Biografie – Teil 3 – mein Hobby wird zum Beruf

In den 80- iger Jahren war es in unserer Familie Tradition, dass wir ab und zu mal gemeinsam essen gegangen sind. Das ist eigentlich nicht ungewöhnlich, aber meine Ma war von je her lieber zu Hause und mied Restaurants und besonders Kneipen, wie der Teufel das Weihwasser. Unsere Stammlokale damals waren „das kleine Steakhaus“ in der Komödienstraße und der „Lions Club“ in Bayenthal.

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Ich hatte am 1. Oktober 1986 bei der Firma Plankopie in Michaelshoven angefangen, die mich als Außendienstmitarbeiter für den Verkauf von Kopierpapier und Zubehör eingestellt hatten. Bis dato hatten sie sich ausschließlich mit dem Verkauf und der Wartung von Minolta Kopierern beschäftigt. Nach fast 10 Jahren im Büro Innendienst wollte ich jetzt etwas Neues probieren und habe deshalb auch nicht lange überlegt, als mir der Abteilungsleiter, den die Plankopie extra für die Etablierung dieses neuen Geschäftszweig eingestellt hatte und den ich von meinen vorherigen Stationen schon kannte, das Angebot machte. Sehr schnell habe ich dann gemerkt, dass mir die Aufgabe im Außendienst zwar liegt, aber Kopierpapier und Zubehör nicht meine Welt waren.

Mitte Oktober waren wir wieder mal mit der Familie im „kleinen Steakhaus“ und meine Schwester hatte ihren neuen Partner mitgebracht. Ich kannte Heinz schon, weil er ein paar sehr gut laufende Videotheken in Köln betrieb, in denen ich Mitglied war und er wusste auch, dass ich gerade den Job gewechselt hatte. Irgendwann im Laufe des abends kamen wir nochmal auf dieses Thema zu sprechen und er fragte mich, ob ich mir vorstellen könne, als freier Handelsvertreter im Film Außendienst zu arbeiten. Heinz kannte jemand, der einen Mitarbeiter für die Postleitzahlgebiete 56, 57, 58 und 59 suchte. Den Rest des abends haben er, mein Vater und ich dann nur noch über die Pro und Contra Seiten diskutiert. Mein Vater war sein Leben lang Angestellter (siehe Lebenslauf – Teil 1) und gehörte schon immer zu der eher pessimistischen Sorte Mensch. Ihm war das Angebot deshalb auch nicht ganz geheuer. Selbstständig mit 25, kein festes Einkommen, fehlende Perspektive, laufende Kosten, usw. waren die Dinge, die er mich bat in meine Überlegungen einzubeziehen, aber ich glaube, dass ich mich zu dem Zeitpunkt schon längst entschieden hatte, es zu versuchen. Die Aussicht darauf, in der Filmbranche arbeiten zu können, war einfach zu verlockend. Wie oft im Leben bekommt man schon die Chance, sein Hobby zum Beruf machen zu können?

Gleich am nächsten Tag ging es mit Heinz nach Bergisch Gladbach zu Werner W., der die Vertriebsrechte für Embassy Video für das gesamte Postleitzahlgebiet 5 hatte. Das Gespräch dauerte keine Stunde und wir waren uns einig. Tags darauf habe ich meinen Job bei der Plankopie gekündigt, was während der Probezeit schnell und stressfrei möglich war. Freistellen wollte man mich aber nicht gleich, also habe ich die letzten 2 Wochen noch im Büro abgesessen.

Am Montag, den 3. November 1986 habe ich dann meinen neuen Job als freier Handelsvertreter begonnen. In der 1. Woche bin ich von einem Kollegen, Addy M., eingearbeitet worden. Er war in den Postleitzahlgebieten 51 bis 55 unterwegs und hat mir auf der Fahrt zu den Kunden die genauen Abläufe bei Embassy erklärt. Die Videobranche boomte zu dieser Zeit noch. Trotzdem war ich erstaunt, wie viele Cassetten eines Titels die einzelnen Kunden bei ihm bestellten. Einige Kunden orderten sogar noch in allen 3 Systemen (VHS, Betamax, Video 2000), obwohl sich da schon abzeichnete, dass nur die VHS Cassette diesen Systemstreit überleben würde.

Meine erste Alleintour führte mich eine Woche später nach Wuppertal. Ich fuhr einen kleinen, weißen Opel Kadett City, der für die Stadt ideal war, auf der Autobahn aber schnell an seine Grenzen kam. Navis gab es zu der Zeit noch nicht, also besorgte ich mir an einer Tankstelle gleich mal die Falk Straßenkarten von Wuppertal, Remscheid, Solingen, Velbert, usw. Wer die Falk Pläne noch kennt, der weiß, wie unhandlich die waren und es hat ewig gedauert, bis ich mich wenigstens einigermaßen damit zurechtgefunden habe. Die ersten Tage bin ich kreuz und quer durch Wuppertal gekurvt, völlig unorganisiert und desorientiert von einem Stadtteil zum anderen gefahren, obwohl manchmal die Videotheken nur 2 Straßen auseinanderlagen.

Die erste Edition, die ich zu verkaufen hatte, bestand aus den Titeln „Thunder Run – Geheimcode Charly“, „Der Smaragdwald“ und dem späteren großen Musical Hit „A Chorus Line“, einer Art Casting Show für ein Broadway Musical, für den Richard Attenborough Regie geführt und Michael Douglas die Hauptrolle übernommen hatte. In einer Nebenrolle ist Audrey Landers zu sehen, die damals gerade durch ihre Rolle der “Afton Cooper” in „Dallas“ in Deutschland bekannt geworden war und später auch als Sängerin ein paar Erfolge feiern konnte.

https://www.youtube.com/watch?v=xcFOAz33Wbo

Mit dem ersten Kunden ist es wie mit der erste Liebe, man vergisst ihn nicht. Meiner war der Herr Hindemayr, also nicht die erste Liebe, sondern der erste Kunde. Sein Büro war in einem Sex Shop mit Solokabinen, wie sie in den 80er Jahren fast in jeder größeren Stadt zu finden waren. Für 1 DM durfte man sich 3 Minuten einen Pornofilm ansehen. Ein Kumpel, dem ich davon erzählt habe, hatte eine ganz eigene Meinung zu diesen „Filmboxen“ „do jonn ich nitt rin, do rötsch mer jo uss“* Damit ist alles gesagt, den Rest überlasse ich eurer Phantasie.

