Depression – der Anfang – Teil 2

Je mehr Kontakt wir hatten, umso mehr merkte ich, dass ich auf dem besten Weg war mich zu verlieben. Abends saß ich neben dem Telefon und hoffte auf ihren Anruf, oder das mir ein guter Grund einfiel sie anzurufen. Kam ich aus einem Kundengespräch zum Auto zurück, war mein erster Blick auf das Handy, ob vielleicht eine SMS von ihr angekommen war, die ich dann immer gleich beantwortet habe.[Weiterlesen]

Bevor wir aber endgültig und offiziell zusammen sein konnten, mussten wir noch eine Prüfung überstehen. Michaela war gut mit ihrem Ex Freund befreundet. Eigentlich war es sogar ihr Ex Ex Freund, denn sie waren schon fast ein Jahr auseinander und sie hatte danach noch eine Affäre mit einem Animateur, den sie im Urlaub kennengelernt hatte.

Von Detlef war sie also schon länger getrennt und die 2 hatten auch nur noch sporadisch Kontakt. Irgendwann, als sie noch ein Paar waren, hatte er ihr ein verlängertes Wochenende in Wien geschenkt und das wollte Michaela nun gerne noch einlösen. Sie fragte mich zwar, was ich davon halten würde, ich hatte aber nicht das Gefühl, dass sie es abgesagt hätte, wenn ich etwas dagegen gehabt hätte.

Sie flogen dann irgendwann an einem Freitag morgen von Köln Wahn nach Wien und ich genoss das freie Wochenende mit meinem Sohn.

Gleich nach ihrer Rückkehr am Sonntag kam sie zu mir und von diesem Moment an waren wir zusammen. Sie hatte mich genauso vermisst, wie ich sie, hatte ständig an mich gedacht, wie ich auch an sie, wir waren jetzt beide frei von irgendwelchen Altlasten und Verpflichtungen, also ideale Voraussetzungen für eine funktionierende Partnerschaft.

Es folgte die schönste Zeit meines Lebens. Michaela und ich waren ein Herz und eine Seele und haben in wirklich jeder Beziehung perfekt harmoniert.

Zu ihrem Geburtstag am 10. Juli, habe ich ihr Karten für „Riverdance“ geschenkt, wir sind nach Duisburg gefahren und haben uns „Les Miserables“ angesehen, waren ein Wochenende in Stuttgart im Musical „Miss Saigon“. Die Karten hierfür hatte ich als Treuegeschenk von Premiere bekommen. Damals legte man da noch Wert auf Bestandskundenpflege, heute muss man nur regelmäßig kündigen, um die besten Angebote zu erhalten.

Kurz vorher, am 28.06.1997 bin ich mit Michaela nach Hamburg gefahren. Des einen Freud, des anderen Leid, hatte ich dieses Wochenend Arrangement einer guten Freundin abgekauft. Es war ein Weihnachtsgeschenk ihrer Tochter und ursprünglich für sie und ihren damaligen Partner gedacht. Leider erwies der sich als nicht gerade treu, wenn er auf einer seiner vielen Geschäftsreisen war und deshalb hatte M. sich von ihm getrennt. Das Datum weiß ich deshalb noch so genau, weil in der Nacht von Samstag auf Sonntag der berühmte Boxkampf zwischen Mike Tyson und Evander Holyfield in Las Vegas stattfand, in dem Tyson seinem Kontrahenten aus Wut und Verzweiflung ein Stück vom Ohr abgebissen und in den Ring gespuckt hat. Ich hatte zwar schon oft gehört, dass man jemand ein Ohr abkauen kann, aber mir das doch irgendwie ganz anders vorgestellt 😉

Was ich nicht für möglich gehalten habe, war tatsächlich eingetreten. Ich hatte mich in Michaela verliebt. Der Rest des Jahres war ein einziger Traum, den wir uns selbst, am 28.12.1997, mit unserer Reise auf die Malediven gekrönt haben. Bis dahin kannte ich die Malediven nur aus Reisekatalogen und konnte mir nicht vorstellen, dass es da wirklich so traumhaft schön ist. Meine Erwartungen wurden sogar noch übertroffen. Über Silvester sind wir auf einem Schiff kreuz und quer durch das Nord- und Süd Male Atoll gefahren, waren nachts Hochseefischen, durften beim Diner am Kapitäns Tisch sitzen, haben tagsüber Delfine beobachten können, die unser Schiff immer wieder ein Stück begleiteten und den Jahreswechsel auf einer der vielen einsamen, kleinen Inseln, zusammen mit den wenigen Mitpassagieren und der Besatzung gefeiert. Am 31. Dezember 1997, um 20 Uhr deutscher Zeit, standen Michaela und ich im Indischen Ozean und stießen mit einem Glas Champagner auf das neue Jahr an. Rosamunde Pilcher hätte es nicht kitschiger in ihren Romanen schildern können.

Schon auf dem Rückflug von den Malediven schmiedeten wir Zukunftspläne. Eine gemeinsame Wohnung sollte es jetzt schnellstmöglich werden und wir haben uns noch im Januar 1998 die ersten Wohnungen angesehen, aber leider nichts gefunden, was uns Beiden gefallen hätte.

