Das Ende eines Traums – Teil 5 – das Jahr 2010

Den Jahreswechsel 2009/10 habe ich ganz bewusst alleine verbracht. Nach diesem turbulenten Jahr war mir nicht nach Party und Remmidemmi. Außerdem wollte ich ausgeruht und fit ins neue Jahr starten und hatte auch noch immer mit den Nachwirkungen einer Erkältung zu kämpfen, wegen der ich auch die Einladung zu meiner ersten Tagung, mit anschließender Weihnachtsfeier bei EuroVideo absagen musste. Nach der Weihnachtsfeier 2010 habe ich mir gewünscht, ich hätte auch die absagen dürfen, aber dazu später mehr.

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Meine erste Tagung, auf der ich dann auch endlich meine neuen Außendienstkollegen kennenlernte, war dann im Februar 2010 und auch bei denen war es wie beim Innendienst. Da war keine Einigkeit, keine Kollegialität, im Gegenteil, die zogen teilweise offen übereinander her und in den Pausen bekam ich von jedem einen, natürlich gut gemeinten und streng vertraulichen, Tipp, bei wem ich vorsichtig sein muss.

Als ich nach der Mittagspause zurück in den Tagungsraum kam, meinte Kai R. jetzt auch mal einen Spruch über mich machen zu müssen.

„Manni, bist du wirklich so eitel, oder warum färbst du dir in deinem Alter die Haare. Sind das eigentlich Extensions?“

Außer Jürgen O. lachte niemand von den vielleicht 15 Leuten im Tagungsraum, ansonsten war da eine fast schon gespenstische Stille. Ich habe ihm ein mitleidiges Lächeln geschenkt, mich auf meinen Platz gesetzt und so getan, als hätte ich den Spruch nicht gehört, oder wollte ihm und seinem einzigen Mitlacher diesen kleinen Erfolg gönnen. Einige Kollegen verdrehten die Augen, andere nickten mir anerkennend zu. Anscheinend hatte ich genau die richtig Reaktion gezeigt, nämlich gar keine.

Es ist zwar überflüssig zu erwähnen, dass ich mir in meinem ganzen Leben noch nie die Haare gefärbt habe. Die guten Gene habe ich von meinem Vater. Er ist 81, geht immer noch alle 4 Wochen zum Friseur und auch wenn das Grau inzwischen die Oberhand gewonnen hat, kann man sein dunkles Grundhaar immer noch gut sehen.

„Lieber Gott, wo bin ich da nur gelandet?“
„Gräme Dich nicht, mein Sohn, es könnte schlimmer kommen“
Und siehe da, es kam schlimmer.

Nach dem Abendessen im Hotel Restaurant, trafen sich die Raucher auf die eine oder andere Verdauungszigarette vor der Tür. Mit dabei auch Jürgen O. und Kai R. Mitten im kleinen Smalltalk ging plötzlich ein Gewitter los – dachte ich zumindest, aber es war keineswegs Thor, der Donnergott, der ein zorniges Grummeln in diesen Sauhaufen schickte, sondern die Flatuenzen meiner Kollegen, die sie Geräuschvoll und zum Teil auch sehr Geruchsstark zum Besten gaben. Einer nach dem anderen, incl. Jürgen und Kai natürlich, wie bei einem kleinen Blaskonzert. Es dauerte nicht lange und es stank bestialisch vor dem Restaurant. Am meisten wunderte mich aber, dass keiner der Kollegen darauf reagierte, es war, als wäre das ein eingefahrenes Ritual und genau das war es auch. Egal ob Weihnachtsfeier, Tagungsessen, oder einfach nur bei der Zigarettenpause auf der Rampe, es wurde gefurzt, was die Arschlöcher der Arschlöcher durchließen. Ich habe mir aber auch dabei nur meinen Teil gedacht, nie etwas gesagt, sondern mich meistens nur rumgedreht und woanders hingestellt.

Die Monate vergingen, die Sprüche von Jürgen O. blieben. Egal, ob am Telefon, per Mail, oder auf den Tagungen, er hatte an allem etwas auszusetzen. Mich juckte das zwar nicht sonderlich, dafür machte mir die Branche und die Kundengespräche zu viel Spaß, aber mit der Zeit hörte ich doch so ganz leise die Alarmglocken läuten.

Ende September erfuhr ich von ein paar Kunden, dass Detlef M. bei Warner Home entlassen worden war. Detlef war der Vorgänger von Petra H. bei EuroVideo und es dauerte nicht lange, da hieß es, er hätte mit Jürgen O. Kontakt aufgenommen.