*Hochdeutsch: „da gehe ich nicht rein, da rutscht man ja aus“

Stolz wie Oscar habe ich Herrn Hindemayr meine Edition präsentiert, zu jedem Film ein paar Worte über Inhalt und Darsteller gesagt und mich dann entspannt zurückgelehnt, um seine Bestellung zu notieren. „Was kosten die?“ war aber leider seine einzige Reaktion. „249,- DM pro Stk. und System“, antwortete ich, wie von Werner W. gelernt. Herr Hindemayr lachte: „dann kommen sie in 3 Wochen nochmal vorbei, wenn sie die Filme für die Hälfte im Kofferraum haben“. Diesen Satz sollte ich in den nächsten Tagen und Wochen noch oft zu hören bekommen, hauptsächlich bei größeren Kunden, die mehrere Filialen betrieben. Meine Ausbeute blieb deshalb auch zunächst noch unter meinen eigenen Erwartungen bzw. Hoffnungen.

Von meinem „Chef“ Werner W. und dem Kollegen Addy habe ich in der ersten Zeit nur ab und zu mal telefonisch was gehört. Autotelefone kamen zwar mehr und mehr in Mode, auch durch die Einführung des C-Netz, waren aber preislich, zumindest für mich, noch unerschwinglich.

Drei Wochen später, kurz nachdem die Edition offiziell ausgeliefert war, bestellte Werner Addy und mich zu sich nach Bergisch Gladbach. Ohne lange Erklärungen ging er mit uns zu seiner Garage und stellte jedem von uns ein paar Kartons hin. Inhalt: Thunder Run, Smaragdwald und Chorus Line in allen 3 Systemen. Ich staunte nicht schlecht. Addy hingegen war dieses Prozedere schon bekannt und er verstaute die Kartons auch gleich in seinem Auto. Meinen fragenden Blick erwiderte Werner mit den Worten: „die sind für deine Kunden, die die Titel noch nicht bestellt haben, alles über 100,-DM gehört Dir.“ Der gute Herr Hindemayr hatte also vollkommen Recht mit seiner Aussage und mir dann bei meinem nächsten Besuch auch brav ein paar Cassetten für 125,- DM abgekauft. Ob die Cassetten deshalb von Anfang an in schwarz waren, habe ich aber nie wirklich herausgefunden 😉

Bei einer meiner Touren hatte ich eine kleine Videothek in Wülfrath besucht und mich gleich mit dem Videothekar und seiner bezaubernden Angestellten angefreundet. So kam es, dass ich fast täglich mal kurz auf einen Kaffee und einen kleinen Plausch zu ihnen gefahren bin. Milan, der Inhaber, erzählte mir bei einem dieser Besuche, dass im Februar 1987 ein neues Label auf den Markt kommt und die noch Handelsvertreter für alle Postleitzahlgebiete suchen würden. An einen so schnellen Wechsel hatte ich zwar nicht gedacht, aber Milan machte mir das dann doch so schmackhaft, dass ich eine einfach und formlos gehaltene Bewerbung nach Essen geschickt habe, die trotzdem bereits ein paar Tage später mit der Einladung zu einem Vorstellungsgespräch beantwortet wurde.

Ohne große Erwartungen bin ich nach Essen gefahren. Ich war zwar schon immer ein pünktlicher Mensch, aber bei dem Termin habe ich mich selbst übertroffen. Um 10 Uhr hatte ich den Termin und um 8:30 Uhr habe ich schon bei der netten Dame im Vorzimmer gesessen und mit ihr Kaffee getrunken. Wenn ich den Job nicht kriege, dann sollte es wenigstens nicht an einem Stau auf der A3 liegen, oder weil ich die Adresse nicht gleich gefunden habe.

Pünktlich um 10 Uhr kam der Geschäftsführer, ein Herr Büscher, mit dem ich mich dann knapp 2 Stunden sehr nett unterhalten habe. Er war angetan von meinem Werdegang, von meiner Leidenschaft für Filme und davon, dass ich noch so jung (26) war, sagte mir aber auch gleich, dass er über 100 Bewerbungen erhalten hätte. Mit dem üblichen „wir melden uns bei ihnen“ gingen wir auseinander und ehrlich gesagt, hatte ich keine großen Hoffnungen, den Job zu bekommen.

Erstens kommt es anders, zweitens als man(ni) denkt. Eine Woche später kam ein Anruf von der netten Vorzimmerdame, die mir mitteilte, dass man mir gerne die Postleitzahlgebiete 50, 51, 53, 54 und 55 geben würde, also so ziemlich das komplette südliche NRW, incl. einem Schwenk nach Rheinland-Pfalz, bis runter an die Luxemburgische Grenze, mit ca. 250 Videotheken, excl. der Filialen. Als Provision wurden 10% vom Netto Verkaufspreis, 249,-DM vereinbart. Jetzt war ich also auch ganz offiziell mein eigener Chef und, ich kann es nicht leugnen, auch mächtig stolz auf mich.

Später habe ich dann erfahren, dass nicht nur mein Kollege Addy M. sich beworben hatte, sondern auch Werner W., sowie so ziemlich jeder Kollege, den ich auf meinen Touren für Ascot Video getroffen habe. Außerdem hörte ich, dass wohl die nette Vorzimmerdame ein gutes Wort für mich eingelegt haben soll, aber das wollte sie mir dann doch nicht bestätigen – dementiert hat sie es aber auch nicht.

