Das Ende eines Traums – Teil 4

Gleich innen, neben der gläsernen Eingangstür, war ein uralter, großer Glaskasten angebracht, der ziemlich lieblos mit ein paar Postern von alten und zukünftigen Veröffentlichungen dekoriert war. Mir fiel gleich auf, dass nur sehr wenige Titel von EuroVideo aushingen. Entweder waren es Concorde Filme, oder von ProKino, einem weiteren Label, für das man die Vertriebsrechte besaß.

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Das Großraumbüro, am Ende eines kurzen Gangs, an dem sich links und rechts einige kleinere Büros befanden, hatte auch schon bessere Zeiten erlebt. Ein paar Schreibtische standen kreuz und quer im Raum und mittendrin eine große Iron Man Figur.

An einem der Schreibtische saß Oliver R., der erste Kollege, den ich bei EuroVideo an diesem Tag kennenlernen sollte. Oli wurde später mein Sachbearbeiter, das heißt, er war für Kundenanrufe zuständig, für das Erfassen meiner Aufträge, die ich ihm täglich zufaxte und für die Abwicklung/Erstellung von Reklamationen, Retouren, Gutschriften, etc. Es ist absolut üblich, dass jeder Außendienstler einen Sachbearbeiter im Innendienst hat und in meiner Zeit bei SPHE hatte ich mich immer darum bemüht, gerade zu diesen Leuten einen guten Kontakt zu halten. Eine Hand wäscht bekanntlich die andere, bei Oli blieb meine leider später sehr oft schmutzig, aber dazu werde ich an anderer Stelle noch etwas schreiben.

Nach und nach trafen immer mehr meiner neuen Kolleginnen und Kollegen ein und mir fiel auf, dass eigentlich keiner von ihnen genau wusste, wer ich bin und warum ich überhaupt da bin.

Der Innendienst, auch Customer Service, also Kunden Service genannt, bestand aus Oliver R., Erika B., Damir M. und Sabine P.; Innendienstleiter war Kai R., wie ich später erfahren habe, eine Art „Ziehsohn“ von Jürgen O. und im wirklichen Leben der Sohn einer ehemaligen Größe aus dem Videothekenbereich.

So gegen 9:30 Uhr kam Jürgen O., der Vertriebsleiter, mit dem ich das Gespräch in Köln geführt und der mich daraufhin eingestellt hatte.

Eigentlich ist jedes Wort über diesen Mann zuviel. Ich komme aber leider nicht umhin, über den Mann zu schreiben, der mich, mit den unterirdischsten Mitteln, teilweise weit unter der Gürtellinie, endgültig in die Depression getrieben hat.

Nachdem mir meine Anwältin am Telefon gesagt hatte, dass SPHE dem Urteil des Arbeitsgerichts widersprochen hat, habe ich lange mit ihr diskutiert, wie es weitergehen kann. Eines meiner Argumente war dabei, dass ich bei Jürgen O. im Wort stehen würde, dass ich am 01.12. bei EuroVideo anfange. Ich dachte an die Kollegin, Petra H., die er für mich geopfert hatte, damit die Position überhaupt frei wird, an meine Kolleginnen und Kollegen, die auch von der Umstrukturierung betroffen waren, aber vergeblich bzw. teilweise ohne Unterstützung durch einen Anwalt, um ihre Wiedereinstellung gekämpft hatten. Sogar an Gertrude K.d.D., die SPHE Betriebsratsvorsitzende, habe ich ein paar Gedanken verschwendet. Wie hätte ich ihr gegenübertreten sollen? Ich hasse Scheinheiligkeit, das heißt, ich hätte ihr deutlich gezeigt, was ich von ihr halte und allein das hätte gleich wieder zu neuen Spannungen geführt.

Also habe ich in den sauren Apfel gebissen, die Abfindung laut Sozialplan angenommen und damit auf sehr, sehr viel Geld verzichtet. Es war, zumindest in meinem Berufsleben, der größte Fehler meines Lebens.

Im Frühjahr 2011 wurden Reinhard L. und Thomas L. fristlos von SPHE entlassen. Es war schon zu meiner Zeit ein offenes Geheimnis, dass Thomas mehr als einmal krumme Dinger gedreht hatte.

Von der „Dame“ auf der „Casino Royale“ Party habe ich ja bereits erzählt. Die war aus dem Partybudget bezahlt worden und nicht etwa aus eigener Tasche. Darüber hinaus hatte er sich, auf Kosten von SPHE auch mit Elektronikartikeln aus den Saturn und Media Märkten versorgt und, das kann ich aber nicht sicher behaupten, sollen er, als auch Reinhard L., sehr gut laufende Ebay Shops gehabt haben, über die sie die Filme verkauften, die sie sich vorher als Muster in München bestellt hatten.

Im Nachhinein kann natürlich niemand sicher sagen, wie es ausgegangen wäre, wenn ich zu SPHE zurückgegangen wäre und ich möchte mich auch nicht an irgendwelchen Spekulationen beteiligen. Alles im Leben hat einen Sinn, auch wenn wir ihn nicht immer gleich erkennen. Vielleicht war es einfach nur die Strafe für meine Fehler in der Vergangenheit. Man sagt ja, dass sich alles irgendwann mal ausgleicht und dann jeder das bekommt, was er verdient.