Im November wollte sich Jürgen dann plötzlich mit mir treffen. Er wäre zufällig in Köln und müsste mit mir reden. Wir trafen uns in einem Restaurant am Kölner Alter Markt und plauderten erst belangloses Zeug, bis er zum Punkt kam.

„Ich habe mir deine Zahlen angesehen und bin damit nicht zufrieden. Deshalb werden wir uns zum Ende des Jahres wieder von Dir trennen. Du hast jetzt zwei Möglichkeiten. Entweder bist Du damit einverstanden, dann zahle ich Dir noch ein paar „Mücken“ Abfindung, oder Du machst wieder* einen auf Prozesshansel und wir haben noch 3 böse Monate miteinander“.

*Der Prozess mit SPHE war der erste und hoffentlich auch einzige Arbeitsprozess, den ich jemals führen musste.

Mich beeindruckte sein Statement nicht im geringsten, weil er als Vorgesetzter und Mensch jeglichen Kredit und vor allen Dingen jeglichen Respekt längst verloren hatte. Es dauert lange, bis ich einen Menschen wirklich verachte, keinem vor ihm war dies schneller gelungen. Deshalb blieb ich auch, zumindest äußerlich, ganz entspannt. Innerlich ballte ich die Faust und hätte ihn am liebsten kreuz und quer durch die Altstadt geprügelt und anschließend im Rhein versenkt.

„Da brauche ich nicht lange zu überlegen, die Kündigung ist vollkommen unberechtigt und deshalb werde ich auch dagegen vorgehen. In meinem Arbeitsvertrag steht, dass ich ab 2011 an meinen Zahlen gemessen werde und noch haben wir 2010. Zumindest weiß ich jetzt aber, dass an dem Gerücht doch was dran ist und du Detlef M. zur EuroVideo zurückholen willst“.

„Woher weißt Du das“, stammelte er nur.

„Uninteressant, es reicht, dass ich es weiß. Ich werde morgen mit Herrn R. (dem Geschäftsführer) sprechen und mir anhören, wie er die Sache sieht“.

Sofort lenkte er ein und wollte eine Diskussion anzetteln, auf die ich mich aber nicht eingelassen habe, sondern den Abend mit einem „ich fahre jetzt nach Hause“ beendete.

Vor der Tür des Restaurants gab er mir die Hand und versprach mir, dass er sich am nächsten Tag nicht mit Detlef M. am Flughafen treffen, sich meine Zahlen nochmal genauer ansehen würde und vielleicht wäre ich ja auch nur mit 2 Anbietern (EuroVideo und Concorde) überlastet und man könnte das in Zukunft splitten.

Dazu muss man wissen, dass EuroVideo immer zwischen 15 und mehr Neuheiten im Monat hatte, Concorde aber nur 3 bis 4. Seine Aussage war also Schwachsinn bzw. eine billige Hinhaltetaktik und so habe ich sie auch gleich betrachtet. Ganz davon abgesehen, hätten die Kunden dieses Spielchen auch nicht mitgemacht.

Wieviel sein Wort wert ist, erfuhr ich ca. 2 Wochen später in einem Telefonat mit Detlef O., meinem potenziellen Nachfolger. Natürlich hatte sich Jürgen doch mit ihm getroffen und sogar fast die gleichen Worte verwendet, wie 1 Jahr zuvor im Gespräch mit mir.

„Zu 99% hast du den Job, ich muss nur noch sehen, wie ich den Manni loswerde“.

Im Gegensatz zu mir hatte er Detlef sogar schon den Arbeitsvertrag zugeschickt, den der ihm so schnell wie möglich unterschrieben zurückschicken sollte. Es hätte mich nicht gewundert, wenn er ihn gleich auch noch zur Weihnachtsfeier im Dezember eingeladen hätte.

Detlef hat den Arbeitsvertrag wohl nur deshalb nicht unterschrieben, weil er noch eine andere Option offen hatte, die er schließlich auch, nachdem ihm das Theater mit EuroVideo zuviel wurde, angenommen hat.

Am Tag nach dem Treffen mit Jürgen schrieb ich eine lange Mail an Herrn R., in der ich ihm das Gespräch mit Jürgen O. schilderte und gleich dazu schrieb, dass ich gegen diese Kündigung gerichtlich vorgehen werde. Mir tat Herr R. in dem Moment leid, aber ich hatte gar keine andere Wahl. Er antwortete mir nur kurz, dass ich mir keine Sorgen machen muss und wir die Angelegenheit in einem persönlichen Gespräch auf der nächsten Tagung klären werden.