Der offizielle Start von Ascot Video war am 1. Februar 1987. Bis dahin war ich auf ein paar Tagungen in Essen, hatte meine zukünftigen Kollegen kennengelernt, jede Menge Verkaufsunterlagen und Informationen erhalten und die „Kleinigkeit“ von 250 weißen Plastik Aktenkoffern geliefert bekommen. Darin war Werbematerial für die drei Starttitel, eine Trailer Cassette mit dem kommenden Programm, eine Tafel Schokolade und ein kleines Fläschchen Remy Martin. Im Gegensatz zu den meisten meiner Kollegen hatte ich weder eine große Wohnung, noch einen großen Kellerraum, geschweige denn eine Garage, in der ich die 50 großen Kartons hätte unterbringen können, ich wollte mich aber auch nicht beschweren, oder gleich große Umstände machen, also habe ich die ganzen Kisten in meinem Schlafzimmer gestapelt. Das sah natürlich irre gemütlich aus und wirkte super romantisch, aber das war mir in dem Moment völlig egal.

Ein klitzekleines Problem gab es aber dennoch. Ich brauchte dringend ein neues Auto. Schon bei meinem Vorstellungsgespräch hatte Herr Büscher gezuckt, als ich ihm von meinem alten, klapprigen Opel Kadett City erzählt habe. Zum Glück hatte Heinz gute Beziehungen zu einem in Riehl ansässigen Mazda Händler, bei dem ich mir dann einen Mazda 323d auf Leasing geholt habe. Auch in dem Punkt kam mir Herr Büscher entgegen, als er mir einen Vorschuss anbot. Ich war schon immer ein bescheidenes Kerlchen 😉 deshalb traute ich mich nicht, nach mehr als 1.500 bis 2.000 DM zu fragen. Herr Büscher aber zückte seine Brieftasche und stellte mir einen Scheck über 5.000 DM aus. Damit konnte ich die Anzahlung und die ersten Leasingraten bezahlen und ein Danke schön Essen für Heinz und meine Familie war auch noch drin.

Den Start von Ascot Video ins Haifischbecken Videobranche kann man ohne Übertreibung als sensationell beschreiben. In jeder Video Zeitschrift waren Anzeigen der 1. Edition geschaltet, Fach Magazine kündigten uns überschwänglich an und wir hatten das Glück des Tüchtigen, dass wir mit „Extremities“ einen Film hatten, der in aller Munde war. Marianne Bachmeier hatte 1983 den Mörder ihrer kleinen Tochter im Gerichtssaal erschossen und im Film quält Farrah Fawcett James Russo, der zuvor versucht hatte sie zu vergewaltigen. Selbstjustiz Thriller waren in den 80-iger Jahren eh sehr beliebt, man denke nur an den Rot sehenden Charles Bronson, oder an Dustin Hoffmann in „Wer Gewalt sät“.

In „Karate Tiger“, einem ebenfalls in dieser Zeit sehr beliebten Martial Arts Film, spielte der noch ganz junge Jean-Claude Van Damme eine Nebenrolle, mit der er über Nacht zum Star wurde. Ich darf also behaupten, die Ascot Video hat ihn in Deutschland berühmt gemacht.

Der dritte Film „Crazy Air Force“ war ein typischer Army Klamauk Film, bestenfalls auf C-Niveau, aber selbst der ließ sich ordentlich verkaufen, weil die Ascot Video sich noch etwas bis dahin Einmaliges für die Kunden hatte einfallen lassen. Für jede gekaufte Cassette bekam der Videothekar eine sogenannte „Vermietgarantie“. Das heißt, spielte der Film nicht innerhalb eines Jahres mindestens seinen Einkaufspreis (249,-DM) ein, konnte der Kunde diese Cassette zurückschicken und bekam sein Geld zurück. Die Idee war absolut genial und vor allen Dingen hatten die Videothekare diese Vermietgarantie ein Jahr später schon längst wieder vergessen.

Auch bei Ascot Video ist mir mein erster Besuchskunde noch sehr gut in Erinnerung, vielleicht auch deshalb, weil ich nicht mal mein Auto dafür bewegen musste. Jörg R., der Sohn eines bei uns in Zollstock alteingesessenen Lebensmittelhändler, bei dem ich selbst oft genug die lecker mit gekochtem Schinken und frischem Holländer belegten Brötchen für 1,-DM gekauft habe, hatte von seinem Vater eine Videothek „geschenkt“ bekommen, in der ich natürlich auch Kunde war. Jörg bestellte 3-mal Extremities, 2-mal Karate Tiger und 1-mal Crazy Air Force und ich hatte mal eben knapp 150,- DM Provision verdient. Zum Anfang machte ich mir noch selbst die Vorgabe, dass ich pro Tag mindestens 1.000,- DM verdienen wollte, bevor ich Feierabend machte. Dieses Ziel habe ich aber bereits nach kurzer Zeit wieder verworfen, weil ich sonst an manchen Tagen schon nach dem 2. Kunden wieder zu Hause gewesen wäre. Wenn ich abends nach Hause kam, war der Anrufbeantworter voll mit Anrufen von Kunden, die wissen wollten, wann ich sie denn endlich besuchen komme und die Fax Thermorolle lag ausgerollt mitten in der Küche, in der ich Anfangs mein Büro hatte. Klar, in meinem Schlafzimmer war ja kein Platz mehr. Kam ich in eine Videothek hieß es gleich, „ah, da kommt der Mann mit dem weißen Koffer“. Es war auch bei jedem Kunden nie eine Frage, ob er die Titel bestellt, sondern nur wie oft.

Der Auslieferungstermin für die 1. Edition musste immer wieder nach hinten verlegt werden, weil wir es nicht geschafft haben, wirklich jeden Kunden in Deutschland zu kontaktieren. Ich habe zum Schluss tatsächlich auch noch die hinterletzte Wohnzimmer- und Garagenvideothek in meinem Gebiet besucht – und Alle bestellten sie „Extremities“, „Karate Tiger“ und „Crazy Air Force“.

Ungefähr 6 Wochen nach Verkaufsstart kam ein Schreiben von Herrn Büscher, in dem er sich vielmals für die Verzögerung bei der Auslieferung entschuldigte und uns eine a-Konto-Zahlung versprach. Als ich am darauffolgenden Tag nach Hause kam, fiel mir ein kleiner Umschlag aus dem Briefkasten entgegen. Darin war ein Scheck über sage und schreibe 22.500,-DM.

