Der Mann, der die Frauen liebte – Teil 2

Als ich im Januar 1983 in meinen alten Beruf als Kaufmann im Groß- und Außenhandel zu Schneider & Söhne zurückkehrte, war ich ein anderer Mensch geworden.

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Die Bundeswehr, incl. der Grundausbildung in Holland, die Kameradschaft, mein Abschiedsflug nach Los Angeles, das Ende meiner ersten großen Liebe und die darauffolgende Beziehung mit Carmen, bei der ich zum Mann und beinahe sogar Vater geworden bin, hatten meiner Entwicklung gutgetan. Ich hatte viel erlebt, viele neue Menschen kennengelernt und vor allen Dingen eine ganze Menge an Selbstvertrauen dazugewonnen.

Dementsprechend gerüstet, startete ich bei Schneider & Söhne voll durch und erarbeitete mir in kürzester Zeit den Posten des stellvertretenden Abteilungsleiters. Zur Arbeit fuhr ich nicht mehr mit der KVB, sondern mit meinem kleinen Opel Kadett, den ich mir während der Zeit bei der Bundeswehr gekauft hatte, jeden Mittwoch und Samstag spielte ich Fußball und am Wochenende ging ich jetzt regelmäßig in meine Stammkneipe.

Das war die Zeit, in der ich auch noch gerne und ausgiebig Karneval gefeiert habe, auch wenn ich dann an diesen Tagen nur körperlich, mit lädierten Stimmbändern, im Büro anwesend war. Von Weiberfastnacht bis Aschermittwoch war ich unterwegs und habe dabei kein Kölsch stehen- und keinen Karnevalsflirt ausgelassen.

Am Karnevalssonntag 1983 war in meiner Stammkneipe nicht viel los. Die meisten leckten ihre Wunden von den Mottopartys der letzten Tage und versuchten irgendwie den Kater zu bekämpfen, der das Einzige war, was sie auf diesen Partys „abgeschleppt“ hatten. Andere kümmerten sich mal wieder um ihre Frauen oder Freundinnen bzw. sammelten Kräfte für den Höhepunkt des Karnevals, den Rosenmontagszug.

Der Karneval war zu dieser Zeit ein riesiges, friedliches, fast schon familiäres Fest, das auch zum größten Teil den echten Kölnerinnen und Kölnern vorbehalten war. Heute kommen Busladungen von Touristen nach Köln, in den Kneipen werden die Ballermann Hits rauf und runter gedudelt und die Preise für Speisen und Getränke schraubten sich in unakzeptable, teilweise astronomische Höhen. So wie später in den Fußball, der Jahrzehntelang der Sport der einfachen Leute war, hielt der Kommerz auch im Karneval seinen Einzug.

Man sagt ja, dass Frauen, nicht nur an Karneval, auf Männer in Uniform stehen. Womit ich nicht gerechnet hatte war, dass das sogar meine olivgrüne Arbeitsmontur miteinschloss. Für mich war die einfach nur praktisch, weil ich meinen ganzen Kram wie Geld, Zigaretten, Feuerzeug, Schlüssel, oder auch mal einen Flachmann bequem in den zahlreichen Taschen verstauen konnte. Frauen haben dafür ihre Handtaschen, aber die müssen ja auch viel mehr mit sich rumschleppen. Nicht auszudenken, wenn sie den vom „bützen“ (küssen) verschmierten Lippenstift nicht mal eben erneuern, oder ein paar Spritzer eines dezenten Parfum nachlegen könnten.

Nachdem schnell klar war, dass an diesem Abend „In der Gaffel“ nicht mehr viel passieren würde, fuhr ich mit meinem Kumpel Georg ins Colon, dem angesagten Bierdorf in der Kölner City, das im Oktober 1982 eröffnet wurde und in dem es neben 17 Kneipen mit verschiedenen Biersorten, auch Imbissbuden, Cafés und eine Diskothek gab. Das Bierdorf hatte sogar eine eigene Währung, den Colon Thaler, mit dem man überall bezahlen konnte. Mittelpunkt, im wahrsten Sinne des Wortes, war der Bierbrunnen, an dem nicht nur Kölsch ausgeschenkt wurde, sondern man auch am schnellsten neue Kontakte knüpfen konnte.

