Das Ende eines Traums – Teil 3

Es ist schon sehr interessant zu sehen, wie so eine Verhandlung vor dem Arbeitsgericht abläuft, auch wenn das Ganze immer nur im ganz kleinen Rahmen stattfand. Ein Richter, zwei ehrenamtliche Richter, die als Beisitzer fungierten, der Sony Anwalt, meine Anwältin und ich, mehr Leute waren nur ganz selten im Sitzungssaal. Ab und zu verirrte sich zwar mal jemand in den Raum, aber das waren meistens schon die Teilnehmer der nachfolgenden Sitzung.[weiterlesen]

Der Sony Anwalt versuchte mit teilweise abenteuerlichen Argumenten die Abfindungssumme zu drücken. Für die neu geschaffene Position im Außendienst müsste man z.B. der englischen Sprache mächtig sein und das wäre bei mir nicht der Fall.

Mein lieber Herr Gesangsverein, damit war er komplett auf dem Holzweg, oder
„my lovely Mr. Singing club, he was completely on the woodway“ 😉

Ich würde zwar nicht von mir behaupten, dass ich Englisch in Wort und Schrift beherrsche, aber es reicht aus, um mich in England, USA, oder wo auch immer diese wunderschöne Sprache gesprochen wird, zu unterhalten. Ganz davon abgesehen, hatte ich weder im Rental- (Videotheken), noch im Retailbereich (Saturn und Media Märkte) jemals ein Verkaufsgespräch auf englisch führen müssen.

Irgendwann kam er dann natürlich auch mit dem Hausverbot bei Saturn um die Ecke, aber darauf ging meine Anwältin erst gar nicht ein und auch der Richter schien sich nicht sonderlich für diesen Punkt zu interessieren. Ich dagegen hatte die ganze Zeit befürchtet, doch gerade in diesem Punkt besonders angreifbar zu sein. Satz mit X, war wohl nix.

Mitte Juni, die Verhandlungen fanden wegen Urlaub von Richter und Sony Anwalt, nur im 4 Wochen Rhythmus statt, bekam ich einen Anruf von Frank S., dem Verkaufsleiter eines großen Kölner Saturn Markt. Frank war der Einzige, den ich immer auf dem aktuellen Stand gehalten und der sich auch bei meinem blöden, misslungenen Tauschgeschäft in Ingolstadt für mich eingesetzt hatte. Er fragte mich, ob ich mir vorstellen könnte für EuroVideo zu arbeiten, einem mittelgroßen Independantanbieter. Der Vertriebsleiter hatte Frank gefragt, ob er ihm einen guten Mann für das NRW Gebiet sagen könne und Frank war so nett, mich ihm zu empfehlen.

Sollte ich wirklich das große Los gezogen haben, eine stattliche Abfindung von Sony kassieren und gleich weiter in der Branche arbeiten können? Das Verkaufsgebiet war nahezu identisch mit dem bei SPHE und auch wenn ich Abstriche beim Gehalt machen müsste, war ich zumindest weiter in meiner geliebten Filmbranche beschäftigt. Positiv hinzu kam, dass EuroVideo auch für den Vertrieb von Concorde Video zuständig war, die gerade mit „Twilight – Biss zum Morgengrauen“ den großen Kassenknüller in den Märkten veröffentlicht hatten.

Nach einem Kurztelefonat mit dem Vertriebsleiter, verabredeten wir uns für den nächsten Monat zu einem persönlichen Gespräch. Die GamesCom war von Leipzig nach Köln umgezogen und er hatte dort geschäftlich zu tun.

Am Donnerstag, dem 27. August 2009 trafen wir uns im Kölner Hyatt Hotel, in dem sich der feine Herr für die Messe eingebucht hatte. Es war ein brütend heißer Tag und dementsprechend lief mir die Brühe. Ich war kaum aus dem Auto ausgestiegen, da zeigten sich erste Schweißflecken auf Brust und Rücken. Nicht gerade vorteilhaft für ein Vorstellungsgespräch, aber Herrn O. schien das nicht weiter zu stören. „naja, sie haben ja auch einiges an Gewicht mit sich rumzutragen“, war sein einziger Kommentar, als ich mein inzwischen fast vollständig dunkel gefärbtes Hemd zu erklären versuchte.