Insgesamt habe ich mit der ersten Edition über 30.000,-DM verdient und auch wenn ich davon meine kompletten Kosten bezahlen musste, blieb noch ein stattliches Sümmchen übrig. Ich war gerade 26 geworden und für mich jungen Kerl war das alles unfassbar. Der mittelmäßige Realschüler, aus dem einfachen Elternhaus, der so gerade seinen Berufsabschluss geschafft hatte und nie über ein Netto Gehalt von 1.000,-DM gekommen war, verdiente plötzlich Summen, von denen ich bis dahin nicht mal zu träumen gewagt hatte. Vielleicht war aber auch genau das mein Glück, denn während meine Kollegen sich Luxusschlitten von Mercedes, BMW und sogar Porsche gönnten, Eigentumswohnungen kauften, oder Ein Familienhäuser mieteten, blieb ich brav in meiner 2 Zimmer, Küche Wohnung in Köln Zollstock und fuhr weiter meinen Mazda Diesel. Einzig einen 3- wöchigen Urlaub in der Dominikanischen Republik habe ich mir von dem Geld gegönnt.

Die 2. Edition der Ascot Video war schon deutlich schwächer, ließ sich aber immer noch sehr gut verkaufen, weil alle scharf auf den Deckenventilator waren, den es diesmal dazu gab. Zum Glück musste ich die nicht wieder in meinem Schlafzimmer stapeln, sondern sie wurden mit dem 2. Titel ausgeliefert, den man „cleverer“ Weise in den Karton mit dem Ventilator gepackt hatte. Noch Monate später sprachen mich Kunden an und fragten, wann sie denn endlich „Men`s Club“, den 2 Titel geliefert bekommen? In ähnlicher Form sollte ich das später auch noch bei Sony Pictures erleben.

Mahatma Gandhi hat dazu mal sehr treffend gesagt:

„Die Welt hat genug für jedermanns Bedürfnisse, aber nicht für jedermanns Gier“

Jeder wollte den Deckenventilator haben, aber nur die wenigstens haben ihn gebrauchen können, also wurde er erstmal, samt “Men`s Club” irgendwo in die Ecke gestellt.

Im Herbst 1987 habe ich dann meine erste Video Messe in Wiesbaden mitgemacht. Ascot Video hatte für den Außendienst Zimmer im Hotel „Schwarzer Bock“ reserviert, damals ein pompöses 5* Hotel, das erstmals im 15. Jahrhundert in den Geschichtsbüchern der Stadt Wiesbaden erwähnt wird.

In den knappen halben Jahr vor der Messe war Ascot Video einer der erfolgreichsten Independant Anbieter der Branche geworden, was sich aber auf dieser Messe schlagartig und leider auch nachhaltig ändern sollte. Werner B., der Vertriebsleiter der Ascot Video und schon lange die rechte Hand von Herrn Büscher, hatte sich das „Concept 1000“ einfallen lassen, das wir Außendienstler auf der Messe unseren Kunden verkaufen sollten. Ein Bestandteil dieses Konzept war Exklusivität. So sollte nicht mehr jeder Videothekar Ascot Filme im Programm haben (dürfen), sondern nur ein elitärer Kreis von max. 1.000 Kunden in Deutschland, der auch eine entsprechend große Stückzahl der Titel in seinem Geschäft präsentieren konnte. Der Einkaufspreis lag bei 120,-DM pro Cassette und mit “House 2” und „Karate Tiger 3“, einem weiteren Jean-Claude Van Damme Film, hatte man auch potentielle Blockbuster am Start. Pro 1.000 Einwohner hatte Werner B. eine Verleih Cassette kalkuliert. Auf Köln übertragen hieß das z.B., ca. 900 Cassetten. Das Konzept war ziemlich eindeutig gegen die kleinen und mittleren Videothekare gerichtet und das war auch der Grund, warum es letztendlich scheiterte.

Der IVD (Interessenverband der Videothekare Deutschlands) rief offen zum Boykott auf und schoss aus allen Rohren gegen das „Concept 1000“. Kunden, die Mitglied im IVD waren, trauten sich erst gar nicht auf unseren Messestand, andere konnten den Vertrag nicht schnell genug unterschreiben und hielten den dann stolz anschließend in die Kameras der Lokal-Zeitungen und Fach-Magazine. Ein Kunde von mir drückte mir heimlich einen kleinen Zettel in die Hand auf dem stand „komm nächste Woche zu mir, ich schließe den Vertrag ab“, andere wollten mir an den Kragen, oder drohten mit Hausverbot.

“ich bin doch kein Esel”
Protestaktion des IVD gegen das “Concept 1000” auf der Video Messe 1987 in Wiesbaden

Zum Glück gab es nach den anstrengenden Messetagen immer einen Anbieter, der eine Party veranstaltete, auf der sich dann die gesamte Branche auf ein paar Kaltgetränke zum Smalltalk traf. Die VCL Parties waren dabei legendär und auch die CIC Party im Wiesbadener Schlossgarten, zum Video Start von Spielbergs „E.T. – der Außerirdische“, bleibt auf ewig unvergessen. Bis in den frühen Morgen wurde gezecht und gelacht und es ist wohl nur meiner Jugend und dem „Training“ in der Gaffel zu verdanken, dass ich ein paar Stunden später wieder meinen Messedienst verrichten konnte.