Nachdem Jürgen ein paar Sachen erledigt hatte, rief er mich in sein Büro, genauer gesagt, er winkte mich zu sich. Sein Büro war nur durch eine Glasscheibe von dem Großraumbüro getrennt, in dem ich mich inzwischen an einen freien Schreibtisch gesetzt und in ein paar Programm Katalogen geblättert hatte.

Ich erzählte ihm von der Gerichtsverhandlung und das SPHE irgendwie davon erfahren hatte, dass ich den Job bei EuroVideo angenommen habe.

„Jo, das werde wohl ich gewesen sein“, war seine lapidare Antwort, „ich habe ihrer Vorgängerin (Petra H.) erzählt, dass sie ihr Nachfolger werden und die wird das dann sicher in der Kundschaft weitererzählt haben“.

Ich war viel zu perplex, um ihm darauf eine passende Antwort zu geben und wechselte deshalb auch gleich das Thema. Dieses merkwürdige Gefühl vom Eingang war trotzdem gleich wieder da, aber ich wusste auch, dass es zu spät war, um noch etwas ändern zu können. Da musste ich jetzt durch.

Ich dachte an den Satz von Dirk J. vom Media Markt aus Bochum, den ich kurz vor meinem Antritt bei EuroVideo informiert hatte, dass ich ihn bald wieder besuchen komme.

„Ich freue mich für Dich, dann hast du ja jetzt wenigstens für 2 Jahre wieder einen neuen Job“.

Erst später erzählte mir Dirk, auf meine Nachfrage hin, dass es bisher niemand länger als 2 Jahre bei EuroVideo ausgehalten hatte. Dirk, mein Lieber, Du hattest vollkommen Recht, ich habe es zwar 4 Jahre ausgehalten, hätte aber nach knapp 2 Jahren schon die Flucht ergreifen müssen.

Wenn man lange im Geschäft ist, dann merkt man sehr schnell, wie der Hase läuft und lernt auch zwischen den Zeilen zu lesen. Mir fiel deshalb schon bald auf, dass es kaum Anrufe gab, weder von Kunden, noch aus anderen Abteilungen und dass selbst die 5 Leute in dem Großraumbüro kaum miteinander sprachen. Später erfuhr ich, dass da keiner dem anderen über den Weg traute und sich die Leute untereinander zum Teil spinnefeind waren, weshalb auch die Schreibtische so weit auseinander standen. War ein Kollege krank, so blieben die Aufträge, Retourenanträge oder Gutschriften so lange liegen, bis der Kollege wieder im Büro war oder einer von den Außendienstlern oder der Kunde selbst in München anrief und nachfragte, wann die Bestellung denn jetzt endlich beim Kunden eintreffen würde. Über Krankmeldungen wurde man genauso wenig informiert, wie über den Urlaub des Innendienstkollegen.

Oliver R. schaffte es z.B. nach dem Tod seines Kaninchens, 14 Tage krankgeschrieben zu werden, um das psychisch zu verarbeiten. Als seine Frau mit einem Hirnaneurysma auf Leben und Tod im Krankenhaus lag, war er dagegen jeden Tag im Büro und fuhr erst danach zu ihr.

Er ging auch nur dann ans Telefon, wenn er die Nummer des Anrufers auf dem Display kannte. (Meine) Kunden hatten dagegen so gut wie keine Chance ihn zu erreichen.

Da es keine offiziell geregelten Arbeitszeiten gab, hatte Oli sich angewöhnt, schon morgens um 6 Uhr im Büro zu sitzen und um 15 Uhr Feierabend zu machen. Als Argument nahm er den morgendlichen Berufsverkehr in München, wegen dem er eine halbe Stunde länger ins Büro gebraucht hätte. Einen Spätdienst, wie ich ihn von SPHE kannte, gab es bei EuroVideo nicht und wer nach 16 Uhr in Ismaning anrief, hatte Pech gehabt und musste mit seinem Problem bis zum nächsten Tag warten. Das gängige und altbekannte Motto „der Kunde ist König“ war bei EuroVideo völlig unbekannt.

Kai R., der Innendienstleiter, hatte weder die fachlische, noch die rhetorische Kompetenz, geschweige denn die Autorität, um etwas dagegen zu unternehmen. Dafür stand er alle halbe Stunde von seinem Stuhl auf, winkte mit seiner Zigarettenschachtel Richtung Jürgen O. und dann verschwanden sie für eine Weile zum rauchen auf die Rampe am Hinterausgang der Firma.

Als ich mich schon auf einen gemütlichen, ruhigen Abend in meinem Hotelzimmer freute, lud Jürgen mich zum Abendessen ein. Als Frischling kann man das natürlich schlecht ablehnen, also traf ich mich mit ihm im Hotel Restaurant und bekam gleich ein paar weitere Sprüche reingedrückt. Ich bin bestimmt kein Kind von Traurigkeit, kann austeilen, aber auch einstecken, aber selbst mir war das, vor allen Dingen an meinem ersten Tag in der Firma, deutlich zu viel und komplett daneben.

