Kindheit und Jugend

Als Kind war ich sehr schnell mit dem Begriff “Freund”, aber das lag wohl auch mehr daran, dass ich mit dem Ausdruck Kumpel nicht viel anfangen konnte. Den kannte ich bis dato eh nur von Plakaten an Kinos, in die ich nicht reindurfte und in denen ja noch nicht mal die von mir so innig geliebten Filme mit Terence Hill, Bud Spencer, oder Louis de Funès liefen.

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Freundschaften entwickelten sich und brachen aber manchmal auch genauso schnell wieder auseinander. Das ging Ratz Fatz und man brauchte noch nicht mal einen triftigen Grund. Für mich war es aber kein großes Problem, wenn der „Freund“ von heute auf morgen keine Zeit mehr für mich hatte, oder lieber jemand anderen beim Fußballspiel zuerst wählte. Andere machten daraus ein kleines Drama und drohten sogar damit den jetzt für alle Zeiten (Ex)Freund nie mehr von der nach dem Fußball gekauften Limo trinken zu lassen. Schlimmstenfalls musste man sogar damit rechnen, dass man das neue Micky Maus Heft erst dann zu lesen bekam, wenn schon die neue Ausgabe erschienen war.

Ja, so ein Kinderleben konnte schon ganz schön hart sein und man war gut beraten, wenn man sich gleich mehrere „Freunde“ suchte.

Meine Kindheit und Jugend spielte sich komplett in Zollstock ab und drehte sich von Anfang an um den Fußball. Egal, ob bei meinen Großeltern im Garten, im Kindergarten, später auf dem Schulhof der Grundschule in der Bernkasteler Straße, beim Spaziergang mit meinen Eltern, ich habe alles getreten, was halbwegs rund war. Sehr zum Leidwesen meiner Mutter, weil ich ständig meine Schuhe zerlegt habe. Was konnte ich denn dafür, dass die Dinger nicht mal ein paar popelige Steine aushalten konnten. Meine ersten Fußballschuhe, Modell Adidas „Uwe Seeler“ habe ich von meinem Großvater bekommen. Sie waren schwarz, mit den berühmten drei Streifen und dem Aufdruck von „uns Uwe“, der damals noch aktiv für den Hamburger SV in der Bundesliga kickte. Die habe ich getragen, bis selbst der letzte Noppen der Sohle gleichgemacht war. Schuhe mit Schraubstollen habe ich nie gemocht, weil die schrecklich drückten und auch sehr rutschig waren, wenn man damit über die Straße ging, auch wenn sich ihr Klackern sehr professionell anhörte. Platz da, hier kommen die Fußball Stars von morgen.

Gleich um die Ecke der elterlichen Wohnung war der Rosenzweig Schulpark, in dem es zwischen 2 Sandkästen für die ganz Kleinen, eine Betonfläche von ca. 5 mal 10 m gab, die ideal für Fußballspiele, z.B. mit einem Tennisball waren. Für mehr als ein 2 gegen 2 reichte der Platz aber nicht und kamen Jungs, Mädels spielten in meiner Jugend noch keinen Fußball, dazu, wechselten wir halt auf den kleinen Rasenplatz, neben den Sandkisten. Die ganz großen Matches, ab 7 gegen 7, haben wir natürlich auf der Hauptwiese ausgetragen, die genau die Form eines Fußballplatzes hatte. Spielschluß war erst dann, wenn die Turmuhr der Pius Kirche ausgerechnet den nach Hause rief, der den Ball mitgebracht hatte. Ich könnte jetzt sagen, wir hatten ja früher nix, das wäre übertrieben, aber einen echten Lederball hatte noch lange nicht jeder. Außerdem waren die Bälle zu meiner Zeit wirklich noch aus einer mit Leder ummantelten Gummiblase und wenn man damit eine halbe Stunde im Regen gekickt hatte, musste man sich gut überlegen, ob man den Ball wirklich köpfen, oder über sich hinwegsegeln lassen sollte. Irgendwas von Ratiopharm gab es damals nämlich auch noch nicht.

Übrigens, kaum zu glauben, aber wirklich wahr, schon damals gab es tatsächlich Menschen, die einen Hund besaßen und mit dem durch den Schulpark spazierten. Wenn wir Glück hatten, traten bzw. standen wir nur ab und zu in einer ihrer Hinterlassenschaften, wer Pech hatte, der setzte seine Grätsche leider an der falschen Stelle an, oder fand beim Kopfball genau den Punkt, an dem der Ball vorher durch einen Haufen gerollt war. Zumindest musste derjenige danach aber erstmal keine Zweikämpfe mehr führen und stand auch bei Eckbällen meist ungedeckt vor dem Tor.