Auf meinen Touren für Ascot Video hatte ich natürlich die Kollegen der Mitbewerber kennengelernt und wir hatten alle einen ganz entspannten, fast schon freundschaftlichen Kontakt untereinander. Mit Dirk T., der für CIC Video, eine der Major Companies arbeitete, bin ich oft zusammen zu den Kunden gefahren, auch wenn das von den Vertriebsleitern und Geschäftsführern nicht gerne gesehen wurde. Andreas H. wurde kurze Zeit später der Nachfolger von Dirk, der sich innerhalb von CIC nach oben verbesserte. Zu Andreas hatte ich von Anfang an einen guten Draht und mit der Zeit wurden wir Freunde, die auch privat sehr viel Zeit mitander verbrachten. Durch ihn habe ich dann auch den Rest der CIC Truppe kennengelernt, unter anderem den Vertriebsleiter, Bernd S., der später noch maßgeblich auf meinem weiteren Werdegang Einfluß nehmen sollte. Noch heute denke ich aber auch noch oft an die anderen Kolleginnen und Kollegen aus dieser Zeit, egal, ob sie bei einem Major Anbieter, bei einem Independant, oder bei einem der zahlreichen Hardcore (Porno) Labels arbeiteten, wir unterstützten und halfen uns gegenseitig, ohne das irgendwer dabei zu kurz gekommen wäre.

Wenn mir Ende 1987 jemand gesagt hätte, dass noch eine Steigerung in meinem Berufsleben möglich ist, den hätte ich ausgelacht. Zugegeben, ab und zu habe ich schon mal mit einem Job bei einem der 5 Major Anbieter (RCA Columbia, CBS Fox, Warner, CIC, Walt Disney) geliebäugelt, aber ich war mehr als zufrieden bei Ascot Video und habe mich deshalb auch nie ernsthaft anderweitig orientiert. Leider ging es mit dem Programm der Ascot Video immer mehr bergab und damit natürlich auch mit dem Verdienst. Monate mit 5- stelligen Gehältern gab es nicht mehr, trotzdem konnte man noch gut mit dem Gehalt auskommen. Spätestens jetzt zahlte es sich aus, dass ich in den erfolgreichen und finanziell so lukrativen Anfangsmonaten auf dem Teppich geblieben war.

Ostern 1988 hatte man mir mein Auto, dass ich gerade erst mit einem sündhaft teuren C-Netz Autotelefon aufgerüstet hatte, vor der Haustür zu Schrott gefahren. Totalschaden mit Fahrerflucht, der Täter wurde nie ermittelt. Da ich nicht unbedingt wieder einen Mazda fahren wollte, bin ich mit einem befreundeten Videothekar, der zu dem Zeitpunkt noch mit „meiner“ Michaela verheiratet war, zum BMW Hammer nach Raderthal gefahren. Mir war BMW schon immer lieber, als Mercedes, oder Porsche und jetzt wollte ich mir endlich auch diesen Traum erfüllen. Es wurde ein 323er BMW, der erst bei Tempo 240 abschaltete. Nach Opel Kadett, VW Käfer und Mazda Diesel hatte ich jetzt so eine Rakete unterm Hintern. Meine Beliebtheit bei den Frauen stieg schlagartig an, was aber sicher mehr an meiner humorigen, liebenswerten und großzügigen Art lag. Man(n) weiß ja, dass für Frauen nur die inneren Werte bei der Partnerwahl zählen 😉

A propos Frauen. Ich war seit 1983 mit Marion zusammen, die ich nach meiner Bundeswehrzeit bei Schneider & Söhne kennengelernt hatte. Partnerschaft konnte man das aber schon nach einem knappen Jahr nicht mehr nennen. Es war eine klassische On-Off Beziehung geworden und in den Off Phasen hatte ich zumeist andere Liebschaften. Trotzdem kamen wir irgendwie nicht ganz auseinander und haben immer wieder versucht etwas zu retten, was schon lange nicht mehr zu retten war.

Mein Gehalt besserte sich wieder, als Ascot Video im Frühjahr 1988 den Vertrieb von Beate Uhse übernahm, die sich bis dahin nur um ihre eigenen Sex Shops gekümmert hatten und deren Filme in den Videotheken so gut wie gar nicht vorhanden waren. Zum Start und um die Mannschaft kennenzulernen, hatte uns Uli R., der Sohn von Beate Uhse, nach Flensburg, in dem Firmensitz war, eingeladen. Es wurde eine Tagung, die ich nie vergessen werde, auch wenn sie mich beinahe meinen Job gekostet hätte.

Nach einem Rundgang durch die Büroräume und einem leckeren Abendessen, zu dem die ersten Pils gereicht wurden, ging es zu Uli R. nach Hause. Er bewohnte ein riesiges Anwesen mit Blick auf die Flensburger Förde und ich habe später nie wieder so viel Luxus auf einem Haufen gesehen. Beate Uhse, die ihr eigenes Haus auf diesem Anwesen hatte, gesellte sich dann in dem Fußballplatz großen Wohnzimmer und erzählte uns ein paar Anekdötchen aus ihrem bewegten Leben. Sie war eine faszinierende Persönlichkeit, mit einer ungeheuren Ausstrahlung und einer ganz bescheidenen, liebenswerten Art. Selten hat mich ein Mensch auf Anhieb so beeindruckt, wie diese kleine, zierliche, fast schon zerbrechlich anmutende Frau, die sich ihr Imperium mühsam und aus eigener Kraft erarbeitet hatte.

Ihr Sohn Uli war dagegen das genaue Gegenteil. Nach dem Motto „was kostet die Welt“ erzählte er uns nur zu gern von seinem Luxus und von den Poker Nächten in Los Angeles um Filmlizenzen mit Mike Hunter und Werner Ritterbusch (RiBu Video).

Je später der Abend, umso voller die Gäste, so war es auch bei uns. Die für den nächsten Morgen angesetzte Verkaufsschulung war noch weit weg und die Geschichten von Uli R. viel zu spannend und lustig, um sich schon zu verabschieden. Zumindest ein letzter Drink war für jeden von uns noch drin und den kredenzte uns dann Uli R. persönlich, in dem er ein großes Glas bis fast an den Rand mit Wodka füllte und noch einen kleinen Spritzer Lemon dazu gab. Schließlich hatte er die Abende mit Hunter und Ritterbusch auch so beendet.

Ich weiß noch, dass ich mein Glas leer getrunken habe, aber weder wie ich ins Hotel, auf mein Zimmer und ins Bett gekommen bin. Meine nächste Wahrnehmung war ein wütender Lothar B., der in meinem Zimmer das Fenster aufriss und mich anraunzte gefälligst meinen Ar… aus dem Bett zu bewegen, weil die Tagung längst begonnen hätte.