Damals habe ich noch gedacht, dass mir da ein lockerer, umgänglicher Mensch gegenübersitzt. Erst später, für mich viel zu spät, merkte ich, dass er einfach nur ein unsympathischer, fieser und rücksichtsloser Mann war, der sein mickriges Ego gerne auf Kosten anderer aufbaute. Im Vergleich zu dem, was er mir später alles an den Kopf warf, war die Anspielung auf mein Gewicht, sogar noch harmlos. Jedenfalls ließ mich meine Menschenkenntnis an diesem Abend völlig im Stich, vielleicht war ich aber auch einfach zu sehr von der Aussicht, in der Branche weitermachen zu können, euphorisiert.

Ungefähr 2 ½ Stunden haben wir am Deutzer Bahnhof zusammengesessen und geredet und ich bekam mehr und mehr den Eindruck, dass ich wohl doch nicht der richtige Nachfolger für das NRW Gebiet für ihn war. „Unsere Leute fahren Golf als Firmenwagen, das wird ihnen sicher nicht genügen, weil sie von SPHE bessere Fabrikate gewöhnt sind“, „wir zahlen weder Urlaubs-, noch Weihnachtsgeld“, „wenn es sehr gut läuft, kommen sie bei uns „nur“ auf ca. 55.000 Euro Jahresgehalt“, usw. usw. Umso überraschter war ich, als er sich von mir vor dem Hotel mit den Worten verabschiedete „zu 99% haben sie den Job, ich muss nur noch sehen, wie ich Frau H. loswerde“. Das war die Kollegin, die ich ablösen bzw. ersetzen sollte. Kein „ich würde mich freuen, wenn sie uns kämen“, „sie würden gut in unser Team passen“, oder einfach nur die Frage, ob ich mir nach dem Gespräch vorstellen könnte, zu EuroVideo zu wechseln, aber selbst da habe ich mir noch nichts Böses gedacht.

Natürlich hatte ich meiner Anwältin von unserem Gespräch und der Aussicht auf einen Anschlussjob erzählt. Sie freute sich für mich, bat mich aber gleichzeitig eindringlich, mit niemandem darüber zu sprechen und auch nicht vor dem 01.12.2009 den neuen Job anzutreten.

In der Woche nach der Messe telefonierte ich wieder mit Jürgen O. und diesmal fragte er mich gleich, wann ich anfangen kann. Ich schilderte ihm meine Situation und bat ihn meinen Start auf den 01.12.09 zu legen, womit er auch gleich einverstanden war.

Mein letzter Arbeitstag war der 31. August 2009, der Tag, an dem meine Tätigkeit für SPHE offiziell nach 19 Jahren und 8 Monaten zu Ende ging, ein Ende der Verhandlung vor dem Arbeitsgericht war zu diesem Zeitpunkt jedoch noch nicht abzusehen.

Zum 01.09.2009 hatte ich mich ordnungsgemäß arbeitslos gemeldet und noch vor Beginn meiner ja temporären „Arbeitslosigkeit“, bekam ich die ersten Vermittlungsvorschläge vom Jobcenter, immer mit dem netten Schlusssatz „wenn sie sich nicht bewerben, kürzen, oder im Wiederholungsfall sperren wir ihnen das Arbeitslosengeld, das durch meinen guten Verdienst bei SPHE knapp über 2.000,-€ lag. Je mehr Zeit verging, umso mehr Post bekam ich vom Jobcenter, bald auch mit der Einladung zu einer Maßnahme, mit dem man die enormen Kosten meiner Arbeitslosigkeit decken wollte. Apropos „decken“, in den 3 Monaten von September bis November 2009 habe ich den deutschen Amtsschimmel öfter und lauter wiehern gehört, als Jodie Foster „das Schweigen der Lämmer“.

Ich bekam es morgens mit der Angst zu tun, wenn ich an mein Postfach ging und sah im Geiste mein Konterfei auf der Titelseite der BILD Zeitung:

„Deutschlands schlimmster Sozialschmarotzer“ Finanzminister Schäuble „wir müssen den Solidaritätszuschlag bis 2047 verlängern, um den Bundeshaushalt nicht noch höher zu verschulden“, Kanzlerin Merkel „wenn Herr Schmitz nicht bald wieder eine Arbeit annimmt, dann ist das nicht mehr mein Land“, selbst Arno Dübel, Hamburgs ungekrönter, ewiger König der Hartz IV Empfänger, erklärte sich spontan bereit auf einen Teil seines Salärs zu verzichten, um die durch mich verursachte Staatsverschuldung wenigstens etwas zu reduzieren.

Die Jobvorschläge habe ich von Anfang an mit dem Hinweis kommentiert zurückgeschickt, dass ich zum 01.12.09 einen neuen Arbeitgeber habe und auch nie eine Antwort auf diese Absagen bekommen, bis eines Tages, so ca. Mitte Oktober, ein Brief in meinem Postfach lag, in dem mir das Jobcenter mitteilte, dass man mir das Arbeitslosengeld gesperrt hätte, weil ich mich nicht ausreichend um einen neuen Arbeitsplatz bemüht hätte und den Bewerbungsaufforderungen nicht nachgekommen wäre.