Vielleicht war das der Grund, warum wir dann irgendwann zum kleinen Park wechselten. Der war, ganz idyllisch, mitten in einem Wohnblock gelegen und war, zum Leidwesen der Anwohner, fast wie ein Trainingsgelände für Fußball Vereine angelegt. Vor dem Park waren auf jeder Seite drei große Garagen, im Park selbst eine rechteckige Rasenfläche, groß genug, um 5 gegen 5 zu spielen und am Ende des Parks war, im Abstand von ca. 5 m, eine kleine Allee mit Bäumen angelegt, wo man hervorragend beim 1 gegen 1 seine Schusskraft verbessern konnte.


Der Eingang zu unserem Stadion                   unser 1 mal 1 Traingsplatz                              unser Stadion

Wenn heute schon mal Kinder auf dem Innenhof spielen, kann ich mir lebhaft vorstellen, wie sich die Anwohner gefühlt haben müssen, wenn wir da mit 10 Fetzen Fußball gespielt haben.  Damals konnten wir die Aufregung nicht verstehen und wenn sich dann mal jemand vom Balkon aus beschwerte, haben wir 10 Minuten gewartet und dann weitergespielt. Zu unserer Fußballtruppe gehörten Uwe, der eine Wahnsinns linke Klebe hatte, Marcus und Michael, Brüder, die beide schon aktiv für Fortuna Köln in der Jugendmannschaft spielten, Rainer, der eigentlich viel lieber Fahrrad fuhr, Arno, die blonde Rakete, der nicht nur auf Kommando am lautesten rülpsen konnte, sondern auch der mit Abstand schnellste von uns war. Deshalb entschied er sich auch früh gegen den Fußball und für eine Leichtathletik Karriere beim ASV Köln, Norbert, den wir „Aua“ nannten, weil er immer schon schrie, bevor ihn einer berührte und Georg, der später leider in die Alkohol- und Drogenszene abrutschte und viel zu früh verstarb. Ab und zu kamen noch Mette, der mit seinen Eltern gerade erst nach Zollstock gezogen war und inzwischen leider auch verstorben ist, Juppi, der schon damals ein sehr guter Fußballer war und vom kicken nicht genug bekommen konnte, sein jüngerer Bruder Michael, genannt Mennie, die Rothaarigen Brüder André und Jochen, oder Bernhard dazu. Wir hatten zwar noch einen anderen Norbert in unserer Clique, aber der traute sich nur selten in den kleinen Park, was wohl daran lag, dass sein Vater der Gärtner der Anlage war. Außerdem war Norbert ein großgewachsener, waschechter Fuss (Hochdeutsch: Rothaariger), der allein dadurch schon aus der Menge herausstach und auch jedes Mal sofort von seinem Vater identifiziert wurde.

Mit der Zeit kannten wir das Knattern seines Mopeds und wenn irgendjemand rief „de Jääsch kütt“ (Hochdeutsch: der Gärtner kommt), schnappten wir uns unsere Pullis und T-Shirts, die als Torpfosten dienten und versteckten uns in den Büschen. Nach kurzer Zeit hatten wir darin eine richtige Routine entwickelt und der liebe Herr K. sah dann erstmal nur (s)einen leeren Park. Dazu muss man wissen, dass das kleine, Schmiedeeiserne Tor zum kleinen Park fast immer verschlossen war, was aber für uns nun wirklich kein großes Hindernis war. Wir haben uns nebenan am Mäuerchen hochgezogen und waren so wahrscheinlich schneller im Park, als wenn wir durch das Tor gegangen wären. Je nachdem, wie viel Arbeit Herr K. zu erledigen hatte, mussten wir unsere Deckung natürlich schon mal aufgeben, waren aber auch darin sehr einfallsreich. Wir schlichen uns hinter der großen Hecke zurück zu den Garagentoren und sind dann da über die Mauer geklettert. Das war zwar etwas kniffliger, weil auf der Mauer ein Stacheldrahtgitter befestigt war, aber meistens ging es gut und wenn nicht galt die Zeile aus dem Bläck Fööss Hit “In unserem Veedel”: die Bühle un Schramme, die flick mer zesamme, dann isset vorbei” (Hochdeutsch: die Beulen und Schrammen, die flicken wir zusammen, dann ist es vorbei/wieder gut).