Hier ein paar Kostproben:

„als ich den Kai eingestellt habe, konnte der weder lesen, noch schreiben“

„Kaviar haben die hier nicht, den bist Du doch sicher von Deinen Essen bei SPHE gewöhnt“

„Du musst ganz nach unten auf der Speisekarte gehen, da stehen die teuersten Gerichte, aber das kennst du ja von SPHE“

„Du bist Single? Was machst du denn da, holst du dir jeden abend einen runter, oder gehst du regelmäßig in den Puff?“

„ich habe gemerkt, du bist auch so ein Duz-michel, also ok, ich bin der Jürgen“

Alles ohne jedes Grinsen im Gesicht, dass man hätte denken können, er macht einen Spaß, auch wenn das alles Späße waren, über die ich nicht lachen konnte, nicht mal bei dem über Kai.

Irgendwie habe ich dann nicht nur den Abend, sondern auch den folgenden Tag überstanden. Mein einziges Highlight sollte dabei das Gespräch mit dem Geschäftsführer, Herrn R. sein. Ein mir auf Anhieb sehr sympathischer Mann, der interessiert zuhörte, kluge Frage stellte und mir viele Dinge über die Struktur und die Geschichte der EuroVideo erzählte. Natürlich war mir dieser Anbieter ein Begriff, genauso wie Concorde Video, die Ende der 80er Jahre ein paar Top Hits in den Video-Charts hatten, u.a. „Dirty Dancing“, dem Lieblingsfilm aller Frauen. EuroVideo hatte dagegen mit Wolfgang Petersens „Das Boot“ einen Riesenhit in den Videotheken, oder mit „Christiane F. – wir Kinder vom Bahnhof Zoo“. Außerdem hatte man in den frühen 90er Jahren die Vertriebsrechte an Walt Disney Filmen. Das ist ungefähr vergleichbar, als könnte der 1. FC Köln Christiano Ronaldo oder Messi für 2 Jahre ausleihen. In dieser Zeit war mein alter, lieber und leider viel zu früh verstorbener Freund Heino H. noch im Außendienst für EuroVideo tätig und versorgte mich mit Disney Stofftieren und Filmen für meinen Sohn, der 1991 geboren worden war.

Natürlich habe ich mit Herrn Raum auch über meinen Arbeitsvertrag gesprochen, den ich ihm am Ende unseres Gesprächs dann auch gerne gegenzeichnete. Mir war wichtig erstmal in der Branche bleiben zu können, alles andere würde sich, wie bereits bei Ascot Video und Sony Pictures, schon einspielen. Leider sollte alles ganz anders kommen und ich in diesem Punkt einen gewaltigen Denkfehler begehen.

Eingestellt wurde ich laut Arbeitsvertrag zum 01.12.2009 als Key Account Manager. Meine Aufgabe war es, die Märkte im ersten Jahr zu bereinigen, um sie dann ab 2011, ab diesem Zeitpunkt sollte ich auch an meinen Leistungen gemessen werden, Flächenmäßig mit EuroVideo und Concorde Produkten zu bestücken. Jeder Anbieter versucht, so viel wie möglich Fläche in den Märkten zu blocken. Das geschieht z.B. durch Neuheitenaktionen, Werbungen, aber auch durch Jahresvereinbarungen.

Mein Arbeitsvertrag und mein Titel sind für diese Geschichte eigentlich unerheblich, sollten aber im Verlauf des Jahres 2010 für mich noch eine wichtige Rolle spielen.

Am 3. Tag, den ich eigentlich auch noch bis nachmittags im Büro verbringen sollte, habe ich mich dann aber doch frühzeitig wieder auf den Weg Richtung Köln gemacht. Quasi als Abschiedsgeschenk durfte ich noch den Firmenwagen und die Büromaterialien meiner Vorgängerin übernehmen. Das Fax musste aus dem deutschen Museum entwendet worden sein, ihr Handy eines der ersten Modelle auf dem deutschen Markt gewesen sein und ansonsten hatte man mir den Wagen so übergeben, wie Petra ihn an ihrem letzten Tag abgegeben hat. Ich will nicht sagen, dass es mir egal war, aber es hat mich auch nicht sonderlich gestört. Ich wollte nur weg aus Ismaning und endlich wieder in Kundschaft fahren.

Dementsprechend euphorisch bin ich dann auch gleich am nächsten Tag losgefahren, wohlwissend, dass die Märkte so kurz vor Weihnachten bereits keine Vertreterbesuche mehr wollen, aber ich wollte mich zumindest persönlich zurückmelden und gleich einen Termin für Anfang Januar 2010 vereinbaren. Das klappte besser, als erwartet und hier und da konnte ich auch gleich einen Auftrag mitnehmen.

2 Kommentare zu “Das Ende eines Traums – Teil 4

    • Manni Schmitz

      Danke schön, liebe Renate, leider bleibt auch die Fortsetzung ohne Happy End, aber es kommen auch noch andere, dann auch wieder lustigere, Geschichten.

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