Als ich daraufhin beim Jobcenter anrief, erklärte mir eine resolute Dame am Telefon, dass diese Sperre berechtigt wäre und es unerheblich sei, dass ich zum 01.12.09 einen neuen Job hätte.

O-Ton: „es ist ihnen zuzumuten, bis dahin ein befristetes Arbeitsverhältnis einzugehen“.

Im Nachhinein vermute ich, dass Griechenland damals in letzter Sekunde einen Rettungsschirm für Deutschland geöffnet haben muss, oder warum bekam ich nur einen Tag später, von einer anderen Sachbearbeiterin, eine völlig anderslautende Antwort.

Wieder O-Ton: „nein Herr Schmitz, sie müssen sich nicht mehr bewerben und die Sperre werde ich selbstverständlich aufheben“.

In den verbleibenden 5 Wochen bis zum 01.12. habe ich nie wieder einen Vermittlungsvorschlag, oder eine Einladung zu einer Maßnahme bekommen.

Neben dem ganzen Schmierentheater mit dem Jobcenter musste ich mich auch noch um die Verhandlung mit SPHE kümmern, die jetzt, nach Ende der Sommerferien, wieder an Fahrt aufnahm.

Der Sony Anwalt hatte inzwischen auch gemerkt, dass er mit der doch ach so korrekten Sozialauswahl, oder längst erledigten Abmahnungen nicht beim Richter punkten konnte und versuchte es dann mit einem ersten, erhöhten Abfindungsangebot.

„Ich habe mich für Herrn Schmitz bei der Sony Geschäftsleitung eingesetzt und freue mich ihm sagen zu dürfen, dass man bereit ist, die Abfindung laut Sozialplan großzügig zu erhöhen“

Meine Anwältin sah mich an, grinste und raunte mir ein „na da sind wir jetzt aber mal gespannt” zu. Sogar der Richter rutschte unruhig auf seinem Stuhl hin und her und schien ebenfalls in freudiger Erwartung eines sich jetzt schnell anbahnenden Ende der Verhandlung zu sein.

„Unter Berücksichtigung aller Umstände und der langjährigen Zugehörigkeit von Herrn Schmitz, ist SPHE bereit die bereits großzügig bemessene Abfindung in Höhe von 75.000 Euro, nochmal um 5.000 Euro zu erhöhen und Herrn Schmitz somit 80.000 Euro zu zahlen.“

Zugegeben, der Mann brachte das mit einer solchen Überzeugung, dass ein Außenstehender hätte denken können, er hätte mir gerade die Kombination zu den US Goldreserven in Fort Knox verraten.

Ich blickte zur Tür des kleinen Gerichtssaals, in der Hoffnung, dass jeden Moment Guido Cantz reinkommt, um mich mit einem „Herzlich Willkommen bei Verstehen sie Spaß“ aus diesem Albtraum zu holen.

Frau Dr. O. fing sich als Erstes und konterte mit

„Nun, Herr Kollege, Herr Schmitz bedankt sich für dieses überaus großzügige Angebot, es entspricht nur leider nicht unseren Vorstellungen einer gütlichen Einigung. Wie denken da eher an 130.000 Euro und denken, dass ihre Mandantin damit immer noch sehr gut bedient ist.“

Am liebsten wäre ich ihr um den Hals gefallen und sogar der Richter nickte anerkennend, wenn auch fast unbemerkt, mit dem Kopf. „Ich denke auch, dass das Angebot von Frau Dr. O. fair und den Leistungen von Herrn Schmitz für ihre Mandantin angemessen ist.

In meinen Lieblings Gerichtsfilmen und TV Serien geht jetzt der Prozess eigentlich erst richtig los, aber der Sony Anwalt schien wohl an dem Tag noch etwas anderes vorzuhaben.

„Ich werde das mit meiner Mandantin besprechen und sie zeitnah über das Ergebnis informieren“. Dabei zitterte seine Stimme und nach dem Knirschen seiner Zähne zu urteilen, brauchte dieser Mann ganz dringend eine Beißschiene.

Nicht mal mit einem von mir so gern gesehenen bzw. gehörten Hammerschlag beendete der Richter daraufhin die Verhandlung. Man vertagte sich mal wieder, wie es im Amtsdeutsch so schön heißt.