Diese Tagung war dann gleichzeitig wieder mit der Weihnachtsfeier und diesmal auch mit der Übernahme der neuen Firmenwagen verbunden. Das heißt, ich musste bereits einen Tag vorher mit dem alten Firmenwagen anreisen und insgesamt also 3 mal in Ismaning übernachten.

Von der ersten Tagung an hatte ich Kai R., der die Organisation der Meetings und die Zimmerbuchungen in einem kleinen, aber sehr gemütlichen Hotel übernahm, darum gebeten mir ein Raucherzimmer reservieren zu lassen. Er hat dieser Bitte nie entsprochen und ich habe mich dann irgendwann selbst als Raucher im Hotelregister eintragen lassen. Das war genauso eine Schikane, wie all die anderen Dinge, mit denen er und Jürgen mir den Spaß am Job nehmen wollten, aber noch sollte ihnen das nicht gelingen.

Das Gespräch mit Herrn R. hatte ich gleich am Tag meiner Anreise und diesmal war ich es, der ihm einige interessante Neuigkeiten über EuroVideo und Concorde erzählen konnte. Ich ließ nichts aus, berichtete ihm von all den großen und kleinen Problemen, die ich von Anfang an mit Jürgen hatte, incl. seines Verstoßes gegen die Verschwiegenheitspflicht, die mich über 50% meiner Abfindung von SPHE gekostet hatten, aber natürlich auch von meinem Treffen mit ihm in Köln. Was hatte ich auch schon groß zu verlieren? Jürgen O. und sein La_Kai arbeiteten an meinem Rauswurf, das war nicht nur mir inzwischen klar und ich wollte zumindest meine Haut so teuer wie möglich verkaufen.

Als ich fertig war, schaute Herr Raum mich lange an. Es war eine Mischung aus Staunen und Entschuldigung für das, was Jürgen (und Kai) mit mir gemacht hatten.

„Ich weiß, welch schwieriger Charakter der Herr O. ist, ihre Kollegen aus dem Außen- und Innendienst haben mir schon mehrfach davon berichtet. Es ist gut, dass sie mir das alles so ausführlich erzählt haben, ich werde gleich nächste Woche auch mit ihm ein Gespräch führen. Er hat nicht die Kompetenz sie zu entlassen und erst recht nicht, ihnen ein Abfindungsangebot zu machen.
Bitte seien sie versichert, dass Herr (Detlef) M. nicht bei uns anfangen wird. Der Herr O., sie und ich werden uns Ende März zusammensetzen, ihre Zahlen ansehen und dann gemeinsam überlegen, wie es weitergeht“.

Um es vorwegzunehmen, es hat dieses Gespräch nie gegeben, die Kündigung war nie mehr ein Thema und Detlef M. unterschrieb noch vor Weihnachten bei einem anderen Anbieter.

„Ich bitte sie aber desweiteren um Verständnis, dass ich nicht mehr für sie tun kann, weil ich in 2 Jahren in den Ruhestand gehe und mich einer gerichtlichen Konfrontation zwischen der EuroVideo und Herrn O. nicht mehr aussetzen möchte. Er ist jetzt seit 10 Jahren im Unternehmen, sie seit einem Jahr, da brauche ich ihnen nicht zu sagen, wie das ausgehen würde“.

Ich glaubte diesem Mann jedes Wort, bedankte mich für seine offenen und ehrlichen Worte und verließ sein Büro gleich Richtung Parkplatz, um ins Hotel zu fahren. Weder Jürgen O., noch seinem La_Kai wollte ich nach diesem Gespräch gleich begegnen.

Den Anfang der Tagung machte Jürgen O. am nächsten Morgen, Herr R. war noch nicht anwesend.

„Ich präsentiere euch erstmal die Jahresübersicht der einzelnen Gebiete für das Jahr 2010“. Eine Exceltabelle erschien auf der großen Leinwand im Tagungsraum und zeigte die Umsatzzahlen aus jedem Verkaufsgebiet. In dieser Tabelle war ich Drittletzter von neuen Außendienstlern.

„Über die letzten 3 brauchen wir uns nicht zu unterhalten, das sind eh immer die selben, die werden nie aus dem Quark kommen und sollten sich überlegen, ob sie wirklich noch für den Job geeignet sind.“

Weder ich, noch die zwei hinter mir rangierenden Kollegen sagten etwas, weil wir eh keine Chance gehabt hätten. Die Tabelle belegte nun mal eindeutig, dass wir einen schlechten Job gemacht hatten und Zahlen lügen nicht – oder vielleicht doch?

Am 2. Tag eröffnete Herr R. die Tagung. Diesmal war Jürgen O. noch nicht da.

