Fußball ist mein Leben, oder mein rücksichtsloser Opa ;-)

Schon als ich so gerade mal auf meinen kleinen Beinchen stehen konnte, war der Ball mein liebstes Spielzeug und es war mir auch egal, ob ich dabei mit meiner Ma auf dem Spielplatz, mit meinem Vater im Garten meiner Großeltern, oder alleine in unserem 6 m langen Flur zu Hause war. Es wurde alles getreten, was irgendwie kickbar war, übrigens sehr zum Leidwesen meiner Mutter, die mir ständig neue Schuhe kaufen musste.[weiterlesen]

Es gibt ja diesen schönen, teilweise völlig richtigen, aber andererseits auch total falschen Satz „wir hatten ja früher nichts“ und deshalb mussten eben auch Steine, Dosen, oder aus Papier, Tesafilm und Alufolie selbst hergestellten „Bälle“ herhalten.

Hatte ich einen Ball, dann interessierte mich wiederum die Größe nicht. Da wurden die von meiner Ma an meine Schwester vererbten Murmeln genauso geschossen, wie später der Medizinball im Sportunterricht, wobei ich zugeben muss, dass dieser Versuch sehr schmerzhaft für meinen Fuß danebenging.

Kurz zurück zum richtig, falschen Satz. Richtig ist, dass wir früher natürlich weit aus weniger hatten, als die heutige Generation, aber gleichzeitig ist es auch falsch, weil wir dadurch gefordert wurden unsere Phantasie spielen zu lassen, um uns zu beschäftigen. Anstatt auf der Wiese zu sitzen und You Tube Filme auf dem Smartphone zu gucken, oder sich durch die Musik Playlist zu zappen, haben wir verstecken, nachlaufen, oder sonst was gespielt. Hauptsache war, wir hatten Spaß, waren an der frischen Luft und mit Freunden zusammen. Ein Ball hat ausgereicht, um uns Stundenlang glücklich zu beschäftigen. So etwas wie Langeweile kannten wir nicht, nicht mal bei schlechtem Wetter. Ich habe früher zu meinen Eltern gesagt, dass ich zum spielen rausgehe. Heute heißt es abhängen, oder, was ich persönlich noch viel schlimmer finde, „ich geh chillen“.

Meine/unsere Kindheit war unkompliziert und von einer erfrischenden Leichtigkeit geprägt und deshalb bin ich der Meinung, dass wir zwar weniger an materiellen Dingen, aber viel mehr an Möglichkeiten hatten. Ich beneide die Kids und Jugendlichen nicht, die jetzt mit Informationen, Anforderungen und High-Tech Spielzeug überfrachtet und damit auch ganz automatisch überfordert werden.

Mein einziges Problem in der Kindheit, waren die Arbeitszeiten meines Vaters. Pünktlich um 7:15 Uhr ging er jeden Morgen aus dem Haus, um pünktlich um 7:30 Uhr an seinem Schreibtisch bei der Firma Pohlig zu sitzen. Um 16 Uhr hatte er Feierabend, war um 16:15 Uhr zu Hause und um 16:30 Uhr stand das Essen auf dem Tisch. Das war fast schon ein Ritual, das unter allen Umständen eingehalten werden musste. Dazu gehörte auch, dass die Familie immer vollzählig am Tisch saß. Verspätungen wurden nicht geduldet, genauso wenig wie hastiges Schlingen, in der Hoffnung, dass man danach sofort zurück zu den Freunden durfte, bei denen das Essen erst um 18, 19, oder gar 20 Uhr auf dem Tisch stand.

Als Kind bin ich an den Wochenenden gerne zu meinen Großeltern gegangen. Entweder zu den Eltern meiner Ma, die auch in Zollstock auf der Vorgebirgstraße wohnten, oder zu denen meines Vaters, die auf der Luxemburger Str. in Klettenberg zu Hause waren. Die Besuche bei Oma und Opa waren nicht ganz uneigennützig, es gab immer leckeres Essen, was nicht heißen soll, dass es mir bei meiner Ma nicht geschmeckt hat, aber jeder, der als Kind bei Oma zum Essen war weiß, wie ich das meine. Ich durfte Fernsehen bis zum einschlafen, was manchmal früher geschah, als mir lieb war und hier und da gab es Geld für Süßigkeiten vom Kiosk gegenüber. Schon für 50 Pfennige konnte man sich eine große Auswahl an Weingummi, Lakritz und Schokolade zusammenstellen, übrigens sehr zum Leidwesen der Kiosk Betreiberin, die mühsam die ganzen sauren Stäbchen, Weingummischuhe, Negerpfennige oder Blätter des völlig geschmacklosen, aber halt trotzdem unverzichtbaren Esspapier zählen musste. Die meisten Artikel kosteten 1 Pfennig, also ungefähr einen halben Cent nach heutiger Währung. Ein Stangen Wassereis, bei dem man nur mit sehr viel kindlicher Phantasie die Geschmacksrichtung vom einfach nur gefrorenen Leitungswasser unterscheiden konnte, war mit 10 Pfennig fast schon ein Luxusartikel. Damals war der Kunde halt noch König, selbst wenn er von der Statur her eher zu den 7 Zwergen zählte.