Es dauerte auch nicht lange und Georg und ich hatte zwei süße Mädels aus Brück am Start, die mit uns schunkelten, feierten, tranken und die Karnevalshits sangen. Wir erfuhren dann noch ihr Alter und das sie Schwestern sind. Mehr muss man an Karneval auch gar nicht wissen. Man sagt ja, dass man sich an Karneval nicht verlieben sollte, weil diese Liebe eigentlich mit dem Aschermittwoch ein sehr frühes Verfallsdatum hat, aber je mehr Kölsch ich intus hatte, umso mehr war ich Willens, diese These zu widerlegen. Meine Auserwählte kam auch bereitwillig meinem Wunsch nach ihrer Telefonnummer nach, kritzelte ihren Namen, Jasmin und ein paar Zahlen auf einen Bierdeckel und drückte ihn mir mit einem Lächeln in die Hand.

Gerade an Karneval kann es im Getümmel schnell, manchmal sogar mit Absicht, passieren, dass man sich aus den Augen verliert, aber das war bei uns 4 an diesem Abend nicht so. Irgendwann kam Rosi, so hieß Georgs Flirt, auf mich zu und zog mich in eine ruhige Ecke.

„Gib mir bitte mal den Bierdeckel mit dem Namen und der Telefonnummer meiner Schwester.“

„Warum?“

„Frag nicht, mach jetzt.“

So einer geballten Frauenpower konnte ich da natürlich nicht mehr widerstehen, also kramte ich den Bierdeckel aus meiner Bundeswehrhose hervor, dem ich sogar eine eigene Tasche zugestanden hatte, damit ich ihn bloß nicht verliere.

„Dachte ich mir, pass auf, hau mich jetzt bitte nicht bei meiner Schwester in die Pfanne, aber ich habe das Gefühl, dass Du es ehrlich mit ihr meinst. Ihr Name ist nicht Jasmin, sondern Marina und die Telefonnummer ist natürlich auch falsch.“

Den Rest des Abends ließ ich mir nichts anmerken. Ich wollte die Wahrheit von Marina selbst hören. Würde sie das nicht tun, hätte ich einen Haken drangemacht und die Sache vergessen.

Zu vorgerückter Stunde gingen im Bierdorf die Lichter an und die Musik aus. Das bedeutete, dass man sich jetzt doch so langsam auf den Heimweg machen sollte. Georg schlug vor, zu ihm zu fahren und da weiterzufeiern. Marina war diese Idee nicht ganz geheuer, hatte sie uns doch ein paar Stunden vorher erst kennengelernt, aber ich spielte natürlich mal wieder den Gentleman und beruhigte sie zumindest so weit, dass sie und Rosi mit nach Zollstock fuhren.

Georg wohnte zu der Zeit in einer kleinen Dachgeschosswohnung auf der Vorgebirgstr., nicht weit von meinem Elternhaus entfernt. Kaum dort angekommen, holte er vier Flaschen Kölsch aus dem Kühlschrank und fragte mich im breitesten Kölsch:

„watt es Manni, rauche mer en Wasserpiiiiiiiief“, was ich wohl nicht extra übersetzen muss.

Ich lehnte dankend ab, sehr zur Freude von Marina. Später hat sie mir mal verraten, dass ich in dem Moment bei ihr gewonnen hatte. Sie war 6 Jahre mit einem Typ zusammen, der regelmäßig Haschisch konsumiert hat und daran war die Beziehung auch letztendlich gescheitert. Marina war nicht nur bildhübsch, sondern auch sehr intelligent und wäre unweigerlich mit in diese Szene abgerutscht, wäre sie noch länger mit Walter, so hieß der Typ, zusammengeblieben.

Zum Glück verzichtete Georg dann auf die Wasserpfeife und verzog sich stattdessen mit Rosi in ein anderes Zimmer. Marina und ich blieben im Wohnzimmer und redeten. Genauer gesagt schüttete sie mir ihr Herz aus, eben das sie noch nicht lange von ihrer Jugendliebe getrennt ist und eigentlich überhaupt noch nicht bereit für etwas Neues ist. Ich versprach ihr, sie nicht zu bedrängen, sagte ihr aber auch, dass ich sie, unabhängig vom Endergebnis, sehr gerne besser kennenlernen möchte. Es ist erstaunlich, zu was ein Mann im fortgeschrittenen alkoholisierten Zustand noch fähig ist, wenn das Herz signalisiert „reiß dich zusammen, daraus könnte etwas Großes entstehen“.