Am 28. Oktober 2009 sprach mir das Arbeitsgericht Köln in seinem Urteil dann tatsächlich 130.000 Euro Abfindung zu. SPHE bekam bis zum 05.11. Zeit, diesen Vergleich zu widerrufen, womit aber nicht zu rechnen war. Zu lange hatte die Verhandlung bisher schon gedauert und ich möchte nicht wissen, was ihnen ihr Anwalt dafür berechnet hat.

Sollte ich tatsächlich so vom Glück begünstigt werden?

N E I N !!!

Am Dienstag, den 2. November bekam ich einen Anruf von meiner Anwältin, Frau Dr. O.

Der Anwalt der Gegenseite hatte ihr in einem Telefonat mitgeteilt, dass man von meinem neuen Job zum 01.12. erfahren habe und seine Mandantin den vor Gericht geschlossenen Vergleich widerrufen würde. Sollte ich die Abfindung laut Sozialplan ablehnen, bot man mir die Wiedereinstellung an.

Es gab, abgesehen von meiner Familie und meiner Anwältin, nur 2 Leute, die von meinem neuen Job wussten. Frank S., der den Deal ins rollen gebracht und mich empfohlen hatte und Jürgen O., dem Vertriebsleiter von EuroVideo und meinem zukünftigen Vorgesetzten.

Wie auch immer, die Flinte lag im Brunnen und es war an der Zeit jetzt auch das Kind endgültig ins Korn zu werfen.

Zurück zu SPHE zu gehen, war keine wirkliche Alternative. So wie sich die Dinge entwickelt hatten, wären wir spätestens nach einem Jahr wieder vor dem Arbeitsgericht gelandet und wer weiß, ob meine Anwältin dann auch wieder so eine Wahnsinnssumme für mich herausgeholt hätte. Also blieb nur der Biss in den sauren Apfel und die Abfindung laut Sozialplan.

Frau Dr. O. kümmerte sich noch um die finale Abwicklung mit SPHE und ich bereitete mich seelisch darauf vor, am 1. Dezember meinen Dienst bei EuroVideo in Ismaning bei München anzutreten.

Mit meinem neuen Arbeitgeber hatte ich in den 4 Wochen vor meinem offiziellen Arbeitsantritt nur sporadisch, in ein paar belanglosen Mails, Kontakt. Nur der Hinweis, dass ich am 01.12. im Laufe des vormittags im Büro eintreffen und 3 Tage in Ismaning bleiben sollte, weder eine Flugbuchung, noch eine Info über das Hotel, in das man mich eingecheckt hatte, keine Fragen, keine Antworten – nichts – nada.

Gleich mit der ersten Maschine bin ich am 01.12.09 von Köln nach München geflogen, habe mich dort in ein Taxi gesetzt und zum Büro der EuroVideo nach Ismaning fahren lassen. Als ich dort um 7:30 Uhr eintraf, war es draußen noch dunkel und ich konnte auch nur ein Büro erkennen, in dem schon Licht brannte.

Ich kann das nicht erklären, aber schon in dem Moment bekam ich das merkwürdige Gefühl einen riesengroßen Fehler gemacht zu haben, was sich dann leider auch innerhalb weniger Wochen bestätigte. Am liebsten wäre ich gar nicht erst ins Büro gegangen, sondern gleich weiter zu SPHE gefahren.

Palim, palim, da bin ich wieder, was kann ich tun?

Dafür war es jetzt zu spät, also öffnete ich die Eingangstür und ging mit zitternden Knien und einem grummelnden Magen in das beleuchtete Büro.

~~ wird fortgesetzt ~~

6 Kommentare zu “Das Ende eines Traums – Teil 3

  1. Hallo Manni😚
    Bin immer wie gefesselt wenn ich deine Geschichten lese.
    Bin begeistert von deiner Art und Weise,wie und was du schreibst.
    Weiter so👍🏼
    Bin schon gespannt,
    wie es weiter geht.
    Knuddler Karin😘

    • Manni Schmitz

      Danke schön, liebe Karin, ich gebe mir weiterhin Mühe und freue mich, dass Dir meine Geschichten so gut gefallen 🙂 Knuddler retour 🙂

  2. Mensch Manni, spann uns doch nicht so auf die Folter …

    • Manni Schmitz

      Ich kann doch nicht gleich alles verraten, liebe Renate, sonst liest doch keiner mehr meine Geschichten 😉

  3. Du solltest echt ein Buch darüber schreiben! Megatoller Schreibstil!

    • Manni Schmitz

      Danke schön, liebe Schwester. Das Buch ist in Planung, es wird aber noch was dauern, bis es erscheint 😉

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