Von meinem Restalkohol hätte jede Heilsarmee eine Weihnachtsfeier veranstalten können und ich habe mich später noch oft gefragt, wie ich es überhaupt so schnell in den Tagungsraum geschafft habe. Mein Kollege, der sich ebenfalls den Absacker gegönnt hatte, wurde den ganzen Tag nicht mehr gesehen und kam erst am frühen Abend aus seinem Zimmer, gerade noch rechtzeitig, um den Bus nach Flensburg zu erwischen, der uns zum Bahnhof bringen sollte.

Zu allem Überfluß, vielleicht war es auch so geplant, hatten mein Kollege Hans Oscar und ich ein Abteil mit Herrn Büscher und Werner B., unserem Vertriebsleiter. Ich bin eigentlich eher ein sehr Hitzeempfindlicher Mensch, aber auf der Zugfahrt von Flensburg nach Essen habe ich jämmerlich gefroren, so eiskalt war die Stimmung in unserem Abteil und wenn Blicke wirklich töten könnten, hätten weder Hans noch ich die Fahrt überlebt.

Drei Wochen später kam eine Abmahnung. Ich hätte dem Ansehen von Ascot Video geschadet und man würde sich, sollte auch nur noch die kleinste Kleinigkeit vorfallen, fristlos von mir trennen.

Mir ging natürlich gehörig die Muffe und ich habe die nächsten Wochen fast rund um die Uhr gearbeitet. Morgens um 9 Uhr war ich beim ersten Kunden zu Hause in Neuwied und um 0:30 Uhr bin ich vom letzten Kunden in Koblenz wieder Richtung Köln gefahren. Dazwischen lagen 15 Kundenbesuche. Ich wollte meinen Fehler um jeden Preis wieder gut machen.

Herr Büscher hat die Vorfälle von Flensburg nie wieder erwähnt, was ich ihm sehr hoch anrechne. Ich mag Menschen, die Fehler verzeihen können und nicht ständig nachkarten müssen.

Im Herbst 1988 war wieder Messezeit in Wiesbaden und dieses Mal hatte auch Beate Uhse einen Stand (es heißt wirklich „Stand“ und nicht „Ständer“, wie man(n) vielleicht vermuten könnte). Die Major Spielfilmanbieter waren zwar nicht gerade begeistert, dass die Hardcore Anbieter auch auf der Messe vertreten waren, aber schon damals verdienten die Videothekar mit diesen Filmen richtig gutes Geld und subventionierten damit sogar die teilweise extrem hohen Einkaufspreise der Spielfilm Anbieter. Filme wie „Crocodile Dundee“ von CBS Fox, oder „Platoon“ von RCA Columbia hatten sogar gerade die 300,- DM pro Cassette Grenze geknackt. Branchen Primus war nach wie vor CIC Video, bei denen der Top Titel für 70,95 DM erhältlich war und die dementsprechend auch vom Handel unterstützt wurden.

Ascot Video hatte sich längst von seinem „Concept 1000“ wieder verabschiedet, die Titel waren auf Dauer viel zu schwach, um so ein Kopientiefe Modell aufrecht zu erhalten. Die Resonanz an unserem Stand war 1988 auch nicht gerade groß, es fehlte der große Blockbuster und so manch ein Videothekar hatte uns auch nicht vergessen, dass er beim „Concept 1000“ übergangen worden war.

Dafür war bei Beate Uhse um so mehr los. Uli R. hatte sich nicht lumpen lassen und mit Ginger Lynn sogar einen Hardcore Superstar aus den USA einfliegen lassen. Es gab Autogrammstunden, bei der man sich auch die, mit einer Polaroid Kamera gemachten, Fotos mit ihr signieren lassen konnte. Ginger lächelte tapfer, obwohl man ihr ansehen konnte, dass sie von dem Andrang genervt war und ihr das Verhalten einiger Videothekare, die meinten sie betätscheln zu müssen, überhaupt nicht behagte. Bei einer dieser Autogrammstunden durfte ich ihren „Bodyguard“ mimen und sollte aufpassen, dass alles gesittet ablief. Plötzlich wurde der Vorgang der provisorisch hergerichteten Bühne zugezogen, irgendjemand rief „so, Ginger macht jetzt Pause, um 16 Uhr geht’s weiter“ und ich stand mit ihr alleine da. Wie soll man(ni) da cool bleiben?

„Would you like a coffee?“ habe ich in meinem bestem Schulenglisch gestammelt und gleichzeitig gehofft, dass man sie nicht so schnell zum Essen abholen würde.  Ginger nickte nur, ich besorgte 2 Tassen Kaffee und dann habe ich ungefähr 30 Minuten an einem winzig kleinen Tisch mit ihr gesessen, Kaffee getrunken, geraucht und Smalltalk gehalten. Sie hatte 2 Schwestern, die ebenfalls Pornofilme drehten und alle drei wurden von ihrem Vater gemanaged. Ich berichtete ihr von meiner Stammkneipe und dem Kegelclub, den wir kurz vor der Messe gegründet haben. Komisch, wenn ich die Geschichte später jemand erzählt habe, wurde ich jedes mal ausgelacht. „Typisch Manni, da sitzt der ganz alleine mit so einer Zuckermaus und erzählt ihr was von seiner kegelnden Stammkneipe“ 😉 Naja, meine Chancen waren wohl eh sehr gering, aber wer weiß, ob sie sich 2 Jahre später wirklich mit Charlie Sheen verlobt hätte, wenn mir ein besseres Gesprächsthema eingefallen wäre.