„Meinen richtigen Namen und die Telefonnummer brauchst Du ja nicht mehr, die hat Dir Rosi ja schon gesteckt. Ich fand es aber lieb von Dir, dass Du sie nicht verraten ist.“

Nach ungefähr einer halben Stunde kam Georg stocksauer aus dem Schlafzimmer gestürmt. „Datt stellt sich ahn, wie en Jungfrau“. Der Arme war wohl nicht so zum Zuge gekommen, wie er sich das vorgestellt hatte. Mir war das ziemlich egal, ich hätte noch Stundenlang mit Marina zusammensitzen und reden können, aber sie selbst war wohl froh, dass Rosi wieder da war und die 2 jetzt endlich nach Hause fahren konnten.

Ich brachte Marina und Rosi noch zum Taxistand und ging dann selbst nach Hause. Inzwischen war es hell geworden und ich wollte zumindest noch ein paar Stündchen schlafen, bevor ich mit der Gaffel Truppe zum Rosenmontagszug verabredet war. An Schlaf war aber nicht mehr zu denken. Zum einen, weil ich mit meinen Gedanken bei Marina war und mir den Abend bzw. die Nacht nochmal durch den Kopf gehen ließ. Zum anderen aber auch, weil meine Ma schon immer sehr Feierunfreundlich war und überhaupt kein Mitleid mit evtl. alkoholisierten Familienmitgliedern hatte. Sie konnte selbst nicht schlafen, wenn einer von uns drei nicht zu Hause war und dann durfte man natürlich nicht erwarten, dass sie uns unseren Rausch ausschlafen ließ, wenn wir mal etwas „früher“ nach Hause gekommen waren. Da wurde dann auch schon mal das Fenster über meinem Bett aufgerissen, die Küche am frühen Morgen gestaubsaugt, oder es musste unter lautem Geklapper das komplette Küchenschrankinventar, incl. Töpfe und Pfannen, handgespült werden.

Mein Vater und meine Schwester können auch ein Lied davon singen. Wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte es in ganz Köln keine einzige Kneipe gegeben und die Prohibition wäre im Grundgesetz verankert gewesen. In meinem ganzen Leben habe ich meine Ma ein einziges Mal betrunken erlebt, als sie, ausgerechnet an Karneval, in dem kleinen Feinkostladen bei uns auf der Ecke, ein paar Cola Whiskey getrunken hatte. Damit war dann aber auch ihr letztes bisschen Verständnis für Karneval und Alkohol verschwunden und es schüttelt sie bis heute, wenn man ihr nur ein Mon Cherie vor die Nase hält.

Gnädigerweise machte sie mir dann aber doch einen starken Kaffee, als ich meinen Schlafversuch aufgab, genauer gesagt abbrach. Den angebotenen Marmeladentoast habe ich aber dankend abgelehnt, sonst hätte das „abbrechen“ vielleicht noch eine zweite Bedeutung bekommen. Etwas unwirsch wurde sie dann, als sie merkte, dass ich schon wieder losziehen wollte, aber sie wusste auch, dass die Zeiten vorbei waren, in denen sie mir das ausreden konnte.

Irgendwie schaffte ich es zu unserem Treffpunkt gegenüber vom WDR Haus in der Breite Str., wo schon alle in bester Stimmung und Vorfreude auf den Rosenmontagszug waren. Schwächeln wird nicht geduldet, also gleich weiter mit Kölsch und Party und ich wurde mit der Zeit sogar wieder richtig fit. Das dachte ich zumindest so lange, bis mich ein menschliches Bedürfnis überkam und mir meine Blase einen Hochwasserstand signalisierte. Wer schon mal den Rosenmontag in Köln gefeiert hat, der wird wissen, dass es selbst als Mann nicht so einfach ist, ein ruhiges Plätzchen zum Wasserlassen zu finden.

Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute ist so nah? Gleich gegenüber war das Bürogebäude vom WDR und wo viele Leute arbeiten, da gibt es doch auch bestimmt ein stilles Örtchen. Leider war ich nicht der Einzige mit diesem Geistesblitz und vor den Toiletten im Parterre war eine längere Schlange, als beim Vorverkauf am Ticketschalter für die „Lachende Kölner Sporthalle“. Gerade als ich schon aufgeben und weiterziehen wollte, öffnete sich neben mir eine Fahrstuhltür. Wenn hier unten schon alles voll ist, vielleicht ist es ja oben anders. Von meinem Platz beim Rosenmontagszug hatte ich schon gesehen, dass die Fenster in den oberen Etagen alle verschlossen waren, während in den unteren Etagen in jedem Büro Party angesagt war. Also schnell den obersten Knopf gedrückt und los ging die wilde Fahrt. Ich hatte sogar das Glück, dass der Fahrstuhl durchfuhr und niemand in den anderen Etagen zusteigen wollte.

Oben angekommen war alles leer und vor allen Dingen ruhig. Nicht mal die Musikkapellen aus dem Rosenmontagszug waren zu hören. Einen Moment lang fühlte ich mich zwar wie ein Einbrecher auf Beutezug, aber meine Blase erinnerte mich dann ganz schnell wieder an den Grund meines Besuchs im altehrwürdigen WDR. Nach kurzem herumirren fand ich sogar zwei Toiletten in dem Bürotrakt, auf einer der Türen war ein Mann abgebildet, auf der anderen eine Frau im kurzen Rock. Mir war nicht nach Konversation, also entschied ich mich für die Männertoilette. Wir Männer schweigen bei unseren kleinen und großen Geschäften und starren währenddessen bestenfalls an die Decke, oder an die Wand, damit der Nebenmann gleich Bescheid weiß, dass wir nicht gestört werden wollen. Bei Frauen ist das anders, die gehen sogar zu zweit in eine Kabine und tauschen den neuesten Klatsch und Tratsch aus. Nicht auszudenken, wenn ich in meiner Notsituation plötzlich eine Stimme aus der Nachbartoilette gehört hätte, die mich fragt, ob Frl. Schulze aus der Buchhaltung eigentlich weiß, dass der Lehmann vom Lager verheiratet ist und ob ich wüsste, dass der Chef gerade mit der Azubine in seinem Büro verschwunden ist.

Ich betrat die kleine, nicht gerade gemütlich eingerichtete Toilette und setzte mich, meiner guten Erziehung folgend, brav hin. Schon sehr früh hatte ich gemerkt, dass viele Dinge im Leben sehr viel angenehmer werden, wenn man dabei sitzt, oder liegt. Schon als Baby wird man auf eine weiche Decke gelegt, bevor einem die Windel gewechselt wird, später wird man auf ein kleines Töpfchen und danach auf einen, Anfangs oft noch etwas zu großen Sitz auf einer kalten Keramikschüssel gesetzt. Wo wir gerade bei dem Thema sind. Ich habe nie verstanden, wie sich Mütter bzw. Omas so über die sprichwörtliche „Schei..e“ ihrer Kinder und Enkelkinder freuen können. „Ja fein hast du das gemacht … das ist aber ein schönes AA … soll die Mama/Oma dir den Popo abputzen“ Komisch, je älter man wird, umso seltener bekommt man diese Worte zu hören, bis man(n) irgendwann, völlig auf sich allein gestellt, froh ist, wenn man(n) so clever war und sich eine Zeitung auf das stille Örtchen mitgenommen hat, damit man wenigstens ein bisschen Unterhaltung hat.

Egal, zurück zum WDR. Als das kleine Geschäft erledigt war, dachte ich mir, dass ich die Gunst der Stunde nutzen und die großen Dinge doch auch gleich erledigen könnte. Ein Mann ein Wort und schon zehn Minuten später war das Thema durch und die WC Rolle leer. Das Toilettenpapier war 4- lagig, anscheinend brauchten die wirklich von jedem Schei.. einen Durchschlag. Was machen die eigentlich heute, wo alles nur noch mit Copy (kopieren) und Paste (einfügen) geht? Nein, das Thema möchte ich jetzt lieber doch nicht vertiefen.