Ich konnte es Michaela damals nicht erklären und kann es mir bis zum heutigen Tag nicht erklären, aber ich fing plötzlich an in mein altes Leben zurückzufallen. Kurz vor unserem Malediven Urlaub hatte ich mir meinen ersten PC, incl. einem Modem für die Internetanbindung zugelegt. Das war eine völlig neue Welt. Bis dahin hatte ich alles, was mit Technik zu tun hatte gemieden, wie der Teufel das berühmte Weihwasser, aber dieses Internet faszinierte mich auf eine eigentümliche Weise. Ich besorgte mir Fachliteratur, Zeitschriften, in denen Internetseiten angepriesen wurden, die man natürlich unbedingt besuchen musste und ich landete so natürlich auch irgendwann in einem Chatroom.

Zuerst habe ich „nur“ Michaela vernachlässigt, in dem ich ihr erzählte, dass ich abends nicht wie gewohnt zu ihr kommen könne, weil ich noch zu „arbeiten“ hätte.

Als Nächstes habe ich mich an den Wochenenden nicht mehr um meinen Sohn gekümmert, sondern ihn zu meinen Eltern abgeschoben, oder ihn mit einem Film, oder einem Playstation Spiel vor dem TV beschäftigt, damit ich in Ruhe chatten, oder das Internet durchstreifen konnte.

Der letzte Schritt folgte dann ganz von alleine. Wenn ich sonst in aller Ruhe den ersten Kaffee und die erste Zigarette beim Frühstücks Fernsehen genossen habe, saß ich jetzt gleich vor dem PC und habe nachgesehen, wer schon im Chat war. Dann wurde getippt, bis die Tastatur qualmte, geblödelt, diskutiert, sicher auch so manches Mal geflirtet, auch wenn ich immer betont habe, dass ich in einer sehr glücklichen Partnerschaft lebe. Wenigstens da habe ich es geschafft, zu Michaela zu stehen, es hat nur leider nicht sehr lange angehalten. Das war übrigens bei fast allen anderen im Chat nicht anders. Alle waren gesund, glücklich, verliebt, verlobt, verheiratet, hatten die besten Kinder, die tollsten Wohnungen, die schnellsten Autos, die größten Häuser und natürlich die bestbezahltesten Jobs, sofern sie nicht gleich selbstständig und erfolgreiche Unternehmer waren. Nach und nach habe ich gemerkt, dass viele von ihnen sich ihre eigene Schweinwelt aufgebaut hatten, ich der sie so sein konnten, wie sie es sich wünschten. In der Beziehung war ich dann doch anders, weil ich mein ganzes Leben lang immer mit offenem Visier gekämpft habe. Offen, gerade heraus und (fast) immer ehrlich. Würde ich jetzt behaupten, dass ich nie gelogen habe, wäre das schon die nächste Lüge gewesen. Es gibt auf diesem Planeten keinen Menschen, der immer nur die Wahrheit sagt.

Noch 10 Minuten, dann machst du dich fertig und fährst in Kundschaft – ok, ein Kaffee und eine Zigarette geht noch, sagst du halt es war Stau auf der Autobahn, wenn du zu spät kommst – shit, der Kunde ist sicher schon nicht mehr da, oder der Mitbewerber Kollege sitzt jetzt mit ihm im Termin – ach, was solls, fährst du halt morgen zu ihm – eigentlich würde ja auch ein Anruf, oder ein Fax reichen, so wichtig ist die Edition diesen Monat nicht.

So ungefähr lief das dann jeden Morgen ab, bis ich mir schon am Abend vorher überlegt habe, wie ich meine Tour am besten verschiebe, damit ich am PC sitzenbleiben kann.

Ich habe weder an Konsequenzen, noch an meine Mitmenschen und erst recht nicht an mich selbst gedacht. Alles war unwichtig geworden, es zählte nur noch das Internet bzw. die Chatfreunde. Ich war zu einem Internet Junkie geworden, der das Rattern und Piepsen des Modems so sehr brauchte, wie den komischen Benachrichtigungston, wenn eine neue ICQ Nachricht angekommen war. Ging die Verbindung mal verloren, was in den Anfangszeiten des Internet sehr häufig der Fall war, kletterte ich unter meinen Schreibtisch, stöpselte alle Kabel ein und wieder aus oder versuchte einen Neustart, Kaltstart, Restart, was auch immer, verursachte dabei aber, um bei den Startversionen zu bleiben, auch so manchen Fehlstart und dann leuchtete nur noch in weißen Buchstaben auf blauem Grund der Satz auf:

„der schwere Ausnahmefehler ist aufgetreten“

Hätte ich diesen Satz doch nur richtig verstanden. Bill Gates wollte mir damit nämlich sicher sagen „vergiss den PC, mach ihn aus, geh zurück in dein reales Leben und kümmere dich wieder um deinen Sohn, deinen Job, dein soziales Umfeld und um deine Michaela.

