. Es gibt nur einen Menschen, dem gegenüber ich mich zu verantworten habe und auch der bin ich selbst.

Es ist MEIN Leben und ICH allein entscheide, wie ich damit umgehe.

Ich weiß, diese Geschichte ist ziemlich harter Tobak und vielleicht hätte ich mein Seelenleben gar nicht so öffentlich machen dürfen, aber ich gehöre nicht zu den Menschen, die aus ihrem Herzen eine Mördergrube machen.

PS: bitte spart euch jegliches Mitleid, ich weiß, dass es lieb gemeint ist/wäre, aber es hilft mir überhaupt nicht weiter und ist auch ganz sicher nicht der Grund, warum ich meine Geschichte so deutlich und offen erzählt habe. Vielen Dank !

11 Kommentare zu “Gegenwart

  1. Du weißt das du von mir kein Mitleid bekommst.!! Hilfe kannst du haben wenn ich da bin ,.. du weißt wie ich das meine … und das ich nicht nur rede oder hier was getextet habe.

    • Manni Schmitz

      Danke Flaty, Du gehörst zu den wenigen Freunden, die ich mit dem positiven Beispiel gemeint habe. Ich wünschte, ich hätte auch die “Eier” (gehabt), anstatt kampflos in meinem Loch zu versinken. Meld Dich, wenn Du mal wieder im Land bist, ich spendier Dir nen Kaffee 🙂

  2. Mein lieber Freund Manni,
    mein Leben kann man mit Deinem Vergleichen.
    Auch wenn meins noch wilder war.
    Also ganz anders als ich bin, wie bei Dir wahrscheinlich auch.
    Mich hat es auch noch schlimmer getroffen als Dich.
    Ich habe trotzdem alles als Test des Lebens hingenommen, ich wollte wissen was stärker ist: Das Leben oder ich?
    Im Endeffekt habe ich mich als Sonntagskind durchgesetzt, ohne das ich mich selber wirklich anstrengen mußte.
    Ich habe die Zeiten, ohne das ich Geld für Essen hatte, oder eine Perspektive zu sehen war, ausgehalten.
    HartzIV und so weiter, 1,80 € Job.
    Das eine war schlimme Überwindung, das andere habe ich genossen, endlich mal etwas tun ohne Verantwortung.
    Leider nur 8 Wochen, schon hatte ich mich verraten und schon war der einfache verantwortungslose Job vorbei und wieder war ich voll dabei.
    Heute noch könnte ich Jobs machen und bekommen und so viel Geld wie früher verdienen, aber daran würde ich ganz kaputt gehen.
    Zu gut verstehen kann ich Deine momentane Einstellung zum Leben!
    Geht mir auch nicht anders. Ich kann so gerade eben von meiner Rente leben, Wohnung ist halt zu teuer, mir aber wichtig.
    Trotzdem ist alles langweilig, sinnlos. Mir fehlen die Herausforderungen, aber die kann ich gar nicht mehr schaffen mit meiner Depression.
    Soziale Kontakte sind wichtig, das weis ich. Ich zwinge mich dazu, hab zwar nie Lust dazu, aber merke das sie mir guttun.
    Aber bestimmt nicht mit potentiellen Partnern oder schon Vergebenen, tut mir nicht gut.
    Ich habe angefangen mich freiwillig zu Engagieren, anderen zu helfen, erst zu viel, das war auch nicht gut, jetzt ein bischen, so entstehen neue Kontakte die mir guttun.
    Okay, ist immer noch Hauptsächlich langweilig und sinnlos alles, aber ich habe Abwechslung.
    Kannst mich gerne mal ein paar Tage besuchen, meine Wohnung ist groß genug, wir könnten reden, über jetzt, über früher. Dein Freund Harry

    • Manni Schmitz

      Ach Harry, warum kriegen immer die Leute aufs Maul, die es nicht verdient haben?
      Irgendeinen Sinn muss das Ganze doch haben, auch wenn der sich mir einfach nicht erschließen will.
      Wir halten aber weiter schön den Kopf oben und machen das beste aus unseren Situationen und ich
      drücke uns Beiden die Daumen, dass wir schon bald dafür belohnt werden.
      Auf den Besuch werde ich bei passender Gelegenheit gerne zurückkommen.
      Herzliche Grüße an Dich und Deine Lieben, pass auf Dich auf, mein Freund

      • Ich kann es Dir nicht beantworten ob ich es nicht verdient habe! Die Frage ist für mich was mache ich daraus?
        Der Sinn dahinter? Damit ich ein besserer Menschen werde? Keine Ahnung.
        Ich kann leicht daherquatschen und Ratschläge geben und selber es für mich nicht geregelt zu bekommen. Seit gestern z.B. steht hier ne Kühltasche die ich bei der Tafel abgeholt habe, mit vielen Lebensmitteln und bekomme es wieder nicht geregelt die in den Kühlschrank zu packen.
        Das versteht niemand. Ich verstehe ja meine Krankheit die Depression selber nicht.
        Also erwarte ich es von Anderen schon mal garnicht.
        Ja das Beste daraus machen, das ist es. Die Kleinigkeiten, viele Kleinigkeiten machen auch ein großes Ganzes. Man muß sie nur bemerken.
        Ein Beispiel: Du weist selber wieviel Geld wir in der Branche verdient haben. Hatte ich damals die Zeit das Geld auch für Kleinigkeiten auszugeben? Für schönes für mich? Nein. Es ist nur ein kleines Beispiel: Ich habe mir in der Zeit in der ich HartzIV bekam, mehr Klamotten gekauft als die Jahrzehnte zuvor. Immer Angebote, dreimal runtergesetzt, die Zeit hatte ich ja. Und viel Freude dabei, wieder ein Schnäpchen gemacht zu haben. Also in zwei Jahren nicht mal soviel Geld ausgegeben, wie früher beim Kauf eines Hemdes! Diesen Spaß und diese Freunde und Triumpf hätte ich früher nie gehabt. Ist nur ein Beispiel von vielen.
        Bei Dir würde ich mal vermuten das Dir Ben soviel gibt und Du ihm, wäre das alles so gewesen wenn Du viel Geld und keine Zeit gehabt hättest? Natürlich bleibt alles trotzdem langweilig und sinnlos! Okay, aushalten und hoffen?

  3. Du könntest für 2017 dein Buchprojekt in näheren Augenschein nehmen. Es würde dich soviel kosten wie dein Blog.
    Liebe Grüße
    Renate

    • Manni Schmitz

      Danke schön, liebe Renate. Stimmt, das ist zumindest eine Perspektive. Ich hoffe ja immer noch darauf, dass ich es bald mal schaffe, Dich zu besuchen. Dann können wir alles in Ruhe und persönlich besprechen. Liebe Grüße und einen schönen Sonntag aus dem stürmischen Köln, Manni

  4. 2018 meine ich natürlich …

  5. Lieber Manni, mir fehlen die Worte!!! Ich drücke dich mal ganz feste aus der Ferne!!! 😘

    • Manni Schmitz

      Danke schön, liebe Yvonne, Dein Drückerchen tut gut.
      Das Leben ist leider kein Wunschkonzert, sonst würde
      meins sicher andere Lieder spielen.

  6. Hallo Manni😉
    Einen gaaaaaaanz dicken Knuddler aus der Ferne.💖😉🙋🏼
    Bützje😘

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.