Die Toilette war gut geheizt, während es draußen doch unangenehm kalt war, der Sitz, inzwischen von mir eingesessen, auch einigermaßen bequem und beides lud mich förmlich zum verweilen ein. Ich rauchte noch eine Zigarette, lehnte mich gegen den Spülkasten, dachte an Marina, die eigentlich auch zu unserem Treffpunkt kommen wollte und … schlief ein.

Keine Ahnung, wie lange ich geschlafen habe, aber als mich der Fahrstuhl wieder nach unten gebracht hatte, war nicht nur die Schlange vor den Toilettenhäuschen weg, sondern auch der Rosenmontagszug mit all meinen Kumpels.

Nach Hause fahren kam nicht in frage, also zog ich alleine los in Richtung Bierdorf Colon, in der Hoffnung dort den einen oder anderen Kumpel und vielleicht sogar Marina zu treffen. Auf dem Weg dorthin kam ich an einer Telefonzelle vorbei, in die sich zwei, doch schon in die Jahre gekommenen und nicht gerade zierlich gebauten, kölschen Mädchen gequetscht hatten. Während die eine lautstark telefonierte, wurde das Gesicht der anderen immer wieder gegen die Scheibe gedrückt, was wiederum herrliche Grimassen mit sich zog. Ich wollte mir gerade eine Zigarette anzünden, als sich die Tür der Telefonzelle öffnete und das Grimassengesicht mich lallend aufforderte: „kumm ens her Schatzemann, ich will ming Kanevalsbützje vun dir“. Der Aufforderung nach einem Bützje (kölsch für Kuss), kann man sich, gerade an Karneval, nur sehr schwer entziehen. Nicht nur, weil das reichlich konsumierte Kölsch etwaige Skrupel, Hemmungen und manchmal sogar den evtl. noch vorhandenen Ekel beseitigt, sondern weil es ja irgendwo auch ein Kompliment ist, wenn eine wildfremde Frau einen Kuss haben möchte. Je besser die Frau aussieht, umso schöner ist dann auch das Bützje, aber das versteht sich von selbst. Bei nicht ganz so hübschen Frauen macht man(n) einfach die Augen zu und denkt an Samantha Fox, Meg Ryan, oder die Dame seines Herzens.

Die Dame aus der Telefonzelle gehörte zweifellos in die zweite Kategorie, zumal ich jetzt, wo ich mich ihrem Gesicht näherte, auch eine Mischung aus Kölsch, Apfelkorn und Nikotin wahrnehmen konnte. Sie grinste nur ziemlich debil, öffnete den Mund und im nächsten Moment spürte ich ihre Zunge an meinem Gaumen. Na Klasse, das würde meinen Kaugummi- und Odolumsatz in den nächsten Tagen sicher um einiges vervielfachen, aber egal. Man(n) ist nur einmal jung und dem alten Mädchen hatte ich eine Freude gemacht, ist doch auch was, oder?

Das Colon war schon wieder brechend voll und ich konnte froh sein, dass der Türsteher mich überhaupt noch reingelassen hatte. Drinnen versuchte ich erstmal mir einen Überblick zu verschaffen und hielt Ausschau nach den Gaffel Kumpel und meiner Marina, beides leider  ohne Erfolg. Also holte ich mir ein Kölsch und drehte eine Runde nach der anderen durch das Bierdorf. Ich weiß nicht, ob der Rundenrekord dort jemals gemessen wurde, wenn ja, dürfte ich gute Chancen auf eine Medaille haben.

Irgendwann bemerkte ich ein Mädel, dass am Fenster einer der 17 Kneipen saß und mich jedes mal anlächelte, wenn ich an ihr vorbeikam. Das war jetzt für mich nicht so ungewöhnlich. Mir hatten schon viele Frauen gesagt, dass sie lächeln mussten, als sie mich das erste Mal gesehen haben.