„Meine Herren, Herr O. hat ihnen ja gestern bereits den Jahresvergleich 2010 präsentiert, ich zeige ihnen dann jetzt die richtigen Ergebnisse.“

Wieder erschien eine Exceltabelle auf der Leinwand und wieder war ich Dritter, nur, oh Wunder, diesmal von oben. Herr R. ließ die Zahlen erstmal einen Moment wirken und sagte dann jedem von uns ein paar Worte dazu. Es waren zwar auch diesmal wieder sehr offene, ehrliche und teilweise auch harte Worte, aber im Gegensatz zu denen von Jürgen O. waren sie nie verletzend oder gar hämisch, sondern viel mehr aufbauend und motivierend.

Der Rest der Tagung verlief wie immer und auch die Weihnachtsfeier war eine 1:1 Wiederholung aus dem Vorjahr, gleiches Restaurant, gleicher Caterer und natürlich das gleiche „Blaskonzert“ wie immer.

Same procedure as every year.

Ich habe auf jeglichen Alkohol auf der Weihnachtsfeier verzichtet und bin stattdessen schon morgens um 4 Uhr wieder Richtung Köln gefahren.

Es konnte nur besser werden, aber leider kam es noch schlimmer.

2011 erscheint in Kürze.

10 Kommentare zu “Das Ende eines Traums – Teil 5 – das Jahr 2010

  1. Erschreckend und spannend, schlimme Zeit für Dich. Ich warte auf die Fortsetzung. Nicht aufhören zu schreiben, bitte. Das ausgerechnet Dir Sonnenscheinmensch sowas passieren muß. Wenn Du früher dabei, oder in Nähe warst, war nur Spaß und gute Laune angesagt. Ich habe mich immer gefreut wenn ich Dich getroffen habe. Gruß Harry

    • Manni Schmitz

      Du sagst es, lieber Harry. Früher hatte ich auch noch die Leichtigkeit, die mir heute (fast) komplett abhanden gekommen ist. In unserer Truppe hat das unheimlich viel Spaß gemacht und wir haben alle für gute Laune gesorgt. An ein Trauertreffen kann ich mich jedenfalls nicht erinnern und wenn doch mal einer nicht gut drauf war, haben ihn die anderen schnell wieder aufgebaut. Liebe Grüße 🙂

  2. Bernd W. Schulte

    Manni toll, freue mich Teil 6,7 etc. Aber schreibe doch die Klarnamen, die sind doch alle schon im Altersheim oder verstorben. Ich habe kein verständnis für die Vorgehensweise deiner ” OBEREN” beie EUROVIDIO! Bei meiner CIC, aber auch bei der FOX und WARNER wäre das unvorstellbar
    gewesen.
    Kopf hoch, mach weiter.
    Dein Bernd

    • Manni Schmitz

      Danke schön, lieber Bernd. Du irrst Dich leider, die Hauptakteure der letzten Geschichte(n) leben alle noch und sind auch noch beruflich aktiv. Du hast vollkommen Recht, so etwas wäre bei CIC, FOX, Warner, oder “meiner” Sony, niemals passiert. Große Firmen sind vielleicht härter im Umgang mit den eigenen Leute, aber auch fairer. Malisa konnte auch sehr deutlich werden, war aber dabei nie unfair, oder gar unter der Gürtellinie. Liebe Grüße 🙂

  3. Hallo Manni
    Werde nie verstehen,warum manche Menschen so sind….wie sie sind?!
    Einfach nur schrecklich!!
    Du bist so ein liebes Menschenkind,
    hast das Herz am rechten Fleck
    und man kann
    so viel lachen mit dir.😀😉
    Freue mich auf die nächste Geschichte.👍🏼
    Drück dich….bleib wie DU bist!😘💖

    • Manni Schmitz

      Ach, mein Karinchen, es tut so unglaublich gut, so einen lieben Kommentar zu lesen, ich danke Dir von Herzen dafür. Versprochen, ich bleibe wie ich bin 🙂

  4. Keine Klarnamen! Auch Angehörige können klagen …

    • Manni Schmitz

      Danke für den Tipp, liebe Renate. Ich schreibe bisher immer nur den Vornamen und den ersten Buchstaben vom Nachnamen. Soll(te) ich die Firmennamen auch abkürzen bzw. nicht vollständig ausschreiben?

  5. Ich würde die Firmennamen definitiv auch abkürzen! Kannst Du das nachträglich noch ändern?

  6. Manni Schmitz

    Danke Heike, ich werde die Geschichten bei Gelegenheit nochmal überarbeiten.

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