Traumpaar 1988, Ginger Lynn und ich 🙂

Irgendwann nach der Messe hatte ich ein Gespräch mit Bernd S., der mich fragte, ob ich mir einen Wechsel zu RCA Columbia vorstellen könnte. Sein Freund Niels J., der Vertriebsleiter der RCA suchte einen Außendienstmitarbeiter für das 4er Postleitzahlgebiet und Bernd hatte mich ihm empfohlen. Nach kurzer Überlegung habe ich mich dann schriftlich bei RCA Columbia beworben und zwei Wochen später hatte ich schon einen Termin zum Vorstellungsgespräch mit Niels J. Er war geschäftlich in Köln und wir trafen uns im Hotel Interconti. Nach zwei Stunden war klar, dass ich zum 01. Januar 1989 zu RCA Columbia wechseln und wieder ins Angestelltenverhältnis zurückkehren würde.

Zur nächsten Ascot Video Tagung in Essen nahm ich meine Kündigung mit und weihte zwei Kollegen in meine Trennungspläne ein. Leider hatte ich die Rechnung ohne meine Kollegen gemacht. Als sich zu vorgerückter Stunde und den ersten 10 Pils rundgesprochen hatte, dass ich die Ascot Video verlassen möchte, versuchten die Kollegen mir das wieder auszureden. Hier ein Bier, da ein Schnaps, Schulterklopfer und “Manni du bist der Beste” Sprüche wechselten sich ab und ich geriet nicht nur wegen Bier und Schnaps ins wanken.

Werner B., der Vertriebsleiter, hatte uns auf der Tagung das Programm für 1989 präsentiert und die Rückkehr zu hohen Gehältern versprochen. Letztlich gab aber einzig und allein mein Gewissen den Ausschlag, dass ich meine Kündigung wieder mit nach Hause nahm und Niels J. telefonisch mitteilte, dass ich aus meinem Vertrag bei Ascot Video nicht rauskomme. Ich habe mir eingeredet, dass ich Herrn Büscher nicht schon wieder enttäuschen könne und es ihm sogar schuldig bin dabeizubleiben. Diese Einstellung bzw. falsche Rücksichtnahme hat mich durch mein ganzes Leben begleitet. Egal was war, ich habe die Schuld zuerst bei mir gesucht und nur darüber nachgedacht, wie ich den anderen zufriedenstellen kann. Das ich selbst dabei auf der Strecke blieb, war und ist mir bis heute egal.

Drei Monate später, im Frühjahr 1989, hatte ich meine Entscheidung bereits bitter bereut. Die ersten Ascot Video Titel waren allesamt Flops im Verleih und am Ende des Monats kamen Schecks unter 1.000,-DM aus Essen. Zum leben zu wenig, zum sterben zu viel. Die Kollegen, die mir eben noch eingeredet haben, dass ich bei Ascot Video besser aufgehoben bin, als bei RCA Columbia riefen mich an und entschuldigten sich.

In meinem Frust und meiner Verzweiflung rief ich bei Niels J. in München an und erzählte ihm ganz offen von meiner aktuellen Situation und das ich mit meiner Absage wohl den Fehler meines Lebens gemacht hätte. Später erzählte er mir mal, dass ihn mein Anruf sehr imponiert habe. „Ich mag Menschen, die Fehler zugeben, dazu stehen und sich sogar entschuldigen können.“ Den Satz habe ich danach immer wieder mal zu hören bekommen, gebracht hat mir meine positive Charaktereigenschaft aber nie etwas. Im Gegenteil, in den meisten Fällen kamen eher die durch, die sich mit Lügen aus kritischen Situationen herausmanövrierten. Der Ehrliche ist und bleibt nun mal der Dumme und mir soll auch niemand mehr erzählen, dass sich das im Laufe eines Lebens ausgleicht.

Die Außendienst Position war natürlich längst anderweitig neu besetzt, aber Herr J. versprach mir sich zu melden, sobald etwas frei würde.

Die Situation bei Ascot Video wurde nicht besser und die ersten Kollegen hatten sich schon verabschiedet, weil sie finanziell nicht mehr klarkamen. Auch ich machte mir Gedanken, wie es weitergehen soll, als sich das Glück doch nochmal auf meine Seite schlug. Niels J. meldete sich telefonisch bei mir und fragte tatsächlich, ob ich mir vorstellen könnte, am 1. Januar 1990 zu RCA Columbia zu wechseln? „Unser Geschäftsführer, Herr M., möchte sie gerne kennenlernen, wann können sie nach München kommen?“ Ich hätte die ganze Welt umarmen können und versuchte mich zumindest so weit zu beruhigen, dass ich mit meinem Freundenschrei nicht sein Trommelfell zum platzen bringe.

Ich: „Wäre nächste Woche ok, Herr J.?“

N.J. „Nö, geht’s nicht auch morgen?“

Ich: „Äh, doch, das müsste klappen.“

N.J. „Ok, dann gehen sie gleich ins Reisebüro und buchen für morgen früh einen Flug nach München, ich erwarte sie bis 12 Uhr in meinem Büro. Ach ja, und bringen sie uns bitte die Rechnung für die Flüge mit, wir kommen selbstverständlich dafür auf.“

Noch nie ist ein Mensch so schnell in ein Reisebüro geflitzt, wie ich nach dem Telefonat mit Niels J. und ein paar Stunden später saß ich im Flieger nach München.

Das Gespräch mit Niels J. und später auch mit dem Geschäftsführer Bernhard M. verlief ganz entspannt. Irgendwann kam die obligatorische Frage, warum ich denn zu RCA Columbia wechseln möchte?

Die Antwort auf diese Frage hatte ich mir in den Stunden vorher schon überlegt und erklärte den beiden Herren jetzt mit dem allergrößten Selbstvertrauen:

„Nun, RCA ist …“

STOP, fielen mir beide mit einem noch viel größeren Selbstvertrauen, aber auch einem verschmitzen Lächeln im Gesicht ins Wort.

„Sagen sie bitte RCA Columbia, so viel Zeit muss sein.“

Jetzt wisst ihr auch, warum ich in meiner Geschichte immer RCA Columbia geschrieben habe. Es war, als hätte sich die genaue Firmenbezeichnung in dem Moment in mein Gehirn gebrannt hat, als ich sie aus dem Mund des Geschäftsführers zum ersten Mal gehört habe.

Herr M. verabschiedete sich dann kurze Zeit später und Niels J. fragte mich, ob er sich denn diesmal darauf verlassen könne, dass ich am 1. Januar 1990 auch wirklich anfange.