Ich drehte weiter unbeirrt meine Runden. Das Kölschglas in meiner Hand war längst leer. Ich hatte mir nicht mal die Zeit genommen, mir ein frisches Kölsch zu holen. Als ich das nächste Mal an der Kneipe vorbeikam, streckte sie ihren Arm durch das Fenster und hielt mir ein großes, frisch gezapftes Pils entgegen. „Mach mal Pause, oder bist Du im Training?“. Ich lachte, sie lachte und schon war das Eis gebrochen. Ich setzte mich zu ihr und wir kamen ins Gespräch. Sie stellte sich mir als die Freiherrin von und zu P. vor. Da konnte ich natürlich nicht zurückstehen. „Ich bin der Manni Schmitz aus Zollstock und entstamme ebenfalls einer adeligen Familie. Mein Vater ist ein *auf und davon*“.

Ehrlich gesagt habe ich im ersten Moment gedacht, sie will mich auf die Rolle nehmen, aber viele Jahre später, zu Zeiten des Internet, habe ich ihren Namen mal gegoogelt und bin tatsächlich fündig geworden.

Wir tranken noch ein paar Pils zusammen, ich erzählte ihr von Marina, meinem Nickerchen beim WDR, den verloren gegangenen Kumpel und irgendwann lagen wir uns in den Armen und knutschten wild miteinander rum, bis … Genau, bis das Licht im Bierdorf wieder angemacht wurde und die Musik verstummte. Eigentlich wollte ich den Abend früh beenden, auch weil ich am nächsten Tag um 8 Uhr im Büro sitzen musste. Ich brachte meine Freiherrin zum Taxistand, verabschiedete mich von ihr, ohne Austausch der Telefonnummern, stieg in das nächste Taxi und fuhr, immer wieder einnickend, nach Hause.

Wer feiern kann, der kann auch arbeiten, das war zumindest der Spruch von meinem Abteilungsleiter, als er meine Überreste am Schreibtisch sitzen sah. Mein Schädel brummte, die Stimmbänder hatten verzweifelt mein letztes bisschen Gehirn gebeten, meinen Händen das Abheben des Telefonhörers zu verbieten, jede Zigarette schmeckte wie die Olle aus der Telefonzelle und der Kaffee wirkte auch nicht gerade belebend. Sogar die Firmenuhr hatte sich gegen mich verschworen, oder schien rückwärts zu laufen. Der Tag wollte einfach nicht enden.

Zu allem Überfluss klingelte gegen Mittag das Telefon und eine gute Freundin erzählte mir, sich vor Begeisterung fast überschlagend, dass sie noch ein Ticket für die Lachende Kölner Sporthalle am Abend für mich hätte. Ich konnte mich so gerade noch zurückhalten vor Freude. Auch das noch, aber wie sagten schon die alten Indianer? Was uns nicht tötet, macht uns nur härter.

Also nach Feierabend gleich nach Hause, ein bisschen was essen, duschen und umziehen für die nächste Party. Alle Kostüme waren in der Wäsche und mir blieb gar nichts anderes übrig, als die kurze Lederhose anzuziehen, die meine Ma über all die Jahre verwahrt hatte. Sie war zwar an den Oberschenkeln etwas eng geworden, aber ansonsten passte sie ausgezeichnet. Dazu ein rot-weiß kariertes Hemd von meinem Vater, rote Kniestrümpfe und fertig war der kölsche Bayer.

Die Lachende Kölner Sporthalle war ein Highlight in jeder Karnevalssession. Schon drei Tage vor Beginn des Vorverkaufs, campierten Leute an den Verkaufsstellen, nur um ja ein paar der begehrten Tickets zu ergattern. Ebay, Eventim und Co gab es damals noch nicht und selbst vor der Sporthalle hatte man so gut wie keine Chance noch ein Ticket zu kriegen. Drinnen tobten ca. 10.000 Jecke und auf der Bühne sah man alles, was im Kölner Karneval Rang und Namen hatte. Willy Millowitsch, die Bläck Fööss noch mit Tommy Engel, die Höhner mit Frontmann Peter Horn, die Doof Nuss, jeder wollte dabei sein. Das Beste jedoch war, dass man sich damals noch selbst versorgen konnte. Kölsch Fässer in alle Größen, Schnapsflaschen, Cola, Limo und Wasser wurden teilweise in kleinen Bollerwagen in die Halle gekarrt, dazu Tablettweise Frikadellen, Koteletts, Schnitzel und ganze Heerscharen von mit Salzstangen und Zwiebeln garnierten Mettigeln.