1972 hatte ich meinen Vater dann endlich so weit, dass er mich zu einem Probetraining bei Fortuna Köln anmeldete. Mein Trainer war Heinz Tauer, ein knorriger, alter, aber sehr liebenswerter Mann, sein Co Trainer der Herr Molitor, dessen Sohn Willi bereits in der D2 Jugendmannschaft kickte. Das Probetraining habe ich erfolgreich absolviert, kurz danach bekam ich meinen Spielerpass und war ab sofort Spielberechtigt. Jetzt erklär bitte mal jemand einem  11- jährigen Heißsporn, dass er zwar Spieler der D2 Mannschaft von Fortuna Köln ist und auch einen gültigen Spielerpass besitzt, das aber noch lange nicht heißt, dass er damit auch gleich einen Stammplatz innehat. Trainer Tauer hat mich zwar hin und wieder eingewechselt und auch mal von Beginn an spielen lassen, wenn der etatmäßige Mannschaftskamerad verletzt war, aber mir war das zu wenig. Ein ¾ Jahr später waren wir zu einem Hallenturnier nach Bremen eingeladen und ich durfte nicht mit, weil in der Halle nur mit 6 Mann gespielt wurde und man auch nicht so viele Autos auf die Reise nach Bremen schicken wollte. Diesen impertinenten Affront konnte ich mir natürlich nicht bieten lassen und bin wieder ausgetreten. Den feinen Trainingsanzug und den Lederball, den wir kurz vorher vom Verein auf der Weihnachtsfeier geschenkt bekommen hatten, habe ich natürlich nicht zurückgegeben. Was kann ich denn auch dafür, wenn die ein Jahrhunderttalent wie mich nicht zu schätzen wissen? 😉

Leider war damit auch meine Vereinskarriere zu Ende, bevor sie überhaupt richtig begonnen hatte. Zu Rot Weiß Zollstock wollte ich nicht, die hatten in dieser Zeit nicht gerade einen guten Ruf und für den 1.FC Köln war ich nicht gut genug. Also habe ich weiter im Park gekickt, was ich nie wirklich bereut habe. Wenn ich sehe, welchem Druck die Spieler heute ausgesetzt sind und welche Anforderungen an sie gestellt werden, dann war meine Entscheidung genau die Richtige.

An meine Schulzeit auf der Realschule Brüggener Straße erinnere ich mich mit sehr gemischten Gefühlen. Ich hatte schon damals eine große Klappe, die bei Lehrern und Mitschülern nicht immer gut ankam. Mit den ganzen Tadeln, die ich für mein Verhalten bekommen habe, könnte ich so manches Zimmer tapezieren und ehrlich gesagt, waren sie auch fast alle berechtigt, bis auf den einen, den ich in meinem ganzen Leben nicht mehr vergessen werde. In unserer Klasse gab es einen Jürgen, den wir, warum auch immer, Bratze nannten und der brachte eines Tages einen Postsack mit zur Schule. „Da stecken wir nachher den Schmitz rein“. Clemens und Ralf, zwei Klassenkameraden, mit denen ich mich eigentlich gut verstanden habe, packten mich dann tatsächlich nach der Pause, Bratze stülpte den Sack über mich und verschnürte ihn. Ich habe mich zwar nach Leibeskräften gewehrt, aber gegen drei Mann war da nicht viel auszurichten und der Rest der Klasse johlte lieber, als mir zu helfen. Als unsere Klassenlehrerin, Frau Zilleken, reinkam, lag ich jedenfalls zappelnd im Postsack auf ihrem Pult. Die Gute hat mich dann zwar aus meiner misslichen Lage befreit, aber als ich dann abgekämpft und mit hochrotem Kopf auf meinen Platz ging, traute ich meinen Ohren nicht. Ich bekam tatsächlich den Tadel für die Aktion. Ins Klassenbuch hat sie dann eingetragen: „Manfred Schmitz legt sich zur Belustigung der Klasse in einen Postsack“. Clemens und Ralf haben sich dann später bei mir entschuldigt und gleichzeitig bedankt, dass ich sie nicht verpfiffen habe. Von „Bratze“ kein Wort und vielleicht war der Typ auch deshalb für mich von da an ein rotes Tuch.

Auf der anderen Seite gibt es aber auch sehr viele positive Geschichten und noch mehr Anekdoten aus meiner Schulzeit. Es gab ein paar sehr hübsche Mädchen in unserer Klasse, bei denen ich aber mit meinen Flirtversuchen immer wieder gnadenlos gescheitert bin. Erst Patrizia hat sich meiner erbarmt und tatsächlich Ja gesagt, als ich sie gefragt habe, ob sie mit mir „gehen“ will. Sowas ist heute unvorstellbar, zu der Zeit war es absolut üblich. Aus Patrizia und mir ist leider nichts geworden. Dabei habe ich all meinen Mut und jugendlichen Charme zusammengenommen, sie bestimmt 5 Tage hintereinander zur Straßenbahnhaltestelle am Zollstockgürtel begleitet, bin sogar noch extra eine Station mitgefahren, schwarz natürlich und habe ihr dann die Frage aller Frage im rausspringen ins Öhrchen geflüstert. Ihr Ja habe ich aber trotzdem deutlich vernommen. Das wars dann aber leider auch mit meinem Mut. Die ganze nächste Unterrichtswoche bin ich ihr aus dem Weg gegangen, bis sie mich dann irgendwann doch erwischte und nur kurz und knapp sagte „ich mache Schluss“. Den Rest der Schulzeit habe ich es dann lieber bei heimlichen Schwärmereien für z.B. Petra, Susanne und Monika belassen. Stellt euch vor, von denen hätte auch eine Ja gesagt, dann wäre ich mit meinem Latein aber komplett am Ende gewesen 😉