Mit dem Hinweis darauf, dass man solch schwere Fehler nur einmal im Leben machen sollte und dass ich mich riesig auf die Zusammenarbeit freuen würde, wollte ich mich verabschieden und nach Köln zurückfliegen.

„Mooooooment“ Herr J. drückte auf einen Knopf seiner Gegensprechanlage. „Frau K., bringen sie mir doch bitte den Vertrag von Herrn Schmitz“

Frau K. legte mir den Vertrag auf den Schreibtisch, drückte mir einen Kuli in die Hand und Niels J. sagte, mit dem coolsten Lächeln:

„Unterschreiben, nochmal gehen sie mir nicht von der Fahne“.

Den Rückflug nach Köln hätte ich eigentlich gar nicht gebraucht. Ich schwebte eh über den Wolken, als ich die Büroräume meines neuen Arbeitgebers verließ, aber selbst wenn mir jemand gesagt hätte, dass ich zu Fuß nach Hause gehen muss, wäre ich ohne zu murren losgestiefelt.

Am 1. Januar 1990 begann die schönste Zeit meines Lebens, aber diese Geschichte erzähle ich euch beim nächsten Mal.

6 Kommentare zu “Biografie – Teil 3 – mein Hobby wird zum Beruf

  1. Boh ej, absolut klasse geschrieben. Und Du hast so viel erlebt. Ich habe ja schon ein gutes Gedächtnis, aber Deins ist noch viel besser, Respekt. Ich habe das alles ähnlich erlebt. Ich habe bei der UfA Dezember 1986 angefangen, nachdem die sich von Büscher Film getrennt hatten. Ich war seit 1980 in der Branche, aber im Video Großhandel und ein paar Jahre als Geschäftsführer einer Videothekenkette. Gehalt war sehr gut. Als Festangestellter mit Firmenauto, Spesen und einem irren Garantiegehalt bei der UfA explodierte auch bei mir alles. Die Branche, die Menschen, die Messen, die Feste, es war alles unglaublich, ein Traum. Ein normal Bürger kann sich das nicht vorstellen. Jeden Monat nur für uns Assendienstler 2 Tagesevents um uns die neue Filmstaffel vorzustellen. Dann Events um den Kunden die neuen Flime vorzustellen, natürlich haben wir uns da dann auch gegenseitig eingeladen. Messe, 5 oder 7 Tage, jeden Abend irgentwo Party, alles umsonst. Mindestens ein Viertel der Partyleute kannten wir. Gearbeitet haben wir allerdings auch viel, das machte auch noch riesen spaß. Unter 10 bis 12 Stunden pro Tag habe ich selten aussendienst gemacht, ohne das es gefordert wurde. Und viele der Kollegen, selbst der Konkurenz waren klasse, Freunde, jahrelang. Irgentwie hatten wir ein blindes Verständnis gegeneinander, konnten uns Aufeinander verlassen. Meine Highlights waren immer unsere gemeinsamen Treffen zum Essen, nur unter uns, niemand Verstand uns, aber wir: Manni, Ellen, Doris, Heino, Jo, Heike, ich, und ?

  2. Bernd W. Schulte

    Manni, das liest sich nicht nur gut, es entspricht auch total der damaligen Zeit der Videokassette und der späteren DVD. VHS, Beta und Video 2000 waren ein muss!
    Unsere DM 70,95 für Toptitel haben uns von der CIC auch bekanntlich jahrelang den IVD Anbieterpokal gebracht.
    Patzer unserer seits ( CIC ) wurden immer im Vorfeld bei der IVD ( Heumann, Lackhoff, Charly etc ) mit Remy beseitigt.
    ( nicht lösbare Schrauben in VHS Kassetten die kleben von
    Bändern verhinderten.) Eigene Vorzeigevideotheken.
    Dich hätte ich auch sehr gerne in meinem Team gehabt,
    aber Du weisst es, ich hatte in meiner Zeit bei der CIC die beste Crew in Deutschland! Da war keiner ersetzbar.
    Mach weiter mit Deinem Blogg.
    Als einziger von uns Alten ist Dirk Tavernier noch dabei.
    Dein Bernd
    Bernd W. Schulte wrain10@aol.com

    • Manni Schmitz

      Lieber Bernd,

      vielen herzlichen Dank für Deinen Kommentar, der mir sehr viel bedeutet. Wer weiß, wie alles gekommen wäre, hätte Andreas schon aufgehört, als ich noch bei RCA Columbia war, aber ich habe in all den Jahren, und es wurden fast 20, meine Entscheidung nicht bereut.

      Dirk habe ich kurz vor Weihnachten nochmal angeschrieben, aber seit dem leider nichts mehr von ihm gehört. Bei ihm war es genau umgekehrt. Er wollte mich auch für sein Team haben, aber da war ich noch bei SPHE. Ein Jahr später nahmen die Dinge dann leider, ihren für mich unerfreulichen Lauf und der Job bei WVG war weg.

      Ich wäre auch heute noch in der Branche, hätte mich nicht dieser ******* (zensiert) bei EuroVideo auf so ekelhafte Weise rausgemobbt. Dieser Mann(?) ist schuld, warum es mir heute so mies geht, aber dazu werde ich zu gegebener Zeit noch ausführlich in meinem Blog eingehen.

      Mein lieber Freund, ich wünsche Dir und Bruni von ganzem Herzen viel Glück und immer beste Gesundheit. DANKE für ALLES, was Du für mich getan hast !!

  3. Maria Costantino

    Hammer geschrieben Manni 👍👍👍 musste einfach bis zum Ende lesen, konnte nicht aufhören 😀 mach bloß weiter so 😊

  4. Karin D.

    Danke Manni für diese tolle Geschichte.👍🏼👍🏼👍🏼
    Wie ich schon oft gesagt bzw.geschrieben habe:
    Ich könnte immer weiter lesen.😃
    Bitte mehr davon.😊
    Knutscher 😘

  5. Wow wow wow… hat mich richtig mitgerissen 😊😊😊

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