Ich hatte mir auf die Schnelle einen Sixpack Dosenbier und zwei Frikadellen besorgt und fuhr, so jämmerlich versorgt, mit Martina und ihren Eltern zur Sporthalle. Am Ende der Veranstaltung war ich stockbesoffen und vollgefre…., ich meine natürlich satt. Von überall bekam man Kölsch, Schnäpse und alle möglichen Fressalien gereicht. Wahrscheinlich haben meine lieben Kölner Freunde gedacht, dass sie dem Bayern doch mal zeigen müssen, wie man zünftig Karneval feiert.

Auf der einen Seite war ich froh, dass Karneval jetzt endlich vorbei war, auf der anderen Seite aber auch traurig, eben weil es so viel Spaß gemacht hatte. Von Weiberfastnacht Donnerstag bis zum frühen Aschermittwoch morgen war ich fast Non Stop unterwegs, hatte viel von meiner sauer verdienten Kohle verfeiert, vielleicht ein paar Lebensjahre durch den ausschweifenden Genuss von Alkohol und Nikotin verloren, aber all das war mir egal.

In einem alten Karneval Evergreen heißt es zwar „am Aschermittwoch ist alles vorbei“ und die Kölner holen sich reuig in der Kirche ihr Aschenkreuz, um anschließend, bei einem Fischessen, für 40 Tage allen Versuchungen abzuschwören, aber manchmal gibt es auch noch ein Happy End, mit dem niemand gerechnet hat.

~~ wird fortgesetzt ~~

9 Kommentare zu “Der Mann, der die Frauen liebte – Teil 2

  1. Klasse beschrieben. Jetzt weis ich endlich wie Karnewald geht ! Wann kommt das Happy End ?

    • Manni Schmitz

      Lieber Harry, ich korrigiere Dich ja nur äußerst ungern, aber es heißt KARNEVAL 🙂
      Den Karneval von damals gibt es heute leider nicht mehr. Das ist heute eine reine
      Touristen- und Kommerzveranstaltung. Deshalb bleibe ich seit über 20 Jahren auch
      schon zu Hause. Liebe Grüße nach Hessen 🙂

      • Lieber Manni, lach, Du kennst mich doch, als nicht Karnevalist bleibt das für mich Karnewald! Liebe Grüße zurück an die fröhlichsten Menschen in Deutschland.

  2. Ich könnte mich wegschmeißen beim Lesen🤣🤣
    Manni, Du bist der Hammer. Diese Episode ist besser und unterhaltsamer als jede Comedy im Fernsehen.
    Bin sehr gespannt auf die Fortsetzung.
    LG
    Andrea

    • Manni Schmitz

      Danke schön, liebe Andrea, Du hast es tatsächlich geschafft, dass ich rot geworden bin 😉
      Schade, dass Du jetzt erst merkst, was für ein Hammer Typ ich bin *lach*
      Liebe Grüße an euch 2 und einen schönen Abend 🙂

  3. Wieder sehr geil geschrieben!
    Wie sagen wir immer: Alles hat seine Zeit und alles hat seinen Sinn!
    Vielleicht musstest Du durch dieses düstere Tal der Tränen in Deinem Job gehen, um Dein wahres Talent zu entdecken! Mach was draus 👍

    • Manni Schmitz

      Liebe Heike, auf dieses Tal hätte ich gerne verzichtet und mir meine Geschichten für die Zeit nach meiner Pensionierung aufgehoben. Liebe Grüße und vielen Dank für die schönen Worte.

  4. Karin aus Zollstock 😉

    Huhu Manni😚
    Es ist immer wieder ein Vergnügen deine Geschichten zu lesen….herrlich!
    Ich könnte immer weiter lesen,bitte weiter so.👍🏼
    Ich warte auf die Fortsetzung😛
    Knuddler und Bützje 😘

  5. Manni Schmitz

    Huhu mein Lieblings Karinchen 🙂 wie bei Andrea, freue ich mich auch in Dir so eine treue Leserin gefunden zu haben. Das motiviert zum weiterschreiben 🙂 Knuddel und Bützje retour :-*

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