Meine Schulzeit endete 1977 mit der Mittleren Reife. Wie ich die, ohne eine Klasse wiederholen zu müssen, geschafft habe, kann ich mir bis heute nicht erklären. Um es ganz offen und ehrlich zu sagen, war ich eine faule Sau in der Schule und meine Freizeit, besonders der Fußball, war mir wichtiger. Meine Eltern haben zwar versucht, das zu korrigieren, in dem sie diverse Stubenarreste, TV Verbote und andere unsinnige Strafen verhängt, oder mich bei den Hausaufgaben beaufsichtigt haben, aber viel genützt hat das leider auch nicht. Fast hätte es mich auf den allerletzten Drücker doch noch erwischt. Im letzten Halbjahr stand ich in Französisch und Chemie zwischen 4 und 5 und hatte eine 5 in Mathematik schon sicher. Die Chemielehrerin, Frau Büren, meinte dann mir zumindest noch eine Nachprüfung reindrücken zu müssen. „Wenn du von Frau Zilleken in Französisch eine 4 bekommst, gebe ich Dir in Chemie die 5, umgekehrt bekommst du in Chemie eine 4, wenn Französisch eine 5 wird“. Leider hat die gute Frau die Rechnung ohne meine Mutter gemacht, die gleich in die Schule geflitzt ist und meiner Klassenlehrerin von diesem „Deal“ zu erzählen. Dank dem Verhandlungsgeschick meiner Frau Mama und dem Umstand, dass ich zum 01.09.77 einen Ausbildungsvertrag sicher hatte, bekam ich sowohl in Französisch, als auch in Chemie eine 4 und bin, statt für die Nachprüfung zu büffeln, für 6 Wochen zu Tante und Onkel nach Kanada geflogen. Danke Mama 😉

6 Kommentare zu “Kindheit und Jugend

  1. Ach Manni warum war ich nicht in deiner Klasse….meine war sehr langweilig also so einen Manni wie dich hatten wir nicht.Aber die Lehrer sagen mir was..aber nichts gutes😀😀 ich hab nur den Klemm und klöden gut gefunden.War froh wie ich da raus war.

  2. Da stimmt wieder alles, sehr kurzweilig geschrieben, das ist aus dem Herzen geschrieben, klasse. Nur eine Kritik möglich: Du schreibst: “Wenn ich sehe, welchem Druck die Spieler heute ausgesetzt sind und welche Anforderungen an sie gestellt werden, dann war meine Entscheidung genau die Richtige. 1972? bis jetzt?” Selbst wenn Du eine Fussballkariere gestartet hättest, müßtest Du den Druck heute nicht mehr aushalten, Du würdest mit dem Flohe in den Zuschauerrängen sitzen und rummeckern wie Stadtler und Walldorf.

  3. Manni Schmitz

    Du hast Recht, ich bin 8 Tage jünger, als Lothar Matthäus, hätte also den Druck von heute gar nicht mehr mitbekommen, zumindest nicht als aktiver Spieler. Glaub mir, ich würde liebend gerne mit Heinz Flohe auf der Tribüne sitzen und die Muppets Opas kopieren, aber leider ist Flocke 2013 verstorben und ich weiß nicht, ob man uns von der Himmelstribüne noch hören würde.

  4. Sylvi Matuschek

    Wieder toll geschrieben……hoffe ich träume nicht wieder von dir 😂😂😂 War nicht noch der Juppi Kastenholz beim Fußball am kleinen Park dabei?
    Auf jeden Fall hab ich gestern den ganzen Resttag gegrübelt, wie sie alle hießen 🙃

    • Manni Schmitz

      Danke für die lieben Worte 🙂 Der Juppi und auch sein Bruder Michael “Mennie” waren ab und zu auch im kleinen Park dabei, aber mehr noch später in der Gaffel und beim Fußball im Raderthaler Park. Ich habe sicher noch den einen oder anderen vergessen, werde die aber nach und nach noch dazuschreiben. Wünsche angenehme Träume 🙂

  5. Deine Kindheit klingt so fröhlich, ich lasse mich gerne davon anstecken 😊

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