Die Negerpfennige, oder auch Negergeld genannt, hießen übrigens wirklich so und niemand hätte im Traum daran gedacht, damit eine ganze Menschenrasse zu diskreditieren. Heute würde man wegen Volksverhetzung angeklagt, wenn man auch nur das Wort in den Mund nehmen würde und es hieße sicher

„aus Süßholz hergestellte, tief dunkel pigmentierte Münzkopie mit Verzehrhintergrund“

Opa und Oma von der Vorgebirgstraße waren die Lieblingsgroßeltern von meiner Schwester und mir und um sie besser unterscheiden zu können, hatten wir uns eine ganz simple Definition einfallen lassen. Die/der eine Oma/Opa und die/der andere Oma/Opa. Das mag sich jetzt vielleicht ein wenig abwertend anhören, aber für uns war es ein rein praktisches Unterscheidungsmerkmal. Wenn meine Ma sagte „morgen kommt die Oma“, kam von meiner Schwester oder mir sofort die Nachfrage „die eine, oder die andere“?

Zurück zum Fußball, der zu dieser Zeit noch eine reine Männerdomäne war. Da fragte keine Frau, wer da eigentlich spielt, um was es geht, oder was Abseits ist. Mein Opa, der eine von der Vorgebirgstraße, war in der Beziehung ein echter Macho, der erst gar keine Diskussion aufkommen ließ. Da konnte das Wohnzimmer voll mit der lieben, buckligen Verwandschaft sein, pünktlich um 17:45 Uhr wurde der Nordmende Fernseher mit den Sensortasten, die so schön haben geprickelt an meine Finger, angemacht und die Sportschau geguckt. Für meinen Opa, der Beinamputiert aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückgekehrt war, spielte ich natürlich gerne die menschliche Fernbedienung. Viel falsch machen konnte ich dabei nicht, es gab ja nur 3 Programme. ARD, ZDF und WDR. Im Sommer, bei schönem Wetter, konnte man mit ein wenig Glück auch das SWF empfangen.

Wie bereits erwähnt, hatte der TV so kleine Sensortasten und wenn man ganz langsam mit dem Finger über die Tasten fuhr, teilte sich der Bildschirm und man konnte für einen kurzen Moment 2 Programme auf dem Bildschirm sehen. Genau genommen war ich also der Erfinder der Picture in Picture Funktion, die heute fast in jedem Gerät Standard ist. Das habe ich aber natürlich nur gemacht, wenn mein Opa nicht im Zimmer war, oder mal wieder friedlich, aber sehr lautstark vor sich hin schnarchte.

Wenn die Frauen sich endlich nach und nach in die Küche verdrückt hatten, um da weiter über Rheuma und dessen Auswirkung auf das kommende Wetter zu reden, oder sich lustige Geschichten aus der Familienhistorie erzählten, verstummten die Gespräche meiner diversen Onkel und alle schauten auf Opas ganzem Stolz, den Farb TV.

Ich schweife mal wieder ab, also nochmal zurück zum Fußball.

Einen Partner, oder eine Partnerin kann man sich aussuchen, der Lieblingsverein wird einem dagegen in die Wiege gelegt. So war es auch bei mir. Mein Opa war Fan des 1.FC Köln, mein Vater hat das von ihm, seinem Schwiegervater, übernommen, vielleicht hat er sich auch einfach nicht getraut, ihm zu widersprechen. Da wollte (durfte) ich diese Tradition natürlich nicht unterbrechen.

Anfangs habe ich zwar noch versucht meinen Opa von der Sportschau abzubringen und mit mir „Daktari“, „Lassie“, oder eine andere Kindersendung anzusehen, aber Opa war da auch bei mir unbarmherzig. Er hat mir sein Leben lang jeden Wunsch von den Augen abgelesen und schnellstmöglich erfüllt. Ich hatte einen Tretroller mit Vollgummireifen und sogar einem Gepäckträger, eine Carrera Bahn, eine Märklin Eisenbahn, mein erstes Fahrrad mit 3- Gang Schaltung, es gab wirklich nichts, was er mir verweigert hat – spätestens wenn ich ihn aus meinen kleinen, treuen, braunen Augen angesehen und „Ooooooopa“ gesagt habe, war es um ihn geschehen und ich am Ziel meiner Wünsche, bis …

Ja, richtig vermutet, bis auf Samstag abend, 17:45 Uhr. Dann war Sportschau Zeit und statt Clarence, dem schielenden Löwen, begrüßte uns Addi, der schielende Furler, oder Ernst Huberty, der „Mr. Sportschau“ der ARD, der vor ein paar Wochen seinen 90. Geburtstag gefeiert hat, aus dem Studio des WDR in Köln.

Alle Spiele, alle Tore gab es damals natürlich noch nicht und deshalb konnten Opa und ich nur hoffen, dass der 1.FC Köln ein Heimspiel hatte. Mit 99%iger Sicherheit wurde dann nämlich eine Zusammenfassung in der Sportschau gezeigt. Es ist für heutige Verhältnisse unvorstellbar, dass die Beiträge gleich nach Schlusspfiff geschnitten und kommentiert auf Zelluloidrolle gebannt und dann per Motorradkurier ins WDR Studio gebracht wurden.

~~ wird fortgesetzt ~~

4 Kommentare zu “Fußball ist mein Leben, oder mein rücksichtsloser Opa ;-)

  1. Wunderbar atmophärische Geschichte, lieber Manni! Freue mich auf die Fortsetzung!
    Lieber Gruß – Renate

  2. Erinnert mich sehr an meine Kindheit.
    Eine unvergessliche und
    schöne Zeit….mit meinen Schwestern.
    Unser Vater hat auch immer die Sportschau geguckt. 🙂
    Bin ganz gespannt auf die Fortsetzung :-))

  3. Ja, genau so war das 😊
    Ach wat wor dat fröher schön doch in Colonia … 🎹

  4. Pingback: Die Wahrsagerin, oder warum ich an Schutzengel glaube | Manni Schmitz

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