Nein, uns Widdern sagt man ja nach, dass wir Sturköpfe sind und ich musste ja unbedingt beweisen, dass ich der sturste aller Sturköpfe bin.

Die Partnerschaft (ich mag das Wort „Beziehung“ nicht) mit Michaela litt natürlich unter meiner Internet- / Chatsucht und immer öfter ging sie am Wochenende alleine mit der Clique, in der auch meine Schwester mit ihrem damaligen Freund war, auf die Rolle, während ich mich immer mehr von allem und jedem zurückzog. Michaela hat gekämpft um uns, hat immer wieder versucht, mich auf den richtigen Weg zurückzubringen, mir sogar vorgeschlagen, dass ich mir ein Hobby suchen soll, dass ich nur für mich alleine habe, damit ich auf andere Gedanken komme.

Ich habe mir dieses Hobby dann auch tatsächlich gesucht bzw. eine alte Leidenschaft wiederaufleben lassen.

Am Samstag, dem 2. Mai 1998, verlor „mein“ 1.FC Köln mit 1:2 in Bielefeld und war so gut wie sicher zum ersten Mal in seiner Geschichte aus der 1. Fußball Bundesliga abgestiegen. Ich hatte an diesem Samstag meinen Sohn bis zum frühen Nachmittag bei mir und bin dann von Dünnwald aus gleich zu Michaela nach Dormagen gefahren. Auf dem Weg hatte ich im Radio die Übertragung dieses 33. Spieltag gehört und bereits da entschieden, wieder regelmäßig ins Stadion zu gehen.

Eine Woche später, der Abstieg war traurige Realität geworden, bin ich zum Geißbockheim gefahren und habe mich als FC Mitglied angemeldet.

Im Chat war ich natürlich auch noch aktiv und steigerte meine Aktivitäten sogar, in dem ich an Chattertreffen in Basel und Wernigerode teilnahm bzw. dann sogar selbst an der Ausrichtung eines CT in Köln beteiligt war. Dadurch bin ich noch tiefer in diese „Szene“ abgerutscht. Ich war jetzt auch real bekannt, Frauen, die eigentlich glücklich liiert waren, flirteten mit mir, oder suchten meine Nähe, die Männer baten mich um Rat und ich war sogar eine Zeit lang als Administrator im Gespräch. Ich kann nicht sagen, dass ich mich als Alphatier wohl gefühlt habe. Im Gegenteil, mir war es teilweise sogar unangenehm. Ich wollte aber auch niemanden vor den Kopf stoßen.

~~ wird fortgesetzt ~~

9 Kommentare zu “Depression – der Anfang – Teil 2

  1. Lieber Manni, das hört sich ganz nach knuddels an – ein chat, der wirklich Partnerschaften vernichtet; hoffe, Du bist von dem geheilt !!!

    • Manni Schmitz

      Liebe Rosi, das wird wohl in jedem Chat so sein. Oh ja, ich bin davon geheilt, ich werde in diesem Leben keinen Chatraum mehr betreten, obwohl ich zugeben muss, dass ich mal ganz kurz nachgedacht habe, als Du mir erzählt hast, dass Du bei “knuddels” bist. Liebe Grüße und vielen Dank für Deinen Kommentar 🙂

      • Lieber Manni, lass es – glaube mir – dieser Chat tut niemanden gut; er ist einfach nur zerstörend.
        Ich frage mich selbst manchmal, warum ich überhaupt noch on gehe. Ich rede mir dann ein, einfach noch Kontakt zu den wenigen “guten” Menschen zu haben – wobei ich das nicht mal weiß – da ich nur eine Chatterin persönlich kenne.
        Wünsche Dir einen sonnigen Sonntag.
        Ganz liebe Grüße
        Rosi

  2. Lieber Manni, das hört sich ganz nach knuddels an – ein chat, der wirklich Partnerschaften vernichtet; hoffe, Du bist von dem geheilt !!! LG Rosi

  3. Das macht mich gerade sehr betroffen und berührt mich sehr.

  4. Danke schön, liebe Yvonne, so ist das Leben nun mal. Ich habe (zu) viele Fehler in meinem Leben gemacht und bin dafür bestraft worden, nicht mehr und nicht weniger, als jeder andere Mensch auch. Ich wünsche Dir und Deinen Lieben einen schönen Sonntag.

  5. Karin Döring

    Hallo Manni 🙂
    Vielen Dank das du uns an dein damaliges
    und auch heutiges Leben teilhaben läßt.
    Bin immer sehr vertieft in deine Zeilen
    und freue mich auf die Fortsetzung. 🙂
    Drück Dich :-*

  6. Das hat mich jetzt auch sehr berührt, vor allem weil ich dich so gerne mag, so wie du in der Außenwelt erscheinst, lustig, lieb, tiefsinnig und intelligent… jedoch weiß ich wo du wirklich stehst und es interessiert mich sehr wie du dorthin gelangt bist… ich habe immer das Gefühl das ich dich da raus ziehen möchte weil du soooo viel schönes verdient hast…

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